Klangvolle Namen

Klangvolle Namen

Fünf Schlüssel zur Musik der Sphären

Zar Peter der Große soll durch die fortgesetzte Wiederholung seines eigenen Namens in selige Selbstvergessenheit versunken sein. Um wieviel machtvoller muss da die geistige Wiederholung der „vielen Namen“ Gottes sein? Tatsächlich bilden fünf dieser Namen die Schlüssel zum Himmelreich in uns: sie eröffnen der Seele den Zugang zu den fünf klingenden Schöpfungsebenen, für die sie stehen.

Die Welt ist Klang

Der absolute Gott ist unaussprechlich, unvorstellbar und namenlos. Als dieses „namenlose Etwas“ ins Dasein kam, wurde Es das Wort genannt (vgl. Jh 1,1-4). Es ist der Urgrund aller Schöpfung, der alles durchdringende Geist, der alle Erscheinungen der Welt hervorbringt.

Als Es Gestalt annahm, entstand eine Schwingung, aus der das göttliche Bewusstsein in Form von Licht und Klang hervorzuströmen begann. Aus diesem Bewusstseinsstrom ging durch wachsende Verdichtung das gesamte Universum mit seinen spirituellen Ebenen und Unterebenen hervor, bis hin zur materiellen Welt.

Als „Sphärenmusik“ erklingt dieses Wort auf allen Schöpfungsebenen. Da die unteren Regionen grobstofflicher und weniger subtil sind als die höheren, ändert es auf seinem Abstieg in die Materie fortlaufend seine Ausdrucksform. Auf seinem Weg durch die fünf Schöpfungsebenen nimmt es so fünf klar unterscheidbare Hauptklänge an, die in Wahrheit jedoch fünf Aspekte ein und desselben göttlichen Wesens sind.

Das Wort hallt in der ganzen Schöpfung wider. Es gibt keinen Ort, an dem es nicht ist. Es erklingt auch im menschlichen Körper und ist das Bindeglied zwischen Mensch und Gott. Es durchdringt alle Poren unseres Körpers und macht jeden Menschen zur leibhaftigen Wohnstatt und zum lebendigen Tempel des Herrn. Mit seiner Hilfe können wir unseren Weg bis zu der Quelle zurückverfolgen, aus der wir hervorgegangen sind. Dies ist der einzige, direkte Heimweg zu Gott.

Fünf „“himmlische“ Klänge

Die fünf höheren Klänge des Wortes ziehen die Seele nach innen und oben. Sie wurden von den Mystikern und Meistern aller Zeiten und Zonen übereinstimmend beschrieben und in den heiligen Schriften der Nachwelt überliefert. Unter der kundigen Führung eines Gottessohnes, Propheten oder Meisters, der diesen Weg bis zum Ende gegangen ist und von Gott den Auftrag hat, auf demselben Wege die weltmüden Seelen zu ihm zurückzubringen, können auch wir uns bewusst mit diesen Klängen verbinden.

Madame Blavatsky, die Begründerin der Theosophischen Gesellschaft, beschreibt sie in ihrem Buch Die Stimme der Stille so: „Die erste Stimme ist gleich der süßen Stimme der Nachtigall. Die zweite naht wie der Klang einer Silberzimbel. Dem folgen die Klagelieder des Meeresgeistes, der in einer Muschel gefangen ist. Und dann erklingen die Weisen der Vina“ (d.i. ist ein altindisches, Sitar-ähnliches Saiteninstrument). „Die fünfte Stimme ertönt gleich dem Ton einer Bambusflöte.“

Diese Klänge tragen die Wirkungen der spirituellen Ebenen in sich, von denen sie ausgehen, und rufen so in denen, die mit ihnen in Verbindung kommen, dieselben Wirkungen hervor.

