Medizin und Mitgefühl
Ein Plädoyer für Achtsamkeit und liebende Güte im Alltag von Ärzten und Pflegepersonal
Der Mangel an offenkundigem Mitgefühl in der Medizin herrscht vielleicht nicht trotz, sondern gerade aufgrund der technischen Fortschritte der jüngsten Zeit. Ärzte tragen mit der Benutzung des mächtigen Arsenals, das ihnen zur Verfügung steht, oft dazu bei, dass es den Patienten besser geht und sie wieder gesund werden. Sie sind der festen Meinung, dass sie, indem sie ihren Patienten die Symptome erleichtern, bereits Mitgefühl zum Ausdruck bringen, und es irritiert sie, wenn die Patienten ihnen nicht so dankbar sind, wie sie es erwarten würden.
Die blockierende Angst vor Mitgefühl
Wir gehen davon aus, dass bei der medizinischen Begegnung stets Mitgefühl vorhanden ist – wir könnten das „De-facto-Mitgefühl“ nennen. Die Patienten suchen Beruhigung, Bestätigung und Wohlwollen bei ihren Ärzten – aber was sie erhalten, fühlt sich oft unpersönlich an. Der Arzt strahlt eine Haltung aus, die man so ausdrücken könnte: „Natürlich sind Sie mir wichtig. Ich kümmere mich doch schließlich um Sie, oder?“
Die Schwierigkeit, eine mitfühlende Fürsorge zu definieren, rührt zum Teil von einem Unbehagen mit dem Wort „Mitgefühl“ selbst her. Das Wort „Mitgefühl“ kommt in medizinischen Wörterbüchern nicht vor. In einem Standardwörterbuch ist „Mitgefühl“ in erster Linie als „Mitleiden“ definiert. Diese Definition wörtlich zu nehmen und einfach das Leiden der Patienten zu teilen würde wohl weder den Patienten noch den Ärzten helfen. Die Definition des Wortes „Mitgefühl“ schließt auch Sympathie mit ein, ein Ausdruck, den Menschen in medizinischen Berufen gerne vermeiden, weil er den Patienten gegenüber herablassend zu sein scheint. Deshalb kommt das Wort „Mitgefühl“ selten in medizinischer Literatur vor. Momentan hört man eher ...
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