Wer war Luzifer?

Wer war Luzifer?

Vom Lichtbringer zum Höllenfürsten

Die Legende von Luzifer, dem gefallenen Engel, der zum Teufel wurde, hat wie alle Legenden einen wahren Kern. Betrachtet man sie aus spiritueller Sicht, ergeben sich überraschende Erkenntnisse über ihn und sein Reich – darunter auch die Einsicht, dass sein Schicksal kein Einzelfall ist und durchaus noch Aktualitätswert besitzt.

Die Legende von Luzifer

Satan oder Luzifer ist nicht biblischen Ursprungs, aber in der christlichen Tradition fest verankert. Luzifer - wörtlich übersetzt: der Lichtträger - gehörte ursprünglich zum höchsten Rang der Engel und er­strahlte als solcher im Glanz des göttlichen Lichts. Wie die anderen Engel auch, so war er ein Geistwesen, das ausschließlich der Anbetung Gottes lebte. Als er jedoch sah, dass Gott den Menschen als sein höchstes Ge­schöpf auserwählte und ihn mit einer Freiheit ausstattete, welche die an­deren Geschöpfe, einschließlich der Engel, nicht besaßen, fühlte sich Lu­zifer in seiner Ehre getroffen. Aus Stolz forderte er Gott heraus: er ver­langte die Freiheit von und die Gleichstellung mit Gott und schließlich so­gar den höheren Rang gegenüber Gott, was zu seinem Fall führte. Zu­sammen mit seiner ganzen Anhängerschar wurde er in die Finsternis ge­worfen, wo er seinen göttlichen Glanz und seine Schönheit verlor und dunkel und hässlich wurde. Die Sünde, die nach traditioneller Auffassung zu seinem Sturz führte, ist die des Stolzes, und aus Rache versucht er seit­her, den Menschen, den Gott ihm vorzog, zur selben Sünde zu verführen.

In der Überlieferung wurde Luzifer, der gefallene Engel, zum Inbegriff des Bösen, weil der Mensch dazu neigt, Eigen­schaften in sich selbst, die er nicht gerne an sich sieht, außerhalb seiner selbst zu personifizieren, um davon Abstand zu gewinnen. Es ist immer leichter, das Böse als eine äußere Macht zu begreifen, die den Menschen verführt, als anzuerkennen, dass es Eigenschaften im eigenen Gemüt sind, die uns von Gott fernhalten.

Der spirituelle Hintergrund

Ursprünglich muss die Gestalt des Lichtträgers jedoch auf einen Menschen zurückgehen, der auf dem mystischen Pfad einen hohen Entwicklungsgrad erreicht hatte. Es gibt auf dem Weg der geistigen Her­anbildung zum vollkommenen Menschen eine Stufe, auf der die Seele von alten Unreinheiten befreit ist - außer von der des Ego oder des Stolzes. Wenn der spirituelle Schüler auf dieser Entwicklungsstufe, auf der die Seele viel von ihrem ur­sprünglichen Licht zurückgewonnen hat - daher die Bezeichnung Licht­träger -, nicht in der Lage ist, mit Hilfe der göttlichen Offenbarungen (s. Kasten), die er empfängt, das Ego unter Kontrolle zu bringen, dann entsteht dar­aus ein schweres Hindernis für seinen weiteren spirituellen Fortschritt.

Mit Luzifer ist es ähnlich wie mit der Hölle: während der Teufel in den Evangelien kaum Erwähnung findet, kommt die Hölle als Ort der ewigen Sündenpein dort überhaupt nicht vor

Obwohl er noch vom Stolz beherrscht ist, glaubt er, be­reits dem Willen Gottes gemäß zu handeln, und deshalb wird von ihm ge­sagt, er beneide den Menschen um seine Entscheidungsfreiheit. In Wahr­heit handelt er selbst noch frei nach eigenem Ermessen, aber sein Stolz redet ihm ein, er habe sich bereits vollkommen Gottes Willen unterstellt. Diese Haltung muss zum spirituellen Fall eines Menschen führen. Das be­deutet, dass er die göttlichen Offenbarungen von Licht und Klang, die er bis dahin erfahren hat (s. Kasten), nicht länger empfangen kann. Dies ist mit dem Sturz in die Finsternis gemeint und mit dem Verlust des Glanzes und der Schönheit.

Mit der Engelschar, die Luzifer mit sich in die Tiefe riss, hat es folgende Bewandtnis: Wer in egohafter Verblendung von sich glaubt, nur noch gemäß Gottes Willen zu handeln neigt dazu, als Bote oder Prophet Gottes aufzu­treten und in dieser Rolle auch andere Schüler auf dem Weg irrezuführen, so dass auch sie vorübergehend von der inneren Verbindung mit den Offen­barungen Gottes abgeschnitten sind.