Selige Selbstvergessenheit

Wenn dieses Wort aber bereits in uns ist, warum können wir es dann nicht jetzt schon hören? Es ist eine alltägliche Erfahrung, dass wir uns selbst vollkommen vergessen, wenn wir von einer Sache völlig in Anspruch genommen sind. Wenn wir zum Beispiel ganz in ein Buch oder einen Film vertieft sind, hören und sehen wir sonst nichts mehr. Auch unseren Körper spüren wir oft nicht mehr: wir reagieren nicht, wenn uns jemand anspricht und vergessen sogar das Essen und Trinken. Und wenn wir uns noch tiefer auf die Handlung einlassen, gehen wir so sehr darin auf, dass wir sogar unsere eigenen Gefühle vergessen und dasselbe empfinden wie der Held des Buches oder Films.

Auf ähnliche Weise haben wir uns über zahllose Inkarnationen hinweg so sehr mit dem Spiel der äußeren Welt und unseren wechselnden Rolle darin identifiziert, dass wir nicht mehr wissen, wer wir wirklich sind.

Um unser Gemüt von seinem Drang zu entwöhnen, weiter nach außen zu streben und sich in den Erscheinungen der Welt zu verlieren, muss es wieder nach innen gelenkt und auf die lieblichen Sinfonien der inneren Musik abgestimmt werden. Da diese Musik ewig ist, bringt sie auch bleibende Freude mit sich. Und wenn das Gemüt einmal von ihren bezaubernden Klängen gefangen genommen ist, die ungleich schöner sind als alle Arten von äußerer Musik, hört es von selber auf, den Sinnesreizen nachzulaufen, von denen es jetzt nicht lassen kann. Auf den Schwing(ung)en dieser Musik kann unser Selbst über die Begrenzungen der materiellen Welt und seines Körper- Ichs hinaus gelangen. Erst jenseits davon erkennt es, wer es wirklich ist – reines göttliches Bewusstsein –, und erhebt sich Stufe um Stufe in die höheren spirituellen Regionen, bis es wieder mit seinem göttlichen Ursprung verschmilzt.

Spirituelles Herzensgebet

Der Zugang zum Wort – der ewigen Musik – erschließt sich durch das bestän dige Denken an Gott. Es besteht darin, mit der „Zunge des Gedankens“ die so genannten fünf heiligen Namen Gottes zu wiederholen. Sie sind zugleich die Bezeichnungen der fünf „Gottheiten“ bzw. Schöpfungsenergien der fünf inneren Ebenen. Man erhält sie bei der Einweihung in den Yoga der Seele, den Weg des inneren Lichts und Klangs.

Die Praxis der ständigen inneren Anbetung gibt es in der einen oder anderen Form in den meisten Religionen. In der Ostkirche ist sie als „immerwährendes Herzensgebet“ bekannt. Im Sprachgebrauch der Meister des Wortes ist das Herz – der Mittelpunkt unseres Wesens – aber nicht dasselbe wie das physische Herz oder das zugehörige Energiezentrum (Herz- Chakra), sondern liegt jenseits der neun körperlichen Sinne am Dritten oder Einzel-Auge in der Mitte der Stirn. Hier laufen die fünf Energieströme unserer Sinne zusammen, und hierhin müssen wir uns mit Hilfe der göttlichen Namen erheben, um uns mit dem heiligen Wort zu verbinden, das jenseits unserer Sinne erklingt.

Dieses spirituelle Herzensgebet hat nichts mit gebetsmühlenartiger, mechanischer Wiederholung zu tun, sondern soll mit Liebe und Hingabe geübt werden. Dann sammelt sich das Gemüt an einem Punkt und vertieft sich so sehr in Gott, dass man jeden Gedanken an die äußere Welt und an sein eigenes Ich vergisst.

Bei dieser Übung werden die natürlichen Eigenschaften des Gemüts genutzt und in den Dienst der Seele gestellt: Es kann immer nur an eine Sache auf einmal denken und nimmt nach dem Grundsatz „Wie du denkst, so wirst du“ mit der Zeit die Eigenschaften der Menschen, Wesen und Gegenstände an, an die es am häufigsten denkt. Durch die Übung des spirituellen Herzensgebets wird unser Gemüt auf ein einziges, übernatürliches Ziel ausgerichtet und allmählich „in Gottes Farbe gefärbt“.

An fangs ist es schwierig, sich zu konzentrieren, denn es braucht Zeit, bis das Gemüt sich daran gewöhnt hat, so selbstverständlich nach innen zu gehen, wie es jetzt nach außen wandert. Doch man sollte des wegen nicht entmutigt sein. Fehlschläge sind Schrittsteine zum Er folg. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.

