VOM TAO UND DER WAHREN TUGEND

VOM TAO UND DER WAHREN TUGEND

Über das Tao Te King von Lao-Tse

Was ist das Tao des Taoismus? Westliche Gelehrte übersetzen das chinesische Schriftzeichen mit Weg, Weltgesetz, Sinn, Wesen oder gar Logos. Egmont Einofski nähert sich diesem mystischen Kernbegriff anhand einer außergewöhnlichen Übertragung des Tao Te King durch einen heutigen Zen-Meister.

In einer im 1. Jahrhundert verfassten Biographie über Lao-tse, den „alten Meister“, wird berichtet, dass er als Archivbeamter in China lebte. Als er sah, dass sein Heimatort im Verfall begriffen war, soll er sich auf einen Wasserbüffel gesetzt haben und ausgewandert sein. Auf seiner Wanderung kam er an einen Grenzpass, wo ihn der Grenzwächter darum bat, seine Weisheit doch in einem Buch zu hinterlassen. Lao-tse verfasste daraufhin ein kleines, aber sehr tiefsinniges Buch vom Tao und von Te, vom göttlichen Urgrund und seinem Wirken: das Tao Te King. Dann zog Lao-tse weiter seines Weges, und „niemand weiß, wo er geendet hat. Er war ein Weiser, der die Verborgenheit liebte.“

Kürzlich erschien eine neue Übertragung des Tao Te King von Zen-Meister Zensho W. Kopp*, die der ausdrucksstarken und einfachen Sprachform der chinesischen Urfassung sehr nahe kommt. Es macht Freude, in dieses kleine Taschenbuch zu schauen, um die uralten und doch immer zeitgemäßen Wahrheiten des chinesischen Weisen Lao-Tse zu studieren. Im Folgenden zitiere ich jeweils nach der Übersetzung von Zensho W. Kopp.

Die Bedeutung des Tao

Für Kung-fu-tse, den wir als Konfuzius (6. Jh. v. Chr.) kennen, bedeutete das Tao das kosmische Weltgesetz, auf dem die Harmonie alles Daseienden beruht. Sittliches, tugendhaftes Handeln stellt ein Mittel dar, diese kosmische Harmonie herzustellen. Zwar ist bei Kung-futse die Tugend mehr als bloße Moralität, denn sie stellt den Weg des Himmels dar. Sie tritt jedoch nach außen als ein Gesetz in Erscheinung, nach dem man sich richten sollte.

Der Höchste Mensch hat kein Ich, der spirituelle Mensch hat nichts verwirklicht, der Weise hat keinen Namen. (Zhuang-zi)

Im Unterschied zu dem Morallehrer Konfuzius ist das Tao für den Mystiker Lao-tse der Urgrund des Seins, über den man mit Worten nichts aussagen kann. Deshalb verkündet Lao-tse gleich zu Beginn des Tao Te King: „Das aussagbare Tao ist nicht das ewige Tao. Der nennbare Name ist nicht der ewige Name.“

Nach Zensho W. Kopp ist die eigentliche Bedeutung des Tao „die des harmonischen Wandels der Natur, des schöpferischen Urprinzips, das aus sich heraus in nie endender Fülle alle Dinge gebiert, erhält und wieder auflöst.“ Es ist „der Urgrund allen Seins, unwandelbar und ewig, das Absolute, das höchste Transzendente, die eine anfanglose Wirklichkeit, aus der das Universum entspringt.”

Das chinesische Wort Te wird üblicherweise mit „Tugend“ wiedergegeben. Doch Zensho W. Kopp weist mit Recht darauf hin, dass es mit unserem herkömmlichen Tugendbegriff nichts zu tun hat, denn „für den Taoisten entspringt die wirkliche wahre Tugend der inneren geistigen Verwirklichung des Menschen und wird nicht von außen auferlegt.“

Die eigentliche Bedeutung der Zehn „Gebote“

Mich erinnern diese Aussagen an die ursprüngliche Bedeutung der Sätze im Alten Testament, die uns üblicherweise als die Zehn Gebote bekannt sind. Nach dem hebräischen Text handelt es sich bei diesen „Geboten“ lediglich um „Worte“, die nicht in der Imperativform verfasst wurden, sondern im Futur. So müsste es nach dem Grundtext eigentlich heißen: „Du wirst...“ anstatt: „Du sollst...!“ Die innere Bedeutung dieser 10 Worte liegt darin, dass der Mensch, wenn er von innen heraus, aus dem göttlichen Geist, geleitet wird, das Rechte tut, ohne dass er jemandes bedarf, der ihm sagt, was er zu tun hätte.