Der spirituelle Pfad, der zu Gott zurückführt, ist nicht einfach, sondern birgt auf verschiedenen Entwicklungsstufen unterschiedliche Gefah­ren, die eine Seele zeitweise zurückwerfen können. Mein Meister Sant Kirpal Singh warnte solche Schüler, die von sich glaubten, bereits voll­kommen gottergeben zu sein: „Wer behauptet, er sei bereits frei von Stolz, beweist durch diese Behauptung gerade, dass er noch immer unter der Herrschaft des Ego steht.“

Luzifers Reich - die Hölle

Die Vorstellung des Teufels ist im Christentum untrennbar mit der Vorstellung von Verdammnis und Hölle verbunden, in der die sündige Seele bis in alle Ewigkeit entsetzliche Qualen zu erleiden hat. Da­bei verhält es sich mit der Hölle ähnlich wie mit Luzifer oder dem Teufel: Während der Teufel in den Evangelien nur an einigen wenigen Stellen kurze Erwähnung findet, und zwar als die Stimme der Versuchung, insbesondere bei seinem dreifachen Erscheinen bei Jesus in der Wüste, so hat die Hölle im traditionellen Sinne, vor allem die Vorstellung vom ewigen Aufenthalt der Seele darin, in den Evangelien überhaupt keinen Raum. Dort, wo davon die Rede ist, bedeuten die ursprünglichen Begriffe viel wertneutraler als das später daraus entwickelte Konzept: „der unsichtbare Zustand“ oder „Unterwelt“.

Diesen Ort gibt es tatsächlich, aber nirgendwo sonst als auf dieser Erde in ei­ner physischen Inkarnation, und somit nicht auf Ewigkeit, sondern nur für eine oder mehrere Lebensspannen. Dieser Zustand ist natürlich inso­fern „unsichtbar“, als die Zukunft unserer späteren Inkarnationen und des Leids, das wir darin erdulden, uns tatsächlich verborgen ist. Der Begriff „Unterwelt“ und das entsprechende Tor dorthin (die „Pforten der Hölle“, wie es auch heißt), ist der gesamte Bereich der Sinne, also das irdische Leben unterhalb der „zehnten Tür“ beziehungsweise der „engen Pforte“ in der Mitte der Stirn, die ins Reich Gottes führt.

Deshalb sagte auch Jesus zu sei­nen Jüngern: „Wenn euer rechtes Auge euch ärgert“ - sie also durch die Sin­nesreize in Versuchung führt -, „dann reißt es aus, denn es ist besser, einen Körperteil zu verlieren, als mit dem ganzen Leib in die Hölle geworfen zu werden“, das heißt durch die sinnliche Begierde zu einer weiteren Inkarnation mit entsprechend leidvollen karmischen Rück­wirkungen gezwungen zu werden (vgl. Matth. 5,29).

Die Qualen der Hölle

Was die diversen schreck­lichen Höllenqualen betrifft, so sind allein Menschen dazu fähig, sich solche Foltermethoden für ihre Mitmenschen auszudenken und derlei Strafen über sie zu verhängen. Es gibt keinen Ort ewiger Verdammnis, denn wie könnte ein liebender Gott, der unser aller Vater ist, eine Seele auf ewig fallen lassen und sie ewiger Qual aussetzen, auch wenn sie noch so schreckliche Sünden begangen hat? Die Vorstellung von einem gnädigen Gott ist mit der Idee einer ewigen Hölle unvereinbar. Sie ist vielmehr ein von schlau­en Priestern und Kirchenfürsten erdachter Ort, der den Zweck erfüllt, ih­nen die Macht über das einfache Volk durch jenes Mittel zu sichern, des­sen sich alle Despoten bedienen: der Angst. Dieselben Methoden finden wir auf die eine oder andere Art in allen Religionen.

Nur einer der mit den Höllenqualen verbundenen Vorstellungen kann ich zustimmen, denn sie entspricht dem Prinzip der göttlichen Gerechtigkeit. Richtig ist, dass die Seelen jeweils für ihre spezifischen Sünden auf angemessene Art be­straft werden, auch wenn die göttliche Gerechtigkeit sich dafür keiner Folterwerkzeuge bedienen muss. Wenn wir das Leben der Menschen auf dieser Erde betrachten, so stellen wir fest, dass ein großer Teil von ihnen hier und jetzt in einer Art Hölle lebt - sei es inmitten von Reichtum und Komfort, aber durch eine schlimme Krankheit gequält; sei es in Armut, Elend und Hunger und mit der trostlosen Aussicht, an diesem Schicksal für den Rest des Lebens nichts ändern zu können; oder seien es auch die vielfältigen psychischen Qualen, denen Menschen unterworfen sein kön­nen.

Ich weiß nicht, warum Priester sich über das Maß hinaus, das sie auf Erden vorfinden, noch weitere Qualen als Sündenstrafen ausdenken mussten, denn das Leid, dem wir auf Erden begegnen, reicht wahrlich aus!

Der Weg aus der Hölle

Das Perfideste an der christlichen Vorstellung von der Hölle ist jedoch, dass sie angeblich ewig dauert, also ohne jede Aus­sicht auf Erlösung. Diese Vorstellung ist ein Schlag ins Gesicht jenes Gottes, der für die Christen Inbegriff der Barmherzigkeit ist.

Das Prinzip der göttlichen Gerechtigkeit ist stets an das der Gnade und Barmherzigkeit gekoppelt (vgl. VISIONEN, 2/06). Der Aspekt der Gnade äußert sich auch in der gerechten karmischen Verteilung von Freude und Leid, ohne die der Mensch nicht zur Läuterung bereit wäre. Erst die göttliche Barmherzigkeit zeigt dem Menschen einen Weg aus dem Kreislauf von Schuld und Sühne heraus. Es gibt Gott nicht ohne diese Barmherzigkeit, und infolgedessen kann es niemals, auch nicht für eine einzige Seele, eine ewige Hölle geben.

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