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Reinhold von Walter
Die Russische Mystik - Ausgewählte Texte
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Erfolgreich beten

Erfolgreich beten

Wirksam um die richtigen Dinge bitten

„In der Bibel steht: Bittet, so wird euch gegeben... (Mt 7,7-8). Unsere Erfahrung sieht allerdings so aus, dass die meisten unse rer Gebete anscheinend erfolglos bleiben. Wir sollten deshalb kritisch über die Frage nachdenken, warum das so ist.“

Das Geheimnis des Erfolgs

Das Gebet ist das Salz des Lebens, ohne das wir nicht aus kommen können. Es ist der Natur des Menschen eingepflanzt, dass er um die Erfüllung seiner Wünsche betet, welcher Art sie auch sein mögen. Doch sehr oft kommt es vor, dass wir nicht wissen, wie wir beten sollen, um unser Gebet zu einer großen dynami schen Kraft zu machen, die an die Barmherzigkeit des Himmels rührt.

Das Geheimnis eines erfolgreichen Gebetes liegt nicht so sehr in den Worten, die man gebraucht oder in der Zeit, die man dafür aufwendet, auch nicht in der Anstrengung, die man hinein legt, sondern vielmehr in der konzentrierten Aufmerksamkeit, die man zum Sitz der Seele (am Dritten Auge) lenkt, um das Gebet seelenvoll zu machen. Die natürlichste Form eines erfolgreichen Gebets besteht darin, das Verlangen der Seele spontan mit der „Zunge der Gedanken“ auszudrücken – ohne gesprochene oder gedanklich zurecht gelegte Worte. Ein solches Gebet erzeugt und weckt eine solche Fülle geistiger Energie, dass dadurch alle kosmischen Kräfte angezogen werden und zusammen wirken, um die Dinge bestmöglich gestalten.

Aufmerksamkeit am Sitz der Seele konzentriert, rührt er an die Barmherzigkeit Gottes, die ihn dann mit Kraft und Stärke erfüllt, wie er sie nie zuvor erfahren hat. Dies befähigt ihn, aus allen Arten von Schwierigkeiten einen Ausweg zu finden. Ein konzentrierter Wille wirkt Wunder. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, lautet ein Sprichwort. Gebet ist nichts anderes als konzentrierter Wille, der auf seinen Ursprung, die große Kraftquelle zurückgreift, in der alle Möglichkeiten beschlossen liegen – physisch, mental und spirituell –, so dass man diejenige herausgreifen kann, die man gerade braucht.

“Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“

Gebet und eigene Bemühungen gehen dabei jedoch Hand in Hand. Worum beten wir zu Gott? Um Erfolg in unseren Bestrebungen. Wenn wir etwas wollen, müssen wir uns bemühen, es zu erlangen, und gleichzeitig Gott bitten, dass er es uns gewäh rt. Das Gebet ist die letzte und sichere Waffe, die uns zu Hilfe kommt. Wo alle menschlichen Anstrengungen fehl schlagen, bringt das Gebet Erfolg.

Genau wie ein Vogel nicht mit einem Flügel fliegen kann, so müssen auch Bemühung und Gebet zusammenwirken, wenn wir in all unseren Unternehmungen Erfolg haben wollen. Eines allein kann nichts ausrichten. Solange wir nicht völlig vergöttlicht sind, oder mit anderen Worten, solange wir noch nicht zu bewuss - ten Mitarbeitern dieser Höchsten Macht geworden sind und ihren Willen verstehen, können wir ohne eigene Anstrengung nichts er - reichen. Bis dahin gilt der Grundsatz: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“

Beten ohne Eigenleistung trägt selten Frucht. Neh men wir das Beispiel eines Jungen, der im Begriff ist, zu spät zur Schule zu kommen. Wenn er sich, statt die Beine in die Hand zu nehmen, am Wegesrand hinsetzt und betet: „Lieber Gott, mach, dass ich nicht zu spät komme!“, läuft ihm die Zeit vollends davon. Will er Zeit gewinnen, muss er gleichzeitig lau fen und beten. Dann ist es immerhin möglich, dass sein Lehrer ihm sein Versäumnis nachsieht, weil er sich wenigstens angestrengt hat, rechtzeitig zu erscheinen.

Wenn man das große Verlangen hat, ein bestimmtes Ziel zu erreichen und mit vollem Einsatz dafür arbeitet, so ist dies die rechte Art des Gebets im wahr sten Sinne des Wortes.

Entscheidend ist, dass man in aller Aufrichtig keit betet, denn das echte Streben nach einer Sache – mit Herz und Seele – ist tatsächlich das größte Gebet und trägt bestimmt Frucht. Darum sollten wir in allen Prüfungen und Nöten versuchen, uns von dieser Last zu befreien, und Gott bitten, uns in unseren Bemühungen zu unterstützten. Diese Einstellung ist die einzig richtige.

Ein Segen für alle Gelegenheiten

Und wenn unsere Bemühungen trotzdem versagen? Dann sollten wir das Ergebnis hinnehmen und darauf vertrauen, dass Gott es so gewollt hat, weil es so zu unserem Besten ist.