Übrigens weist auch das neutestamentliche Begriffswort, das man ebenfalls fälschlich mit „Gebot“ wiedergegeben hat und welches eigentlich das „innere Ziel“ bedeutet, in die gleiche Richtung.

Das Tun im Nicht-Tun

Kommen wir zu einer weiteren wichtigen Erkenntnis des Taoismus, der inneren Einstellung des Wu-wei, dem Nicht-Tun. Darüber lesen wir im 2. Kapitel des Tao te King:

„Der Weise verweilt bei seinem Tun im Nicht- Tun und lebt die wortlose Lehre. Er erzeugt und besitzt nicht. Er wirkt und hängt nicht daran. Ist das Werk getan, verweilt er nicht dabei.“

Aus diesen Worten des Lao-tse erkennen wir, dass es sich beim Wu-wei nicht um ein Nichtstun handelt, sondern um ein Handeln aus der Verbundenheit mit dem Tao, das völlig selbstlos ist. Aus dieser Haltung heraus kann das „Allerweichste der Welt das Allerhärteste der Welt bezwingen“, wie es im 43. Kapitel heißt. „Und das Nichtseiende dringt ein in das lückenlos Undurchdringbare. Daran erkenne ich den Wert des Nicht-Tuns.“

Doch: „Lehren ohne Worte“, so ruft Lao-tse aus, „beim Tun im Nicht-Tun verweilen, nur wenige erreichen es in der Welt.“ Denn: „Wer sich dem Lernen hingibt, nimmt täglich zu.“ Gemeint ist das Lernen nur mit dem Intellekt. „Wer sich jedoch dem Tao hingibt, nimmt täglich ab. Nimmt ab und abermals ab und kommt so zum Nicht-Tun.“

Sein Ego, sein Selbst-etwas-erreichen-Wollen aus eigener menschlicher Kraft, wird täglich abgebaut in vielen kleinen mystischen Toden. So gelangt er zum „Nicht-Tun“. Doch darüber heißt es, man höre und staune: „Verweilend im Nicht-Tun bleibt doch nichts ungetan.“

Es handelt sich beim Wu-wei um eine innere Haltung, aus der heraus der Weise in jedem Moment zu jeder Aktion fähig ist. Denn in dieser geistigen Verfassung des Nicht-Tuns befindet er sich im absoluten Einklang mit dem Tao.

Keinen Menschen verwerfen

Es gibt noch vieles Erstaunliche und Großartige im Tao te King zu entdecken, das sich meist nicht auf Anhieb dem Sinn des Lesers erschließt. Darum sollte man dieses Büchlein immer wieder mit weit geöffnetem Herzen lesen und sich von den Aussagen Lao-tses berühren und ergreifen lassen. So wenn es von dem Weisen im 27. Kapitel heißt:

„Stets weiß er die Menschen gut zu bewahren, weil er keinen Menschen verwirft. Stets weiß er die Wesen gut zu bewahren, weil er keines der Wesen verwirft. Dies nennt man: dem Licht folgen.“

Das ist sehr mit der Geisteshaltung Jesu verwandt, wenn dieser darauf hinweist, unseren Nächsten zu lieben als uns selbst. Denn wer anders ist unser Nächster als jeder Mensch und jedes Wesen?

