"Jeder hat sein eigenes Gesetz“

"Jeder hat sein eigenes Gesetz“

Menschen karma-logisch verstehen

Scheinbar unverständliche Verhaltensweisen sind vom karmischen Gesichtspunkt durchaus logisch. Man kann sie mit Gesteins- oder Gewebeschichten vergleichen: von außen lässt sich nur ahnen, was unter der Oberfläche liegt. Erst wenn wir sie von innen her betrachten, begreifen wir, wie sie genau zusammenhängen.

Scheinbar unverständliche Verhaltensweisen sind vom karmischen Gesichtspunkt durchaus logisch. Man kann sie mit Gesteins- oder Gewebeschichten vergleichen: von außen lässt sich nur ahnen, was unter der Oberfläche liegt. Erst wenn wir sie von innen her betrachten, begreifen wir, wie sie genau zusammenhängen.

Die Sicht der Wissenden

Dazu gibt es folgende Geschichte: Einmal kam ein Mann zu einem Heiligen und diskutierte mit ihm über die Frage, was besser sei: sich in Gottes Willen zu fügen oder seinen eigenen Verstand zu gebrauchen. Der Heilige plädierte natürlich für die erste Option, sein Besucher für die zweite. Die Diskussion endete schließlich damit, dass er den Heiligen fragte: „Kannst du mir irgendeinen Menschen nennen, der nach dem Prinzip lebt, das du vertrittst?“ Der verwies ihn der Heilige an einen Zimmermann namens Bhai Lalo.

Der Mann ging geradewegs zu Lalo und traf ihn in seiner Werkstatt bei der Arbeit an. Lalo begrüßte ihn und sagte: „In einer Vier­telstunde habe ich Zeit für dich.“ In der Zwischenzeit sah der Mann Lalo dabei zu, wie er eine Totenbahre schreinerte. Als sie fertig war und sich Lalo endlich seinem Gast zuwenden wollte, kam jemand aus Lalos Haus hereinge­stürzt und rief: „Dein Sohn ist tot – er ist gerade vom Dach gefallen.“ Lalo blieb angesichts dieser Nachricht völlig gleichmütig und sagte nur in Gedanken versunken: „Sein Wil­le.“ Der Gast beobachtete Lalo unentwegt. Lalo holte ruhig die Bahre hervor, trug sie nach Hause und bereitete – entsprechend dem Brauch – alles für das Leichenbegängnis vor.

Der Blickwinkel des Verstandes

Nachdem der Leichnam verbrannt war und die Gäste verab­schiedet waren, kehrte Lalo wieder zu dem Mann in die Werkstatt zurück und entschuldigte sich für die entstandene Verzögerung. Der Besucher hatte natürlich inzwischen erkannt, dass die Bahre, die der Zimmermann gefertigt hatte, für den Leichnam seines eigenen Sohnes bestimmt gewesen war und dass Lalo die ganze Zeit vom kommenden Sturz und Tod des Jungen gewusst hatte. Er machte Lalo daher Vorwürfe, weil er nicht recht­zeitig heimgegangen war, um das Kind vor dem Sturz zu retten. Lalo wies ihn wiederholt darauf hin, dass es dem Jungen bestimmt gewesen sei, so zu sterben, und dass es im Interesse des Kindes gelegen habe, es nicht zu retten; dass die Beziehung zwischen ihm und seinem Kind so habe enden müssen; dass es in Übereinstimmung mit dem natürli­chen Lauf der Dinge habe geschehen müssen und er nun in Seinem Willen glücklich sei.

Nun ist Lalos Haltung keineswegs negativ. Es ist sogar eine entschieden positive Einstellung, die man freilich erst erlangt, wenn man nicht mehr ausschließlich auf die Verstandesebene beschränkt ist. Der Verstand ist blind, und auch alles Handeln, das auf dem Verstand beruht, ist blind im Vergleich zur Sicht des inneren Auges. Aber solange das innere Auge nicht sieht, befindet man sich im Be­reich des Intellekts und hat keine an­dere Richtschnur als diesen. Manchmal tun Menschen Dinge, die uns vom intellektuellen Stand­punkt aus unklug erscheinen; aus der Sicht des inneren Auges jedoch hatten sie keine andere Wahl und mussten so handeln.