Selbst wenn das Gebet anscheinend nicht ausreicht, um ein Unglück abzuwenden, so hat es doch die Kraft, diesem den Stachel und die Härte zu nehmen.

Das Gebet besitzt große dynamische Kraft. Tatsächlich ist es ein Heilmittel gegen alle Leiden: es hilft bei Krankheit und Schmerz, gegen unsere eigenen negativen Gedanken und Gefühle, und in Situationen, über die wir keine Kontrolle haben. Dann glättet es die Wogen unseres Gemüts, schenkt uns inneren Frieden und erfüllt uns mit Mut und Seelenstärke.

Gewöhnlich beten wir allerdings nur, wenn wir in Not und Bedrängnis sind. Doch sobald wir ihr entronnen sind, glauben wir, dass wir uns durch unsere eigenen Anstrengungen daraus befreit haben, und halten es nicht mehr für nötig, damit weiter zu machen. Dabei ist im Fall des Falles das Gebet bei jedem Schritt vonnöten:

  • Wenn ihr in Schwierigkeiten seid, dann betet, davon befreit zu werden.
  • Wenn der Erfolg in Sichtweite ist, dann betet, dass ihr nicht stolz und eingebildet werdet.
  • Wenn eure Wünsche erfüllt oder eure Schwierigkeiten vorbei sind, dann dankt dem Allmächtigen für Seine Gunst.
  • Und bevor ihr ihn das nächste Mal um eine Wohltat bittet, vergesst nicht, ihm zuerst für all das zu danken, was er ohne eure Bitten schon für euch getan hat.
Wenn Gebete unerhört bleiben

Ein Gebet ist nie umsonst und wird immer gehört. Aber wie und auf welche Weise es erhört wird, hängt immer von Gottes Willen ab.

Im Matthäus-Evangelium finden wir: „Bittet, so wird euch gegeben... Denn wer da bittet, der empfängt“ (Mt 7,7-8). Unsere tatsächliche Erfahrung sieht jedoch so aus, dass auf die meisten unse rer Gebete keine Antwort erfolgt. Wir sollten deshalb kritisch über die Frage nachdenken, warum nicht alle Gebete erhört werden.

Nach dem Grund dafür brau chen wir nicht lange zu suchen. Wir haben noch nicht erfahren, dass Gottes Willen immer und ausschließlich zu unse rem Besten wirkt. Wir blicken nicht über den eigenen Tellerrand hinaus und wissen weder, was für uns gut ist, noch ob das, was wie uns wünschen, überhaupt in die Kosmische Ordnung passt. Darum beten wir oftmals um Dinge, die uns auf die Dauer mehr schaden als nutzen würden oder uns doch nur Ärger und Verdruss bereiten würden. Dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn solche Gebete nicht zum Ziel führen.

Für Gott sind unsere Vergangenheit und Zukunft wie ein offenes Buch. Niemals würde er Gebete erhören, die letzten Endes schädlich für uns sind. Ein persischer Dichter sagt: „Man sollte Gott nur um solche Gaben bitten, die er für sinnvoll hält.“ Und im Koran heißt es: „Die Menschen sollten nur um das bitten, was in dieser und der nächsten Welt von Nutzen ist.“

So wie zum Fliegen zwei Flügel gehören, müssen Gebet und Bemühung zusammenwirken, um zum Erfolg zu führen. Keines reicht ohne das andere aus.

Ein Gleichnis

Ein orientalischer König trug sich einmal mit der Absicht, ins Ausland zu reisen. Er erkundigte sich bei seinen Königinnen, welche Geschenke er ihnen mitbringen sollte. Die erste bat ihn um kostbare Juwelen, die zweite um prachtvolle Kleider, die dritte um Mittel für ihre Schönheit und die nächste um seltene Leckereien usf. Nur die jüngste, die den König am meisten liebte, bat ihn: „Komm bald wieder, damit ich nicht so lange ohne dich sein muss!“

Nach seiner Rückkehr ließ der König seinen Gemahlinnen ihre Geschenke schicken. Er selbst jedoch begab sich zum Palast der jüngsten und war überglücklich darüber, dass es jemanden gab, der ihn mehr als alle seine Reichtümer liebte. Die Königin dankte Gott für das gute Schicksal, wieder mit ihrem Gemahl vereint zu sein: „Mehr brauche ich nicht zu meinem Glück!“ Die anderen Königinnen aber waren trotz ihrer Geschenke bald wieder unzufrieden und litten darunter, beim König keine Beachtung mehr zu finden.

Genauso bitten wir in unserer Kurzsichtigkeit Gott um nutzlosen Tand statt um ihn selbst und seine erlösende Gnade und leiden wie die Königinnen in dem Gleichnis weiter unter dem Schmerz, von ihm getrennt zu sein. Wenn wir uns darum bemühen würden, ihn selbst zu gewinnen, würden uns all seine Gaben „von selbst zuteil“ (vgl. Mt 6,33).

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