LEBEN OHNE LEIDEN
Durch Meditieren Karmas reduzieren
Warum leiden wir überhaupt?
Religion ist eine ganz individuelle Angelegenheit. Wenn wir dem Weg der Wiedervereinigung (re-ligio) mit Gott folgen, dann tun wir das nicht für andere, sondern nur für uns selbst. Denn dieser Weg führt dazu, dass wir aufhören zu leiden.
Doch warum leiden wir überhaupt? Unsere Seele ist bekanntlich ein Teil des allmächtigen Gottes. Denn er schuf alle Seelen aus sich selbst oder, wie es in der Bibel heißt, „nach seinem Ebenbild“ (vgl. Gen 1,27). Demnach hat die Seele dieselben Eigenschaften wie Gott: sie ist ungeboren, unsterblich und von ewiger Glückseligkeit erfüllt.
Doch sobald sie sich von Gott trennt, beginnt sie, weltliche Eindrücke aufzunehmen, die sich wie eine Art Plaque um sie legen und sie in immer dichteren Schichten umhüllen. Diese Ablagerungen unterbrechen ihren Kontakt zu Gott und schneiden sie auch von der göttlichen Glückseligkeit ab, so dass sie immer tiefer ins Unglück gerät.
Leidensfaktor Seelen-Plaque
Schließlich werden diese Hüllen so dicht, dass sie die Seele immer weiter von Gott entfernen und ihre weltlichen Neigungen wie Bindungssucht, Ärger und Gier immer mehr verstärken. Und trotz all unserer Bemühungen, sie zu beseitigen, nehmen sie unablässig zu. Das liegt daran, dass sie sich zwar in Windeseile ansammeln, aber nur im Schneckentempo abzubauen sind.
Wir brauchen zum Beispiel gar nichts weiter zu tun als einfach nur dazusitzen, und schon kommen uns alle möglichen Gedanken und Vorstellungen in den Sinn, die wieder einen ganzen Rattenschwanz von Gedanken und Vorstellungen nach sich ziehen und unsere Seele Stück für Stück weiter verhüllen. Auf diese Weise können wir uns binnen einer Minute Tausende von Eindrücken zuziehen. Doch während es zum Beispiel nur eine Sekunde dauert, ein Tier zu töten, erfordert es ein ganzes Leben, um diesen Eindruck wieder auszulöschen. So kommt es, dass wir jeden Augenblick Unmengen von Karmas erzeugen, die uns endlos im Kreislauf der Inkarnationen festhalten und unsere Rückkehr zu Gott verhindern.
Ein doppeltes Problem
Obwohl Gott gemeinsam mit unserer Seele in unserem Körper wohnt, wird es unter diesen Umständen äußerst schwierig, dort mit ihm Verbindung aufzunehmen. Sobald wir versuchen, uns hinzusetzen und nach innen zu konzentrieren, tauchen im Nu jede Menge Gedanken auf, die unsere Aufmerksamkeit postwendend wieder nach außen ziehen.
So wirken sich unsere karmischen Eindrücke in doppelter Hinsicht verhängnisvoll für uns aus: die einen verhindern, dass wir in diesem Leben glücklich werden, und die anderen, die noch auf ihren Ausgleich warten, zwingen uns obendrein immer neue Inkarnationen auf.
Der Pfad der Religion besteht darin, all diese Karmas abzubauen. Er beginnt mit der Praxis der Meditation, bei der die Aufmerksamkeit über das körperliche Ich-Bewusstsein hinaus nach oben gezogen wird und so Gelegenheit erhält, sich dort mit Gott zu verbinden. Der eigentliche Karma-Abbau vollzieht sich dann auf zweierlei Arten: zum einen, indem der Zustrom neuer Eindrücke unterbunden wird, und zum anderen, indem die karmischen Altlasten aus früheren Lebensläufen ausgeglichen werden.
Zwei Lösungsstrategien
Wir können nur dann Eindrücke aufnehmen, wenn unsere Aufmerksamkeit durch unsere Sinnesorgane nach außen wirkt. Damit unsere Handlungen keine Eindrücke mehr in uns hinterlassen, muss sie deshalb in die entgegen gesetzte Richtung umgelenkt werden. Diese innere Umkehr wird in dem Moment eingeleitet, wo wir auf den Pfad der Meditation gestellt werden. Das gibt uns die Möglichkeit, jedes Mal, wenn wir in dieser Welt Sorgen oder Nöte haben, nach oben zu gehen und uns in unser Inneres zurückzuziehen. Damit kommt nach und nach die erste Quelle unseres Leidens zum Versiegen.
Bleiben noch die so genannten Saatkarmas, die sich in zahllosen Lebensläufen angesammelt haben. Aus diesem Vorratslager, das sämtliche karmische Eindrücke umfasst, die noch nicht zur Auswirkung gekommen sind, wird uns für jede Inkarnation ein bestimmtes Kontingent als Los oder Schicksal zugewiesen. Diese Karmas bestimmen unser Verhalten und unseren Lebenslauf. Sie müssen von uns hingenommen werden und können nur dadurch ausgeglichen werden, dass wir sie direkt erfahren. Auch der Abbau dieser Karmas wird durch die Meditation gefördert.
