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Laurence Freeman im Gespräch mit Roland Ropers

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Laurence Freeman
Jesus – der Lehrer in dir
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Gott gegenwärtig sein

Gott gegenwärtig sein

Benediktiner Laurence Freeman über das Erwachen zur Göttlichen Gegenwart

Für wen haltet ihr mich?“, fragte einst Jesus seine Jünger. Eine der wichtigsten Fragen, vielleicht die wichtigste überhaupt, für christlich orientierte Sinnsucher. Antworten ergeben sich und klären sich nur, wenn wir eine reale Beziehung zum Göttlichen in uns knüpfen und durch regelmäßige Inneneinkehr vertiefen. Das ist Sinn und Zweck der christlichen Kontemplation, die heute immer mehr Menschen – auch kirchenferne – entdecken und einüben. In seinem neuen Buch „Jesus – der Lehrer in dir“ vermittelt der Benediktiner und Kontemplationslehrer Laurence Freeman das Wesentliche der christlichen Spiritualität: die Erfahrung der Gegenwart Gottes im eigenen Innern.

Für wen haltet ihr mich?“, fragte einst Jesus seine Jünger. Eine der wichtigsten Fragen, vielleicht die wichtigste überhaupt, für christlich orientierte Sinnsucher. Antworten ergeben sich und klären sich nur, wenn wir eine reale Beziehung zum Göttlichen in uns knüpfen und durch regelmäßige Inneneinkehr vertiefen. Das ist Sinn und Zweck der christlichen Kontemplation, die heute immer mehr Menschen – auch kirchenferne – entdecken und einüben. In seinem neuen Buch „Jesus – der Lehrer in dir“ vermittelt der Benediktiner und Kontemplationslehrer Laurence Freeman das Wesentliche der christlichen Spiritualität: die Erfahrung der Gegenwart Gottes im eigenen Innern.

Diese von Dogma und Ritual unabhängige Erfahrung vereint Menschen über alle Grenzen – Religionszugehörigkeit, Nationalität, Rasse – hinweg. Pater Laurence, der in der Nachfolge von John Main die „Weltgemeinschaft für Christliche Meditation“ leitet, sprach mit dem Religionsphilosophen und Kontemplationslehrer Roland Ropers über die Bedeutung der kontemplativ-meditativen Praxis für das geistige Gleichgewicht, über die menschliche Entwicklung hin zu ihrem Ziel in Gott, über das Hier und Jetzt, Gegenwart und Ewigkeit sowie die Überwindung von Tod und (Wieder)Geburt. Pater Laurence, trotz anstrengendem Reiseund Vortragsprogramm strahlen Sie große Gelassenheit, Klarheit und tiefe Weisheit aus. Ihr neuestes Buch „Jesus – der Lehrer in dir“ das im Frühjahr auf Deutsch erschienen ist, vermittelt ein atemberaubendes neues Verständnis der Botschaft von Jesus Christus. Wie kann Meditation den Menschen helfen, in einer Welt von großen Unruhe und Ungerechtigkeit zu leben?

Laurence Freeman: Meiner Meinung nach ist die Geschichte von Martha und Maria ein sehr aktueller Kommentar zu unserer heutigen Weltsituation. Sie zeigt, dass ein radikales Ungleichgewicht den „Haushalt“ des Selbst stört. Martha – die aktive Person – ist zerstreut und abgelenkt; sie hat ihren Kontakt zu Maria verloren, die schweigend zu Füßen Jesu sitzt. Und Marthas Reaktion ist Zorn. Sie richtet ihren Zorn gegen die kontemplative Seite ihres eigenen Selbst. In diesem Moment schreitet Jesus als Lehrer ein und erinnert Martha an ihr eigenes wahres Selbst und an ihre Beziehung zu Maria. Er verurteilt sie nicht, tadelt sie nicht, aber er erinnert sie eindringlich an ihr eigenes Selbst. Das ist meiner Meinung nach die Rolle der kontemplativen Traditionen in allen Religionen: die Menschheit zu diesem essenziellen Gleichgewicht, das wir andauernd verlieren, zurückzubringen.

Diese sehr alte Geschichte ist für uns heute von großer Relevanz. Wir müssen in der modernen Welt erkennen, was Martha vergessen hat und was wir in unserer von Technologie und Materialismus beherrschten Welt vergessen haben. Maria arbeitet nämlich auch, Maria sitzt zu Füßen des Herrn, und ihre kontemplative Arbeit ist produktiv. Ohne ihre Arbeit verliert Marthas Arbeit ihren Sinn.

