Liebe braucht ein ganzes Herz
Mit Gott ein Herz und eine Seele werden
Eine Sache des Herzens
Jeder beteuert, dass er Gott oder sonst jemanden liebt, aber wie viele Menschen wissen wirklich, was Liebe ist?
Zunächst einmal ist Liebe eine Sache des Herzens, nicht des Verstandes. Ein Gebildeter kann doch herzlos sein. Die Liebe ist mehr als der Verstand, aber manchmal steht der Verstand der Liebe und dem Herzen im Weg. Ein Heiliger hat einmal gesagt: „Wenn ihr keine Liebe zu Gott entwickelt habt, seid ihr nichts weiter als Esel, die mit Büchern und Schrif ten vollgepackt sind.“ Ihr habt ganze Büchereien in eurem Kopf und keinen Tropfen davon in eurer Seele.
Einmal kam ein Student mit einem Buch unterm Arm zu Paramahansa Ramakrishna, und dieser fragte ihn: „Was hast du da für ein Buch?“ Der Student antwor tete: „Das ist ein Werk über die Herstellung von Wasser.“ Paramahansa Ramakrishna lachte und sagte: „Gut, dann presse doch einige Seiten des Buches aus und schau dir an, wieviele Tropfen Wasser herauslaufen.“ Was meinte er damit? Bücherlesen ist nur der erste Schritt. Es ist nicht alles. Wieviele Tropfen Liebe konntet ihr aus euren Büchern über Gott herauspressen?
Liebe ist eine Sache des Herzens, weil sie der direkte Weg zu Gott ist: Gott ist Liebe und unsere Seele ist ebenfalls Liebe. Darum führt auch der Weg zurück zu Gott nur über die Liebe.
Seinen größten Herzenswunsch erkennen
Aber auch wenn Liebe eine Sache des Herzens ist, ist sie dennoch kein Gefühl – sie ist eine Kraft: die Kraft, durch die sich das Herz zu etwas hingezogen fühlt. Wenn das Herz etwas ersehnt, wird es eine Schwingung aussenden, die auf das Ziel seiner Wünsche einwirkt. Im Koran sagt Gott: „Ich liebe die, die mich lieben. Ich denke an die, die an mich denken.“ Da Liebe die natürliche Verbindung zwischen unserer Seele und Gott ist, löst unsere Hinwendung zu ihm auch genau die gleiche Bewegung in ihm aus.
Beim letzten Mal (im Oktober-Heft ) habe ich die Geschichte eines orientalischen Königs erzählt, der vier Frauen hatte. Er wollte in ein anderes Land reisen und fragte seine Gemahlinnen, was er ihnen als Geschenk mit bringen solle. Jede hatte einen anderen Wunsch. Aber die jüngste, die den König am meisten liebte, schrieb ihm: „Ich will nur Dich, sonst nichts. Komm bald wieder.“ Als der König zurückkehrte, sand te er den anderen Frauen ihre Geschenke – zur jüng sten aber ging er selbst.
Das soll zeigen, dass ihr bekommt, was ihr wirklich wollt. Die Meister sagen, dass Gott versprochen hat, dem Menschen alles zu gewähren, was sein Herz begehrt. Wir sagen so leicht: „O Gott, wir wollen Dich“, aber im Grunde wünschen wir uns weltliche Dinge.
Wenn wir das Verlangen nach Gott wirklich in unserem Herzen haben, dann werden wir ihm unfehlbar begegnen. Gott wird zu uns kommen und sich uns offenbaren. Wenn wir nur einen Schritt in diese Richtung machen, wird er uns hundert Schritte entgegenkommen. Wir müssen nur entscheiden, was wir im Innersten wollen. Ein wirklich Liebender will Gott und nur Gott allein.
Also prüft euch aufrichtig und entscheidet, was ihr wollt. Wenn ihr Gott wollt, dann wird er unfehlbar zu euch kommen. Wenn ihr euch etwas anderes wünscht, so werdet ihr auch das bekommen – mehr aber nicht. Was ihr auch wollt, ihr werdet nie Mangel daran leiden. Aber warum aber wollt ihr gewöhnliche Kiesel und Steine von einem König?
Sein ganzes Herz verschenken
Es heißt, dass man die Liebe finden kann, indem man jemandem sein Herz schenkt. In der Bibel steht, wir sollten Gott von ganzem Herzen lieben (vgl. Mt 22,37). Habt ihr ein Herz oder zwei? Ihr habt nur eins und könnt es nur einem geben, den ihr liebt. Als erstes sollte unser Herz also ungeteilt und nicht in viele Stücke zersplittert sein. Nur wenn es ganz ist, könnt ihr es verschenken.
Mein Meister sagte einmal in einem Gespräch: „Wenn einer von euch wirklich Gott sein Herz schenken kann, kommt er direkt in den Himmel!“ Da stand ein Mann auf und sagte: „Gut, ich gebe ihm mein Herz.“ Der Meister fragte ihn: „Gehört es dir denn überhaupt und kannst du wirklich frei darüber bestimmen?“ – „Nein“, erwiderte der Mann. „Wie kannst du es dann hergeben?“, wollte der Meister wissen. Ihr könnt nur etwas verschenken, über das ihr auch frei verfügen könnt und was euch wirklich gehört. Euer Herz wird aber von euren weltlichen Wünschen in alle möglichen Richtungen gezogen. Wie könnt ihr es herschenken, wenn es so zersplittert ist? Sorgt also zuerst einmal dafür, dass euer Herz ganz ist.
