Ethik als Erfolgsrezept: DIE GOLDENE REGEL
Zehn praktische Grundsätze, mit denen wir besser, erfolgreicher und erfüllter leben können
Auch die modernen Lebenshilfe-, Erziehungs-, Partnerschafts-, Karriere- und Selbstmanagement- Ratgeber, so unterschiedlich ihre Themen und Methoden erscheinen mögen, lassen sich auf ein und dasselbe Erfolgsprinzip reduzieren. Wir können in allen Bereichen unseres Lebens Erfolg und Erfüllung finden, indem wir uns nach dieser einen grundlegenden, allgemeingültigen Regel richten. Es ist die Goldene Regel, die da lautet: „Behandle andere so, wie du selbst von ihnen behandelt werden willst.“
Diese Regel mag einfach erscheinen, aber sie ist in der Reichweite ihrer psychospirituellen Auswirkungen keineswegs zu unterschätzen. Denn sie setzt wahrlich unermessliche positive Energien in uns selbst wie bei unseren Mitmenschen frei, sie spricht unser Potenzial an Stärke und Güte an und fordert uns heraus, über uns selbst mit unseren kleinlichen selbstbezogenen Interessen hinauszuwachsen. Kurzum, die Goldene Regel ist auf Dauer ein Sprungbrett zu persönlichem Wachstum, Wohlstand, Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung.
Rückkehr zur Menschlichkeit
Indem wir die Goldene Regel zum Leitfaden für unser Handeln machen, entwickeln wir gleichzeitig bestimmte Eigenschaften: Einfühlung in die Bedürfnisse und Gefühle anderer Menschen wie in die eigenen, Respekt und Liebe für andere wie sich selbst, Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein und moralische Standhaftigkeit, Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit, sowie die Bereitschaft, bei allen Unternehmungen sein Bestes zu geben. Und je stärker wir diese Eigenschaften entfalten, desto befriedigender und erfüllender werden die Beziehungen zu unseren Mitmenschen – ob es sich um den Partner, die Familie, die Vorgesetzten, Kollegen oder um Geschäftskunden handelt. Wärme und Menschlichkeit tun einfach allen gut.
Harmonische zwischenmenschliche Beziehungen sind ein Kennzeichen, ja die tragende Grundlage von wahrem Erfolg – selbst im Geschäftsleben kommt man mit ihnen weiter. Viele Geschäftsleute und Manager befürchten, auf der Strecke zu bleiben, wenn sie nicht stets und mit allen Mitteln auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Langfristig zahlen sich aber Anstand und Fairness im Umgang mit Kunden und Mitbewerbern auf dem Markt aus, auch wenn dies bedeutet, kurzfristig auf das eine oder andere Geschäft zu verzichten. Durch sie gewinnt man nicht nur die Anerkennung, Zuwendung und Unterstützung durch andere, sondern sie tragen dazu bei, dass man sich selbst mit einem Gefühl von Respekt und Zufriedenheit im Spiegel anschauen kann.
Für Patrick Jordan, den international bekannten Designer und Marketingberater, sind Menschlichkeit und ethisches Verhalten, wie es die Goldene Regel verlangt, nicht etwa Hindernis, sondern Voraussetzung für den wirtschaftlichen und privaten Erfolg. Er machte sich in den 90er Jahren einen Namen mit dem Design von Gebrauchsgegenständen und Möbeln, die nicht nur funktional durchdacht und sinnvoll waren, sondern auch wohltuend und harmonisierend auf den Benutzer wirkten. Auch als gefragter Manager und Vorstand verschiedener Firmen in Europa und den USA bewährte er sich mit seinem Führungsstil der Anständigkeit und Solidarität.
„Wir neigen dazu, Erfolg eher nach der Höhe unseres Gehalts oder nach der Größe unseres Autos zu bestimmen als nach dem Grad unserer Hilfsbereitschaft und dem Maß unserer Menschlichkeit.“ (Martin Luther King)
„Wenn wir den Bedürfnissen anderer in unseren Gedanken und Taten Priorität einräumen, werden wir reich belohnt und können ein glückliches, erfülltes Leben führen“, schreibt Jordan in seinem neuesten Buch „Erfolg durch Menschlichkeit“ (Ariston). In dem schmalen, aber bemerkenswerten Bändchen stellt der Brite zehn Grundsätze für ein harmonisches Miteinander vor, mit denen die zeiterprobte Goldene Regel in ihren verschiedenen Aspekten eingeübt und umgesetzt wird:
1. Begegnen Sie anderen mit Wärme.
Jeder Mensch möchte geliebt und respektiert werden – Sie ebenso wie der Fremde oder ich. Wenn wir warmherzig und liebevoll auf andere zugehen, zeigen wir nicht nur, dass wir sie und ihre Bedürfnisse wahrnehmen, sondern wir tragen mit dieser Ermutigung und Stärkung zu ihrem Wohlbefinden bei. Wenn wir uns liebevoll für andere interessieren und an ihrem Leben teilnehmen, in guten wie in schlechten Zeiten, zeigen wir ihnen, dass wir sie schätzen und respektieren. Herzenswärme ist für den Aufbau tiefer Beziehungen unerlässlich. Und für Kinder ist diese menschliche Wärme geradezu lebenswichtig: Positive, mitfühlende Rückmeldungen helfen ihnen, sich selbst und ihre Stärken zu sehen und ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen.