Wie viele große Unternehmen geben heute Millionenbeträge für Stressbewältigung aus? Sie haben begriffen, dass das persönliche Ungleichgewicht im Leben und in der Arbeit des Einzelnen die Produktivität herabsetzt und dazu führt, dass die Unternehmen ihre Ziele nicht erreichen. Für gewöhnlich versucht man das Gleichgewicht lediglich auf der psychologischen Ebene wiederherzustellen, aber ich meine, dass die grundsätzliche Lösung auf der spirituellen Ebene ansetzen muss. Die Meditation hilft uns, in dieser Welt besser zu leben, denn sie bringt uns zurück ins natürliche Gleichgewicht zwischen Kontemplation und Handeln, zwischen Bewegung und Ruhe, Reden und Schweigen.

In allen spirituellen Zentren und Gemeinschaften sprechen die Menschen immer mehr von der wichtigen Erfahrung des grundlegenden „Hier und Jetzt“, der Verwirklichung des gegenwärtigen Augenblicks jenseits von allen Projektionen von gestern und morgen, Vergangenheit und Zukunft. Im Johannes-Evangelium (11,25-26) liest man Jesu Worte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt; und wer lebt und an mich glaubt, der wird niemals sterben.“ – Welche Fähigkeiten der Wahrnehmung und Empfindung sind nötig, um die Auferstehung und die wahre Existenz von Jesus Christus in jedem Augenblick des Lebens erfahren zu können?

LF: Die Antwort darauf, so scheint mir, ist die Integration der menschlichen Person. Der heilige Irenäus sagt: „Die Verherrlichung Gottes ist der völlig lebendige Mensch.“ Und weiter sagt er: „Die Fülle des Menschen ist die Schau Gottes.“ Jesus selbst sagte: „Ich bin gekommen, damit ihr Leben habt und es in Fülle habt“ – Leben in seiner ganzen Fülle. Das meine ich mit „Integration“. Der moderne säkulare Ausdruck dafür ist „Ganzheit“.

Die Integration des Menschen ist die Verherrlichung Gottes; sie ist das überfließende, transzendente Leben Gottes, das sich in die Schöpfung ergießt, das sich im Wunder der Schöpfung zum Ausdruck bringt. Gott zu verherrlichen bedeutet nicht, dass wir dasitzen und Gott Hymnen singen, sondern dass wir völlig lebendig werden.

Unsere Entwicklung als Menschen ist der Lobpreis Gottes; sie ist der Weg, Gott zu verherrlichen, denn letztlich erfüllen wir auf diesem Weg den Sinn der Schöpfung. Indem wir diese Integration voranbringen – und das ist der spirituelle Pfad der Heiligkeit –, werden wir über die enge Sichtweise und über die Beschränkungen des Ego und unserer individuellen Ängste und Wünsche hinaus für die größeren Muster des Universums sensibilisiert, in denen die Muster unseres eigenen Lebens angelegt sind.

Ist Jesus hier und jetzt gegenwärtig?

LF: Ja, Jesus ist uns gegenwärtig, aber wenn wir ihm nicht gegenwärtig sind, ist jene Gegenwart nicht vollständig aktiviert. Wir sind nicht völlig bewusst – wir sind zwar da, aber nicht wach. Es ist vergleichbar mit der Gegenwart einer schlafenden Person. Aber jene Bewegung zum Erwachen hin ist unserem eigentlichen Wesen eingeschrieben, es ist unausweichlich. Wir erfahren das Licht Gottes, das Licht des Bewusstseins – und letztlich ist es das Licht, das uns erwachen lässt.

Auferstehung erfahren wir schrittweise. Wir können in unserem eigenen Leben die Todesfälle, Verluste, die tiefen Enttäuschungen und Tragödien erkennen, die uns einen Moment lang in eine Erfahrung der Auslöschung oder der radikalen Armut stürzten. Wahrscheinlich dachten wir in dem Moment, dass es nach so etwas kein Leben mehr geben kann. Doch das Leben erneuert sich selbst – wenn wir warten, wenn wir die Hoffnung nicht aufgeben. Dann erkennen wir allmählich das Muster, wonach es für jede Geburt einen Tod gibt, und für jeden Tod eine Wiedergeburt. Das ist nicht ganz dasselbe wie Auferstehung.