Sprungbrett ins Jenseits

Das spirituelle Herzensgebet wird zu zweierlei Zwecken geübt: zur Einstimmung in die Meditation und zur inneren Sammlung im Alltag.

Im Rahmen der Meditation zieht es die fünf Sinnesenergien aus dem Körper zum Dritten Auge empor, bis zur Schwelle der spirituellen Welt. Dabei hören wir allmählich auf, den Körper zu spüren – er scheint uns nicht mehr zu gehören und wir empfinden ein Gefühl schwebender Leichtigkeit. Auch Schmerzen und unangenehme Empfindungen werden dann zum Beispiel nicht mehr wahrgenommen. Schließlich können wir den Körper durch die „enge Pforte“ oder „Himmelstür“ am Dritten Auge (vgl. Mt 7,13; Off 4,1) sogar zeitweilig verlassen und uns in die inneren Ebenen erheben.

Der gleiche Vorgang spielt sich übrigens auch am Ende des Lebens ab, wenn wir uns auf demselben Wege für immer von unserem Körper trennen – nur dass dies in der Meditation aus freien Stücken und auf beglückende Weise geschieht. So verlieren wir gleichsam nebenbei auch die Angst vor dem Tod.

Beim Übergang ins Jenseits beginnt man mit dem Einzelauge verschiedene Lichterscheinungen wahrzunehmen. Sie können auch in Form bildhafter Visionen auftreten, zu denen unter anderem die Schau des „inneren Meisters“ gehört. Während dieser Erfahrungen wiederholt man weiter die heiligen Namen.

„Zuletzt hört man die süßen Melodien der unendlichen Musik des Universums – das Wort – und macht unbeschreibliche Erfahrungen“ (Guru Nanak). Zu den Lichterfahrungen kommen auf der zweiten Stufe verschiedene Klangoffenbarungen hinzu und lösen die Lichterfahrungen zunehmend ab. Dann haben die heiligen Namen ihren Zweck in der Meditation erfüllt und brauchen während des Lauschens auf den Klang nicht mehr wiederholt zu werden. Auf der nächsthöheren Stufe sind Licht und Klang als „strahlender Klang“ auch außerhalb der Meditation unaufhörlich zu wahrzunehmen, so dass auch die Notwendigkeit entfällt, sich regelmäßig zur Meditation zu setzen.

Leichter Leben

Das spirituelle Herzensgebet ist aber nicht nur „der Schlüssel zum Himmelreich“, sondern wirkt sich auch im Alltagsleben auf allen Ebenen unseres Daseins segensreich aus. Die geistige Wiederholung der fünf klang-vollen Namen stärkt naturgemäß die Konzentration, weil sie störende Einflüsse von innen und außen gar nicht erst aufkommen oder ins Bewusstsein dringen lässt. So kann man sein Tagewerk leichter, besser und schneller verrichten und es am Abend unbeschwert hinter sich lassen, was wiederum der Meditation zugute kommt.

Zweitens wirken die fünf heiligen Worte generell beruhigend und ausgleichend auf das Gemüt, so dass man sich auch in schwierigen Situationen nicht mehr nervös machen lässt, sondern einen klaren Kopf behält. Auch Spannungen und Konflikte, Hast und Unruhe, Kummer und Sorgen ziehen einen nicht mehr in ihren Bann, ob sie nun aus dem eigenen Inneren oder aus der Umgebung kommen. Dies stärkt natürlich auch das körperliche Gleichgewicht und Wohlbefinden.

Drittens hilft die Wiederholung der heiligen Namen, in kritischen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen und sich nicht im Für und Wieder taktischer Überlegungen zu verlieren: Wenn man sie mit geschlossenen Augen fünfmal konzentriert wiederholt, ohne sich von vornherein auf irgendeine Alternative zu fixieren, taucht im Denken unfehlbar die richtige Lösung auf.

So können wir uns mit den fünf „Himmels Schlüsseln“ schon jetzt ein Stück vom Himmel auf die Erde holen.

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