2. Helfen Sie anderen.
Jeder Mensch ist irgendwann einmal auf die Hilfe anderer angewiesen. Wenn wir anderen helfen, machen wir sinnvollen Gebrauch von unseren Fähigkeiten und Ressourcen. Selbst kleine Gesten können für andere sehr viel bedeuten. Sie werden uns anders betrachten, und außerdem fühlen wir uns selbst dank der menschlichen Solidarität einfach besser. Private und berufliche Beziehungen werden mit Hilfsbereitschaft erfolgreicher. Denn nicht zuletzt wirkt hier das Prinzip der Gegenseitigkeit: Helfen wir anderen, so werden sie uns ihre Hilfe nicht ausschlagen, wenn wir sie brauchen.
3. Seien Sie freundlich zu anderen.
Wenn Menschen zu uns freundlich sind, fühlen wir uns gut, und umgekehrt auch: Wir teilen auf diese Weise mit, dass wir den anderen so akzeptieren, wie er ist. Freundlichkeit trägt zum Wohlgefühl aller bei. Freundlichkeit verbindet, bringt die Menschen einander näher. Im Beruf, vor allem im Umgang mit Kunden und im Dienstleistungssektor, sind Freundlichkeit und Aufmerksamkeit ein wichtiger Erfolgsfaktor: Sie machen einen nachhaltigen positiven Eindruck, und der Kunde kommt gerne wieder. Außerdem sind Menschen, die freundlich auf andere zugehen, nicht so leicht einsam – das Kennenlernen und die Pflege von Freundschaften bei gemeinsamen Aktivitäten fallen nicht schwer.
4. Nehmen Sie Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer.
Jeder hat seine ganz besonderen, individuellen Bedürfnisse, und deshalb können Sie nicht davon ausgehen, dass alle dasselbe mögen wie Sie. Um der Goldenen Regel nachzukommen und die jeweiligen Bedürfnisse der Mitmenschen zu beachten, ist es notwendig, dass wir uns in sie hineinversetzen. Erst durch solche Einfühlung (Empathie) können wir ihre Interessen erkennen und nachvollziehen – die wichtigste Voraussetzung für angemessenes Verhalten in allen beruflichen und privaten Situationen.
Nicht nur im Umgang mit Geschäftskunden, sondern auch im Gespräch mit Familie und Freunden ist die Wahrnehmung der aktuellen Bedürfnisse des anderen wichtig: Nicht immer ist ein guter Rat oder die Lösung eines Problems angebracht; in manchen Situationen braucht der andere eigentlich Zuwendung, emotionale Unterstützung und Verständnis, und da helfen wir am besten, indem wir mitfühlend zuhören.
5. Behandeln Sie andere Menschen mit Respekt.
Respekt ist ein menschliches Grundbedürfnis ebenso wie Essen und Unterkunft. Wir alle wollen mit unseren Ansichten, Wünschen und Bedürfnissen ernst genommen werden. Indem wir uns für andere und ihre Leistungen interessieren und sie mit Respekt behandeln, erkennen wir ihre Würde als Menschen an. Dieser Grundsatz bedeutet auch, dass wir unserem Gegenüber zuhören und seine Argumente in Erwägung ziehen, auch wenn wir nicht mit seiner Meinung oder Lebensweise einverstanden sind. Respektlosigkeit in der Familie, zwischen Ehepartnern oder zwischen Eltern und Kindern ist ein häufiger Grund für Streitereien und chronische Konflikte.
6. Verhalten Sie sich fair zu anderen.
Vorurteile, Diskriminierung und ungerechte Bevorzugung schaffen Spannungen und Hass zwischen unterschiedlichen Gruppierungen und dürfen, wenn wir eine harmonische Familien- oder Betriebsatmosphäre aufrechterhalten wollen, nicht geduldet werden. Fairness heißt, bei allen, mit denen wir in Kontakt stehen, die gleichen Maßstäbe und Regeln anzuwenden – ob in der Firma oder in der Familie. Und: Glaubwürdig sind wir nur dann, wenn wir dieselben Maßstäbe an uns selbst anlegen. Scheinheiligkeit und Doppelmoral untergraben den Zusammenhalt und die Einsatzbereitschaft in jeder Gruppe, ob beruflich oder privat. Aber wenn wir uns fair und geradlinig verhalten, können die Menschen Vertrauen zu uns fassen und Respekt für uns empfinden.