Meiner Meinung nach ist Wiedergeburt ein Geschehen im Bereich der natürlichen Schöpfung. Auferstehung hingegen ist das Transzendieren des Zyklus von Tod und Wiedergeburt. Das ist unendlich, historisch, einmalig und einzigartig in Jesus geschehen. Sein Zustand als Auferstandener hat einen Einfluss auf uns, wirkt sich auf uns aus. Wir erkennen irgendwie, dass Jesus gegenwärtig ist. Er ist gestorben – das darf man nicht vergessen – und er ist wieder auferstanden, was aber keine Wiedergeburt ist.

Ich habe einmal den Dalai Lama nach seiner Meinung zur Auferstehung gefragt, und wir haben die Stelle in der Bibel über die Auferstehung zusammen gelesen. Er hatte einige wunderbare Einsichten, aber er sagte auch, dass die Auferstehung etwas Einzigartiges im Christentum ist; es handele sich nicht um Wiedergeburt, sondern um etwas, wozu es im Buddhismus keine Parallele gebe.

Geburt, Tod und Wiedergeburt sind die Phasen im Zyklus des Lebens. Das Leben umfasst Geburt und Tod. Das Leben fließt von Gott aus in die menschliche und materielle Ebene – das Leben ist dem Zyklus von Geburt und Tod unterworfen. Das Leben hat einen Zweck, einen Sinn, ein Ziel, und der Sinn besteht in dem letztendlichen Transzendieren des Zyklus von Tod und Wiedergeburt und in unserer Wiederkehr mit einem höheren Grad an Bewusstsein, in einem voll erwachten Zustand. Der Angelpunkt, an dem diese Wiederkehr stattfindet, ist die Inkarnation.

Wie können Menschen den Schleier der Unwissenheit ablegen, um wahrhaftig die Welt so zu sehen, wie sie ist – jenseits der “Mauer der Illusion”? LF: Es bedarf der askesis, der disziplinierten Übung. Wir brauchen Übungen, die unser Bewusstsein rein und einfach machen. Diese Praktiken sind nicht als Strafe gedacht; askesis ist ein Training, und keine Bestrafung. Sie ist notwendig für die Gesundheit und Tauglichkeit im spirituellen Bereich, so wie der Athlet das Training im physischen Bereich braucht.

Aber darüber hinaus brauchen wir die Erfahrung der Schönheit. Je mehr wir das Schöne sehen, desto tiefer trifft uns die Erkenntnis, dass das Schöne keine Schöpfung des Menschen ist. Wir sind nicht Ursprung des Schönen, auch wenn wir es irgendwie manifestieren können. Letztlich ist Schönheit eine Ausstrahlung oder Manifestation des Göttlichen. Je mehr wir Schönheit wahrnehmen, desto mehr werden wir erleuchtet.

Außerdem sollten wir uns an die „Seligpreisungen“ (Bergpredigt, Mt 5,3-10) halten und die Welt so sehen, wie sie ist. Der Grund, weshalb wir die Seligpreisungen nicht verstehen, ist der, dass sie für unsere vorgefassten Meinungen über die Wirklichkeit ein solcher Stein des Anstoßes sind, eine solche Umkehrung unserer gewohnten Sinneseindrücke, Werte und Prioritäten darstellen. In den Seligpreisungen liegt auch große Schönheit, die nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Wenn wir sie sehen, verlieben wir uns in sie.

All diese Wege tragen dazu bei, Illusion für uns aufzulösen, ja manchmal zu zerschlagen.

Jesus machte wiederholt Aussagen über „Ich bin“ (Sanskrit: aham). In Johannes 8,58 sagt er: „Wahrlich, ich sage euch, bevor Abraham geboren wurde, bin ich.“ Setzt sich Jesus über die Bedeutung seiner Vorfahren hinweg? Können wir diese Worte auslegen wie das Zen- Koan: „Zeige mir dein Ursprüngliches Antlitz vor der Geburt deiner Eltern“? Ist die wahre Essenz des Lebens nur im gegenwärtigen Augenblick zu finden?

LF: Zeit ist eine Konstruktion unseres Verstandes. Wenn wir etwas als „die Gegenwart“ bezeichnen, wollen wir es messen – mit einer Stoppuhr oder sonst was. Aber der gegenwärtige Augenblick kann nicht gemessen werden. Er ist jener Grund, jenes Sein oder Bewusstsein, in dem all das, was wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nennen, enthalten ist. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind also auf der Ebene des mentalen Bewusstseins Realitäten, aber je weiter wir uns von der rationalen und messenden Ebene des Bewusstseins zu einem tieferen Bewusstsein hin bewegen, desto weniger Relevanz hat die Zeit. Denn wir begeben uns immer tiefer in den Geist (spirit), und Geist ist nicht bedingt durch Zeit. Der göttliche Geist durchdringt alle Ebenen der Schöpfung.

