Ideal und Wirklichkeit zusammenbringen

Ideal und Wirklichkeit zusammenbringen

Der Schlüssel zum Erfolg

Zwischen spirituellen Idealen und der „real existierenden“ Wirklichkeit klafft meistens eine unübersehbare Lücke. Kein Wunder, denn mit äußeren Mitteln wie guten Vorsätzen usw. lassen sie sich ohnehin nicht realisieren, sondern nur mit Hilfe der Meditation. Dort fließen sie uns als göttliche Tugenden von selber zu und verwandeln von innen her unser Leben. Wie das vor sich geht, sei hier am Beispiel der Gewaltlosigkeit gezeigt.

Die fünf Leidenschaften

Die Gebote der Gewaltlosigkeit („Wi­derstehe nicht dem Bösen“; vgl. Mt 5,39) und der Feindesliebe (vgl. Mt 5,44) gelten als herausragende Kennzeichen des Christentums. Sehen wir uns ihre Grundvoraussetzungen also einmal ge­nauer an. Unser einziger Todfeind ist das Gemüt. Mittels der fünf Leidenschaften Lust, Zorn, Gier, Verhaftetsein und Stolz sorgt es dafür, dass wir ständig fern unse­rer wahren Heimat (d.i. das Dritte Auge, das Tor zum Jenseits in der Mitte der Stirne) umherschweifen und an die äußere Welt gebunden bleiben. So legen wir mit jeder neuen Handlung den Grundstein für weitere Geburten und Tode, und das Rad des Leidens dreht sich unaufhaltsam mit uns fort. Die den fünf Leidenschaften entsprechenden guten Eigenschaften - Reinheit, Versöhnlichkeit, Zufrie­denheit, Unterscheidungsvermögen und Demut - können in einem solchen Klima keinerlei Wirkung entfalten. Gute Vor­sätze bieten uns genausowenig Schutz vor den fünf Übeln wie das so genannte Gebet. Sobald wir ein wenig tiefer schürfen, er­kennen wir, dass ein Mensch, dessen Be­wusstsein sich ausschließlich auf dem nie­drigsten, physischen Niveau be­wegt, ein Sklave der fünf Leidenschaften und damit ein wahrer Ausbund an Schlechtigkeit ist. Andernfalls wäre es ihm ein Leichtes, sich zu konzentrieren und sich in die höheren Bewusstseins­sphären zu erheben. Den fünf Übeln nicht zu widerstehen hieße, sich auf ewig dem Kreislauf der Geburten und Tode auszuliefern. Eine Lehre, die verlangt, dass man dem Bösen keinen Widerstand entgegensetzt, ist da­her nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich. Denn sie hält die Seele für alle Zeiten in der Knechtschaft des Gemüts und vereitelt ihre Erlösung.

Folgen absoluter Gewaltlosigkeit

Wenn wir die Lehre von der Gewaltlo­sigkeit bis in die letzte Konsequenz ver­folgen, dürften wir uns zum Beispiel weder aktiv noch passiv an irgendwelchen kriegerischen Handlungen beteiligen. Dann wäre es aber auch mit dem Recht auf Selbstverteidigung vorbei, das den Bürgern aller zivilisierten Länder zugestanden wird. Am Ende müsste gar die Polizei abgeschafft wer­den, denn wie könnten wir verlangen, dass andere eine Arbeit tun, mit der wir selbst uns nicht die Hände schmutzig machen wollen? Aber auch ein Bauer muss im Interesse seines Er­trags einen ständigen Kleinkrieg gegen Vögel, Insekten und andere Schädlinge führen. Wollte er in Gedanke, Wort und Tat dem Gebot der Gewaltlosigkeit fol­gen - dann gute Nacht, Landwirtschaft! Dann ginge es nicht nur den Bauern an die Existenz, sondern auch allen weiter­verarbeitenden Berufen. Im Übrigen sorgt allein schon der Selbsterhaltungs­trieb für einen ständigen Kampf zwi­schen Mensch und Natur. Würde man im Sinne absoluter Gewaltlosigkeit auf die Einhaltung hygienischer Maßnah­men verzichten oder aufhören, Krank­heiten einzudämmen und zu heilen - die Menschheit wäre binnen kurzem ausge­storben. Eine derart extreme Auffassung von Ge­waltlosigkeit lässt sich nur dann aufrech­t erhalten, wenn man bereit ist, den Un­tergang der Menschheit und der gesam­ten menschlichen Kultur in Kauf zu neh­men! Mit solchen Haarspaltereien ist nichts gewonnen, denn sie gehen am Ziel des menschlichen Lebens vorbei. Das liegt wohl kaum im Sinne des „Erfin­ders“ dieser Doktrin (Christus). Tat­sächlich wurde seine Lehre gründlich missverstanden.

