Für wen halte ich mich? Und wer bin ich wirklich?

Für wen halte ich mich? Und wer bin ich wirklich?

Von der Identifikation zur Identität – Befreiung vom Selbstbild durch Potentialorientierte Selbsterfahrung

Unsere Vorstellungen davon, wer wir sind und wie die Welt ist, werden in der Kindheit geprägt. Der Volksmund weiß um die frühe Prägung, wenn er sagt: “Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.” Doch dieser Satz ist nur noch bedingt gültig. Die Hirnforschung bestätigt die klinische Erfahrung, dass Menschen bis ins hohe Alter nicht nur kognitiv, sondern auch in Lebenseinstellung und Verhalten um- und dazulernen können. Der Arzt und Psychotherapeut Wolf Büntig erklärt anhand der Potenzialorientierten Selbsterfahrung die Bedingungen, unter denen solches Lernen möglich ist.

John Bowlby integrierte psychoanalytische Erfahrung mit den Ergebnissen der Verhaltensforschung über die frühe Mutter-Kind-Beziehung zur so genannten Bindungstheorie. Die besagt – sehr vereinfacht dargestellt – Folgendes:

  • wie wir Beziehung gestalten;
  • wie zuversichtlich und wie rhythmisch wir leben;
  • wie viel Spieltrieb wir uns erhalten und ob wir Humor entfalten;
  • wie wir mit Stress umgehen;
  • wie viel Resistenz gegen Krankheit und wie viel Resilienz (Erholungsvermögen) bei Krankheit wir entwickeln;
  • ob wir ein kohärentes Selbstbild entwickeln (d.h. ob wir uns im Urlaub genauso benehmen wie zu Hause, ob wir mit Ehepartner und Kindern ebenso achtsam umgehen wie mit Gästen usw.) und ob wir Wertvorstellungen entwickeln, die über die gängige Moral hinausgehen.

Das heißt, unsere gesamte Lebenskunst entwickelt sich in Abhängigkeit von der Qualität der Beziehung zur primären Bezugsperson (in der Regel der Mutter) in den ersten zwei Lebensjahren.

All diese Funktionen sind Ausdruck der Affektkontrolle, d.h. der dosierten Hemmung der aus den älteren und tieferen Hirnschichten kommenden Impulse zur Aggression (Hinbewegung, Wegbewegung, Angriff und Flucht) durch die rechte Hemisphäre der Großhirnrinde.

Die optimale Mutter ist verlässlich präsent und zur innigen Beziehung fähig und bereit. Sie kann Kontaktverlangen beantworten und Kontakt anbieten, erträgt den Abbruch von Kontakt durch das Kind und ist in der Lage, ihn auch wieder aufzunehmen. Sie liebt das Kind so, wie es ist, und ist unabhängig von dessen Zuwendungen.

„Der entscheidende Augenblick der menschlichen Entwicklung ist immerwährend.“

Das Kleinkind, das seine Erfahrung von sich selbst unterdrückt

Moderne Hirnforschung bestätigt die tiefenpsychologischen Konzepte vom Unbewussten weitgehend. Mit Hilfe des bildgebenden Verfahrens Magnetresonanztomografie (MRI) konnte gezeigt werden, dass die für die Affektkontrolle zuständige rechte Hemisphäre der Großhirnrinde zwischen der Schwangerschaftsmitte und dem 18. Lebensmonat einen Wachstumsspurt durchmacht und bis zum zweiten Lebensjahr zu 80% ausgereift ist. Das bedeutet, dass wir so gut wie alle Lebenskunst, mit der wir unseren Alltag bewältigen und erleben, in einer Zeit erworben haben, in der wir noch nicht denken und sprechen konnten. Das beschleunigte Wachstum der linken Hemisphäre, in der die Zentren für Symbolisierung, Begriffsbildung und Sprache angelegt sind, setzt etwa eineinhalb Jahre später ein, wenn wir unsere Erfahrungen der frühen Zeit zu Bildern von uns selbst und der Welt verdichten.

