WERDEN WIE DIE KINDER

WERDEN WIE DIE KINDER

Verschüttete Seelenqualitäten wiedergewinnen

„Lasst die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich. Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hinein gelangen“ (vgl. Lk 18,16- 17). In diesem bekannten Bibelwort hebt Jesus beispielhaft die innere Reinheit und Offenheit hervor, die uns beim Erwachsenenwerden nur allzu oft verloren gehen. Doch diese Eigenschaften lassen sich wiedergewinnen.

Innere Aufgeschlossenheit

Jesu Worte beziehen sich genau genommen nicht auf die Kinder selbst, sondern auf das Ideal eines Menschen, der sich nicht von den irdischen materiellen Reizen gefangen nehmen lässt und seinen Verstand nicht zum Richter über alle Dinge erhebt. Dieses Ideal ist ein Mensch, der sich so unvoreingenommen, wie Kinder es meist noch von Natur aus sind, für Gott öffnet und auf Seine Inspiration vertraut.

Den meisten Erwachsenen haben Kinder allgemein, wenn auch nicht ohne Ausnahme, noch einige positive Eigenschaften voraus, die im Laufe ihres Heranwachsens verloren gehen. Sie haben in diesem Leben, das ja erst sehr kurz währt, noch ungleich weniger weltliche Eindrücke in sich aufgenommen als Erwachsene. Dies macht sie unvoreingenommener, aufnahmefähiger für die Spiritualität. Vor allem aber sind sie noch viel weniger vom Stolz auf eigenes Wissen erfüllt, was bei Erwachsenen ein Haupthindernis auf dem spirituellen Pfad darstellt.

Der große romantische Dichter William Wordsworth hat diesen Gedanken in poetischen Worten unnachahmlich zum Ausdruck gebracht (s. Kasten). Er spricht hier davon, dass das Kind, wenn auch meistens unbewusst, noch eine Art „Erinnerung“ an das Licht Gottes in sich trägt, von dem seine Seele einmal ausging; dass es aber aufgrund der weltlichen Eindrücke, die es im Laufe seines Wachstums aufnimmt, diese Erinnerung verliert – dass nach und nach das innere Licht durch das äußere ersetzt wird. Jesus mahnte seine Anhänger, diesen Prozess umzukehren, also wieder wie die Kinder zu werden, indem sie sich nach innen wenden und sich wieder mit dem inneren Licht, der Offenbarung Gottes, verbinden.

Was nun die Kinder selbst anbelangt, so kommen sie natürlich nicht als unbeschriebenes Blatt zur Welt, als eine Art ungeprägtes Rohmaterial, das allein durch die richtige Formung zu einem wertvollen Menschen werden kann. Von dieser Auffassung sind wir längst abgerückt, da wir inzwischen mehr über die Bedeutung von Erbanlagen wissen. Was wir als Anlage bezeichnen, lässt sich aus spiritueller Sicht mit dem Karma eines Menschen begründen, also mit der Summe von Erfahrungen aus der langen Kette früherer Inkarnationen, die den Geist eines Menschen prägen. Nach dieser Vorstellung ist der Geist oder die Seele des Menschen der Kern seines Wesens, der nicht erst in diesem Leben geprägt, sondern bereits als Individuum mit ganz spezifischen Eindrücken aus früheren Lebensläufen geboren wird.

Aufgrund dieser ganz individuellen Eindrücke unterscheidet sich jedes Kind von den anderen, so dass auch nicht alle Kinder als gleich rein betrachtet werden können, sondern schon von Anfang an als unterschiedlich „gut“ oder „schlecht“ gelten müssen.

Jesu Ideal ist ein Mensch, der sich so unvoreingenommen wie ein Kind für Gott öffnet und auf Seine Führung vertraut.