Die Reise der Seele

Der äußere Weg der von Gemüt und Materie überdeckten Seele lässt sich mit einer Reise vergleichen, die in Etappen auf einer lan­gen Straße dahinführt. Die Reise von einer Halte­station zur nächsten ist die Spanne eines einzelnen Lebens. Nehmen wir nun an, dass an jeder Station dieser Reise die Kleider gewechselt werden. Das alte Gewand (der Körper) wird zurückgelassen, aber die Eindrücke von der letzten Reise sind noch da. Diese Eindrücke oder Erfahrungen prägen die weitere Reise. Und wenn es viele Reisende auf der Straße gibt, dann beeinflusst jeder Reisende die anderen und wird umgekehrt von ihnen beeinflusst. Einer, der zuerst zurückliegt, kann wieder aufholen. Ein Rückschritt – auch ein plötzlicher Rückfall – ist nichts Ungewöhnliches. Eine kleine Auseinandersetzung in einem Abschnitt kann sich im nächsten zum Kampf aus­weiten. Wer an einer Station besiegt wurde, kann aus einer an­deren Etappe als Sieger hervorgehen.

Der Verstand ist im Vergleich zur Sicht des inneren Auges blind. Aus dieser Sicht ist alles, was geschieht, richtig.

Die Eindrücke und Erfahrungen auf dieser Reise sind die Karmas. Sie wirken auf den Verstand so stark wie ein Magnet auf Eisen. Das heißt, dass der Verstand sich von unserer karmischen Vergangenheit leiten lässt. Darum denken auch keine zwei Menschen gleich, da die Geschichte ihrer früheren Lebensläufe niemals übereinstimmt.
Auf dieser Reise sind Kampf und Mühe die Regel. Doch verhält sich kein Reisender wie ein hundertprozentiger Fatalist oder ein hun­dertprozentiger Vertreter des freien Willens. Ein Fata­list unternimmt nur schwache Anstrengungen, und hat dennoch manchmal Erfolg; ein Verfechter des freien Willens bemüht sich nach Kräften, und scheitert manchmal trotzdem.
Wir befinden uns seit Anbeginn der Schöp­fung auf dieser Straße – eine schier endlos lange Zeit. Bislang sind wir noch nicht heimgekehrt; das bezeugt unsere bloße Existenz in dieser Welt, denn sonst wären wir nicht mehr hier. Der Heimweg liegt in uns. Es ist der Klangstrom (vgl. „Mehr zum Thema“), aber uns fehlt die bewusste Verbindung damit. Die Heiligen verbinden uns mit diesem Strom und geleiten uns zurück in unse­re spirituelle Heimat.

Das Gesetz des Handelns verstehen

Es ist schwer, einen Menschen mit dem Verstand richtig einzuschätzen. Man kennt ja nicht einmal sich selbst richtig, geschweige denn andere! Das Gemüt wan­delt sich entsprechend den Eindrücken, die es empfängt, und manchmal ohne ersichtlichen Grund. „Kommende Ereig­nisse werfen ihre Schatten voraus“, sagt man. Doch was die Zu­kunft bringt, kann der Verstand nicht erfassen. Besten­falls kann er versuchen, es zu erraten. Um zu begreifen, wie das Denken funktioniert, muss man sich über den physischen oder materiellen Bereich erheben und schließlich sogar ganz davon lösen; nur dann kann man es objektiv betrachten.
Auch um das karmische Gesetz zu verstehen, muss man nach innen gehen. Dort wird einem klar, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, und dass umgekehrt das Unscheinbare nicht immer unedles Metall ist. Solange man von Gemüt und Ma­terie überdeckt ist, kann man die Wirklichkeit nicht sehen. Wenn man diese Schleier abgeworfen hat, erkennt man andere Menschen mühelos mit einem Blick. Dann stellt man fest, dass jeder – ob gut oder schlecht – nach seinem eigenen Gesetz handelt und dass alles, was geschehen ist oder noch geschieht, richtig ist.
Es ist ähnlich wie mit geologischen Erd- und Gesteinsschichten. An einigen Stellen wechseln die Schichten in rascher Folge, während andernorts dieselbe Schicht sehr tief hinabreichen kann. Dasselbe gilt für das menschliche Karma. Solange man die einzelnen Schichten nicht kennt, kann man nicht ahnen, was darunter liegt. Der Wechsel von einer Schicht zur nächsten kann unvermittelt sein oder allmählich vonstatten gehen. Ge­nauso kann sich das Gemüt eines Menschen plötzlich oder langsam verändern; das hängt von der Masse seines Karmas ab.
Um das Gesetz des Handelns zu verstehen, gilt daher der Grundsatz: „Erkenne dich selbst.“ Geht nach innen und seht es dort selbst walten. Das Wissen ist in euch, ihr müsst nur „in euch gehen“, um es zu erlangen. Einen anderen Weg gibt es nicht.

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