Buddhismus

Buddhismus

Ein Thema - sechs Sichtweisen

Der Buddhismus stellt gerade für Menschen mit christlichem Hintergrund eine zunehmend attraktive religiöse Alternative dar: weil er vor allem ein praktischer, individueller Weg zur Erleuchtung ist und nicht einfach eine religiöse Lehre; weil er „so schön unreligiös ist“ und anscheinend nicht einmal eine oberste Gottheit braucht; weil er das Leiden weder verdrängt noch betont, sondern sich auf dessen Überwindung konzentriert.

Attraktiver Pragmatismus
Viele Aspekte des Buddhismus sprechen die heutige Lebenseinstellung an. Besonders der kompromisslose Realitätssinn des Buddha passt zu dem pragmatischen Grundzug unserer westlichen Kultur

Auch in unserer Gesellschaft trifft man auf ein weit verbreitetes Unbehagen, auf großstäd tische Verzweiflung und Gesetzlosigkeit; manchmal erfüllt uns die im Entstehen begriffene neue Weltordnung mit Angst.

Viele Aspekte der Wahrheitssuche des Buddha sprechen die heutige Lebenseinstellung an. Zusam men mit der Forderung des Buddha nach geistiger und persönlicher Unabhängigkeit korrespondiert insbesondere sein unbestechlicher Realitätssinn mit dem pragmatischen Grundzug unserer westlichen Kultur.

Wer mit der Vorstellung eines übernatür lichen Gottes nichts anfangen kann, wird außerdem Gefallen an der Weigerung des Buddha finden, von der Existenz eines Höchsten Wesens auszugehen. Gotama beschränkte sein Erkenntnisinteresse auf das eigene menschliche Wesen und legte stets Wert auf die Feststellung, dass sich seine Erfahrungen – selbst die der nibbana (d.h. Nirvana; Anm.d.Red.) genannten höchsten Wahr heit – ganz und gar im Rahmen der menschlichen Natur bewegten. Auch wer heutzutage Anstoß an der Intoleranz gewisser Formen der etablierten Religiosität nimmt, wird es begrüßen, dass der Buddha so großes Gewicht auf Mitgefühl und Barmherzigkeit legte.

Der Buddha fordert uns allerdings auch heraus, weil er kompro missloser ist als die meisten von uns. In der heutigen Gesellschaft findet man einen schleichenden neuen Dogmatismus, der gern un ter dem Namen „positives Denken“ segelt. Im schlimmsten Fall gestattet uns dieser Gewohnheits optimismus, den Kopf in den Sand zu stecken, die Allgegenwart des Leidens im eigenen Leben und dem der anderen zu verleugnen und sich um des emotionalen Überlebens willen in einem Zustand absichtlicher Herzlosigkeit einzuigeln.

Karen Armstrong

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