Paulus erfindet das Christentum

Paulus erfindet das Christentum

Teil 3: Vom inneren Weg zur „Christus-Sekte“

Trotz seines Beina¬mens „Apostel“ war Paulus kein direkter Jünger Jesu. Von Rechts wegen hät¬te die Nachfolge Christi also auf ein Mitglied des inneren Jüngerkreises übergehen müssen. Wie schaffte es Paulus trotzdem, zum Gründer eines „neuen christlichen Weges“ (vgl. Apg 18,25) werden? Diese Frage erkunden wir im vorletz-ten Teil unserer Spurensuche zum Paulus-Jahr 2009. .

Ein cleverer Organisator

Der selbst ernannte „Apostel“ (vgl. Römer 1,1) wurde nie von Jesus in die spirituelle Praxis eingeführt. So konnte er auch keinen Zugang nach innen haben, geschweige denn anderen geistige Erfahrungen vermitteln (vgl. Teil 1 und 2 dieser Reihe in VISIONEN 6 und 7/2009). Wann immer Jesus über die Verbreitung seiner Botschaft sprach, wandte er sich an den engeren Jüngerkreis der Zwölf, vor allem an Petrus. Auch die Offenbarungen seines Lieblingsjüngers Johannes zeigen einen hoch entwickelten, mit sämtlichen gei stigen Ebenen vertrauten spirituellen Schüler. Von Rechts wegen hät te die Nachfolge Christi also auf ein Mitglied des inneren Jüngerkreises übergehen müssen. Wie konnte sich dann ein Außenseiter wie Paulus derart in den Vordergrund spielen?

Diese Entwicklung hängt mit den be sonderen Umständen zusammen, die gewöhnlich nach dem Weggang eines spirituellen Meisters entstehen. Er hinterlässt zunächst ein spirituelles Vakuum, weil bis zum Auftreten des autorisierten Nachfol gers plötzlich die äußere Führung fehlt. Während fortgeschrittene Jünger, wie die Johannes-Offenbarung zeigt, von innen her zum neuen Nachfolger geführt werden, wenden sich Schüler, die noch keinen sicheren Zugang nach innen haben, leicht äußeren Ersatz-Aktivitäten zu. Als Folge kann sich ein regelrechter neuer Kult herausbilden.

„Jesus sah, wie der Geist Gottes auf ihn herabkam.“ (Markus-Evangelium)

So war es auch nach Jesu Kreuzigung. Außerdem war damals die politische Lage derart angespannt, dass nur ein politisch versierter Organisator wie Paulus es wagen konnte, seine neue „christliche Lehre“ öffentlich zu verbreiten. Als „begnadeter“ Agitator setzt er dabei eine ganze Reihe von Kunstgriffen ein...

Gezielte Täuschungsmanöver
1. Der Augenzeugen-„Trojaner“

Indem er sich im 1. Korintherbrief direkt auf Jesus beruft, erzeugt er ge schickt den Eindruck, wie ein Angehöriger des engeren Jüngerkreises das Letzte Abendmahl als Augenzeuge miterlebt zu haben: „Denn ich habe es vom Herrn so übernommen, wie ich es euch auch überliefert habe…“ (11,23). Das Abendmahl selbst schildert er anschließend wie folgt (11,23-26): „Der Herr Jesus nahm Brot, sagte Dank, brach es und sprach: Dies ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis. Ebenso (nahm er) auch den Kelch … und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut. Tut dies, so oft ihr ihn trinkt, zu meinem Gedächtnis.’ Denn so(…) verkündet ihr den Tod des Herrn…“

2. Der Schwindel vom „neuen Bund“

Dieser Begriff taucht bezeichnenderweise außer bei Paulus nur noch bei seinem „Assistenten“ auf, dem Chronisten der Apostelgeschichte und Evangelisten Lukas. Damit erweckt Paulus den Anschein, Jesus habe eine neue Religion stiften wollen, und degradiert Gottes ursprünglichen, „ewigen“ (!) Bund (1 Mose 17,19) im Handumdrehen zum „alten“, durch Jesus überholten Bund. Dagegen hatte dieser selbst bekräftigt, er sei nicht gekommen, das Gesetz Gottes zu ändern, sondern zu erfüllen (Mt 5,17-18).

„Der Heilige Geist war noch auf keinen von ihnen herabgekommen.“ (Apostelgeschichte)

3. Der fingierte Sendungs-Auftrag

Den angeblich „neuen“ Bund verknüpft Paulus mit dem Auftrag: „…verkündet den Tod des Herrn…“, also nicht mehr „den Weg, der zum Leben führt“ (vgl. Mt 7,13), den Jesus noch gelehrt hatte. In der Apostelgeschichte werden Jesus dann die Worte in den Mund gelegt: „… ihr werdet mit dem Heiligen Geist erfüllt werden, und dieser Geist wird euch die Kraft geben, überall als meine Zeugen aufzutreten: … bis ans äußerste Ende der Erde“ (Apg 1,8).