Ein Kleinkind kann mit der Diskrepanz zwischen seiner eigenen Erfahrung und den Bildern der Eltern genauso wenig leben wie ein Schielkind mit seinen Doppelbildern: So wie dieses, um andauernde Verwirrung zu vermeiden, eines der beiden Bilder unterdrücken muss und damit die Verkümmerung der Sehnerven des einen Auges verursacht, so kann jenes Potenziale, die von der Umwelt nicht gespiegelt werden, nicht erkennen und entfalten. Das Kind, das immer wieder hört, es sei ungeschickt, wird entmutigt, etwas Neues zu probieren, und wer oft genug gesagt bekommen hat, er sei böse, hat es schwer, seine ihm (wie jedem anderen Kind) eingeborene Güte wahrzunehmen und zu verwirklichen.

Kürzlich berichtete ein Mann in einer Gruppe, er sei als Kind vom Vater schlimm geschlagen worden, und meinte, er habe das auch verdient, obwohl ein Kind zu schlagen seinem Ideal von angemessenem Umgang mit Kindern widersprach: Als ich ihn fragte, ob er einen Sohn habe und diesen schlüge, antwortete er entschieden, das käme nicht in Frage.

Identität und drei Formen der Identifikation

Von Identität sprechen wir, wenn Sein und Erleben sich decken, wenn die Person „Ich“ sagt zu der, die sie von Moment zu Moment anwesend erfährt.

Sie selbst können sich und andere, so wie Sie/sie sind, nur in diesem Moment erleben – und das auch nur, wenn Sie und die anderen nicht nur bei Verstand, sondern auch bei Sinnen sind. Was Sie und die anderen darüber hinaus über Sie zu wissen glauben, ist Identifikation: Geboren am So-und-so-vielten und in Dort-und-dort, Sohn oder Tochter von dieser und von jenem, Bruder oder Schwester, Vater oder Mutter, Inhaber, Besitzerin, Schüler, Gründer, Leiterin von diesem und von jenem – alles Identifikation mit Bildern aus der Vergangenheit.

Das Wort Identifikation leitet sich ab vom lateinischen idem facere, was im Deutschen „das Gleiche tun“ oder aber „zum Gleichen machen“ bedeutet. Wir können dreierlei Bedeutung des Wortes Identifikation unterscheiden.

Da ist zum einen der Prozess, in dem wir uns etwas zu eigen machen, das uns als Inbild eingeboren ist; zum anderen der Mechanismus, an den gebunden wir immer wieder dasselbe tun und uns damit immer wieder zum selben machen; und schließlich die Identifikation mit Vorgängern im Familiensystem, deren Schicksal nicht so gewürdigt wurde, wie es war.

1. Aneignung von Eigenschaften durch Nachahmung: Für Augustinus war Identifikation der Prozess der Aneignung der Tugenden; Heiligkeit wurde Eigenschaft durch Wahrnehmung und Nachahmung der Heiligen. Wir Menschen sind zur Menschlichkeit – zum Guten wie zum Bösen – begabt. Das menschliche Potenzial – die Begabung zu aufrechtem Gang, Gerechtigkeitssinn, Wahrheitsliebe, Kreativität, Transzendenz usw. ebenso wie die Anlage zu Geiz, Geilheit und Mordlust – ist uns eingeboren. Die Entwicklung dieser Anlagen wird ausgelöst durch Vorbilder, die wir nachahmen. Indem wir das Gleiche tun wie sie, eignen wir uns die von ihnen vorgelebten Qualitäten an. Goethe meinte wohl dasselbe, als er sagte “Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.” Beispiele:

Die Mutter kehrt mit Schaufel und Besen Dreck zusammen; das Kind ahmt sie nach, kehrt mit Schaufel und Besen die senkrechte Fläche des Kühlschranks ab und verinnerlicht so sinnvoll koordinierte Bewegungen, auch wenn es den Sinnzusammenhang dieser Bewegungsabläufe mit der Beseitigung von Kehricht erst viel später versteht.

Wir nehmen unsere Ausscheidungen mit Vergnügen, Gleichgültigkeit oder Ekel wahr, je nachdem, wie wir unsere Mütter auf unsere Produkte in den Windeln reagieren sahen.

Missbrauchstäter waren sehr häufig selbst Missbrauchsopfer.

Liebesfähigkeit entwickelt sich eher in liebevollen Familien, in denen man, statt zum Liebsein dressiert zu werden, auch einmal hassen darf, ohne gleich geächtet zu werden.

