Einander helfen
Teilen macht die Seele reich
Dienst am Nächsten hilft nicht nur anderen, sondern auch uns selbst. Er öffnet uns für die Segnungen der Meditation, die wiederum unsere selbstlosen Neigungen stärkt und uns mit Liebe für alle erfüllt. Beides stützt sich gegenseitig und muss daher Hand in Hand entwickelt werden.
Liebe für alle entwickeln
Die erste Voraussetzung für den Dienst am Nächsten ist Liebe für alle. Denkt nichts Übles, sprecht nichts Übles, seht nichts Übles und hört nichts Übles. All das ist nur möglich, wenn ihr Liebe habt. Wenn ihr anfangt, so zu denken, werdet ihr Liebe entwickeln.
Es wird erzählt, dass der heilige Johannes einmal eine Schule besuchte, um dort einen Vortrag zu halten. Er stand auf und sagte: „Kinder, liebet einander“, und setzte sich wieder hin. Als man ihn fragte, ob er nicht etwas mehr zu sagen hätte, erhob er sich erneut, sprach: „Liebet einander“, und nahm wieder Platz. Man bat ihn abermals um ein paar Worte mehr, doch auch diesmal wiederholte er: „Liebet einander“. Und als man sich auch damit nicht zufrieden gab, fügte er hinzu: „Liebet, und alle Dinge werden euch zufallen.“
Liebe verschönt einfach alles. Wenn jemand etwas getan hat, das nicht in Ordnung ist, dann nehmt ihn beiseite und weist ihn freundlich darauf hin. Er wird sich ändern. Wenn ihr seinen Fehler aber anderen erzählt, tragen sie ihn wieder weiter, und so zieht die Geschichte immer größere Kreise und breitet sich in Windeseile aus. Und was ist das Ergebnis? Zwist und Zwietracht. Und dann nehmt nicht nur ihr selber, sondern auch andere Schaden.
„Wenn ihr euch nicht um die hungernden Götter kümmert, die hier auf Erden leben, wie könnt ihr dann Liebe für Gott empfinden? Er wohnt nicht irgendwo im Himmel – er ist überall und wohnt in jedem Herzen.“
Ein liebevoller Hinweis unter vier Augen ist der beste Weg. Sonst gräbt sich der Vorfall wie ein Dorn in euer Gemüt, schlägt darin Wurzeln und wuchert immer weiter – wie ein beißend scharfes Pfefferkorn, das viele hundert neue Pfefferkörner von gleicher Schärfe hervorbringt, wenn ihr es in die Erde legt. Wenn ihr aber guten Willens seid und gute Gedanken habt, wirkt das wie ein Mangosamen, der in die Erde gelegt wird und Hunderte von süßen Mangofrüchten hervorbringt. Es ist ein Naturgesetz, dass die Gedanken, die ihr in euch hegt, gleichartige Gedanken aus der ganzen Atmosphäre anziehen.
Das Wesen praktischer Nächstenliebe
Das ist der erste Punkt. Nach dieser Sachlage müssen wir uns richten. Doch jeder Mensch kann sich ändern – zu allererst wir selbst, und das bringt uns auch beim Meditieren voran. Durch die Gnade Gottes habt ihr bei der Initiation auf den spirituellen Pfad eine innere Anfangserfahrung erhalten. Doch irgendwo sitzt immer noch eine Schwäche, die euch daran hindert, täglich weiter fortzuschreiten. Merzt diese Fehler einen nach dem anderen aus. So kehrt schließlich Ruhe, Frieden und Freude in euch ein. Wenn ihr keine Fortschritte macht, dann schaut einmal in euch selbst hinein, nicht auf andere, sondern auf euch selbst.
Als zweites kommt der praktische Dienst am Nächsten. Wenn eure eigenen Kinder genug zu essen haben und andere Kinder in der Nachbarschaft am Verhungern sind, dann teilt mit ihnen. Teilt mit denen, die nicht genug zum Essen oder Anziehen haben oder sonstwie Mangel leiden. Wenn ihr anderen helft, wird natürlich auch euch geholfen werden. Helft aber selbstlos, ohne den Gedanken, ob ihr etwas zurückbekommt oder nicht. Gebt einfach dem Gott in ihnen.
Und seht zu, dass ihr materiell erst auf eigenen Füßen steht und finanziell keinem zur Last fallt – dann teilt mit anderen. Wartet auch nicht, bis euch jemand mit der Nase darauf stößt, dass dieser oder jener Mensch euch braucht. Wenn ihr es merkt, geht einfach hin und greift ihm unter die Arme.
