Den Tod bedenken
Entzauberung des Todes
Der Tod kommt heute nicht länger als metaphysischer Schreckensbote oder Führer in ein besseres Jenseits daher, sondern als wirkliches und erfundenes Sterben in Nachrichtensendungen und Kriminalfilmen. Erstaunlich ist schließlich, wie unerbittlich uns täglich zahllose Tode medial ins Wohnzimmer geliefert werden, und zwar keineswegs nur wirkliches Sterben in Nachrichtensendungen, sondern noch mehr erfundenes Sterben, ausgedacht von Kriminal- und Horrorfilm Drehbuchschreibern. Nichts und niemand zwingt die Drehbuchschreiber oder die Zuschauer, sich mit dem Sterben fiktiver Menschen abzugeben – und doch tun wir es alle, offenbar zu unserer bloßen Unterhaltung. Eine sonderbare Form von Verdrängung, sich das vorgeblich Verdrängte unablässig vor Augen zu führen!
Die These von der Verdrängung des Todes bedarf also der sorgfältigen Prüfung. Was mit dem Etikett „Verdrängung“ versehen wird, ist ein veränderter Umgang mit dem Faktum des Sterbens und des Todes. Dieser veränderte Umgang zeigt sich im Verschwinden der alten, pathetischen Totenbräuche, zeigt sich in der Entzauberung des Todes, der nicht länger als metaphysischer Schreckensbote, ebenso wenig als Führer in ein besseres Jenseits daherkommt. War mit dem Eintreten des Todes früher alltäglich zu rechnen, macht ihn die moderne Medizin zu einem zwar noch immer unvermeidlichen, aber doch ganz und gar außeralltäglichen Geschehen.
ANDREAS URS SOMMER
Verdrängung
Wir reden nicht über den Tod. Wir leugnen sorgsam, dass er uns allen so nah ist, als sei er etwas Obszönes oder etwas Unwirkliches wie im Film. Ich fürchte den Tod. Ich erinnere mich genau an den Moment, in dem mir die Unausweichlichkeit meines eigenen Todes bewusst wurde. Das geschah nicht, während ich an einer Felswand hing oder mit einem Kajak durch die gefährlichen Stromschnellen schoss... Es geschah, während ich an einem wunderschön polierten Lesetisch in der friedlichen Stille des Sanborne House saß ... ich weiß nur, dass ich lange in die tiefbraunen Wirbel der edlen, von der Leselampe beschienenen Holzmaserung starrte und dachte: „Ich werde sterben. Das alles wird ein Ende haben.“ Es war nicht komplexer und nicht simpler als die Erkenntnis, die Millionen bzw. Milliarden Menschen irgendwann im Lauf ihres kurzen Erdendaseins gewinnen. Was mich jedoch bis heute erstaunt, ist, wie stark diese Einsicht auf die emotionale Ebene einwirkte. Ich wurde von Schmerz und Trauer überflutet. Wir reden nicht über den Tod. Wir leugnen sorgsam, dass er uns allen so nah ist, als sei er etwas Obszönes oder etwas Unwirkliches wie im Film. Vielleicht ist diese Distanz der Grund dafür, dass uns der Tod gleichzeitig ängstigt und fasziniert und wir ihn dennoch verstehen wollen.
PETER STARK
Wertvolle Einsicht
Wir leben das Leben besser, wenn wir es so leben, wie es ist, nämlich befristet. Der Gedanke an den Tod gibt Freiheit und macht das Leben wertvoller. Meine Erfahrung war die: Wir leben das Leben besser, wenn wir es so leben, wie es ist, nämlich befristet. Dann spielt auch die Dauer der Frist kaum eine Rolle, da alles sich an der Ewigkeit misst. Nicht nur die Christen, sondern auch die Nichtchristen, von Seneca und Montaigne bis, wenn Sie wollen, zu Heidegger, waren der Meinung, dass das Leben mehr Sinn habe, wenn man an den Tod denkt, als wenn man den Gedanken an ihn beiseite schiebt, verdrängt. Sie sagten auch, es sei leichter zu sterben, wenn man sich sein ganzes Leben lang mit dem Tod beschäftigt habe, als wenn man von ihm überrascht werde. Ich habe erfahren, dass das alles stimmt. Was soll sich denn ändern im Leben, wenn wir an den Tod denken? Vieles, nicht alles. Wir werden ein weiseres Herz gewinnen, wie der Psalmist sagt. Wir werden sorgfältiger umgehen mit der Zeit, sorgfältiger mit den anderen, liebevoller, wenn Sie so wollen, geduldiger – und vor allem freier. Niemand kann uns mehr nehmen als das Leben, und dieses wird uns ohnehin genommen. Dieser Gedanke gibt Freiheit, gibt geradezu frische Luft. Ich kann ihnen sagen, weil ich es in den letzten Monaten erlebt habe, dass der Gedanke an den Tod das Leben wertvoller macht.