Jesus wusste, wer er war, woher er kam, er wusste um seine Zukunft, er hatte große Selbsterkenntnis. Er wusste, wer er war, das heißt, wer „ich bin“. Jesus war völlig frei von den Fesseln der Illusion.

Was können z.B. Hindus und Buddhisten von der christlichen Botschaft lernen?

LF: Beide können etwas über die Menschlichkeit Gottes lernen. Der Mensch ist Abbild und Ebenbild Gottes. Dem Menschen kommt ein absoluter Wert zu. Sogar der sterbliche Körper hat teil an diesem Wert – daher der absolute Wert von Gerechtigkeit. Die Inkarnation führt zu Gott und zeigt, dass der Mensch Gott wird.

Die östlichen Religionen neigen dazu, den absoluten Wert des Menschen (samt Körper) zu schmälern, ihn lediglich als eine Haut sehen, die es abzustreifen und vielleicht zu vergessen gilt. Das ist eine gefährliche Verallgemeinerung und führt zur paradoxen Situation, dass die Religion der (Göttlichen) Inkarnation oft den menschlichen Körper verworfen hat, wohingegen die dualistischen Religionen Asiens ihn mit Blick auf die spirituelle Reise oft sorgfältig trainiert haben. Aber Jesus ist das menschliche Sakrament Gottes, und an dieser Sakramenthaftigkeit können Christen, Hindus und Buddhisten teilhaben. Die Welt ist das Sakrament des Schöpfers. Der Körper ist das Sakrament der Person.

Sowohl die Religionen des Ostens als auch die des Westens dienen der Weisheit. Vom Hinduismus und vom Buddhismus kann das Christentum wieder lernen, dass die Meditation als Mittelpunkt der religiösen Praxis Priorität hat und für echte Religion wichtiger ist als Dogma oder Ritual allein.

Können wir die Bergpredigt als eine universelle spirituelle Botschaft verstehen?

LF: In seinem Buch „The Good Heart“ (deutsch: „Das Herz aller Religionen ist eins“, Goldmann 1999) erforschte der Dalai Lama zusammen mit mir das Herz der christlichen Botschaft und der Menschheit. Seine Ausführungen zur Bergpredigt waren sehr schön. Er stellte fest, dass dort die universellen spirituellen und philosophischen Prinzipien zum Ausdruck kommen. Als er die Seligpreisungen las, war sein erster Kommentar: „Dies ist das Gesetz von Ursache und Wirkung.“ Hier erkennen wir Jesus als universellen Menschheitslehrer; niemand wird abstreiten, dass Jesus eines jener seltenen Individuen war, der die Menschheit mittels seiner eigenen Tradition, seiner ganz besonderen Umstände lehrte.

In der Bergpredigt sind die zwei großen Säulen seiner Lehre zu erkennen: Kontemplation und Gewaltlosigkeit. Seine Betonung der Kontemplation beruht auf seiner Betonung der Gewaltlosigkeit. Meiner Meinung nach sind diese zwei Säulen so sehr voneinander abhängig, dass wir die eine nicht ohne die andere umsetzen können.

Können Menschen unabhängig von ihrer Religion und Staatsangehörigkeit und Hautfarbe an der Eucharistie teilnehmen und die Segnungen von Jesus Christus empfangen? Ist ein Priester nötig, um das Mahl im Namen von Jesus Christus zu vergöttlichen, oder kann jeder Zugang zu seiner Gegenwart finden, sofern sein bzw. ihr Herz dafür bereit ist? LF: Die Eucharistie ist das sakramentale Mahl der Einheit der Jünger Christi. Auf einer tieferen Ebene ist sie ein Sakrament der Einheit der ganzen Menschheit. Jesus teilte die Kommunion an alle seine Jünger aus, obwohl er wusste, dass einige ihn verraten würden. Er gab speziell Judas die Kommunion, von dem er wusste, dass er ihn für Geld verraten würde. Er wusste, dass sie nicht unbedingt in einem Zustand der Gnade waren.

Die Bedeutung der Eucharistie ist durch institutionelle Verwaltung herabgesetzt und in ein Sakrament der Uneinigkeit verwandelt worden. Das ist – wie die meisten Kirchen erkannt haben – ein Skandal und eine Tragödie. Die Kirche hat sich vorgenommen, diese Situation zu beheben. Aber ich glaube nicht, dass dies in absehbarer Zeit geschehen wird. So konzentriert man sich heute auf die spirituelle Ökumene. Das bedeutet die Praxis der Kontemplation. Wenn man gemeinsam meditiert, erfährt man Einheit und man kann diese Einheit nicht leugnen.