Kampf dem Übel

Denn das Übel muss sehr wohl bekämpft und überwunden werden. Alle Heiligen, einschließlich des Herrn Jesus, wirkten als Spender des Wortes, der schöpferischen Gotteskraft, die in Form innerer Offenbarungen in der Meditation empfangen werden kann (s. Kasten). Diese spirituelle Praxis er­hebt den Menschen über das physische Bewusstsein, in die Astralregion und darüber hinaus. Auf diesem Weg er­wächst ihm auch die Kraft, das Böse im eigenen Innern zu überwinden und die „Krone des Lebens“ zu erringen: die Er­lösung. Wo aber der Schlüssel der inneren Offenbarungen fehlt, bleibt auch die Lehre von der Gewaltlosigkeit totes Bücherwissen. Wer sich dagegen auf die spirituelle Reise in sein eigenes Inneres begibt, wird erleben, wie rasch sich mit jedem Schritt seine Le­bensauffassung wandelt.

Wo der Schlüssel der inneren Offenbarungen fehlt, fehlt auch die Kraft, negative Neigungen zu überwinden.

Je mehr sich die Sinne von den Sinnesge­genständen lösen, desto weniger wirkt das Gemüt durch sie nach außen, und desto leichter bleibt die Aufmerksamkeit dank der göttlichen Offenbarungen im Innern zentriert. Jetzt wird den fünf üblen Gesellen - Lust, Zorn usf. - der Boden unter den Füßen zu heiß und sie ergreifen einer nach dem ande­ren die Flucht, da sie sich in Gegenwart der Offenbarungen nicht länger innen halten kön­nen.

Toleranz entwickeln

Nun treten die ihnen entsprechenden Tugenden auf den Plan. Auf dem einstigen Kampfplatz ziehen Ruhe und Frieden ein. Und je höher sich die Seele ins Innere erhebt, desto mehr kommt sie in Einklang mit der Gotteskraft und ihrer Schöpfung. Jetzt erkennt sie das Prinzip der Gewaltlosigkeit - oder, positiv und von höherer Warte aus betrachtet: das Prinzip der lie­benden Barmherzigkeit - als Dienerin der göttlichen Offenbarungen. Es wirkt selbsttätig und ent­faltet sich zu solcher Kraft, dass es zum beherrschenden Wesenszug wird. Von da an gewinnt auch die Lehre von der Gewaltlosigkeit ein neues Gesicht. Was nun aufscheint, ist die Erkenntnis, dass es bei richtiger Behandlung durchaus möglich ist, üble Neigungen zu über­winden. Das beginnt mit der Liebe der Eltern, die mit sanfter, aber fester Hand ihren Kindern eine gute Erziehung ge­ben. Unter der liebevollen Führung ihrer Lehrer wachsen sie zu guten Staatsbür­gern heran. Die Kirche tut ein übriges. Doch erst die Liebe eines Heiligen kann auch sie zu Heiligen machen. Denn dem Einfluss von Elternhaus, Kir­che und Schule sind naturgemäß sehr en­ge Grenzen gesetzt. Sie alle predigen zwar Toleranz und gute Werke - das Bö­se aber rotten sie damit nicht aus. Es muss mit der Wurzel ausgerissen werden; erst dann entfaltet sich auch die innere Stärke, die nötig ist, um das Gebot der Feindesliebe zu erfüllen:

„Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut Gu­tes denen, die euch hassen...“
-(Mt 5,44).

Diese Stärke erwächst aus der inneren Gotteserfahrung. Der Zugang dazu ist nur durch einen lebenden Heiligen zu erlangen, und Heilige sind eine Seltenheit. Auch ist die Praxis der inneren Offenbarungen beileibe keine Spielerei; solange die Seele durch sie nicht Gott in sich er­kennt, gibt es für sie kein Erwachen, kei­nen Sieg über Sinne und Gemüt, keine Tugend und keine „Erlösung von dem Bösen“ (vgl. Mt 6,13).

Gewaltlosigkeit im Alltag

Ohne diese Praxis bleibt der Mensch ungeachtet aller Bildung nichts weiter als ein Tier. Er ahmt die Heiligen nach, ohne ihre Stärke zu besitzen; er re­feriert mit glatter Zunge ihre Lehren und hat doch nicht die Kraft, danach zu le­ben - mit dem Ergebnis, dass zwischen der Theorie und den Tatsachen des tägli­chen Lebenskampfes eine abgrundtiefe Lücke klafft. Schüler des spirituellen Pfades werden deshalb ihre familiären und staatsbür­gerlichen Pflichten durchaus im übli­chen Rahmen erfüllen. Dennoch werden sie der spirituellen Verpflichtung gegen sich selbst und ihren Schöpfer stets den Vorrang geben. In diesem Sinne sollten sie den Klangstrom (s. Kasten) praktizieren, nach innen gehen, die Übel von dort vertreiben und so Herr im eigenen Hause werden. Das wird sie befähi­gen, die Lehre von der Gewaltlosigkeit praktisch zu befolgen, indem sie kraft der Liebe und Harmonie, die sie aus ih­rem Innern schöpfen, die Schwächen ih­rer Mitmenschen tolerieren und sie, we­niger durch Worte als durch ihr Beispiel, auf dem Weg nach oben unterstützen. Die beste Werbung für mehr körperliche Fitness ist ein kräftiger, gesunder Körper. Genauso regt auch ein spirituelles Vorbild den Schwäche­ren spontan zur Nachahmung an.

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