PETER NOLL
Bedeutungsvoll leben
„Lass jede deiner Handlungen deine letzte Schlacht auf Erden sein. Nur unter diesen Bedingungen werden deine Handlungen die Kraft haben, die ihnen zusteht.“ „Es ist sinnlos. Wenn der Tod dort draußen auf mich wartet, warum sollte ich mich darüber beunruhigen?“ „Ich sagte nicht, dass du dich darüber beunruhigen sollst. Du sollst ihn benutzen. Richte deine Aufmerksamkeit auf die Verbindung zwischen dir und deinem Tod, ohne Reue, Trauer oder Sorge. Richte deine Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass du keine Zeit hast, und richte deine
Handlungen darauf ein. Lass jede deiner Handlungen deine letzte Schlacht auf Erden sein. Nur unter diesen Bedingungen werden deine Handlungen die Kraft haben, die ihnen zusteht. Sonst
werden sie, solange du lebst, die Handlungen eines verzagten Menschen sein..., aber wenn du sterben musst, dann hast du keine Zeit, verzagt zu sein, einfach weil die Verzagtheit bewirkt, dass du dich an etwas festklammerst, das nur in deinen Gedanken existiert. Sie tröstet dich, während alles friedlich ist, aber dann wird die ehrfurchtgebietende, geheimnisvolle Welt ihren Schlund für dich öffnen, wie sie ihn für jeden von uns öffnet, und du wirst erkennen, dass deine sicheren Wege ganz und gar nicht sicher waren. Verzagtheit hindert uns daran, unser Los als Mensch zu prüfen und zu nutzen.“
CARLOS CASTANEDA
Täglich sterben – täglich neu geboren werden
Wenn wir einen Tag leben und ihn beenden und einen anderen Tag beginnen, als sei er etwas Neues, Frisches, dann gibt es keine Angst vor dem Tod. Doch wenn wir zu beenden verstehen, dann gibt es keine Angst; wenn wir es verstehen, jeden Tag zu sterben, dann gibt es keine Angst. Verstehen Sie das? Wir verstehen nicht zu sterben, weil wir immer ansammeln, ansammeln, ansammeln. Wir denken immer in Begriffen des Morgen: „Ich bin dies, und werde jenes sein.“ Wir sind nie fertig an einem Tag; wir leben nicht so, als ob wir nur einen Tag zu leben hätten. Verstehen Sie, worüber ich spreche? Wir leben immer im Morgen oder im Gestern. Wenn jemand Ihnen sagte, dass Sie am Ende des Tages sterben würden, was würden Sie tun? Würden Sie nicht diesen Tag voll ausschöpfen? Wir leben nicht in der reichen Fülle des Tages... Wenn wir einen Tag leben und ihn beenden und einen anderen Tag beginnen, als sei er etwas Neues, Frisches, dann gibt es keine Angst vor dem Tod. Jeden Tag allen Dingen zu sterben, die wir erworben haben, allem Wissen, allen Erinnerungen, allen Kämpfen, sie nicht hinübernehmen in den nächsten Tag – das ist Schönheit; und aus dem Ende erwächst etwas Neues.
JIDDU KRISHNAMURTI
Fernes Abenteuer Tod
Das menschliche Bemühen, möglichst gesund zu bleiben, kann sogar als ein ewiger unbewusster Kampf gegen den Tod interpretiert werden. Der Tod wird zu Recht als das „letzte Mysterium“ bezeichnet. Woran wir auch glauben mögen, was wir auch durch die Erfahrung anderer lernen können – wir werden doch niemals erfahren, was der Tod wirklich bedeutet, bis wir selbst den letzten Atemzug getan haben. Wie Peter Pan in J.M. Barries berühmten Stück sagt: „Sterben ist bestimmt ein wirklich großes Abenteuer.“ Einige behaupten kühn, sie seien so gespannt darauf, zu erfahren, was jenseits der Todesschwelle liegt, dass sie das Ereignis kaum abwarten könnten. Doch üblicherweise vertreten sie diesen Standpunkt nur, so lange sie gesund sind und der Ausblick des Todes nichts weiter darstellt als einen fernen Schatten am Horizont. Sollten sie sich plötzlich von einer lebensgefährlichen Erkrankung bedroht sehen, kämpfen sie doch wie die meisten Menschen um jede Stunde – das menschliche Bemühen, möglichst gesund zu bleiben, kann sogar als ein ewiger unbewusster Kampf gegen den Tod interpretiert werden.
BRIAN INNES

