Die Suche nach dem Sinn

Die Suche nach dem Sinn

„Sind wir ein mehr zufälliges Experiment oder in einen viel größeren Zusammenhang eingebunden? Eine Frage zieht die nächste nach sich, und alle Fragen laufen letztlich doch auf ein Unbekanntes hinaus. Manche wenden sich dann dem Glauben zu, während andere einfach nur staunen. Und in diesem Staunen keimt die Saat der Spiritualität.“

Coole Sinnleere

Es gibt so viele Menschen, deren Leben es an einem festen Sinn oder Zweck fehlt, dass dieser Mangel schon als normal angesehen wird.

Das weit verbreitete persönliche Gefühl der Sinnentleertheit ist die große philosophische Plage des zwanzigsten Jahrhunderts, und sie wird uns auch noch im nächsten Millennium begleiten. Es gibt so viele Menschen, deren Leben es an einem festen Sinn oder Zweck fehlt, dass dieser Mangel schon als normal angesehen wird. Aber nur wenige sind glücklich damit. Wir sind im allgemeinen nicht zufrieden mit der Vorstellung, dass unser Leben und unsere Welt völlig zufällig sind, ganz ohne Sinn und Verstand. Je weiter wir in diese Richtung denken, ohne dass wir irgendeine Erklärung finden, umso schwerer ertragen wir es.

Das ist nur zum Teil die Schuld der Existentialisten. Die waren wirklich cool – sie trieben sich am linken Seineufer herum, rauchten Zigaretten, dachten tiefe Gedanken und kritzelten Philosophisches und Poetisches auf Tischdecken und Servietten. Die Existentialisten verstanden es wirklich gut, Gott zu töten und in den Abgrund zu springen und dem Ganzen einen romantischen Anstrich zu geben. Wenn sie sich ausschließlich auf die linke Seite der Existentialisten fixieren, so ist das Ihr eigener Fehler, denn damit kratzt man lediglich an der Oberfläche ihres Werkes...

LOU MARINOFF

Berechtigte Gefühle

Das Gefühl der “Sinnlosigkeit des Lebens“ ist ein völlig berechtigtes Gefühl, um nicht zu sagen: ein Symptom von Gesundheit.

Nein, nicht ein pathologisches, einer Behandlung bedürfendes Symptom ist das Gefühl der „Sinnlosigkeit des Lebens“, sondern angesichts des Faktums der Sinnlosigkeit ein völlig berechtigtes Gefühl, ein Zeichen von unbeschädigter Wahrheitsbereitschaft, um nicht geradezu zu sagen: ein Symptom von Gesundheit. Diese Wahrheitsbereitschaft verlangt freilich, wie paradox immer das auch klingen mag, dass wir nach „Sinn“ zu suchen aufhören. – Gleichviel: die wirklich Kranken sind diejenigen – und das sind Hunderte von Millionen –, die es niemals gespürt haben, dass sie faktisch ein sinnloses Leben führen, die es nämlich früh erfolgreich gelernt haben, in der Sinnlosigkeit zu leben und nichts anderes zu erwarten. Was aber die Abertausende von Therapeuten betrifft, so gleichen diese jenen Barkeepers auf den Goldrush-Plätzen des Wilden Westens, die nicht selber nach angeblichem Gold gruben, vielmehr durch die zu 99% zugrunde gehenden Goldgräber zu Gold kamen. Oder in einem anderen Bilde: sie gleichen Ärzten, die Hungrigen, statt diese ins Gasthaus zu schicken, eine Spritze gegen das Hungergefühl verabreichen. Gegen Honorar.

GÜNTHER ANDERS

Fluch der Sinnleere

Wer sich nicht aktiv und bewusst mit dem Sinn in seinem Leben beschäftigt, der wird irgendwann so sehr von Nebensächlichkeiten überflutet sein, dass er völlig in ihnen versinkt.

Das Fehlen eines „echten“ Sinns hinterlässt ein „Sinnvakuum“, das sich innerhalb von kürzester Zeit wie von selbst mit Ersatzthemen, Ersatzbeschäftigungen und Ersatzzielen füllt. Im ersten Augenblick könnte man meinen, das alles sei nicht besonders problematisch, besser ein „Ersatzsinn“ als gar keiner. Weit gefehlt! Das Gefährliche an den Ersatzthemen und Ersatzbeschäftigungen ist, dass sie die gewünschte Wirkung eben doch nicht haben. Sie rauben einem zwar Zeit und Kraft, schenken aber einem nicht die Befriedigung und das Glück, die man sich von ihnen erhofft. Die Folge davon ist, dass man ihrer bald überdrüssig wird und sich mit ganzer Energie auf neue Ersatzthemen stürzt, die einen erneut zunächst besetzen und anschließend enttäuschen.- Wer sich nicht aktiv und bewusst mit dem Sinn in seinem Leben beschäftigt, der wird irgendwann so sehr von Nebensächlichkeiten überflutet sein, dass er völlig in ihnen versinkt. Er wird ein „pseudoerfülltes“ Leben führen, in dem eine Scheinbeschäftigung die andere jagt und das letztlich doch voller Frustration und Langeweile bleibt. Sinnlosigkeit und Sinnleere, so weit das Auge reicht.