7. Seien Sie aufrichtig im Umgang mit anderen.
Aufrichtig zu handeln bedeutet, ehrlich und zuverlässig zu sein. Indem wir die Wahrheit sagen (die ganze Wahrheit, und nicht bloß die halbe) und indem wir unsere Versprechen einhalten, ermöglichen wir es unseren Mitmenschen, sich bei uns sicher zu fühlen – sie wissen, woran sie bei uns sind und dass sie sich auf uns verlassen können. Deshalb gilt: Ob zuhause oder am Arbeitsplatz, wir sollten nur dann Versprechen geben und Verpflichtungen eingehen, wenn wir auch wirklich bereit und imstande sind, sie einzulösen. Zur Aufrichtigkeit gehört auch Konsequenz. Wenn wir nicht durchgehend ehrlich sind, nicht durchgehend unser Wort halten, wird man uns als grundsätzlich nicht vertrauenswürdig ansehen.
8. Wirken Sie positiv im Leben anderer.
Mit Optimismus haben wir es nicht nur selbst im Leben leichter, sondern wir ermutigen und motivieren dank unserer positiven Haltung und Weltanschauung auch unsere Umgebung. Statt bei jeder Herausforderung nur ein Problem zu sehen und kraftlos davor zu resignieren, räumen Optimisten mit Begeisterung und positiver Energie Hindernisse eins nach dem anderen aus dem Weg. Positive Menschen setzen zudem die Kräfte anderer frei und kurbeln ihre Leistungsbereitschaft an, um das Beste aus jeder noch so verfahrenen Situation zu machen. Die beeindruckenden Biografien von erfolgreichen Behinderten und ehemaligen KZ-Insassen belegen, wie eine bejahende Haltung gegenüber einem harten Schicksal den Menschen beflügeln kann, um über sich selbst hinauszuwachsen und Großartiges zum Wohl anderer beizutragen.
9. Erkennen Sie die Leistung anderer an.
Kaum etwas wirkt so stark motivierend wie Dank, Lob und Anerkennung für eine gute Leistung. Aufrichtiges Lob unterstützt und verstärkt das positive Verhalten anderer, nährt die freundliche Beziehung und schafft eine angenehme Atmosphäre zuhause wie im Betrieb. Zu häufig konzentrieren wir uns kritisch auf das, was unsere Mitarbeiter oder Partner falsch machen; aber wir erreichen gute Leistungen bei anderen nicht durch Kritik, sondern durch lobende Feststellung, dass sie etwas gut gemacht haben. Kritik beschädigt das Selbstvertrauen (vor allem bei Kindern) und löst Ablehnung aus. Lob und Dank für das Gute, das andere tun, sollten daher ein fester Bestandteil unserer Beziehungen sein.
10. Vergeben Sie Ihren Mitmenschen.
Vergebung ist vielleicht die größte Herausforderung, die die Goldene Regel mit sich bringt. Wie oft kommt es vor, dass wir uns von anderen schlecht oder ungerecht behandelt fühlen. Ob man uns mit Absicht oder schlicht aus Gedankenlosigkeit Ärger verursacht hat, ist weniger wichtig, als dass wir zwischen dem Menschen und seiner Tat unterscheiden: Mag die Tat noch so verwerflich sein, der Mensch ist aus Prinzip unserer Liebe würdig. Wenn wir Wut, Groll oder Rachegelüste festhalten, um die Verletzung oder Demütigung früher oder später heimzuzahlen, werden wir selbst nur bitter, überheblich und selbstgerecht. Zugegeben, Vergeben und Versöhnen können wirklich schwer sein, aber ihre befreiende und ermächtigende Kraft erfüllt uns mit mehr Freude und Zufriedenheit, als wir je durch eine Racheaktion gewinnen könnten. Durch Vergebung öffnen wir uns wieder füreinander und können erneut in Beziehung zueinander treten.
Erscheint die Goldene Regel zunächst einfach, so zeigen diese zehn Grundsätze, dass es nicht immer leicht sein wird, sich daran zu halten. Vor allem nicht am Anfang, wenn wir unser Versagen feststellen und am Wert der Übung zu zweifeln beginnen. In der Tat bedarf es einer grundlegenden Transformation des Bewusstseins, einer Aufhebung von spiritueller Blindheit und Egoismus, um wahrhaftig im Einklang mit der Goldenen Regel zu leben. Und diese Transformation kann nur durch eine authentische spirituelle Praxis wie z.B. Meditation, Zen oder mystische Kontemplation in Verbindung mit dem Bemühen um einen ethischen Lebensstil erreicht werden.
Wahre Menschlichkeit ist das Ziel, ein hohes Ziel, und sie wird nicht an einem Tag erreicht. Dafür haben wir aber ein ganzes Leben lang Tag für Tag Zeit und Gelegenheit. Machen wir schon heute das Beste daraus.

