Erstens Mut und zweitens Klarheit
Die spirituelle Herausforderung in Zeiten der Globalisierung
Möchte ich wissen, wie es um den spirituellen Zustand der Menschheit bestellt ist, muss ich mich nur in der Nachbarschaft umsehen. Da ist zunächst Rolf. Er lebt brav in der Tradition, geht mehrfach pro Jahr zur Kirche und freut sich auf die Konfirmation seiner Tochter. Religiöse Dinge scheinen ihm keine schlaflosen Nächte zu bereiten, allenfalls kommt ihm gelegentlich die Frage in den Sinn, was man sich für den Gegenwert der Kirchensteuer sonst im Leben leisten könnte. Neben Rolf wohnt Birgit. Sie kann mit den überlieferten religiösen Formen nichts mehr anfangen und hat sich ihre eigene spirituelle Welt gezimmert. Hildegard von Bingen hat darin ebenso ihren Platz wie der Dalai Lama, die abendliche Yoga-Übung ebenso wie der Blick aufs Horoskop in der Morgen-Zeitung. Murad, der in der Wohnung über ihr wohnt, ist da weniger flexibel. Er hat eine Sehnsucht nach festen religiösen Normen. Zwar fällt es ihm nicht leicht, die Gebote des Islam in jeder Hinsicht zu beachten; die Tage, an denen er alle fünf Gebete geleistet hat, liegen weit zurück, und es waren nur wenige. Immerhin fastet er im Ramadan und sieht mit einiger Sorge, wie der religiöse Sinn in seiner türkisch-stämmigen Umgebung am Schwinden ist. Und dann ist da noch Stefan, der für das alles nur ein Achselzucken übrig hat.
Wir brauchen, auch und gerade in Zeiten der Globalisierung, Räume der Besinnung, Räume, in denen die tieferen Fragen atmen können.
Das ist meine spirituelle Nachbarschaft. Ich kann mich nicht beklagen. Es sind sympathische, hilfsbereite Menschen. Ihre geistige Orientierung hingegen kann ...
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