KLAR GESTELLT: Jesus lehrte die Wiedergeburt
FRAGE
Nach der Lehre deröstlichen Religionen, beispielsweise im Hinduismus, ist die menschliche Seele ihrem Ursprung nach göttlich und entfremdet sich nur aus Unwissenheit und Täuschung (maya) ihrem ursprünglichen Wesen. Die Folgen der Handlungen (karmas), welche die verkörperte Seele in diesem Zustand begeht, fallen nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung unvermindert auf sie selbst zurück. Um ihr Geben und Nehmen auszugleichen und aus ihren Fehlern zu lernen, muss sie sich immer wieder verkörpern, bis sie reif zur Erlösung wird.
Die von Paulus begründete christliche Lehre kennt dagegen keine Wiedergeburt Sie sieht den Menschen als eine untrennbare Einheit von Geist und Körper, die auch nach dem Tode fortbesteht und in der Auferstehung des Fleisches am Tage des Jüngsten Gerichtes gipfelt. Nach dem christlichen Menschenbild ist der Mensch infolge der Erbsünde schon von Natur aus sündhaft. Durch die Verbindung mit dem Fleisch unterliegt der Geist das ganze irdische Leben hindurch zwangsläufig weiter der Sündhaftigkeit. Darum ist er auch nicht in der Lage, zu irgendeiner Form der Erleuchtung zu gelangen. Die einzige Möglichkeit, von der Sünde frei zu werden, besteht im Glauben an Jesus Christus und seine stellvertretende Erlöserrolle. Bringt jemand diesen Glauben nicht auf, fällt er schlussendlich der ewigen Verdammnis anheim.
Entspricht diese pessimistische Sichtweise tatsächlich der Lehre Jesu? Und wenn nicht, wie konnte sie dann entstehen?
Jesus betonte wie alle Propheten die Aspekte der Schöpfungsordnung, die zu seiner Zeit in Vergessenheit geraten waren. Warum sollte er erklären, was Allgemeingut war?
ANTWORT
Im Christentum geschah nach dem Weggang Jesu das Gleiche wie in allen organisierten Religionen: Da ihren Gründern und Anhängern die direkte kompetente Führung nun fehlte, legten sie die ursprünglich spirituellen Lehren ihres Propheten, Gottessohnes oder Meisters durch eigene Spekulationen falsch aus. Gerade Paulus hat die Lehre Jesu so sehr verdreht, dass, abgesehen von einigen wenigen versprengten Aussagen, von ihren Ursprüngen so gut wie nichts mehr übrig blieb (vgl. dazu die 4-teilige VISIONEN-Serie „Paulus erfindet das Christentum, Ausg. 6-9/2009).
Paulus, der Jesus niemals begegnete und somit gar kein Schüler von ihm war, verstand darum auch nichts von dessen Lehren. Daher ersetzte er die „frohe Botschaft“ von der Erlösung durch die düstere Doktrin von der grundsätzlichen Sündhaftigkeit des Menschen und dem Glauben an den grausamen Sühnetod des Gottessohnes.
Diese bis heute im orthodoxen Christentum gültige Auffassung ist in der Tat weitaus pessimistischer als alles, was wir aus dem Hinduismus kennen. Der scheinbar unüberbrückbare Gegensatz zwischen der Auffassung des Hinduismus und des Christentums beschränkt sich jedoch nur auf die Stufe der organisierten Religionen und nicht auf ihre ursprünglichen Lehren.
Jesus selbst hat nie die grundsätzliche Sündhaftigkeit des Menschen gelehrt. Auch er verkündete die wesensmäßige Göttlichkeit des Menschen – in Übereinstimmung mit dem ewigen göttlichen Gesetz, das allen Religionen zu Grunde liegt und das er ausdrücklich nicht aufheben, sondern erfüllen wollte (vgl. Mt 5,17). Sonst hätte er seine Jünger unmöglich auffordern können, „vollkommen zu sein wie ihr Vater im Himmel“ (vgl. Mt 5,48).
FRAGE
Aber wie wird die Seele wieder so vollkommen, wie sie von Gott geschaffen wurde?
ANTWORT
Genau wie die Meister des Ostens lehrte Jesus keineswegs die unlösbare Einheit von Seele und Körper, sondern im Gegenteil einen Weg der praktischen Selbst- Erkenntnis, die auch als Selbst-Analyse bekannt ist. Die Analyse ist eine wissenschaftliche Form der Erkenntnis, bei welcher der zu untersuchende Gegenstand in seine Bestandteile zerlegt wird, die nun für sich betrachtet werden können. Wenn Körper und Seele, wie Paulus lehrt, tatsächlich eine wesensmäßige Einheit bilden, kann der Mensch sie unmöglich zu Lebzeiten voneinander trennen. Gelingt dies aber, müssen sie von Haus aus zwei verschiedene Dinge sein, die nur eine zeitlich begrenzte Verbindung miteinander eingegangen sind, nämlich für die jeweils bestehende Inkarnation.
Jesus lehrte seine Jünger denselben, von Gott gegebenen spirituellen Übungsweg wie alle anderen Propheten und Gottessöhne vor und nach ihm. Dabei erhebt sich die Seele über das personale, körper-gebundene Ich-Bewusstsein und erfährt sich jenseits davon als unabhängige geistige Wesenheit, die in ihrem ursprünglichen göttlichen Licht erstrahlt. Bei Menschen, die mit diesem Vorgang nicht vertraut sind, tritt diese Art von Trennung erst beim Sterben ein. Wer sie mit Hilfe eines lebenden Meisters schon im Leben praktiziert, „stirbt vor dem Tod“, wie beispielsweise im Koran zu lesen ist, und weiß von da an zweifelsfrei, dass er nicht identisch mit seinem personalen Ich und seinem sterblichen Körper ist, sondern unsterblicher Geist.