„Von den Waffen wendet sich der ab, der Tao hat“, so Lao-tse im 31. Kapitel. „Waffen sind Werkzeuge des Unheils, und keine Werkzeuge des Edlen; doch kommt er nicht umhin, gebraucht er sie. Frieden und Ruhe sind ihm das Höchste. Er siegt, doch freut er sich nicht daran. Freute er sich, es wäre Freude am Menschenmord. Hat einer Freude am Menschenmord, so wird er des Lebens Ziel nicht erreichen.“

Gesetze und Verordnungen

Ein interessanter Hinweis darauf, dass es für das menschliche Zusammenleben, auch der Völker, nicht ständig neuer Verordnungen und Gesetze bedarf, findet sich in weiteren Kapiteln. So lautet Kapitel 57:

„Je mehr Einschränkungen und Verbote es gibt, desto ärmer wird das Volk. Je mehr Gesetze und Verordnungen erlassen werden, desto mehr Räuber und Diebe gibt es. Darum sagt der Weise: Ich pflege das Nicht-Tun, und das Volk wandelt sich von selbst. Ich pflege die Ruhe, und das Volk wird von selbst gerecht. Ich pflege die Nichtgeschäftigkeit, und das Volk wird von selbst genug haben. Ich pflege die Wunschlosigkeit, und das Volk wird von selbst einfach.“

Veränderungen zum Positiven werden nicht durch geschäftige Betriebsamkeit herbeigeführt, sondern durch das Sich-auswirken- Lassen des Tao.

Vom rechten Verstehen

All diese Worte des großen chinesischen Weisen sind natürlich nicht für diejenigen leicht verständlich, die nur den Dingen dieser Welt leben und nicht erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Goethe), weshalb er im 70. Kapitel ausruft:

„Meine Worte sind sehr leicht zu verstehen, sehr leicht zu befolgen.
Doch niemand in der Welt vermag sie zu verstehen,
niemand vermag sie zu befolgen.
Meine Worte haben einen Urheber, meine Werke haben einen Herrn.
Nur weil man diesen nicht versteht, werde auch ich nicht verstanden.
Die mich verstehen, sind selten, dementsprechend werde ich geschätzt.
Darum der Weise:
Er trägt ein unscheinbares Gewand und birgt das Juwel im Herzen.“

Erkennen des Leidens befreit vom Leiden

Derjenige, der schon wie Sokrates darum weiß, dass er nichts weiß, ist weise. „Doch nicht wissen um sein Nichtwissen ist Leiden“, so sagt uns Lao-tse im 71. Kapitel.

„Doch nur, wer dieses Leiden als Leiden erkennt,
wird dadurch frei vom Leiden.
Der Weise leidet nicht, weil er dieses Leiden als Leiden erkannt hat.
Darum ist er frei vom Leiden.“

Diese Worte sollten all denen ins Stammbuch geschrieben werden, die wunder meinen, was sie doch alles wüssten. Schon der Apostel Paulus erkannte, dass all unser menschliches Wissen nur Stückwerk ist, weil wir nur einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit erkennen können. Aber nur der, der dies als Leiden zu erkennen fähig ist, wird dadurch von seinem Leiden befreit.

Dies erinnert sehr an die Worte Jesu in den urchristlich-gnostischen Johannesakten. In dieser leider heute immer noch in der Christenheit kaum bekannten Schrift sagte Jesus seinen um ihn versammelten Schülern, bevor er nach Golgatha ging:

„Würdest du das Leiden kennen,
das Nicht-Leiden würdest du haben. Das Leiden erkenne,
und das Nicht-Leiden wirst du haben!“

Tun, ohne zu streiten

Mit den Worten aus dem 81. Kapitel möchte ich diese Betrachtung des Tao te King beschließen und würde mich sehr darüber freuen, wenn recht viele unter Ihnen zu diesem Werk greifen würden, um sich aus dem Munde einer der Großen der mystischen Weltliteratur innerlich ergreifen und anregen zu lassen:

„Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr.
Der Gute redet nicht gefällig, wer gefällig redet, ist nicht gut.
Der Weise ist nicht gelehrt, der Gelehrte ist nicht weise.
Der Weise häuft keinen Besitz an.
Je mehr er für die Menschen tut, desto mehr besitzt er.
Je mehr er den Menschen gibt, desto mehr empfängt er.
Das Tao des Himmels ist: nützen, ohne zu schaden.
Das Tao des Weisen ist: tun, ohne zu streiten.“

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