Herr im eigenen Hause werden
Die „Energie-Vampire“ in uns zähmen
Alle Kräfte in sich vereinen
Alle wahren Meister haben gesagt, dass es einfach ist, Gott zu erkennen. Was brauchen wir dazu? Der Schlüssel dazu ist unsere Aufmerksamkeit. Das Körperhaus der Seele ist mit fünf Wahrnehmungs- oder Sinneskräften (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten) ausgestattet, die dem Körper alle in seinen irdischen Belangen helfen. Auch die ihnen übergeordneten Gemütskräfte Psyche (Fühlen), Intellekt (Denken) und Ich-Bewusstsein (Ego bzw. die Vorstellung, ein von Gott und anderen Geschöpfen getrenntes Wesen zu sein) sind mit ihren Fähigkeiten in der physischen Welt wirksam. Als nächsthöhere Instanz kommt die Seele. Ihr Werkzeug ist die Aufmerksamkeit (Gewahr- oder Bewusstsein), die ihren Sitz oberhalb der im Körper wirksamen Kräfte am Dritten Auge hat. Alle diese Kräfte beziehen ihre Energie aus der Kraft des Geistes oder der Gotteskraft, die das ganze Universum erschafft, erhält und erneuert. Einschließlich der Schwerkraft ist jegliche Energie, sei sie physisch oder metaphysisch, mechanisch, magnetisch oder elektrisch, atomar oder nuklear, eine Teiloffenbarung dieser ursprünglichen Energie.
Wer alle seine Wesenskräfte harmonisch in sich geeint hat, ist Herr im eigenen Haus geworden und lebt als leuchtendes Vorbild für andere.
Wenn die Aufmerksamkeit von dieser Kraft gelenkt und geführt wird, sammelt sie wie ein Brennglas die in der Außenwelt und im Körper verstreuten Sinnes- und Gemütskräfte und vereinigt diese drei Komponenten – Körper, Gemüt und Seele – zu einem harmonischen Ganzen, in dem alle zusammenwirken: der Körper arbeitet, das Denken unterscheidet und die Seele erfreut sich unterdessen ihres inneren Glücks. Ein Mensch, der auf diese Weise heil(ig) und ganz geworden sind, ist „vollkommen wie der Vater im Himmel“ (vgl. Mt 5,48) und dient anderen als spiritueller Leitstern in diesem stürmischen Lebensmeer. Sein Körperhaus ist wirklich ein Tempel Gottes, in dem die Seele das göttliche Licht schauen und die göttliche Musik hören kann (vgl. Infos zum Thema in Printausgabe).
Zur Mitte zurückfinden
Von diesem Ideal sind die meisten Menschen allerdings noch weit entfernt. Da sie sich ständig nur mit der Außenwelt befassen, können sie die Schönheiten der geistigen Welt nicht erfahren und bleiben begrenzte, innerlich gespaltene und widersprüchliche Wesen. Denn durch Gemüt und Sinne zerstreut sich ihre Aufmerksamkeit und damit ihre Seelenkraft immer mehr in der materiellen Welt, bis sie sich für materielle Wesen halten und vergessen, dass sie eigentlich Seelen sind – göttliche Wesen, die unabhängig von diesen Dingen noch eine ganz andere Existenz haben: grenzenlos, ewig und voller Glück und Seligkeit. Um diese Wirklichkeit wieder zu erfahren, müssen wir „umkehren“, wie es in der Bibel heißt (vgl. Mt 4,17), indem wir auf dem spirituellen Übungsweg der Meditation unsere zerstreute Aufmerksamkeit wieder aus der Welt und dem Körper zurückholen und an ihrem Zentrum im Körper sammeln („medi-tare“ leitet sich von „medium“: „Mittelpunkt, Zentrum“ ab und bedeutet so viel wie „in die Mitte, zum Zentrum kommen“).
Bildlich gesprochen, dürfen wir uns nicht länger von unseren Dienern, den fünf Sinnen und dem Gemüt, herumkommandieren lassen und ihnen kritiklos folgen, wohin sie uns in ihrer Gier nach immer neuen äußeren Reizen ziehen, sondern müssen wieder Herr im eigenen Hause werden und die Oberaufsicht über sie zurückgewinnen. Solange wir ihre Sklaven sind, ist es, als wenn unser Haus von Fremden besetzt ist, von denen uns der eine am Kragen, der zweite an der Nase und der dritte bei den Ohren packt usw. und uns bald hierhin und bald dorthin zerrt. Findet ihr, dass so etwas Achtung verdient? Als Menschen und Gottes Kinder besitzt ihr eine natürliche Größe. Warum macht ihr euch kleiner, als ihr seid? Was fehlt euch? Ihr lasst euch von euren Dienern herumschubsen, wohin sie wollen. Gott ist nicht von uns getrennt, und wir sind nicht getrennt von ihm. Aber da sich unser Interesse ständig nach außen, auf die sinnliche Erfahrung, richtet, haben wir unser wahres Sein verloren. Nun geht es einfach darum, unsere Aufmerksamkeit von den weltlichen Bestrebungen wieder zu lösen und „innen anzuklopfen“, wie Emerson es nannte. Das heißt nicht, dass wir unsere Sinnes-, Gefühls- oder Gedankenregungen unterdrücken sollten, aber sie sollten so kanalisiert werden, dass sie der Seele im äußeren und inneren Leben von Nutzen sind.
