Selbstliebe, Nächstenliebe, Gottesliebe
Alles kommt aus einer Quelle
Jesu entscheidende Aufforderung an die Menschen lautet: „Entfaltet eure eigene Persönlichkeit, euer inneres Selbst!“ Es gibt aber auch den Kernsatz: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Das erste zieht auf natürliche Weise das zweite nach sich, und beides basiert auf der Liebe zwischen Gott und uns.
Sein eigenes Selbst entfalten
Einmal wurde ich gefragt: „Was ist wichti¬ger, zu lieben oder geliebt zu werden?“ In unserem Zusammenhang muss diese Frage lauten: „Was ist wichtiger, von Gott geliebt zu werden oder Gott zu lieben?“ Denn beides ist voneinander abhängig. Niemand kann Gott lieben, ohne zuerst von ihm geliebt zu werden, und erst wenn ein Mensch Gott aufrichtig liebt, kann er auch seine Liebe wirklich empfinden. Mein Meister sagte oft: „Wenn ihr einen Schritt auf Gott zugeht, kommt er euch hundert Schritte entgegen.“ Wir müssen also diesen ersten Schritt tun – uns Gott zuwenden –, damit wir seine Liebe zu uns erfahren können. Dann werden wir tausend Segnungen von ihm empfangen.
In diesem Sinne lautet auch Jesu zentrale Botschaft: „Stelle Gott an die erste Stelle und die Welt an die zweite.“ Erst auf dieser Grundlage entwickelt sich auch die rechte Liebe zu uns selbst und anderen. Wer den spirituellen Pfad geht, entfaltet zunächst sein eigenes Selbst. Jesus selbst drückt das so aus: „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und doch Schaden an seiner Seele nimmt?“ (Mt 16,26) Seine entscheidende Aufforderung lautet: „Entfaltet eure eigene Persönlichkeit, euer inneres Selbst! Je mehr ihr dies tut, desto freier werdet ihr von den Reizen und Bindungen der äußeren Welt. Strebt nach der tatsächlichen inneren Verbindung mit Gott und nach der Erlösung.“
Andere lieben lernen
Es gibt aber auch den Kernsatz Jesu: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ (Mt 19,19) Er wurde in der christlichen Tradition fast immer im Sinne der Selbstentsagung zugunsten des anderen gelehrt. Psychologisch ausgerichtete Theologie weisen darauf hin, dass eine gesunde, echte Liebe zum Nächsten erst einmal die Liebe zu sich selbst voraussetzt – die Selbstannahme mit allen Trieben und Wünschen.
Dabei wird eines meist übersehen: Das Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ ist nur der zweite Teil des umfassenderen Gebotes: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzem Herzen, deiner ganzen Seele, deinem ganzen Denken und deiner ganzen Kraft“ (Mk. 12,30; vgl. 5. Mose 6,5). Gottesliebe und Nächstenliebe lassen sich nicht befehlen. Jesu Worte sind daher auch nicht als ethisches Gebot gemeint, sondern als Maßgabe für jene, die sich der Spiritualität zuwenden. Jemand kann ein ganzes Leben lang um Gottes Liebe bitten, ohne dass er sie tatsächlich entfalten kann. Dagegen blüht sie ganz von selbst in einer Seele auf, die Gottes Offenbarungen empfängt.
Die Liebe zu Gott ist eine Gottesgabe, aber sie überkommt einen Menschen nicht willkürlich wie ein Wunder, sondern als unbedingte Folge der Verbindung mit dem inneren Offenbarungsstrom (vgl. „Mehr zum Thema“), also als Folge der Meditation. Es ist ein unumstößliches Gesetz in der Religion wie auch im menschlichen Bereich, dass man nicht lieben kann, was man nicht erfahren hat. So ist kein einziger Mensch mit noch so gutem Willen in der Lage, Gott zu lieben, solange Gott sich ihm nicht selbst im Innern offenbart hat. Gottesliebe geht der Nächstenliebe voran. Wer durch die Meditation die Liebe zu Gott entfaltet hat, entwickelt mühelos auch die Liebe zu seinen Mitmenschen, denn diese ist die Folge der Liebe zu Gott.
Von Gott geliebt sein
Nun scheint es leichter, die Menschen zu lieben, als Gott, da man seine Mitmenschen ja direkt vor Augen hat. Zweifellos ist es einfach, diesen oder jenen Menschen zu lieben. Dies ist jedoch nicht die Liebe, von der Jesus sprach, denn sie ist nicht unparteilich; sie unterliegt dem Wandel, und sie ist von egoistischen Motiven zumindest begleitet. Wer mitmenschliche Liebe aufgrund von Sympathie empfindet, kann sich auch nicht von Gefühlen der Abneigung oder gar des Hasses frei machen. Wer jedoch eigene innere Offenbarungen (vgl. „Mehr zum Thema“) in sich erfahren hat, weiß, dass Gott nicht nur in ihm selbst, sondern genauso in jedem anderen Menschen wohnt.