Viele Ärzte wählten ihren Beruf nach Begegnung mit einem vorbildlichen Arzt.

2. Anpassung an die Umwelt: Eine zweite und wohl die häufigste Form der Identifikation ist die Verwechslung unser selbst mit den Selbstbildern, die wir uns von uns in Reaktion auf die Umgebung in den ersten Lebensjahren machen lernten. Um sich als heranwachsende Person ein erträgliches Minimum an Angenommensein, Zuwendung, Zugehörigkeit, Schmerzfreiheit usw. zu sichern, unterwerfen sich Menschenkinder den Bedingungen ihrer Umwelt und lernen, sich in Wahrnehmung, Fühlen, Denken und Handeln auf das zu beschränken, was im Familiensystem toleriert wird oder gut ankommt. Hier ist Identifikation ein Bündel von Reaktionen auf persönlich erlebte Geschichte.

3. Verstrickung im Familiensystem: Eine dritte Form der Identifikation ist die von Bert Hellinger und seinen Schülern beschriebene Verstrickung mit Vorgängern im Familiensystem, deren Zugehörigkeit, schweres Leid oder große Schuld nicht gewürdigt wurden.

Selbstentfremdung – der Verlust der Authentizität

Das Ergebnis der Identifikation mit Selbstbildern ist die Struktur der Persönlichkeit. Eine Persönlichkeit ist jemand, der etwas darstellt – ein Rollenspieler also wie Shakespeare, der (in einer Darstellung des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges) so tut, als wäre er ein anderer, vor einer Ansammlung von Leuten, die so tun, als hielten sie ihn für jenen anderen. Identifiziert mit Vorbildern, mit Selbstbildern und mit Vorgängern im Familiensystem halten wir uns für jene Persönlichkeit, die zu sein wir vorgeben, und werden uns selbst fremd. Indem wir trotz ständig sich verändernder Gegenwart immer wieder dasselbe tun, sorgen wir dafür, dass wir (vermeintlich) dieselben bleiben.

Wir verlieren den Zugang zu unserem Wesen, dem persönlichen Inbild unserer menschlichen Natur. Zugleich versagen wir uns unsere Autonomie (die Eigengesetzlichkeit) und leben mehr oder weniger fremdbestimmt – ferngesteuert von dem kleinen, mehr oder weniger an suboptimalen Bedingungen leidenden Kind, das wir einmal waren und nicht mehr sind.

Beispiel: Die zur Eifersucht neigende Person reagiert bereits auf die Fantasie der Untreue des Partners mit Panik so wie der Säugling, der im Dunkel und der Kühle der Nacht nach der Mutter schreit, die ihn schreien lässt, weil sie nicht auf ihren Mutterinstinkt hört, sondern in Identifikation mit ihrer Vorstellung von der guten Mutter und entsprechend der wissenschaftlichen Mode meint, es sei gut für die Lungen oder eine sinnvolle Vorbeugung gegen Schlafstörungen, wenn sie ihr Kind schreien lässt.

Kränkungen machen krank

Die Selbstentfremdung durch Identifikation ist verbunden mit dreierlei Kränkung:

  • Die primäre Kränkung ist die, dass sich die neugeborene Person nicht in ihrer Einzigartigkeit willkommen geheißen fühlt durch eine Mutter, die mit dem Leuchten in ihren Augen sagt: “Wie schön, dass Du da bist! – Du da! Du wie nie eine zuvor, Du wie nie wieder eine, Du wie keine unter sechs Milliarden Menschen – willkommen!” Vielmehr erinnert sie, zumeist unbewusst, wie sie objektiviert wurde, verdinglicht zum verfügbaren Gegenstand von Erwartungen und Befürchtungen – ersehntes erstes Kind, Ersatz für ein verstorbenes Geschwister, Stammhalter, Nachfolger in der Firma; “Mein Kind!”, “ganz der Papa!”, “Endlich eine Tochter!, “Hoffentlich nicht wie der missratene Onkel Emil!” usw. – und hält in der Gegenwart an der Überzeugung fest, dass sie alles richtig und anderen recht machen muss, um ihre Daseinsberechtigung zu verdienen.
  • Die sekundäre Kränkung ist später die, als die Persönlichkeit gesehen zu werden, die man in der Identifikation mit einem Selbstbild oder Image zu sein glaubt, vorgibt oder scheint, statt im Wesen als die Person gesehen, wahrgenommen und gewürdigt zu werden, die man ist und ständig neu wird.

