Wirksam beten
Die besten Voraussetzungen
Vertrauen
Der Glaube an Gott ist die Grundursache des Erfolgs. Als erstes sollten wir der vollen Überzeugung sein, dass es Gott wirklich gibt und dass tatsächlich jemand da ist, der auf unser Gebet hören wird.
Zweitens richten wir auch im weltlichen Leben unsere Bitten immer an jemanden, zu dem wir Vertrauen haben und von dem wir glauben, dass es tatsächlich in seiner Macht steht, uns zu geben, was wir wollen. Das gilt auch für unsere Gebete zu Gott.
Oft vertrauen wir aber mehr auf unsere eigene Klugheit und unsere eigenen Pläne und haben darum kein Vertrauen zu Gott und seiner Kraft. Kein Wunder, dass unsere Gebete dann vergeblich sind. Wir sollten also auf Gottes Größe und Großmut vertrauen und uns bewusst machen, dass er unsere innersten Ge danken, Sorgen und Bedürfnisse bereits kennt (vgl. Mt 6,8).
Wenn sich das kleine im größeren Selbst ver liert, wirkt und
handelt das größere für das kleinere Selbst.
Aufrichtigkeit
Wahrhaftige Gebete kommen aus den Tiefen der Seele. Das, worum wir beten, müssen wir wirklich wünschen, nicht nur intellektuell, sondern von Grunde unseres Wesens aus.
Als erstes sollten wir deshalb unser Herz fragen, was es will. Unser Herz ist nicht nur das, was wir sagen oder denken. Manchmal wollen wir etwas und denken, es sei gut für uns, aber unser Herz will etwas anderes. Herz und Verstand stimmen nicht überein. Herz, Verstand und Zunge sollten aber in Einklang sein. Unser Gebet wird erhört, wenn es aus unserem Herzen kommt, wenn wir mit unserem Verstand dahinter stehen und es dann in Worten (oder Gedanken) zum Ausdruck bringen.
Wenn Gott sieht, dass Herz, Verstand und Zunge in Einklang sind und dass wir ganz und gar darauf vertrauen, dass er uns unsere Bitten gewähren kann, wird er auf unser Gebet hören.
Einfachheit
Gott liebt aufrichtige, lebendig empfundene Gefühle, die in ganz einfache Worte gekleidet sind, und nicht wohlgesetzte Reden und gelehrte Ausführungen. Ein Gebet ist dann am schönsten und natürlichsten, wenn es ganz spontan aus uns hervorbricht, wie eine Quelle frischen Wassers aus dem Inner sten der Erde. Gott ist unser Vater und wir sind seine Kinder, und so selbstverständlich, wie Kinder sich an ihre Eltern wenden, sollten wir ohne Vorbehalte mit all unseren Anliegen zu ihm kommen.
Der Mystiker Maulana Rumi (1207-1273) hat uns die schöne Illustration eines liebevollen Gebetes gegeben, das ein einfacher und unverbildeter Hirten junge in seiner bescheidenen Art murmelte, als eines Tages der Prophet Moses des Weges kam. Er hörte den Jungen sagen: „O Gott, wo bist Du? Ich möchte Dir dienen. Ich möchte Dir wollene Kleider stricken und Dein Haar kämmen. Ich möchte Dir Milch und Quark, Käse und Butter geben, Dich pflegen, wenn Du krank bist, Deine Hände küssen und Deine Füße massieren. Ich würde Dir alle meine Schafe und Ziegen geben.“
Diese Worte klangen in den Ohren des Propheten wie Ketzerei. Zornig wies er den Jungen zurecht: „Schweig still, du Ungläubiger. Was erzählst du da für dumme Sachen? Gott ist kein menschliches Wesen und braucht nichts von den Dingen, die du ihm anbietest. Er ist Geist, ohne Hände und Füße; du hast ihn mit deinem törichten Geschwätz beleidigt.“
Im Innersten getroffen, zerriss der arglose Junge seine Klei der, rannte in die Wildnis und weinte bitterlich, weil er sich das Missfallen Gottes zugezogen hatte. Durch die Heftigkeit seiner Qual verlor er das Bewusstsein, und siehe da!, er schaute innerlich das Licht Gottes und hörte eine liebevolle, gütige Stimme, die ihm versicherte: „Deine aufrichtigen Gebete und Gaben haben Gott sehr erfreut.“
Als Moses später wie gewohnt in Meditation ging, spürte er, dass Gott sehr ärgerlich auf ihn war: „Jeder wendet sich mit seinen eigenen Worten an mich und nach seinem eigenen inneren Empfinden. Ich habe alles angenommen, was mir der Hirtenjunge in seinen unschul digen Worten angeboten hat. Doch ich bin sehr ungehal ten über dich, weil du ihn von seiner Verbindung mit mir abgebracht hast. Ich werde nicht allein durch Worte be wegt, ich schaue auf das Herz und die innere Aufrichtigkeit, die hinter den Worten liegt, denn der Mensch spricht aus der Überfülle eines Herzens, und es hat nichts zu sagen, wie ungelenk oder einfältig jemand seine Gefühle ausdrückt.“
Bei diesen Worte erschrak Moses sehr, suchte nach dem Hirtenjungen und sagte zu ihm: „Ich bringe dir glückliche Nachricht. Gott hat all deine Gebete angenommen.“ Der Junge entgegnete lächelnd: „O Moses, ich habe nun alle Schranken des Fleisches weit überschritten. Jetzt kenne ich den Großen Einen, und mein Zustand ist nicht mit Worten zu schildern.“
Hingabe
Wenn wir so vertrauensvoll, aufrichtig und hingebungsvoll beten wie der Hirtenjunge, vergessen wir leicht alles andere um uns her, sogar unseren Körper, bis wir schließlich ganz in Gott versunken sind und „alle Schranken des Fleisches weit überschreiten“.
