GEBET UND MEDITATION
Mit Gott sprechen
Gebet ist das Gespräch des Menschen mit Gott. Es ist die geheimnisvollste und intimste Verbindung, die der Mensch mit dem Herrn des Weltalls aufnimmt. Er redet ihn aus der Herzensnähe mit Du an, und er sagt ihm alles, was ihn drückt, ihn bewegt und beglückt. Er kann sein Gebet improvisieren, und er kann ein uraltes geheiligtes Gebetsklischee benutzen, das hundert Generationen gebetet haben und das für den Menschen als Gattung Gültigkeit gewonnen hat.
Er kann es hinausschreien, es singen, es flüstern und es nur in Gedanken bewegen. Er kann es mit Gebärden begleiten. Der frühe Christ erhob die Arme zum Gebet, der Katholik und der Orthodoxe bekreuzigt sich, der Russe wirft sich auf die Erde, der Protestant faltet die Hände, der Moslem kniet gegen Mekka und verbeugt sich, der Hindu hebt im Pronam die gefalteten Hände gegen die Stirn. Immer ist es die Haltung der Demut, des Grußes, der Ehrfurcht.
Der eine bittet, der andere dankt, der dritte streitet und hadert, der vierte ringt verzweifelt und zweifelnd um Nähe und Hilfe, der fünfte führt ein Gespräch, der sechste ergreift den Zipfel seines Gewandes und ist einfach unaussprechlich glücklich. Dem einen wird im Fragen die Antwort kund, ein anderer lauscht und hört nichts, und einer geht hinweg, ohne auf die Antwort zu warten.
Das Gebet ist selbst ein Fahrzeug zu Gott, es kann das Gebet leicht sein wie eine Feder und schwer wie ein Kahn, es kann den Menschen zu Gott tragen und es kann ihn herauskippen.
Gott zuhören
Der in Gott Geborgene bedarf kaum der Worte, es genügt ein zu Gott gesandter Seufzer, und er wird erhört. Der Gott in uns antwortet dem Fragenden in uns, und es wird uns Erleuchtung und Kraft. Wie der Heilige Aurelius Augustinus betet: „Herr gib mir die Kraft, alles zu tun, was Du von mir verlangst. Dann verlange von mir, was Du willst.“ Dieses Gebet ist eine Zwiesprache mit dem Gott in uns. Es bittet schon nicht mehr, es zeichnet in der Zwiesprache den Weg zur letzten Vollkommenheit und Heiligkeit.
Wenn der Betende durch das Gebet in Gott eingeht, mit ihm eins wird, was der letzte und tiefste Sinn des Gebets ist, so wird das Wort von Lao-tse wahr: „Der Grund, warum ich große Übel erfahre, ist, dass ich ein Ich habe. Wenn ich kein Ich habe, welches Übel gibt es dann noch?“
Und von Sören Kierkegaard wird gesagt: „Als sein Gebet immer andächtiger wurde, da hatte er immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde er ganz still. Er wurde still – ja, was womöglich ein noch größerer Gegensatz zum Reden ist – er wurde ein Hörer. Er meinte erst, Beten sei Reden, er lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern hören. Und so ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt stille werden und stille sein und harren, bis der Betende Gott hört.“
In Gott verweilen
Was von Kierkegaard hier geschildert wird, ist bereits der Zustand der Meditation. Gebet und Meditation sind keine unterschiedlichen Dinge. Ihr Unterschied ist lediglich ein quantitativer und ein qualitativer. Während das Gebet ein aktives, oft gewohnheitsmäßiges, kurzes Hinstreben, ein Sich-Besinnen auf Gott, ein Bitten, ein Danken, ein Stoßseufzer sein kann, ist Meditation das Verweilen bei oder in Gott, das Seligsein in Gott, das Stille-Werden in Gott, die Schau Gottes.
Der Weg zur Meditation führt in der Regel über das Gebet, doch bedarf es dazu der Rede und der Worte nicht mehr, es kann in der Stille und in der Reglosigkeit geschehen. Es ist ein Zustand, in dem Mensch und Gott jeder den halben Weg zueinander gehen.
In den verschiedenen Völkern und Religionen werden verschiedene, doch ähnliche Praktiken der Meditation geübt, das Ziel ist bei allen das gleiche – die Versenkung, das Auslöschen des kleinen Alltags-Ich und sein Einströmen in den weiten, bergenden Schoß Gottes, des Atman, des Kosmos.