Diese Saatkarmas sind das eigentliche Problem, weil ihre Anzahl so riesig ist, dass sie jedes Vorstellungsvermögen übersteigt. Doch wenn wir regelmäßig meditieren und unseren Übungsweg gewissenhaft vollenden, kommen wir schließlich an den Punkt, wo wir die göttliche Offenbarung (vgl. Glossar) des Klangs auch außerhalb der Meditation vernehmen. Dieser automatische Klangstrom (vgl. Glossar) ist in der Lage, sämtliche Vorratskarmas auszulöschen – genauso, als würde mit einem einzigen Streichholz ein riesiger Holzhaufen angezündet und zu Asche verbrannt. Das ist der einzige Weg, um diese zweite Art von karmischen Eindrücke abzubauen.
Selbst aktiv werden
Spirituelles Wissen allein genügt also nicht – wir müssen es auch vollständig in die Tat umsetzen. Nur Bücher über religiöse Themen zu lesen, hat zwar auch mit Religion zu tun, vermittelt aber nur theoretisches Wissen. Spirituelles Wissen beginnt erst dann, wenn die Theorie tatsächlich zur Anwendung kommt. Dann haben wir sozusagen „Religion in Aktion“.
Mein Meister sagte in diesem Zusammenhang immer: „Religion beginnt dort, wo alle Philosophien der Welt enden.“ Wir können unser ganzes Leben lang heilige Schriften lesen, ohne auch nur einen Schritt weiter zu kommen. Umgekehrt sind wir mit einem einzigen praktischen Schritt bereits auf dem Weg, der uns eines Tages ans Ziel bringt. Sobald man mit der Meditation begonnen hat, ist man deshalb bereits auf dem richtigen Weg. Am Ausgangspunkt dieses Weges stehen göttliche Licht-Offenbarungen (vgl. Glossar), an seinem Ende der automatische Klang.
Wenn dieser selbsttätige Klangstrom hörbar wird, dauert es freilich noch seine Zeit, bis die Myriaden von Handlungseindrücken aus dem karmischen Vorratslager gelöscht sind, und wir sollten daher nicht der Illusion erliegen, wir hätten die Erlösung schon in der Tasche. Dennoch können wir ganz sicher sein, dass wir von diesem Zeitpunkt an nicht mehr zurückfallen können und noch im gegenwärtigen Leben die Erlösung erlangen.
Bei der Stange bleiben
Doch welche praktischen Konsequenzen hat dieser entscheidende Meilenstein für unser spirituelles Wohlergehen? Wenn der automatische Klangstrom nun seine Arbeit sozusagen ohne uns verrichtet und wir nicht einmal mehr zu meditieren brauchen, müssen wir uns dann überhaupt noch um unseren Fortschritt kümmern? Als ich meinen Zuhörern einmal erklärte, was die Offenbarung des automatischen Klangs für sie bedeutet, fragte einer von ihnen: „Was ist, wenn jemand jetzt dem Pfad den Rücken kehrt, während ein anderer weiterhin nach den spirituellen Weisungen lebt? Gibt es da irgendeinen Unterschied?“ Ich erwiderte: „Das Endergebnis ist in jedem Fall dasselbe. Aber in der Zwischenzeit wird der eine, der den Pfad links liegen lässt, weiterhin unter den Karmas zu leiden haben, die er in diesem Leben auszugleichen hat. Der andere dagegen, der bei der Stange bleibt, wird von diesem Leiden verschont.“
Es gibt eine Geschichte, die diesen Sachverhalt anschaulich illustriert. Eine Frau war auf dem Weg zum Brunnen, um Wasser zu holen. Auf dem Kopf balancierte sie einen Wasserkrug und an der einen Hand führte sie ihr Kind, das missmutig hinter ihr her trottete und quengelte: „Trag mich, Mama!“ Da sagte die Mutter: „Gut, dann streck deine Arme zu mir herauf, damit ich dich besser hochheben kann.“ Doch das Kind war schon so verstockt, dass es nicht einmal mehr bereit war, sich diese kleine Mühe zu machen. Da packte es die Mutter und zog es kurzerhand mit sich fort, so dass es in lautes Weinen ausbrach und nur schwer mit ihr Schritt halten konnte. „Das hast du nun von deinem Trotz,“ sagte sie, „wärest du gescheiter gewesen und mir ein bisschen entgegen gekommen, wärest du jetzt bei mir auf dem Arm und brauchtest nicht so zu heulen!“ Genau das ist der Vorteil des Schülers, der sich weiterhin um spirituelle Führung bemüht: er fühlt sich sicher durchs Leben getragen und braucht sich um nichts mehr zu sorgen.
Die Anti-Leid-Versicherung
Wie aber können wir diese Führung inmitten all unserer weltlichen Verpflichtungen jederzeit haben? Der beste Weg dazu ist, dass wir jeden Morgen, bevor wir an die Arbeit gehen, unsere Aufmerksamkeit am dritten Auge konzentrieren, die Augen schließen und mehrmals die fünf heiligen Worte wiederholen, die wir bei der Einführung auf den spirituellen Pfad des inneren Lichts und Klangs erhalten haben. Dann sind wir immer in guter Hut, werden sicher vor Leiden bewahrt und lassen uns nicht mehr zu neuen karmischen Handlungen verleiten. Wenn wir uns diese Gewohnheit zu eigen machen, wird unser Leben ganz einfach. Dann müssen wir uns keine Gedanken mehr darüber machen, ob wir auch ja das Richtige tun, sondern werden immer richtig geführt.