Die Anleitung zu dieser spirituellen Erfahrung gibt Jesus mit den Worten: „Wenn dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein“ (Mt 6,23). Sie bedeuten, dass der Mensch sein Bewusstsein zum Dritten oder Einzel-Auge zurückziehen muss, das sich in der Mitte der Stirn befindet, um dort im Zustand der Meditation die Offenbarungsformen des göttlichen Lichts zu empfangen. Dieses so genannte „zehnte Tor“ oberhalb der neun körperlichen „Sinnestore“ heißt in der hinduistischen Terminologie shiv netra. Auch Jesu Mahnung „Klopfet an, so wird euch aufgetan“ (Lk 11,9) ist als Aufforderung zu verstehen, das Bewusstsein in der Meditation von der Außenwelt abzuziehen. Durch den „schmalen Weg“, der sich am Tor des Dritten Auges auftut, kann es nach innen einkehren: „Geht hinein durch das enge Tor... Eng ist das Tor und schmal ist der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind es, die ihn finden“ (Mt 7,13-14).
FRAGE
Laut Paulus entscheidet ein einziges gottgefälliges oder sündhaftes Leben über Verdammnis oder Erlösung durch den stellvertretenden Opfertod Jesu. Welche Rolle spielt die Wiedergeburt auf dem von Jesus gelehrten inneren Weg?
ANTWORT
Sünde entsteht, wenn sich die verkörperte Seele mittels ihrer nach außen gerichteten Verstandes-, Gefühls- und Sinnes-Energien an irdische und damit vergängliche Dinge bindet. So muss sie nach dem Grundsatz „Dem Bösen folgen führt zum Tod“ (Sprüche 11,19) in wechselnder physischer Gestalt immer wieder ins Reich der Materie zurückkehren.
Während dieses Kreislaufs gleicht sie zwar laufend karmische Schulden aus, nimmt dabei aber ständig weitere äußere Eindrücke auf. Auf diese Weise verstrickt sie sich immer tiefer in die Welt und vergisst darüber im selben Maße Gott. In dieser Gottvergessenheit oder Gottesferne besteht die eigentliche Sünde.
Die Befreiung oder Erlösung aus diesem Teufelskreis erlangt die Seele erst wieder, wenn sie mit Hilfe eines lebenden Meisters Zugang zur „engen Pforte“ erhält. Durch die innere Verbindung mit Gott in seinen Erscheinungsformen Licht, Klang und Wort (auch soma oder Nektar genannt) wird die Seele von ihren weltlichen Eindrücken gereinigt und gewinnt ihre ursprüngliche Natur zurück. Dann hält sie nichts mehr im Rad des Lebens und sie vereint sich für immer mit Gott.
FRAGE
Warum gibt es im Neuen Testament keine näheren Ausführungen über die Wiederverkörperung, wenn sie für Jesu Lehre wirklich so bedeutsam war?
ANTWORT
Man kann auch anders herum fragen: Warum sollte Jesus etwas erklären, das ohnehin bereits klar war? Jesus hat, wie übrigens alle Propheten, besonders die Aspekte des göttlichen Gesetzes hervorgehoben, die in seiner Zeit und Gesellschaft in Vergessenheit geraten waren oder missverstanden wurden. Wenn er keine Veranlassung sah, die Theorie des Karma eigens zu erläutern, dann möglicherweise, weil der Glaube an die Wiederkehr der Seele in seinem Umfeld ohnehin Allgemeingut war.
Die vereinzelt erhalten gebliebenen Stellen im Neuen Testament, die sich auf das Thema Wiedergeburt beziehen, legen diesen Schluss zumindest nahe: Der Glaube an die Wiedergeburt war für Jesus und die Menschen in seiner Umgebung vollkommen selbstverständlich: „(Da) fragte Jesus seine Jünger: ‚Für wen halten die Leute den Menschensohn?’ Sie erwiderten: ‚Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, andere für Jeremia oder für einen von den Propheten’“ (Mt 16,13- 14). Die Menschen sahen demnach in Jesus die Wiederverkörperung des einen oder anderen Propheten aus der Vergangenheit. Jesus bestreitet diese Annahmen keineswegs, sondern korrigiert sie lediglich in einem zentralen Punkt: Propheten oder spirituelle Meister unterliegen nicht mehr der Wiedergeburt, da sie kein Karma mehr auszugleichen haben, sondern sind direkte Verkörperungen der ewig lebendigen Gotteskraft.
Im Übrigen hatte die Lehre von der Reinkarnation auch Jahrhunderte lang noch in der abendländischen Tradition ihren festen Platz, bis sie durch das Konzil von Konstantinopel 553 n. Chr. offiziell abgeschafft wurde und damit in der weiteren Tradition des Christentums unterging. Schon im antiken Griechenland war die Lehre von der Metempsychose oder Seelenwanderung in Religion und Philosophie vollkommen geläufig. Sie wurde bereits von den Orphikern gelehrt und eindeutig von Plato vertreten. Im Christentum blieb sie in der Gnosis erhalten, einer mystischen Richtung aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, die von der schon fest organisierten Kirche verfolgt wurde.
Lesen Sie im April-Heft: „Jesus lehrte das karmische Gesetz“