Dies beantwortet auch die Frage von Seiten der psychologischen Theologie. Es ist richtig, dass eine Art Selbstliebe die Voraussetzung für Nächstenliebe ist, jedoch nicht in dem gemeinhin verstandenen Sinne. Seinen Wünschen und Trieben nachzugeben, bringt den Menschen der Nächstenliebe keinen Schritt näher, und umgekehrt führt Selbstunterdrückung nur zu Aggression und Hass, nicht aber zu Liebe. Selbstliebe im höheren Sinne jedoch bedeutet Liebe zu Gottes Gegenwart in der eigenen Seele. Wer dies erfährt, fühlt sich durch und durch von Gott angenommen und geliebt, und diese innige Verbindung führt nicht zur Unterdrückung des sinnlichen Ichs, sondern dazu, dass es von selbst gegenüber dem höheren Glück an Bedeutung verliert.
Gottesliebe geht der Nächstenliebe voran. Wer durch Meditation die Liebe zu Gott entfaltet hat, entwickelt mühelos auch die Liebe zu anderen, denn sie ist die Folge der Liebe zu Gott.
Diese Art von Selbstvergessenheit zeichnet geistig starke und gesunde Menschen aus, und auf dieser die Grundlage reift die Liebe zu anderen Menschen von selbst. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ bedeutet also, dass man sich selbst von Gott geliebt weiß und erkennt, dass Gottes Liebe die ganze Schöpfung umfasst. Man liebt dann nicht die anderen, sondern Gott in ihnen. So ist das Gebot der Nächstenliebe nur die logische Folgerung der an die höchste Stelle gesetzten Gottesliebe.
Praktische Nächstenliebe
Wie sieht das Gebot der Nächstenliebe nun aber praktisch aus, besonders vor dem Hintergrund der Karmalehre? Wo macht es Sinn zu helfen, und wo stifte ich mehr Schaden als Nutzen? Vielleicht habe ich durch die Meditation Einblicke in mein eigenes Schicksal und in frühere Lebensläufe gewonnen und daher bestimmte Leiden als gerechtes Los akzeptiert. Ich werde aber kaum das Schicksal anderer erkennen und wissen, wann es meine Hilfe zulässt und wann sie scheitern muss. Reicht da nicht der Gedanke: „Gleich, wie das Schicksal dieses Menschen aussieht – er ist in Not“, um ihm die mir mögliche Hilfe anzubieten? „Vielleicht ist es ja Teil seines Karmas, dass er meine Hilfe jetzt empfängt.“
Normalerweise kennen wir nicht einmal unsere eigene Zukunft, geschweige denn die Bestimmung anderer Menschen. Manchmal tun wir alles, um die Lage eines anderen zu bessern, und bleiben doch völlig erfolglos, während wir ein andermal unser gut gemeintes Ziel erreichen. Die Grundregel für unser Verhalten anderen Menschen und Geschöpfen gegenüber sollte daher sein: „Tu dein Bestes und überlass das Ergebnis Gott“. Dann endet unser Bestreben bei der eigenen Tat, ohne sich auf das Ergebnis unseres Handelns zu richten. Dies ist im wirklichen Sinne selbstloser Dienst. Anderen zu dienen ist eine Form von Gottesdienst, wenn es mit der dieser inneren Loslösung geschieht. Stellt man jedoch die Regel auf: „Werde glücklich, indem du andere glücklich machst“, so bindet man sich an das Ergebnis und schafft damit für sich selbst neues Unglück, da man nur selten mit seinen noch so gut gemeinten Bemühungen den angestrebten Erfolg haben wird.
Im Übrigen erhält man auf dem Pfad der Meditation im Laufe seiner spirituellen Praxis zunehmend auch von innen her konkrete Führung. Sie zeigt den Schülern, wo sie wem wann und wie helfen sollen. Dies ist selbstloses Dienen, da es nicht aus eigenen Überlegungen heraus geschieht, sondern von Gott geleitet wird. So kümmern sich die Schüler nicht um das Ergebnis, sondern dienen, so gut sie können, und vergessen dann, was sie getan haben. Diese Art von Dienen verstärkt ihre Liebe zu Gott und diese wiederum die Liebe zur ganzen Schöpfung.

