YOGA: was ist das eigentlich?
Das indische Sanskrit-Wort „Yoga“ wird von den großen Lehrern, allen voran Yogananda und Ramana Maharishi (der Heilige vom Berg), mit den Worten die „erreichte Vereinigung mit Gott“ übersetzt. Der Begriff bezeugt, dass wahres Yoga den in der physischen Welt erreichten Endzustand des individuellen menschlichen Entwicklungszyklus darstellt. Yoga bzw. Yogi darf sich daher genau genommen nur nennen, wer bzw. was die Gottvereinigung verwirklicht hat.
Bereits an der Definition können wir erkennen, dass fast alles, was sich heute als Yoga bezeichnet - ob aus Asien kommend oder in der westlichen Welt entstanden - dem nicht gerecht wird und diesen Begriff daher nicht zu Recht führt. Im allerersten schriftlichen Werk über die Grundlagen des Yoga, den „Yoga-Sutren“ des Patanjali (2. Jh vor - 2. Jh. nach Chr.), beschreibt der Autor - wie auch die Bhagavad Gita vor ihm (um 300 v.Chr.) - deutlich das wahre Yoga, wobei er „acht Glieder“ oder Komponenten abhandelt, die zusammen zur Gottverwirklichung führen.
Vier Wege, die zur Vereinigung mit Gott führen
Das wahre Yoga kann den klassischen indischen Schriften zufolge auf vier bestimmten Wegen oder „Margas“ erreicht werden. Diese vier Wege stellen analog die praktische Umsetzung der vier menschlichen Erfahrungsebenen nach den göttlichen Prinzipien dar:
- das menschliche Denken führt durch Jnana-Marga - Denken - zum Jnana-Yoga;
- das menschliche emotionale Fühlen führt durch Bhakti-Marga - emotionale Hinwendung, Liebe - zum Bhakti-Yoga;
- das menschliche Handeln führt durch Karma-Marga - Handeln - zum Karma-Yoga; und
- das feinstofflich verankerte höhere Selbst - in unserem Ätherkörper - führt durch Raja-Marga zur Einswerdung mit der Gottenergie, zum Raja-Yoga.
Durch Erkennen, Erfahren und Verstehen der göttlichen Prinzipien sollen wir über die vier wahren Yoga-Wege unseren Charakter und damit unser gesamtes Wesen so veredeln, bis wir eine große Harmonie erreicht haben. Im Moment dieser Bewusstseinserkenntnis auf jedem der vier Wege entsteht die Endphase - das Yoga, der Vereinigungszustand mit Gott -, in die wir dann in voller Erkenntnis eintreten.
„Wahres Yoga ist ein heiliger Weg, dessen Ziel es ist, uns zur Einheit in Gott zu führen.“
Demnach ist wahres Yoga ein heiliger Weg, dessen Ziel es ist, uns zur Einheit in Gott zu führen. Der Begriff „Yoga“ sollte daher - schon aus religiös-ethischen Gründen - nicht für andere Dinge und Zwecke entfremdet werden, für die es doch wohl leicht andere, zutreffendere Bezeichnungen gibt.
Die Harmonisierung des Bewusstseins
Was bewirken nun die vier wahren Wege (Margas), die zu den vier heiligen Yoga-Zielen führen?
Im Jnana-Marga lernt der Schüler sein Denken zu beherrschen und es mit der göttlichen aufbauenden Ordnung des Denkens in Einklang zu bringen. Verkörpert und lebt er in seinem Denken die geistigen Gesetze, hat er Verbindung mit dem „göttlichen Denkprinzip“ erreicht. Erst ab diesem Zustand lebt er Jnana-Yoga und darf sich Yogi nennen.
Im Bhakti-Marga lernt der Schüler sein Fühlen beherrschen und es mit den göttlichen Prinzipien der Glückseligkeit, der Gottliebe gegenüber allen Leben und Dingen in Einklang zu bringen. Verkörpert und lebt – also verwirklicht – er diese Gottliebe, tritt er vom Übungsweg (Marga) in den Zustand des Yoga ein; ist er ein Bhakti-Yogi, da er Bhakti-Yoga lebt.