STEFAN F. GROSS

Der Sinn jenseits der Sache

Manchmal sorgen sich die Menschen um den Sinn ihres Lebens, obwohl sie wissen, dass ihr Leben bis auf den heutigen Tag durchaus befriedigend verlaufen ist.

Betrachten wir als erstes die Sehnsüchte und Sorgen der Menschen hinsichtlich des Sinns des Lebens; man fragt sich, ob das Leben einen Sinn hat, und man gelobt, seinem Leben stets mehr Sinn zu geben. Der Sinn dieser Sorgen und Vorsätze lässt sich nicht vollständig durch einen Ansatz erfassen, in dem das, was man mit seinem Leben anfängt, nicht zählt, solange man dieses Leben nur genießt oder diese Lebensweise präferiert. Manchmal sorgen sich die Menschen um den Sinn ihres Lebens, obwohl sie wissen, dass ihr Leben bis auf den heutigen Tag durchaus befriedigend verlaufen ist.

Und wirklich scheint all die Freude und aktive Beschäftigung mit den verschiedenen Dingen und Werten, die ihnen nunmehr hohl erscheinen, das nagende Gefühl von der Sinnlosigkeit ihres Lebens nur noch zu steigern, das sie heimsucht. Und dieses Gefühl, dass ihr Leben bisher sinnlos gewesen ist, kann nicht bloß das Gefühl sein, dass die Taten und Beschäftigungen etwa nicht frei gewählt wurden oder keinen Spaß gemacht haben. Wenn diese Menschen nach einer Quelle für Sinn suchen oder nach Wegen, dem Leben einen Sinn zu verleihen, dann suchen sie nach Plänen und Vorhaben, deren Rechtfertigung anderswo liegt.

SUSAN WOLF

Sinn ist Spiritualität

Unglück und seelische Leiden wecken die Sehnsucht, diese bedingte Welt zu transzendieren, ein Verlangen, aufzuwachen und ein höheres Wissen zu gewinnen...

Die meisten Menschen sehen das Leben als eine Schule in dem Sinne, dass wir hier viel zu lernen haben. Aber wenn am Ende doch der Tod steht, worin besteht dann überhaupt der Sinn des Lebens? Fragen über den Tod können dazu führen, dass wir uns Gedanken über das Leben machen. Sind wir ein mehr zufälliges Experiment oder in einen viel größeren Zusammenhang eingebunden? Eine Frage zieht die nächste nach sich, und alle Fragen laufen letztlich doch auf ein Unbekanntes hinaus. Manche wenden sich dann dem Glauben zu, während andere einfach nur staunen. Und in diesem Staunen keimt die Saat der Spiritualität. Irgendwann stoßen wir dann vielleicht auf eine der grundlegenden Lektionen, die uns in der Schule des Lebens erteilt werden: In jedem Augenblick befindet sich unser Bewusstsein in einer von zwei eigenständigen Wirklichkeiten, jede mit ihren eigenen Wahrheiten. Die erste ist das, was wir landläufig „Wirklichkeit“ nennen... Die zweite ist eine transzendente Wirklichkeit – die spirituelle Dimension. Unglück und seelische Leiden wecken aber die Sehnsucht, diese bedingte Welt zu transzendieren, ein Verlangen, aufzuwachen und ein höheres Wissen zu gewinnen, das unsere Seele erhebt, während wir zugleich in dieser gewöhnlichen äußeren Wirklichkeit leben.

DAN MILLMAN

Sinn-los ohne Gott

Unser ganzes Leben bedeutet so viel, wie wir Gott zutrauen, dass er mit uns vorhat.

So ist es in unserem Leben überhaupt: Was die Dinge wert sind, sagen uns niemals die Dinge selber, ihre Bedeutung verleihen wir ihnen mit unserem Leben. Und unser ganzes Leben bedeutet so viel, wie wir Gott zutrauen, dass er mit uns vorhat. Immer können wir uns nicht nach dem Modell des wertlosen Wassers betrachten, und schon sind wir Herumstehende oder Ausgegossene. Betrachten wir uns rein äußerlich, wird die Bilanz nie anders lauten als: nichtig, ohnmächtig, ausgeliefert.

Aus Wasser und Lehm zusammengerührt sind wir Menschen, Teil der Biologie, der Soziologie, der Psychologie, Produkt von Gesetzen. Auf vielen Ebenen der Forschung und des Wissens werden wir angeleitet, uns selber so zu sehen. Es gibt in diesem Weltbild keine Freiheit, keine Person, nichts, worauf sich eine ewige Würde gründen ließe; wertlos wie Wasser, nichtig wie ein Tropfen im Eimer ist unser Leben... Es bedarf eines anderen Anrufes, es bedarf der Vernahme einer Beauftragung in unserem Leben, und alles sieht anders aus, schmeckt anders, ist anders. Dies ist das Wunder der Verwandlung, dass unser scheinbar so sinn- und wertloses Leben vor Gott und dann vor den Menschen, wenn wir uns dessen getrauen, etwas unendlich Kostbares, Freudebringendes, alles Leben ringsum Bereicherndes darstellt.

EUGEN DREWERMANN

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