Die Seele ist eine lebendige Wesenheit und kann sich nicht frei bewegen, solange sie in irgendwelche materiellen Anhängsel eingeschnürt ist, das heißt in ihre körperliche, mentale und kausale Hülle. Durch völlige Versenkung und Hingabe fallen diese „Schranken“ allmählich von selbst ab und geben die Seele für ihren Flug in die spi rituellen Regionen frei, wo sie Gott in seinen verschiedenen Offenbarungsformen begegnet und schließlich ganz mit ihm verschmilzt.
Wenn sich das kleine Selbst so im größeren ver liert, wirkt und handelt das größere Selbst für das kleinere. Dann besteht in Wirklichkeit keine Notwendigkeit mehr zu beten. Gott ist dann immer mit seinem Er gebenen und achtet noch acht- und bedachtsamer auf ihn als eine liebende Mutter auf ihr Kind.
Eine wunderbare Verbindung
Die Heiligen leben immer in diesem Zustand. Da sie eins mit Gott sind und als seine bewussten Mitarbeiter wirken, stehen ihnen alle Naturgewalten zu Diensten, um all ihre Bedürfnisse und Forderungen zu erfüllen. Jeder noch so geringe Gedanke, der sich in ihnen erhebt, muss sich verwirklichen wie ein Naturgesetz.
Da sie im Inneren eins mit dem Unendlichen sind, liegt in ihrer Gegenwart ein beson derer Reiz. Ihre Worte haben eine so starke Anziehungskraft, dass sie anderen sogleich tief ins Herz sinken. In ihrer Gegenwart empfindet man eine Art Heiterkeit und innere Ruhe. Sie denken nicht über Gott nach, sondern sprechen mit Autorität von ihm, weil sie jeden Augenblick ihres Lebens bewusst in ihm leben.
Diese wunderbare Verbindung mit Gott können auch andere Menschen durch sie erhalten. Darum werden sie auch bildhaft mit Stränden oder Badestellen verglichen, wo Seelen sich gefahrlos ins göttliche Meer wagen können.
Da Gott das Meer aller Kraft ist und in jedem von uns ist, können wir selbst spirituell groß und stark werden, indem wir regelmäßig darin eintauchen.
Leben wie im Himmelreich
Sobald dieser Kontakt einmal hergestellt und eingeübt ist, fühlt der Übende beständig die Gegenwart der Höheren Kraft, die immer bei ihm ist, auf schneebedeckten Berges höhen oder in brennenden Wüstensand. Da er immer stärker in der Größe dieser Kraft lebt, überlässt er all seine Sorgen mehr und mehr Gott. Hinter all seinen Bemühungen nimmt er immer deutlicher die Hand Gottes wahr und übergibt das Ergebnis seines Tuns zusehends dem göttlichen Willen. So wird er immer weniger durch Erfolg oder Misserfolg beeinflusst. Wenn die Dinge so zu ihm kommen, wie es in seinem Sinne ist, ist er darauf nicht stolz, sondern nimmt sie mit aufrichtigem Dank im Herzen an. Und wenn sie sich anders fügen, ist er nicht entmutigt, sondern beugt sich lächelnd vor dem höchsten Richter, der anders entschieden hat.
Schließlich sieht er bewusst überall nur noch den Göttlichen Willen am Werk. Er will nur noch, was von Gott gewollt ist und hat keine eigenen Wünsche mehr. Von nun an arbeitet er wie ein Instrument, das sich automatisch unter dem Einfluss dieser Kraft bewegt. Er sieht in dem ganzen gewaltigen Uni versum, das ihn umgibt, mit all seinen Geschöpfen eine Ordnung, die einträchtig einem einzigen gewaltigen Willen gehorcht, der darüber steht und dennoch bis ins Kleinste um alles und jedes besorgt ist. So ist zwischen seiner Seele und der Seele des Universums vollkommene Harmonie entstanden, und er jubelt bei jedem Schritt: „Ganz gleich, wie es mir geht – für mich ist es der Himmel!“

