FACETTEN DES HINDUISMUS
Unglaubliche religiöse Vielfalt
Der Hinduismus ist eine Verbindung zahlloser religiöser Vorstellungen, Bräuche und Riten. Die einzelnen Kultformen sind so unterschiedlich, dass sie außerhalb Indiens als selbständige Religionen angesehen werden.
Mit dem Namen Hinduismus bezeichnen die Europäer die religiösen, kulturellen, sozialen, politischen und philosophischen Vorstellungen, die in ihrer Gesamtheit die Lebensweise des Inders bestimmen. Die Hindus selbst nennen ihre religiöse Tradition „die ewige Ordnung“ (sanatana-dharma).-
Der Hinduismus, oder genauer die Hindutradition, ist eine Verbindung zahlloser religiöser Vorstellungen, Kultformen, Bräuche und Riten. Er kann nicht nur wie eine Religion betrachtet werden, denn er hat weder einen Stifter, noch eine Priesterschaft zur Gewährleistung fester Dogmen, noch eine zentrale Organisation.- Je nach der Verstandesebene des einzelnen Gläubigen können die unzähligen Gottheiten, Mythen, Riten und Symbole auf verschiedene Weise gedeutet werden, und so könnte man sagen, dass der Hinduismus allen Menschen alles sein kann. Dabei sind die einzelnen Kultformen so unterschiedlich, dass sie außerhalb Indiens als selbständige Religionen angesehen werden. Dass die Hindutradition alle Ausprägungen religiösen Glaubens umschließt, spricht für ihre Dynamik, Flexibilität, Toleranz und große Assimilationsfähigkeit.
MARGARET STUTLEY
Intensive Religiosität
Der Hinduismus hat sich in Indien trotz seiner konkurrierenden religiösen Traditionen eine tiefe Gläubigkeit bewahrt. Selbst die moderne Wissenschaft und Technik hat ihr keinen Abbruch getan.
Die Bezeichnung „Hinduismus“ für die Religion der Hindus kam erst im 19. Jahrhundert in Bengalen auf, wo ihn die Angestellten der englischen East India Company einführten, um das, was sie für zahlreiche religiöse Sekten der Inder hielten, in einem Begriff zusammenzufassen. Dass es sich in Wirklichkeit um mehrere Religionen mit zum Teil sehr verschiedenen Vorstellungen handelte, hatte man noch nicht bemerkt, konnte es vielleicht auch nicht bemerken, weil die Anhänger dieser Religionen so selbstverständlich und friedlich miteinander lebten, wie es damals in Europa nicht einmal unter Protestanten und Katholiken, geschweige denn mit Juden oder Muslimen möglich war.- Die entscheidende Basis aller weiteren Aussagen über den modernen Hinduismus ist die Tatsache, dass er sich in Indien trotz oder vielleicht gerade wegen seiner konkurrierenden religiösen Traditionen eine tiefe Gläubigkeit bewahrt hat. Selbst die moderne Wissenschaft und Technik, die sich zur Zeit mit beachtlicher Schnelligkeit in Indien ausbreitet, hat dieser Religiosität keinen Abbruch getan.
HEINRICH VON STIETENCRON
Die Kraft der Assimilation
Aus geschichtlichen Umwälzungen ging der Hinduismus jedes Mal erneuert hervor, indem er rivalisierende Einflüsse aufnahm und sich zu eigen machte. Auch der Gläubige eignet sich den Aspekt der Religion an, der seiner geistigen Entwicklungsstufe entspricht.
Erstaunt stellt man fest, dass wissenschaftliche und technologische Fortschritte auf die Hindus nicht dieselbe Auswirkung haben wie auf die westlichen Völker. Der Hinduismus war in der Geschichte immer wieder gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen ausgesetzt. Aus bedrohlichen Situationen ging dieser Mehrgötterglauben jedes Mal gestärkt hervor, indem er die Kontrahenten aufnahm und assimilierte. Jedes Mal ergab sich daraus eine Erneuerung der Religion mit Folgen für die Gesellschaft. Jede neue Bedrohung, äußere sowie innere, führte zu einer neuen Stufe der Entwicklung der Religion. Ihre Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen worden, und sie kann nicht abgeschlossen werden. Denn der Hinduismus ist eine lebendige, dynamische Religion.- Der Gläubige eignet sich den Aspekt der Religion an, der seiner geistigen Entwicklungsstufe entspricht. Und je nach seiner spirituellen Verfassung wendet er sich dem monotheistischen oder polytheistischen Aspekt der Gottesauffassung zu.