Der Weg vorwärts besteht darin, die kontemplative Eucharistiefeier zu entwickeln. Und sich an die Liturgie des Herzens zu erinnern, die uns durch die Liturgie des Altars (Ritual und Sakrament) hier und jetzt mit der Liturgie des Himmels (der vollständigen Transzendenz) vereint.

Auf welcher Ebene können alle Menschen sich treffen, um die verschiedenen Arten von religiösem Konflikt zu beenden? Und welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit die ganze Welt in Frieden und Harmonie leben kann, „das Reich Gottes im Innern“ erleben und das Paradies auf Erden wie im Himmel verwirklichen kann?

LF: Jesus sagte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, daher sollten wir nicht das Paradies auf Erden erwarten. Ganz bestimmt können wir jedoch die Hölle auf Erden vermindern und dem Paradies näher kommen – das ist unsere Aufgabe. Schauen Sie die verschiedenen Bereiche an, in denen Menschen mit Liebe, Großzügigkeit und Effizienz zusammenarbeiten, z.B. zur Bewahrung der Umwelt, in der wir an der göttlichen Schönheit und Heiligkeit teilhaben können. Oder in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, um ihnen die bestmögliche Erziehung und Liebe zu geben. Oder in der Betreuung von Leidenden und Sterbenden, in der Heilung von Kranken – all das sind Tätigkeitsbereiche, in denen wir tatsächlich zu einem gewissen Grad das Reich Gottes auf Erden verwirklichen.

Aber was das bewusst möglich macht, ist letztlich Meditation. In allen guten Werken müssen wir einen Weg finden, um den Anteil des Ego an unserer Tätigkeit und Organisation zu reduzieren. Das ist der einzige Weg, um den guten Willen, mit dem wir idealistische Vorhaben angehen, aufrecht zu erhalten.

Meditation oder Kontemplation – was ist der entscheidende Unterschied?

LF: Kontemplation ist der Zustand des ungeteilten Bewusstseins, in den wir dank dem Zusammenwirken von Gnade und Glauben gelangen. Kontemplation ist das Geschenk, das wir bereits empfangen haben; sie ist bereits in unserem Herzen vorhanden. Meditation ist die Arbeit, die wir leisten, um dieses Geschenk zu empfangen.

Heute stehen viele Menschen in Verbindung mit astralen Wesen – sie hören Stimmen von anderen Planeten, spüren die Präsenz von Engeln usw. Sind wir nicht aufgefordert, solche Phänomene hinter uns zu lassen, wenn wir hier und jetzt im „Reich Gottes“ ankommen wollen?

LF: Alle religiösen Traditionen warnen uns vor solchen Dingen. All die großen Lehrer sagten: Wenn ihr einen spirituellen Pfad geht, dürft ihr ihn nicht verwechseln mit einem Pfad der mental- sensitiven Fähigkeiten. Strebt nicht nach astralen Phänomenen. Und wenn sie sich doch einstellen, sprecht nicht darüber. Lasst sie los und gebt nicht damit an und versucht nicht, damit Geld zu machen.

Jesus bezwang sein Ego in der Wüste, und bei seinen Wundern ging es ihm nicht darum, die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu ziehen, sondern die Menschen aufzurütteln durch sein Mitgefühl und ihren eigenen Glauben, dass das Reich Gottes eben durch die Mauern der konventionellen Illusion brach.

Die Upanishaden sprechen vom Wandel “auf des Messers Schneide”, von der Gefahr, die falsche Richtung einzuschlagen. Was empfehlen Sie für den Weg zur Gipfelerfahrung? Was kann man tun, um die Fallen auf dem Weg zu vermeiden?

LF: Fixieren Sie sich nicht zu sehr auf die Gipfelerfahrung. Das wichtigste Ziel ist Herzensreinheit. Je mehr wir darauf aus sind, dass irgendetwas geschehen soll, und unseren Fortschritt daran messen wollen, desto weniger Fortschritt werden wir machen. Um diese Sichtweise bei unserer spirituellen Reise zu haben, ist es sehr hilfreich, einen Lehrer zu haben, wobei wir natürlich verstehen, dass der eigentliche Lehrer der Lehrer im Innern ist. Eine spirituelle Weggemeinschaft ist ebenfalls sehr wichtig, um jene spirituelle Demut und den gesunden Menschenverstand am Leben zu erhalten.

Das Gespräch führte Roland R. Ropers (Übersetzung: Inge Hasswani )

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