Das Christentum heute
Erfahrung oder Glaube?
Im Laufe seiner Geschichte wurde Christsein praktisch gleichbedeutend mit der Zustimmung zu bestimmten Glaubensartikeln. Religiöse Erfahrung ist indessen viel mehr als das, woran wir glauben.
Ich bin Religionshistorikerin, darum lag es nahe, dass mich im Laufe meiner Besuche in jener Kirche die Frage zu interessieren begann, wann und wie Christsein praktisch gleichbedeutend mit der Zustimmung zu einem ganz bestimmten Katalog von Glaubensartikeln wurde. Das Christentum hatte, wie ich aus dem Studium einschlägiger Geschichtswerke wusste, brutale Verfolgung überstanden und eine über Generationen, ja über Jahrhunderte sich erstreckende Erfolgsgeschichte durchlaufen, bevor Christen die Inhalte ihres Glaubens in fest formulierte „Symbole“ (griech. symbolon, lat. symbolum), d. h. Bekenntnisse fassten. An urkundlichen Spuren der Anfänge dieses Wechsels von verstreuten Gruppierungen zu einer Gemeinschaft von monolithischer Einheit ist wenig auf uns gekommen.
Aus meinen Begegnungen mit Menschen sowohl auf der Hauptebene wie im Untergeschoss jener Kirche, Gläubigen, Agnostikern und Suchenden (aber auch mit Menschen, die keiner Kirche angehören) weiß ich indessen auch, dass die Substanz der religiösen Erfahrung sehr viel mehr einschließt als das, woran wir glauben (oder nicht glauben). Was ist Christentum, und was ist Religion, fragte ich mich. Und warum ist die christliche Religion für so viele von uns, einerlei ob wir Mitglieder einer Kirche sind oder nicht, und aller Kritik zum Trotz, die wir an Einzelheiten der Lehre und des Brauchtums vielleicht meinen üben zu müssen, noch immer ein Gegenstand höchsten Interesses? Was lieben wir an der christlichen Tradition – und was an ihr können wir nicht lieben?
ELAINE PAGELS
Das Neue am Christentum
Das Christentum ist primär keine neue Lehre. Das Neue, das es von anderen Religionen und Weltanschauungen abhebt, ist in der historischen Person Jesu Christi zu suchen und zu finden.
Meine Entscheidung für Jesus Christus und seine Sache be deutet allerdings nicht, dass ich die nichtchristlichen Religio nen ignoriere oder gar verachte. Denn ich stimme Rabindra nath Tagore zu, wenn er sagt, dass die verschiedenen Reli gionen ihr verschiedenes Licht leuchten lassen sollten für die verschiedenen Welten von Seelen, die seiner bedürfen“. Ich kann aber meine religiösen und sonstigen geistlich-geistigen Bedürfnisse nur als Christ befriedigen, was sich teilweise da durch erklären lässt, dass „ich als Christ geboren wurde und als Kind soziokulturelle Werte internalisiert habe, die christli cher Herkunft sind. Was mich zum bewussten und überzeug ten Christen machte, ist die Tatsache, dass das Christentum eine Universalreligion ist, die sich von anderen Religionen dadurch unterscheidet, dass sie primär weder eine neue Lehre noch eine neue Moral noch ein neues Gesetz ist.
Das Neue, wodurch sich das Christentum von anderen Reli gionen und Weltanschauungen abhebt, ist in der historischen Person Jesu Christi zu suchen und zu finden, dessen Einzig artigkeit von allen Menschen vorbehaltlos anerkannt wird, die von ihm gehört haben, und zwar unabhängig davon, ob man Jesus als einen guten Menschen betrachtet oder ob man in seiner Person einen Offenbarer Gottes erblickt.
DEMOSTHENES SAVRAMIS
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