Jesus und seine weibliche Seite

Jesus und seine weibliche Seite

Zeigte er mehr Herz als Verstand?

War Jesus schon vor 2000 Jahren ein „neuer“ Mann? Die Zeitgeist-Bilder, die von ihm entworfen werden, sollen ihn für unsere Weltsicht neu erschließen. Doch halten sie auch spiritueller Durchleuchtung Stand?

Vorgestellt.

Soami Divyanand, der hier Fragen zu Jesus beantwortet, lehrt als spiritueller Meister seit über 30 Jahren den Yoga der Seele, den Pfad des göttlichen Lichts und Klangs. Mit dem aus authentischer innerer Erfahrung gewonnenen spirituellen Sprach-Code der heiligen Schriften entschlüsselte er bereits die Veden und wesentliche Teile der Gita, der Bibel und des Korans.

Gefühlvoller Kenner der Herzen?

Frage: Das Gefühl, das ja auch bei Werten wie Mitleid, Nächstenliebe, Vergebung und Ähnlichem die entscheidende Rolle spielt, scheint bei Jesus höher zu stehen als die Tugenden des Verstandes. Aus verschiedenen Anekdoten, die uns aus seinem Leben überliefert sind, tritt uns immer wieder ein Jesus entgegen, der die Herzen der Menschen kennt und sie so zu bewegen weiß, dass sie allein durch seinen Einfluss vollkommen verwandelt werden.

Am schönsten wird dies wohl in der Bekehrung von Maria Magdalena deutlich, der er – zum Entsetzen seiner eigenen männlichen Schüler – gestattet, ihm die Füße mit ihren Haaren zu trocknen und ihn mit einem kostbaren Öl zu salben. All ihre bisherigen Verfehlungen wischt er mit dem entscheidenden Satz beiseite: „Ihr sind viele Sünden vergeben, darum hat sie mir viel Liebe erzeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig“ (Lk 7,47).

Auch mit seiner bekannten Aufforderung „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, kommt ihr nicht ins Himmelreich“ (vgl. Mt18,3) betonte er die unvoreingenommene Spontaneität und Aufrichtigkeit des Gefühls, das Kinder Erwachsenen voraus haben.

Ist es nicht bedeutsam, wenn ein Meister wie Jesus vor allem das Einfühlen fordert, während wir uns in andere eher hineindenken müssen? Andere Menschheitslehrer wie Buddha oder Sokrates, die oft in einem Atemzug mit ihm genannt werden, wirken neben ihm viel abgehobener und intellektueller.

Antwort: Wenn wir etwas über die Persönlichkeit Jesu oder einen der anderen genannten Meister wissen wollen, dürfen wir unsere Erkenntnis nicht aus unserem Verstand ableiten. Jeder Gottmensch lebt und lehrt in vollkommener Selbst-Übergabe an Gott. Er spricht und handelt weder aus dem Gefühl noch aus dem Verstand heraus. Jesus selbst erklärte: „Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, rede ich nicht aus mir; der Vater, der in mir bleibt, tut seine Werke“ (Jh 14,10).

Gott ist allwissend und allgegenwärtig. Er weiß am besten, welche Verhaltensweise die jeweilige konkrete Situation erfordert, und so wenden sich die Gottmenschen aufgrund unmittelbarer göttlicher Inspiration bei der einen Gelegenheit mehr an das Gefühl ihrer Mitmenschen und bei anderer Gelegenheit mehr an deren Verstand. In beiden Fällen dient dies dazu, sie Gott näher zu bringen.

Aber auch bei Jesus schließt dies nicht nur Güte, Mitleid und Barmherzigkeit ein, sondern zuweilen strenge Worte und Tadel. Wir finden also bei ein und demselben Gottmenschen – in diesem Falle Jesus Christus – viele unterschiedliche Facetten im Umgang mit seinen Mitmenschen.

Darüber hinaus ist es richtig, dass bestimmte Verhaltensweisen bei dem einen Gottmenschen stärker hervortreten als bei einem anderen. Wenn sich etwa Sokrates oder Buddha in den uns überlieferten Lehrgesprächen tatsächlich stärker an Verstand und Logik wenden, als wir es bei Jesus finden, so liegt dies daran, dass beide es mit gebildeten, im Verstandesdenken geschulten Jüngern zu tun hatten, während Jesus vornehmlich zu einfachen Menschen sprach, die unmittelbar mit dem Herzen reagierten.

Das Gefühl scheint bei Jesus höher zu stehen als der Verstand: Im Bild des Hirten betont er seine behütende Rolle, und auch Mitgefühl und Nächstenliebe sind weibliche Tugenden.