Während diese Eindrücke jedoch mit der neuen Geburt nur latent, im Unterbewusstsein, wirken, nehmen neue Eindrücke im gegenwärtigen Leben das Bewusstsein gefangen und bleiben im Gedächtnis. Von diesen bewussten Eindrücken haben alle Kinder noch vergleichsweise wenig in sich aufgenommen, während sie aus früheren Lebensläufen durch zahlreiche, bei jeder Seele andersartige Eindrücke unterschiedlich vorgeprägt sind. Diese Eindrücke üben entsprechend der Theorie des Karma einen nicht unerheblichen Einfluss auf Einstellung, Handlungsweise und Entwicklung eines Menschen aus. Insofern kann es natürlich auch nicht gelingen, allein durch eine besondere Erziehung eine ganze Gesellschaft auf bestimmte Weise zu prägen und nach eigenem Willen zu „erschaffen“.

Spirituelle Erinnerungen

Auch die spirituelle Lebenspraxis früherer Inkarnationen hinterlässt ihre Eindrücke in der menschlichen Seele und offenbart sich im Wesen des Kindes. Ein solches Kind bringt – wie der Junge bei Wordsworth – die Erinnerung seiner Seele an das göttliche Licht mit, das es im letzten Leben in der Meditation sehen konnte. Es wird diese Sehnsucht in sich tragen und nicht vergessen, während andere Kinder mit einer weniger spirituellen Vorgeschichte schneller und leichter den Versuchungen von Mutter Natur erliegen.

Genauso wie die Eindrücke aus früheren Inkarnationen die Seele ihrer spirituellen oder weltlichen Art entsprechend vorprägen, bestimmen zugleich auch die Eindrücke oder Karmas des gegenwärtigen Lebens den Werdegang des Menschen. Sind sie vor allem weltlicher Natur, dämmen sie, wie vorher schon in früheren Inkarnationen, das spirituelle Bewusstsein weiter ein. Das ursprüngliche Licht der Seele wird dann immer schwächer. Findet der Mensch umgekehrt in diesem Leben auf den spirituellen Pfad und erfährt er dort das innere Licht und den inneren Klang (s. Info-Kasten), mehren sich die guten, spirituellen Eindrücke, und er wird im selben Maße gegen schlechte, weltliche Eindrücke abgeschirmt.

„Gute“ Eindrücke oder Karmas sind Erfahrungen von Gottes Offenbarungsformen im Innern. Sie reinigen das Bewusstsein von weltlichen Eindrücken und geben der Seele im selben Maße ihre ursprüngliche Reinheit zurück. Zu den „schlechten“ Eindrücken zählt alles, was die Seele über die Sinne aus der Welt in sich aufnimmt, denn dies verdunkelt wie tausend zarte Schleier das Licht der Seele. „Gut“ und „schlecht“ sind aus spiritueller Sicht also anders definiert als im üblichen Sprachgebrauch.

Gute und schlechte Einflüsse

Nun drängt sich vielleicht der Einwand auf, dass es doch bei der Heranbildung eines Menschen auch innerhalb der Kategorie weltlicher oder äußerer Einflüsse fraglos gute und schlechte gibt, die einen Menschen zu einem ethisch wertvollen oder verwerflichen Menschen machen können. Doch auch diese „guten“ äußeren Eindrücke verdunkeln letztlich das göttliche Licht im Menschen, auch wenn das auf den ersten Blick schwer nachvollziehbar ist.

Bei der Frage, welche Einflüsse das ursprüngliche göttliche Licht im Menschen in Vergessenheit geraten lassen und welche es der Seele wieder sichtbar machen, geht es jedoch nur um die spirituelle Seite des Karmas, und aus dieser Sicht gibt es keine guten und schlechten Karmas, da beide die Seele gleichermaßen an die Welt binden. Krishna sagt in der Gita: „Alle Taten des Menschen, ob gut oder schlecht, sind wie Ketten aus Eisen, Silber oder Gold. Alle drei Arten von Ketten sind gleichermaßen geeignet, den Menschen zu fesseln.“

Gesetzt den Fall, ein Mensch sammelt in diesem Leben ethisch gute Eindrücke, die ihn zu guten Taten motivieren, dann wären dies nach Krishnas Aussage goldene Ketten. Sie führen dazu, dass der Mensch im nächsten Leben den Lohn für seine guten Taten empfängt, indem er in eine angenehme Umgebung hineingeboren wird und ein glückliches Leben führen kann. Wird er aber von der „Ziehmutter Natur“ auf diese Weise verwöhnt, mag ihn dies früher oder später wiederum zu ethisch schlechten Handlungen verleiten, wodurch der Kreislauf von Ursache und Wirkung sich immer weiter fortsetzt und zu neuen Inkarnationen führt. Selbsterlösung durch gute Taten ist daher ein Irrweg.