Auf diese Weise dehnt sich euer Selbst immer weiter aus: zuerst von euch selbst auf eure Familie, dann von eurer Familie auf eure soziale Schicht, von dort auf eure Religionsgemeinschaft, und dann weiter auf euer Land. Doch es ist auch eine Gefahr dabei. Wenn die ganze Liebe eines Menschen nur seiner eigenen Familie gilt, kämpft jeder bald nur noch für seine Sippe, die eine gegen die andere, und sein Selbst erstarrt, genau wie das der anderen auf der Gegenseite. Das Gleiche gilt für die ausschließliche Liebe zur eigenen Schicht, Religionsgemeinschaft oder Nation. Darum sollte sich unsere Liebe um Gottes willen auf alle Menschen ausdehnen, nach dem Grundsatz: „Friede sei auf der ganzen Welt.“ Das ist das Wesen des selbstlosen Dienens: er weitet unser Selbst.
Geben hilft beiden Seiten
Jeder sollte lernen, anderen zu helfen, mit ihnen zu teilen. Wenn es nicht so gehalten wird – wo ist dann der Unterschied zwischen Mensch und Tier? Auch Tiere sorgen für ihre Jungen und kratzen jedem die Augen aus, der sie anrührt. Wenn ihr genauso handelt – wo bleibt dann eure Überlegenheit als Mensch? Der Vorrang des Menschen liegt darin, dass er sich selbst und anderen hilft, nicht nur seinesgleichen, sondern auch allen anderen Geschöpfen. Dehnt euer Selbst von Tag zu Tag weiter aus. Meditieren und selbstloses Dienen muss Hand in Hand entwickelt werden. Erst wenn ihr lernt, für andere zu leben, werdet ihr zu wahren Menschen. Und je mehr ihr um Gottes willen geben könnt, desto besser kommt ihr auch spirituell voran. Wenn ihr euch nicht um die hungernden Götter kümmert, die hier auf Erden leben, wie könnt ihr dann Liebe für Gott empfinden? Er wohnt nicht irgendwo im Himmel – er ist überall und wohnt in jedem Herzen.
Ein Gottliebender bat Gott immer wieder: „Wann kommst Du endlich in mein Haus?“ – „Also gut“, versprach Gott eines Tages, „ich komme noch heute – halte dich bereit!“ Der Mann stürzte sich sofort in die Arbeit: er pflanzte Blumen, putzte sein Haus, bis alles sauber und schön aussah. Dann setzte er sich draußen vor der Tür und wartete. Die Zeit verrann, es wurde Abend, aber niemand kam – kein Gott weit und breit... Wahrscheinlich dachte der Mann, er käme mit großem Pomp und Gepränge. Schließlich kam ein alter Mann die Straße entlang und bat ihn: „Lieber Freund, ich bin so hungrig. Gibst du mir einen Laib Brot?“ Doch der Mann ließ ihn einfach stehen. Als er wie immer sein Nachtgebet sprach, fragte er Gott: „Du hast doch versprochen, mich heute zu besuchen. Warum bist du nicht gekommen?“ – „Ich bin sehr wohl gekommen“, gab Gott zurück, „doch du hast dich nicht um mich gekümmert. Ich war in Gestalt des alten Mannes bei dir.“
Selbstlos werden
Gott wohnt in allen Menschen. Wenn wir uns bis zu dieser Erkenntnis entwickelt haben, dann dienen wir allen und kommen auch dem Gott in uns immer näher. Lord Krishna sagte einmal: „Welcher Schüler ist mir wohl der liebste? Der mich in allen sieht und alle in mir.“ Das sagen alle Meister, und das ist mit selbstlosem Dienen gemeint. Zusammen mit der Selbstprüfung – dem Ausmerzen aller Unvollkommenheiten – bringt es euch auf dem spirituellen Pfad mit Riesenschritten voran.
Es tut nichts zur Sache, ob andere euch dabei sehen oder nicht – Gott sieht euch auf jeden Fall. Und wenn ihr dabei nicht an irgendeine Belohnung oder Entschädigung denkt, wird er es euch vergelten: Euer Selbst dehnt sich aus und ihr empfindet eine Art Freude. Diesen Ausgleich bekommt ihr irgendwann zu spüren. Doch im Kern bedeutet selbstloser Dienst, keine Belohnung zu verlangen.
Und wie wird man selbstlos? Indem man sich immer mehr mit dem inneren Licht und Klang (vgl. „Mehr zum Thema“) vereint. Dazu muss die innere Verbindung, die man bei der Einweihung auf den spirituellen Pfad erhalten hat, von Tag zu Tag weiter entwickelt werden. Wer sie kontinuierlich entfaltet, wird schließlich zum bewussten Mitarbeiter am göttlichen Plan. Dann sieht er, dass nicht er der Handelnde ist, sondern Gott.
Durch die inneren Offenbarungen werden nicht nur alle karmischen Eindrücke gelöscht, die unser gegenwärtiges Leben bestimmen; auch alle übrigen Taten, die wir gesät und noch nicht geerntet haben, können dann keine Früchte mehr tragen. Sie sind wie Samenkörner, die einmal im Ofen geröstet wurden und anschließend nicht mehr aufgehen können, wenn man sie in die Erde legt. Und wenn keine karmischen Handlungen mehr übrig sind, die zu weiteren Inkarnationen führen könnten, kehren wir als erlöste Seelen nach dem Tod für immer in unsere Heimat zurück.