„Ganzer“ Mann mit weichem Kern?

Frage: Vor allem Theologinnen und Tiefenpsychologen weisen darauf hin, dass Jesus in seiner Person weibliche und männliche Eigenschaften auf faszinierende Weise so harmonisch vereinte, dass sich die Spannung zwischen diesen beiden Polen in ihm aufhebt. Wenn wir die Evangelien unter diesem Blickwinkel studieren, stellen wir beispielsweise fest, dass Jesus ruhig, überlegen, unerschrocken und mit großem Scharfsinn die spitzfindigen, hinterlistigen Fragen der Pharisäer beantwortet – Beweise von Mut und Verstand, die traditionellerweise dem männlichen Prinzip zugeordnet werden. An anderer Stelle heißt es: „Wenn er zu den Menschen redete, sprach er mit Macht“ (vgl. Mt 7,29).

Auf der anderen Seite lässt er gegen den Widerstand von Männern die Kinder zu sich kommen und verweist immer wieder auf ihre vorbildliche Unschuld. Im Bild des Hirten betont er unermüdlich seine behütende Rolle, und schließlich sind natürlich auch die gelebte Barmherzigkeit und Vergebung Eigenschaften, die dem weiblichen Prinzip zugeordnet werden. Ist es nicht berechtigt, in Jesu Persönlichkeit die größtmögliche Harmonie zu erkennen, die ein Mensch je erreichen kann?

Antwort: Bei dieser Frage kommt es wieder entscheidend darauf an, von welcher Warte aus oder unter welchem Aspekt man den Gottmenschen betrachtet. Versucht man, Jesus mit menschlichen Eigenschaften zu ergründen, wie es die Psychologen tun, stellt man zu Recht diese in der Tat erstaunliche Ganzheit in seinem Wesen fest. Aus dieser Sicht wird man seinen Anhängern jedoch die Antwort auf die Frage schuldig bleiben, wie er denn diese einmalige Harmonie erreichen konnte. Da sie uns so einmalig erscheint, haben die Psychologen offenbar noch keine Methode entdeckt, mit deren Hilfe gewöhnliche Menschen einen ähnlichen Grad von Harmonie zwischen dem männlichen und dem weiblichen Prinzip in sich erreichen können.

Man kann diesem Geheimnis nur dann näher kommen, wenn man Jesus nicht als Menschen, sondern als Gottessohn betrachtet. Er hat gewiss nicht männliche und weibliche Ideale analysiert und sie dann durch Willensanstrengung oder durch einen Lernprozess in seine Persönlichkeit integriert. Vielmehr war er, als er die Stufe der spirituellen Vollendung erreicht hatte, mit Gott eins, so wie er selbst erklärte: „Ich und der Vater sind eins“ (Jh 10,30). Er hatte auf dem inneren Pfad der Meditation das höchste Ziel erlangt: die Verschmelzung der Seele mit Gott.

Gott ist geschlechtslos, er ist weder Mann noch Frau, sondern die Quelle aller Tugenden. Man kann zwar gleichnishaft sagen, dass Gott alle männlichen und weiblichen Tugenden in sich birgt, aber in Wahrheit steht er über allem Dualismus. Dasselbe gilt für den Gottessohn, der in menschlicher Gestalt Gottes Eigenschaften und somit auch seine vollkommene Harmonie verkörpert. Insofern kann man sagen: „Ein Mensch, der die positiven Eigenschaften beider Geschlechter in vollendetem Maße in sich vereint, ist ein Heiliger.“

Frage: Dann ist Jesus also nicht – tiefenpsychologisch gesprochen – das Beispiel für die vollkommene Anima-Integration, das heißt die volle Entfaltung der weiblichen Seelen-Anteile im Mann?

Antwort: Die göttlichen Eigenschaften, die auf dem inneren mystischen Pfad nach und nach die Seele vergöttlichen, sind eine Gottesgabe, die dem Meditierenden allmählich durch die inneren Offenbarungen, die er empfängt, von selbst zuteil werden. Die „Anima-Integration“, die Forscher in der Persönlichkeit Jesu feststellten, ist demnach das Ergebnis eines natürlichen Prozesses. Und ich möchte in diesem Zusammenhang hinzufügen, dass wir dieselbe Harmonie aller scheinbar gegensätzlichen Tugenden im gleichen Maße bei anderen Gottmenschen verwirklicht finden.

Antworten: Soami Divyanand – Kontakt & aktuelle Veranstaltungen: www.dsforg.net

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