EVOLUTIONÄRE SPIRITUALITÄT – WAS IST DAS?
Wenn die Evolution merkt: „Moment mal – mich gibt es!“
Tom, du sprichst von einer evolutionären, integralen Spiritualität, die in neue Bewusstseinsstrukturen vordringt. Was meinst du damit?
Man muss sich vergegenwärtigen, dass sich Spiritualität oder spirituelles Bewusstsein in zwei Dimensionen zeigt: in der absoluten und in der relativen. Das eine kann man die Erfahrung des Absoluten, die Erfahrung von Transzendenz oder Gotteserfahrung nennen.
Wie auf dem Meditationskissen sozusagen?
Oder in Gebeten oder welcher spirituellen Praxis auch immer, praktischerweise auf dem Meditationskissen. Das, was man letztendlich auch Erleuchtungserfahrung nennt. Diese Erfahrung ist zeitlos. Sie hat nichts mit Kultur, nichts mit Raum und Zeit zu tun, sie ist jenseits von Allem. Und sie ist Erfahrung von absoluter innerer Freiheit. Und dann gibt es die Erfahrung, dass sich Menschen in der Zeit entwickeln. Dass es Bewusstseinsstrukturen gibt, die man sowohl individuell als auch menschheitsgeschichtlich betrachten kann. Das menschliche Bewusstsein vor 30.000 Jahren war ein vollkommen anderes als heute in der Postmoderne. Nur langsam haben wir aus einem Naturbewusstsein heraus begonnen, uns bewusst zu werden, dass wir bewusst sind.
Dann machten wir zum ersten Mal eine Erfahrung des Absoluten in den großen Traditionen – seien es in der jüdisch-christlichen Tradition die Erfahrungen von Moses, sei es in der indischen Tradition die Brahman-Erfahrung und Buddha-Erfahrung oder sei es in der chinesischen Tradition die Erfahrungen des Tao. Daraus hat sich eine weitere Bewusstseinsform entwickelt, die sich – angefangen mit der griechischen Philosophie über die Renaissance und die Moderne mit rationalem Denken, mit Ich-Bewusstsein und Individualität – bis hin zum neuen Relativismus und Subjektivismus der Postmoderne entwickelt hat.
Bewusstseinsentwicklung ist einerseits die Erkenntnis des Transzendenten, Sakralen. Andererseits bedeutet es aber auch auf der Höhe eines postmodern tätigen Bewusstseins zu sein und nicht fundamentalistisch- regressiv zu sein. So wie wir in der Zeit, in der die großen Religionen entstanden sind, uns als Mensch die Absolutheit des Bewusstseins, der Gotteserkenntnis, Erleuchtungserkenntnis oder Ähnlichem bewusst geworden sind, so glaube ich, dass wir im Moment an einem Punkt angelangt sind, wo wir uns der Evolution bewusst werden. Konkreter gesagt, wo die Evolution sich durch uns ihrer selbst bewusst wird, wo die Evolution merkt „Moment mal: mich gibt es!“
Durch uns Menschen merken wir, dass es diesen riesigen Werdensprozess gibt: Dreizehn Milliarden Jahre alt. Diese doppelte Erkenntnis des Absoluten und des Werdens, das ist evolutionäre Spiritualität.
Nur langsam haben wir aus einem Naturbewusstsein heraus begonnen, uns bewusst zu werden, dass wir bewusst sind.
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