Einzig die göttlichen Offenbarungen bilden für die Erlösung der Seele also im spirituellen Sinne gute Karmas oder Eindrücke. Denn im Unterschied zu den weltlichen Eindrücken fügen sie der Seele keine neuen, ihr Licht verdunkelnden Schleier hinzu, sondern heben vielmehr die Eindrücke der Täuschung oder Maya, wie es in der indischen Philosophie heißt, auf und lassen das Bewusstsein der Seele von ihrem eigenen Ursprung in Gott wieder erwachen.

Die innere Ent-Bindung

Erlösung ist die vollkommene Befreiung der Seele. Befreiung heißt Lösung von jeglicher Bindung an diese materielle Welt. Sie ist erst dann verwirklicht, wenn der Mensch von sinnenhafter Freude, dem Haften an weltlichen Dingen, von Ärger, Gier und Stolz oder Ego frei ist. Es gibt nur ein Mittel, um den Menschen und die Seele von diesen Bindungen zu befreien, und dieses Mittel liegt in den göttlichen Offenbarungen. Es gibt keine denkbare Art menschlicher Anstrengung, die es ermöglichen würde, aus eigener Kraft die Erlösung zu gewinnen. Denn selbst wenn sich jemand dadurch von Sinnesfreude, „Anklammern“, Ärger und Gier befreien könnte, würde sich ihm der Stolz auf diese Leistung als umso stärkeres Hindernis in den Weg stellen, da er dann immer noch der Täuschung unterliegt, die Loslösung aus eigener Kraft erwirkt zu haben. Die Täuschung des Ich, also der von Gott getrennten Identität, ist jedoch die erste und grundlegende Art der Täuschung, welche die an sich gottgleiche Seele von ihrem Ursprung getrennt hält. Dieser sehr subtile Schleier der Täuschung ist nur mit Hilfe bestimmter Formen göttlicher Offenbarungen zu entfernen.

Es genügt aber nicht, dass jemand nur zu besonderen Gelegenheiten direkte Offenbarungen von Gott in seiner Seele erfährt, auch wenn dies wiederholt geschieht. Solche vereinzelten Erfahrungen dienen zwar dazu, ihm zweifelsfrei die barmherzige Gegenwart Gottes vor Augen zu führen. Sie reichen jedoch nicht aus, um ihn von den dichten Hüllen zahlloser und unterschiedlicher täuschender Eindrücke zu befreien. Hierzu ist es entscheidend, dass er in regelmäßiger Meditation Tag für Tag Offenbarungen erfährt, die ihn Stufe um Stufe von den unterschiedlichen Arten weltlicher Bindungen reinigen, bis er schließlich auf der Ebene des ständig hörbaren Klangstroms (s. Info-Kasten) auch von den subtilen Verstrickungen des Ich frei wird.

Rückkehr ins Paradies

Ein solcher Mensch lebt dann zwar bis zum Tode in dieser Welt, er ist jedoch nicht länger von dieser Welt. Da er nicht mehr an die Welt gebunden ist, nimmt er keine zusätzlichen weltlichen Eindrücke mehr in sich auf, denn eine weitere Anhäufung ist nur durch das an die Welt gebundene Gemüt möglich.