Im Karma-Marga lernt der Schüler alle seine Erfahrungen aus dem Jnana- und Bhakti- Marga (bzw. Yoga) bewusst in seinem täglichen Leben aktiv einzusetzen, um in allen Handlungen stets die göttliche Harmonie zu erzeugen. Er wirkt so aus der Summe seiner Denk- und Fühlerfahrungen nach den göttlichen Prinzipien aus seinem Herzen heraus in der äußeren Welt und hilft ihr, sie durch sein Tun zu harmonisieren.
In diesem Zustand hat er die Einheit der göttlichen Prinzipien des Jnana- und Bhakti- Yoga erreicht, denn er verwirklicht sie wie die 12 Eigenschaften des Tierkreises, indem er folgende Aspekte im richtigen Verhältnis im Leben einsetzt:
- Schweigen – Reden
- Empfänglichkeit – Unbeeinflussbarkeit
- Gehorchen – Herrschen
- Demut – Selbstvertrauen
- Blitzesschnelle – Besonnenheit
- Alles annehmen – Unterscheidungsvermögen
- Vorsicht – Mut
- Nichts besitzen – Über alles verfügen
- An nichts gebunden sein – Treue
- Sich zeigen – Unbemerkt bleiben
- Todesverachtung – Lebensschätzung
- Gleichmut – Liebe
Nun wird er Karma-Yogi genannt, da er Karma- Yoga aktiv lebt. Schüler in diesem Zustand werden auch „Meister des Lebens“ genannt. Der Karma-Yogi fühlt und weiß: Er wird vom eigenen „göttlichen Ich“ geführt, das ihm zeigt, durch welche Handlungen die göttliche Harmonie erzeugt wird, die er durch sein „persönliches Ich“ dank Unterscheidungsfähigkeit bewusst in der Welt zu erkennen und umzusetzen hat.
„Meditation bedeutet, den direkten, vollbewussten Kontakt mit Gott im eigenen Herzen erreicht zu haben.“
Raja Marga – der Meditatio
In diesem Stadium entwickelt sich die Sehnsucht, mit dem „göttlichen Ich“ eins zu werden und der „Meister des Lebens“ tritt nun in den „Königsweg des Yoga“, den Raja-Marga – den Weg zu Raja-Yoga – ein, indem er lernt, die drei niederen verschmolzenen Wege (Margas) und ihr Yoga im Herzen zu vertiefen. Dieser Weg wird von allen wirklich großen Lehrern als der „Versenkungsweg nach innen (in die höheren Welten)“ bezeichnet, der nur durch die drei Stufen: 1. Konzentration, 2. Kontemplation und 3. wahre Meditation, d.h. Vereinigung mit Gott, zum Endziel führt.
Wahre Meditation bedeutet, den direkten, vollbewussten Kontakt mit Gott im eigenen Herzen (medi, Mitte) erreicht zu haben. Durch diesen Zustand drückt sich Gott direkt durch den Menschen über dessen Denken, Fühlen und Handeln aus. Er ist nun zum „Meister seines Seins“ herangewachsen. Der Schüler erkennt sich bewusst und klar als Werkzeug Gottes, ist somit Raja-Yogi geworden und lebt voll bewusst nach den Lehren Gottes, um den Geschwistern auf Erden zu dienen.
Bruchstücke ohne ganzheitliche Grundlagen
Nur diese vier Wege (Margas) und Yoga entsprechen den vier Bewusstseinsebenen des Menschen und führen ihn zur wahren Meditation – zur Einheit mit Gott. Die einzelnen Wege werden entweder nacheinander oder teilweise zusammen begangen – was vom Karma abhängt.