Folgende Kränkung kann man oft bei Frauen hören: “Mein Mann sieht mich gar nicht!” Wenn man dem dann in der Psychotherapie nachgeht, war es schon beim Vater so. Und wenn man dem nachgeht, kann man bisweilen entdecken, dass die Tochter wie eine Gleichrangige gesehen werden wollte, nicht von oben nach unten, wie ein Vater seine Tochter anschaut. Dahinter entdeckt man dann oft eine Identifikation der Tochter mit der Frau des Vaters vor der Mutter. Die hatte den Anspruch, mit dem Vater auf Augenhöhe zu verhandeln. Solange die Tochter sich in dieser Identifikation präsentiert, kann sie nicht gesehen werden als die, die sie ist.

  • Die dritte Art der Kränkung ist die, nicht als die Persönlichkeit gesehen zu werden, in deren Darstellung man ein Leben lang so viel investiert hat.

Zur Abwehr sowohl von erinnerter wie von erwarteter Kränkung bedient sich die Persönlichkeit ihrer im Charakter eingefleischten Struktur, wobei deren automatische Abwehrhaltung immer wieder neue Kränkung auslöst. Der durch die permanente Abwehrhaltung verursachte Dauerstress schwächt das Immunsystem.

Außerdem führt die Unterdrückung der eigenen Erfahrung zugunsten des von der Umwelt durchgesetzten Bildes dazu, dass Änderungen im inneren Gleichgewicht bei Veränderung der Bedürfnislage und damit verbundene Sinneswahrnehmungen nicht der Gegenwart angemessen gedeutet oder aber ganz unterdrückt werden. Diese Fehldeutung und Unterdrückung (Depression) von mit Sinnen wahrnehmbaren Erregungsmustern bedingt Unsicherheit in der Unterscheidung zwischen dem, was gut tut, nährt und nützt, von dem, was behindert und schadet, und begünstigt dadurch Selbstunsicherheit und Krankheit.

Lawrence LeShan, der große Pionier der Psychoonkologie, definierte eine bei Krebskranken häufig beobachtete Form der Hoffnungslosigkeit als den “Versuch zu sein, wer du nicht bist”.

Potentialorientierte Selbsterfahrung

Einen Ausweg aus diesem Teufelskreis bieten Methoden der Selbsterfahrung und Psychotherapie, die – wie z. B. die Gestalttherapie – durch ihre Konzentration auf die Gegenwart eine Chance bieten, ergänzende oder Alternativerfahrungen einzuprägen.

Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Fühlen zu. Allzu oft sind unsere Gefühle reflexartig ausgelöste Reaktionen auf unsere Vergangenheit. Dann haben nicht wir die Gefühle, sondern sie haben uns. Wirkliches Fühlen bedarf der Disziplin, sich der Gegenwart zuzuwenden, die durch die Begegnung mit der gegenwärtigen Situation ausgelöste Erregung wahrzunehmen, sich ihr zuzuwenden, sich auf sie einzulassen und ihr eine der Gegenwart angemessene neue Bedeutung zu geben.

Herkömmliche Selbsterfahrung führt zur Überwindung von Krisen oder gesundheitlichen Störungen und zur Einsicht in ihre mit der Übertragung vergangener Erfahrung in die Gegenwart begründeten Dynamik.

Potenzialorientierte Selbsterfahrung führt darüber hinaus in die Stille und Weite eines die Begrenzung durch die eigene Haut übersteigenden Innenraumes, in dem bislang verkümmerte Wesensqualitäten wie Interesse, Stärke, Klarheit, Schönheit, Intelligenz, Mut, Würde, Mitgefühl mit Selbst und anderen usw. aufscheinen, die Ichfunktion aus der Identifikation mit einem konditionierten Selbstbild gelöst und die Person frei wird zur Hingabe an die sich ewig wandelnde Gegenwart.

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