Eine feste „“Hausordnung“ schaffen
In seinem gegenwärtigen Zustand steht das Gemüt im Bann der Sinne und wird von ihnen zur Befriedigung ihrer eigenen Wünsche missbraucht. Das ABC des spirituellen Fortschritts beginnt daher mit der Kontrolle über das Gemüt. Um das Übel an der Wurzel zu packen, ist es nötig, die Sinne zu disziplinieren, das Gemüt unter Kontrolle zu halten und den Verstand zur Ruhe zu bringen, so dass es der Seele möglich wird, Gott in sich zu erfahren. Das menschliche Gemüt ist seit un denklicher Zeit daran gewöhnt, im Äußeren umherzustreifen. Solange ihm nicht eine größere Freude im Innern geboten wird, ist es nicht zu bändigen. Es ist von der Natur so geartet, dass es sich nicht gern gefangen nehmen lässt. Es ist stets ruhelos, bis es seine wahre Heimat erreicht. Die Meister erklären uns, wie wir es zugunsten unseres spirituellen Fortschritts zähmen können. Die spirituelle Disziplin ist ihm lästig und zuwider, da sie seiner Bewegungsfreiheit ernsthaft einschränkt. Darum wendet es es alle möglichen Tricks an, um sich ihr zu entziehen. Einmal bittet es uns im Namen unserer Freunde und Verwandten ganz dringend um Hilfe, dann wieder betet es uns ganze Litaneien von weltlichen Pflichten und Aufgaben vor, die wir auf keinen Fall vernachlässigen dürfen usf. – alles nur, um uns vom Meditieren und unserer eigentlichen Lebensaufgabe abzuhalten. Wenn man nicht sehr wachsam ist und eine rasche Unterscheidungskraft besitzt, wird man diese Listen nicht durchschauen und leicht auf sie hereinfallen. Darum ist es sehr hilfreich für den inneren Fortschritt, unter der schützenden Führung eines erfahrenen spirituellen Lehrers ein ethisches Leben zu kulti vieren und das Gemüt an feste Regeln zu gewöhnen. Ethik und Spiritualität gehen Hand in Hand. Erst auf dem Boden eines ethischen Lebenskann die Saat der Spiritualität wachsen und gedeihen.
Die Zügel selbst in die Hand nehmen
Die menschliche Gestalt nimmt den höchsten Rang in der ganzen Schöpfung ein, weil die Seele darin wohnt. Sie steht nach allgemeiner Übereinkunft Gott am nächsten. Die Seele ist ein Teil von ihm, vom selben Wesen wie er und damit selbst ein bewusstes Wesen. Gegenwärtig ist diese Ordnung aber völlig auf den Kopf ge stellt: das Pferd sollte den Wagen ziehen, aber statt dessen ist der Wagen vor das Pferd gespannt. Die Seele sollte dem Gemüt nach eigenem Belieben Kraft zuführen, aber statt dessen rauben Gemüt, Verstand und die Sinne ihr die Kraft, und sie wird zum hilflosen Sklaven. Alles ist in sein Gegenteil verkehrt. Aus diesem Grund haben die Meister stets geraten: „Erkenne, wer du wirklich bist“, denn dies ist der einzige Weg, das Übel mit der Wurzel auszurotten. Und – seid ihr schon in der Lage, eure Sinne zu beherrschen und ihnen jederzeit zu befehlen, zu tun und zu lassen, was ihr wollt? Stellt euch eine Maschine mit einem elektrischen Motor vor, der mit dem Kraftwerk verbunden ist. Die Maschine setzt sich aus vielen Einzelteilen zusammen, und jedes einzelne Teil lässt sich in Sekundenschnelle ab schalten. Auf die selbe Weise sollten wir Kontrolle über unsere Sinnes- und Gemütsfunktionen haben und in der Lage sein, unsere ganze Körper- und Gemüts-Ma schinerie an- und abzustellen, wann immer wir es wünschen. Gott ist bereits in euch. Er braucht nicht erst von außen hereinzukommen. Man kann ihn auch nicht mit äußeren Mitteln erkennen – durch die Sinne, das Gemüt oder den Verstand. Das ist nur der Seele möglich, die vom selben Geist ist wie er. Und wie kann die Seele diese Erfahrung der Selbstverwirklichung erlangen? Indem sie sich von der Herrschaft der Sinne und des Gemüts befreit und mit Hilfe von Licht und Klang (s. Infos zu Thema in Printausgabe) darüber erhebt. Gott ist reine Glückseligkeit. Auch wir wünschen uns reines Glück und sind daher ewig auf der Suche danach. Wir finden es nicht in den äußeren Dingen, sondern erst indem wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf die Quelle dieses Glücks in uns selbst zurück lenken.