Von all diesen Bindungen befreit, lebt er dann wunschlos in dieser Welt, und von ihm sagt Buddha: „Ein wunschloser Mensch ist wie Gott.“ Dies bedeutet nichts anderes, als dass seine Seele ihre ursprüngliche Wesenseinheit mit Gott und damit ihr göttliches Bewusstsein zurückerlangt hat. Sie hat, wie Meister Eckehart sagt, den Zustand der Jungfräulichkeit wiedergewonnen, oder ist im Sinne Jesu wieder wie ein Kind geworden. Wenn ein solcher Mensch stirbt, wird er von den Offenbarungen, mit denen er im Innern ständig verbunden ist, sofort zu Gott gezogen, um ganz mit Ihm zu verschmelzen. Darin besteht die Erlösung: die Seele wird von den Hüllen der Täuschung befreit und überwindet damit das Trennende zwischen sich und Gott. Sie wird so bewusst wie Gott und eins mit Ihm. Sie bleibt in Gott – ein Zustand, den wir auch als ewiges Paradies bezeichnen können: voll unvergänglicher Seligkeit, frei von jeglichem Leid und niemals von Gott getrennt.

Zwar findet die Verschmelzung erst nach dem Tode statt, aber dieser spirituelle Mensch zeigt bereits zu Lebzeiten, dass er den Zustand erreicht hat, in dem er von jeglichen Bindungen befreit ist. Bereits während seines irdischen Lebens erfreut er sich der unversiegbaren Glückseligkeit, die mit dem unaufhörlichen Offenbarungsstrom (s. Info-Kasten) ständig in seine Seele einströmt. Sein Leben ist bereits die Vorstufe zur Erlösung, und nur wenn er zu Lebzeiten diese hohe Stufe der Befreiung von äußeren Bindungen erreicht, kann er im Tod die vollkommene Erlösung gewinnen.

Erlösung ist also, kurz gesagt, der Prozess, bei dem wir wieder werden wie die Kinder, indem die Hüllen weltlicher Eindrücke von unserer Seele genommen werden, so dass sie ihr ursprüngliches, reines Bewusstsein wiedergewinnt.

Ein praktischer Weg

Baba Sawan Singh, der Meister meines Meisters Sant Kirpal Singhs, pflegte zu sagen: „Wenn ein Mensch sein ganzes Leben lang blind gewesen ist, kann er nicht erwarten, durch den Tod auf einmal sehend werden.“ Alle von den organisierten Religionen gepredigten Erlösungslehren, die den Gläubigen die Erlösung nach dem Tod aufgrund bestimmten Wohlverhaltens während des Lebens versprechen, ohne dass sie ihnen bereits während des Lebens den untrüglichen inneren Beweis für die Existenz dieser Seligkeit erbringen, sind nichts als leere Ideologien, oder – wie Karl Marx es nannte – Opium fürs Volk. Wenn wir also während des Lebens auf tausenderlei Weise an die Welt gebunden sind und keinerlei Erfahrung von der jenseitigen Welt in uns besitzen, können wir nicht erwarten, aufgrund irgendeines Wunders oder eines plötzlichen göttlichen Gnadenaktes im Tod auf einmal die Erlösung zu finden.

Die Erlösung ist vielmehr ein Prozess, der sich im allgemeinen über mehrere Lebensläufe erstreckt. Dieser Weg ist keineswegs an die vedische Religion oder an den Hinduismus gebunden, sondern findet sich universal in jeder Religion, wenn auch in unterschiedlicher Ausdrucksweise. Auch in den Schriften von Judentum, Christentum und Islam spielt die Reinigung der Seele eine zentrale Rolle. Wir finden dort zahlreiche Hinweise auf göttliche Offenbarungen wie die des Lichts – des feurigen, goldenen, wolkigen Lichts und dergleichen. Oder wir finden Offenbarungen, in denen Gott zur Seele spricht; zuweilen sehen die Menschen den Morgenstern oder den Mond und andere Gestirne im Innern; und schließlich hören sie unterschiedliche Klänge, die mit solchen von Musikinstrumenten verglichen werden, wie wir es beispielsweise in den Psalmen Davids immer wieder lesen. Nur werden sie dort als äußere Phänomene oder aber als Symbole, Gleichnisse und ähnliches mehr verstanden. Es handelt sich dabei aber um innere Erfahrungen, die auch heute noch von Menschen gemacht werden können, die so rein und empfänglich geworden sind wie Kinder.

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