Ein geteiltes Herz ist wie ein Wasserrohr mit vielen Löchern. Das Wasser, das hindurch fließt, tröpfelt überall daraus hervor, und am Ende kommt nur ein ganz schwacher Strahl heraus. Wenn ihr jedoch alle Löcher bis auf die eine Öffnung am anderen Ende verschließt, dann strömt das Wasser kraftvoll daraus hervor.
Jetzt ist eure Aufmerksamkeit, die Kraft eures Herzens, in alle möglichen Richtungen verstreut und richtet sich auf vielerlei Dinge: euren Körper, eure Kinder, euer Geld, euer weltliches Ansehen usf. Wie könnt ihr diese Energie zu einem kraftvollen Strom vereinen? Indem ihr eure Aufmerksamkeit aus dem Körper mit seinen neun Sinnesöffnungen zurückzieht und sie voll und ganz auf die zehnte Öffnung richtet, die innen über den Augen in der Mitte der Stirn liegt und als Zehntes Tor, Himmelstür (vgl. Off 4,1) oder Drittes Auge bekannt ist. Dann erfahrt ihr einen starken, aufwärts gerichteten Energieschub. Das ist Liebe, die aus ganzem Herzen kommt.
Im Geliebten aufgehen
Wenn ihr Gott nun aber euer ganzes Herz geschenkt habt, was bleibt euch dann? Dann vergesst ihr euch selbst und geht ganz in der Liebe zu eurem Geliebten auf. Shamas von Täbris, der Meister von Maulana Rumi, sagte: „Ich werde du und du wirst ich. Du wirst so sehr meine Seele, dass man nicht mehr unterscheiden kann, ob du es bist oder ich.“ Paulus beschrieb denselben Zustand mit den berühmten Worten: „Ich bin es, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (vgl. Gal 2,20). Genau das gleiche haben die Heiligen anderer Länder gesagt, jeder auf seine Weise.
Wie ist der Zustand eines Menschen, der Gott auf diese Weise liebt? Seine Aufmerksamkeit ist immer auf Gott gerichtet – selbst wenn er isst, trinkt oder schläft. Er ist erwacht für seine Innenwelt und schläft in Bezug auf die Außenwelt. In unserem jetzigen Zustand sind wir nach außen wach und schlafen innen in Bezug auf Gott. „Schlafen“ bedeutet hier, dass man sich der inneren Welt nicht bewusst ist. Wer Gott liebt, ist erwacht für ihn und schläft in Bezug auf die Außenwelt, das heißt er bleibt davon völlig unberührt.
Dazu braucht man die Welt aber nicht zu verlassen. Ein Heiliger aus dem Westen sagte einmal: „Wo gehe ich hin, wenn ich ganz allein sein will? Ich gehe in ein Gasthaus, wo die Leute kommen und gehen – ich jedoch kümmere mich nicht darum, denn ich bleibe ganz für mich.“ Leider sind wir nicht allein für uns; viele Gedanken kommen aus uns heraus und wir kümmern uns um sie.
Wenn ihr eure Aufmerksamkeit voll und ganz auf Gott gerichtet habt, seht ihr zwar nicht sein Angesicht, aber das Licht, das von ihm ausgeht. Das ist der erste Prüfstein dafür, dass ihr innen erwacht seid und in Bezug auf die Außenwelt schlaft. Ein Mensch, der Gott auf diese Weise liebt, lebt in der Welt und dennoch außerhalb von ihr. Das ist das Höchste, was Liebe vermag.
Sein Herz wandeln
Wenn wir unsere Aufmerksamkeit von den äußeren Dingen abziehen und nach innen konzentrieren, dann sind wir voll und ganz da, wo unsere Aufmerksamkeit ist. Wir sind also selbst die Aufmerksamkeit. Lenkt ihr sie auf Gott, dann seid ihr bei Gott und werdet zu dem, was er ist.
Christus beschrieb diesen Vorgang mit den Worten: „Kehret um, denn das Reich Gottes ist nahe“ (vgl. Mk 1,15). „Wandelt euer Herz“, sagen alle Meister. Was bedeutet das?
Das heißt, man muss seine Aufmerksamkeit von der einen Richtung in die andere umlenken, weg von der Welt und hin zu Gott. Das ist der Weg zu Gott, und im Lichte meiner Worte könnt ihr nun prüfen, wo ihr steht und was ihr im Leben erreichen wollt. Zur rechten Zeit werdet ihr alles bekommen, was ihr wollt, aber warum wollt ihr nicht Gott, damit ihr ihm ge hört und er euch? Nichts kann dann mehr zwischen euch treten, weder Körper noch Gemüt oder sonst etwas aus der äußeren Welt. Dann habt ihr schon jetzt den Himmel auf Erden. Davon das nächste Mal mehr.