VANAMALI GUNTURU
Die Gemeinsamkeit indischer Philosophien
Der philosophische Blick indischer Philosophien richtet sich auf das Ewige im Menschen. Sie sind mehr als gedankliche Spekulation, sondern gehen Hand in Hand mit meditativen Praktiken.
Der Hinduismus kennt sechs „orthodoxe“ philosophische Systeme, die unter dem Namen darshana zusammengefasst sind. Darshana heißt „Anschauung“ oder „System“. Astika, d.h. „orthodox“, sind die sechs philosophischen Schulen, weil sie sich – anders als etwa die philosophischen Richtungen des Buddhismus und Jainismus – entweder auf dem Boden des Veda bewegen oder die darin enthaltenen Gedanken weiterentwickelt haben.
Bei aller Verschiedenheit einzelner Anschauungen liegt die Gemeinsamkeit indischer Philosophien nicht nur in der Auffassung von Karma und Wiedergeburt, sondern auch in der Überzeugung von etwas „Unentstandenem, Ungeborenem und Ungeschaffenem“ als unbeschreibbarem Kern des kosmischen Wirkens von Entfaltung, Blüte und Auflösung. Gemessen an den kosmischen Dimensionen ist die Welt, in der wir leben, nur ein winziges vergängliches Fleckchen. So betrachtet erscheint die sichtbare Welt des Vergänglichen vergleichsweise bedeutungslos. Der philosophische Blick richtet sich auf das Ewige im Menschen.
Hindu-Philosophie ist dabei mehr als nur gedankliche Spekulation. Sie geht Hand in Hand mit meditativen Praktiken, mit denen unterschiedliche Bewusstseinszustände erfahren werden können.
WERNER SCHOLZ
Erkennen statt Philosophieren
Die indischen „Seher“ waren keine Philosophen nach unserem Verständnis. Sie hörten und schauten die Wahrheit direkt.
Da wir im Westen fast nur den biblischen Offenbarungsbegriff der jüdisch-christlichen Tradition kennen, sind wir nie auf den Gedanken gekommen, es könnte sich auch in den indischen Religionen um „Offenbarung“ handeln.-
Ihre „Seher“ sind weder Propheten im biblischen Sinn noch „Philosophen“ nach unserem neuzeitlichen westlichen Verständnis. Gewiss, sie waren Weise, aber noch mehr als das. Sie waren auch Philosophen, die zu diskutieren verstanden, aber man würde nicht von Shruti sprechen, von der gehörten und geschauten Wahrheit, wenn diese Seher diese Wahrheit nur gedanklich umkreist hätten. Ihre Erfahrung des Brahman gleicht mehr einem Ergriffenwerden als einem „Begreifen“, sie war weit mehr als nur der Weisheit letzter „Schluss“ und das von ihnen verwirklichte Brahman weit mehr als nur das letzte Glied einer langen logischen Kette. Die Rishis (Seher) hörten und erschauten die Wahrheit direkt, indem sie sich in der Versenkung auf eine Bewusstseinsebene begaben, auf der sie nur noch Empfangende waren.-
HANS TORWESTEN
Echte Religion ist nicht die Äussere!
Im Äußeren der Religion findet man keine echte Erfahrung. Früher oder später muss man sich der wahren Quelle im Innern zuwenden.
Das Äußere der Religion mit all seiner Pracht mag sehr anziehend und verlockend sein. Doch echte Erfahrung findest du darin nicht – eher wirst du sogar in die Irre geleitet. Wenn du dich zu sehr an Äußerlichkeiten bindest, wird das nur zu mehr Schmerz und zu mehr Problemen führen.- Das äußere Bild der Religion – die religiösen Texte und Schriften – befriedigt den Intellekt, während Spiritualität – das Innere der Religion – wahres Glück und inneren Frieden bringt, da sie die Gedanken zur Ruhe kommen lässt. Das Äußere kann uns niemals vollständiges Glück geben. Früher oder später muss man sich der wahren Quelle im Innern zuwenden. Intellektuelles Glück vermag uns niemals wahrhaft glücklich machen.
MATA AMRITANANDAMAYI