Alle anderen Lehren wurden leider bruchstückhaft den vier ursprünglichen Yoga-Wegen entnommen und so verändert oder gar neu erfunden, dass sie allein von der Wirkungsweise und Zielvorgabe kein wirkliches Yoga mehr sind und sich daher auch nicht Yoga nennen dürften. Dies betrifft auch die indische ganzheitliche Gymnastik. Sie und viele der bruchstückhaften Lehren können für Körper und Seele zwar viel Gutes tun und sehr förderlich sein, sie führen aber wegen der fehlenden ganzheitlichen Grundlagen nicht zur Vereinigung mit Gott, was nur über die beschriebenen vier wahren Yoga-Wege zu erreichen ist.
Wenn die Unterscheidungskraft, die uns die heiligen Lehren des reinen Yogas offenbart, fehlt, entsteht nur Mittelmaß, insbesondere wenn wir viel wissen und Lehren konsumieren, statt unseren wahren eigenen Weg zum Herzen zu folgen. Diese Wahrheit haben uns all die wirklich großen Lehrer vorgelebt, die auf den hier beschriebenen Wegen ihr Ziel erreicht haben, getreu dem geistigen Grundsatz des Yoga:
„Der Weg zum Erfolg liegt in fortwährender Gottverbundenheit. Sucht Ihn vor allem anderen.“ (Paramahansa Yogananda)
„Wo deine Konzentration ist, da bist du; wohin du sie lenkst, zu dem wirst du.“
Die Asanas des wahren Yoga
Betrachten wir die Yoga-Überlieferungen, so finden wir in den Quellen wie in der Bhagavad- Gita, die alle vier ursächlichen Yoga-Wege ausführlich und gründlich bis ins Detail beschreibt, keinen einzigen Hinweis auf Körpertraining und auch keinerlei Erwähnung, dass physische Übungen für die Erreichung des Yoga gedacht und daher auszuüben sind. Auch in dem allerersten Werk über Yoga, den Yoga-Sutren, weist Pantanjali lediglich in einem einzigen Vers auf den Begriff “Asana” hin: „Die Sitzhaltung soll fest und angenehm sein“ (II.46).
Wären die heutzutage als “Yoga-Asanas” bekannten Körperstellungen (mit z.T. über 100 verschiedenen Positionen) für die Erlangung des Yoga – der Vereinigung mit Gott – bedeutsam, hätte Pantanjali sie sicherlich ausführlich und auch genauestens beschrieben! Dass er dies nicht getan hat, lässt darauf schließen, dass gymnastische Körperübungen keine Bedeutung für die Ausübung von Yoga im ursprünglichen Sinn haben.
Um den wahren Sinn des Wortes „Asana“ zu verstehen, ist es nötig, mehr über die asiatischen Traditionen zu erfahren. So war es früher bei offiziellen Anlässen, z.B. bei Hofe oder bei gesellschaftlichen Treffen, üblich, sich in Za- Zen, dem Kniesitz, niederzulassen. In eher ungezwungener Atmosphäre saßen die Menschen meist im offenen Lotussitz, der uns als “Schneidersitz” bekannt ist, in entspannter, aber aufrechter Sitzhaltung.
Wurde jedoch der Versenkungsweg geübt, um durch Konzentration, Atmung und Kontemplation Erkenntnisse in den vier heiligen und wahren Wegen, dem Jana-, Bhakti- oder Karma- Yoga (beim abendlichen Tagesrückblick), zu erlangen, saß man meist im aufrechten “halben Lotussitz” oder im „wahren (bzw. vollen) Lotussitz“.
Die aufrechte Sitzweise mit geradem Rücken ermöglicht eine gute Zentrierung auf den Körpermittelpunkt, der auch „Hara“ oder „Tanden“ genannt wird und ca. 2½ cm unterhalb des Bauchnabels liegt. Ist ein Mensch dann vollbewusst im Hara verankert, verlagert er künftig seine Mitte vom Hara aus in die Herzspitze, das wahre Zentrum des menschlichen Seins. Der vollbewusste stabile Kontakt mit der göttlichen universellen Energie im eigenen Herzen ist das wahre Ziel des Menschen im Zen, im Yoga, ja in allen heiligen – auch den europäischen – Wegen, die zurück zur Quelle allen Seins führen.