Die tatsächlichen Jünger Jesu waren bereits mit dem Heiligen Geist verbunden, und Jesus selbst ließ nur diesen Geist als Zeugen für sich gelten, nicht andere Menschen (Jh 5,34 bzw. 37).

Anders als noch bei Jesus soll das Zeugnis der Apostel nun auf der ganzen Welt verkündet werden: „allen Menschen überall“ (vgl. Apg 17,30). „Bis jetzt hat er (Gott) alle Völker außer den Juden ihre eigenen Wege gehen lassen“ (Apg 14,16). „Nun bietet er das Heil auch den anderen Völkern an“ (vgl. Apg 28,28; s. Info)

Nach dem universalen spirituellen Gesetz „Wenn der Schüler bereit ist, kommt der Meister“ gelangen immer nur die Sucher auf den spirituellen Pfad und zu dem für sie bestimmten Meister, die dafür reif und durch das „Siegel des lebendigen Gottes auf ihrer Stirn“ (vgl. Off 7, 2 und 3) dazu ausersehen sind. Diese zahlenmäßig begrenzte, ihm persönlich bekannte Gruppe von Jüngern (vgl. Jh 10,26) nannte Jesus seine „verlorenen Schafe aus dem Hause Israel“ (vgl. Mt 15,24): Nur zu ihnen sei er gekommen; andere Menschen gehörten nicht dazu und könnten ihm daher nicht folgen (vgl. Jh 10,26).

Schaffung von Ritualen
1. Die sonntägliche Abendmahls-Feier

Durch einen weiteren Kunstgriff, den Zusatz „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, der ebenfalls ausschließlich beim Evangelisten Lukas vorkommt, legt Paulus bei seiner Abendmahls-Schilderung gleichzeitig den Grundstein für das zentrale Ritual des organisierten Christentums, die Feier der Eucharistie. Das gemeinsame „Brotbrechen am ersten Wochentag“ ist schon sehr bald fest etabliert (vgl. Apg 20,7). Während Jesu wirkliche Jünger jederzeit das innere Brot des Lebens genießen konnten, wird hier nach einem festen Ablauf (nehmen, danken, brechen, essen) zu einem festen Zeitpunkt äußeres Brot verzehrt. Hinzu kommen gemeinsame Gebete im Tempel (Apg 2,46) statt der persönlichen geistigen Kommunikation mit Gott in der inneren Kammer (vgl. Mt 6,6).

Wie die Taufe wurde auch das Abendmahl als rituelle Feier von Paulus eingesetzt, nicht von Jesus.

2. Taufe, Beten, Handauflegen

Die „Eintrittskarte“ zur neuen Religionsgemeinschaft bildet das Ritual der Taufe „auf den Namen“ ihres angeblichen Gründers: „…lasst euch taufen auf Jesus Christus; lasst seinen Namen über euch ausrufen und bekennt euch zu ihm – jeder und jede im Volk! Dann wird Gott … euch seinen Heiligen Geist schenken“ (Apg 2,38).

Während Jesus und seine Jünger bei der Taufe noch direkt den Heiligen Geist erfuhren, indem sie mit göttlichen Offenbarungen verbunden wurden – Jesus zum Beispiel mit dem schon in den Veden und allen heiligen Schriften bezeugten inneren Klang des Wasserrauschens (vgl. Off 1,15) und dem „taubenweißen“ inneren Licht (vgl. Mt 3,16) –, genügt jetzt das Eintauchen in beliebiges Flusswasser (vgl. Apg 8,36), das Nennen von Jesu Namen und ein Glaubensbekenntnis als formelle „Beitrittserklärung“. Der Heilige Geist wird für später versprochen, bleibt aber offenbar häufig aus: „…die Menschen waren zwar im Namen von Jesus, dem Herrn, getauft worden, aber der Heilige Geist war noch auf keinen von ihnen herabgekommen.“ So müssen die (teilweise erst von fern herbei gerufenen) Apostel mit äußeren Mitteln nachhelfen: Sie „beteten zu Gott, dass er den Getauften seinen Geist schenke“, „wenn die Apostel ihnen die Hände auflegten“ (vgl. Apg 8,15-18).

Fazit

In ironischer Anlehnung an den Schlussvers den Johannes-Evangeliums (vgl. Jh 21,25) ließe sich von Paulus sagen: „Es gibt es noch vieles andere, was er ‚verbrochen’ hat…“! Sein Beispiel ist jedoch beileibe kein Einzelfall und beleuchtet sehr anschaulich die beiden Anfangsstadien jeder neuen organisierten Religion:

…Die spirituelle Praxis wird durch rituelle Handlungen ersetzt, bei denen der eigentliche Kern der Sache nun fehlt: der di rekte Zugang zu Gott.

…Das nun fehlende authentische göttliche Wissen und wird durch abweichende theologische Konstrukte und Lehrmeinungen ersetzt.

Letzter Teil im nächsten Heft:
„Von der Sekte zur Weltreligion“

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