Glück
Umgang mit Grenzen
Das Glück ist kein eigenständiges Gefühl, sondern eine allen Gefühlen gemeinsame Grenze. Unterhalb davon entfaltet sich das normale Gefühlsleben, zwischen Trauer und Freude... Aber stets mit der Grenze des Glücks als Ziel
Wenn sich die Energie des Glücks in uns ausbreitet, erleben wir so etwas wie eine Grenze. Denn das Glück ist nicht ein Gefühl unter anderen, sondern eine allen Gefühlen zukommende, allen Gefühlen gemeinsame Grenze. Jedes Gefühl spannt sich auf zwischen einem positiven und einem negativen Pol, zwischen Trauer und Freude, Langeweile und Erstaunen, Zorn und Gelassenheit usw. Das Glück aber ist kein eigenständiges Gefühl, es ist auch nicht bloß der positive Pol eines einzelnen konkreten Gefühls. Es ist vielmehr in jedem positiven Gefühl als dessen Wesen und Ziel enthalten. Das Glück entspricht dem Sein der Gefühle und das Unglück dem Nichts der Gefühle. Und an der Grenze jedes Gefühls werden beide, das Sein und das Nichts des Gefühls, in einer unlösbaren Umklammerung deutlich. Unterhalb solcher Grenze jedoch entfaltet sich das normale Gefühlsleben, zwischen dem positiven und negativen Pol, zwischen Trauer und Freude, Langeweile und Erstaunen... Aber stets mit der Grenze des Glücks als Ziel. Damit will sich jedes Gefühl im Glück überwinden, während die Energie des Unglücks jedem Gefühl auf den Fersen folgt und dieses auf den Weg ins Glück treibt. Der Umgang mit der Glückssache ist eine Kunst des Umgangs mit Grenzen...
PRAVU MAZUMDAR
Glück im Unglück
Glück haben bedeutet insgesamt wesentlich auch, kein Unglück zu haben.
Neben dem einzelnen positiven Ereignis, dem Glücksfall oder glücklichen Zufall, der durch das vierblättrige Kleeblatt und durch ein Hufeisen symbolisiert und durch ein gewinnbringendes Lotterielos realisiert wird, gibt es sodann aber auch das einzelne, zufällige und von uns nicht herbeizuführende Ereignis, wodurch ein Übel verhindert wird. In der Tat: Glück haben bedeutet insgesamt wesentlich auch, kein Unglück zu haben – man vergisst das nur zu oft! Sinnigerweise nennt man diese Art von Glück auch „Glück im Unglück“. Johanna Schopenhauer berichtet, dass die Franzosen diese Art von Glück „das deutsche Glück“ (le bonheur allemand) nennen. Es sei eben eine Besonderheit der Deutschen, dass sie, wenn jemand ein Bein gebrochen habe, ihn immer noch glücklich preisen, weil er nicht zugleich den Hals gebrochen habe, was doch leicht hätte geschehen können.
GÜNTHER BIEN
Jenseits der Vernunft
Die närrischen Leute sind glücklicher als die vernünftigen. Glück setzt ein sinnliches, seelisches, geistiges Vermögen voraus, ohne das es nicht einmal wahrgenommen werden kann.
Wer über Glück und Unglück nachdenkt, kann dem Kind verglichen werden, das am Ufer sitzt und versucht, das Meer mit dem Löffel auszuschöpfen. Was es mit dem Löffel herausbringt, wird nicht hinreichen...
Wenn die Frage gestellt wird, was getan, was unterlassen werden muss, um glücklich zu sein, so ist das eine Frage der Vernunft. Was aber hat die Vernunft mit dem Glück zu tun? So glückliche Leute wie der Hans im Glück des Märchens oder der Eichendorffsche Taugenichts werden von allen verständigen, vernünftigen Leuten für unverständig und unvernünftig gehalten. Aber die närrischen Leute sind glücklicher als die ernsthaften. In der verkehrten Welt nimmt das Glück zu. Der Narr, sagt Nietzsche, ist der An-Leben-Reiche. Das Glück ist kein Springbrunnen, der eingestellt werden kann. Es ist nicht machbar, lässt sich nicht künstlich verfertigen, es ist kein Surrogat, keine Droge, die den Willen lähmt. Doch setzt es eine Beschaffenheit des Menschen voraus, ein sinnliches, seelisches, geistiges Vermögen, ohne das es nicht einmal wahrgenommen werden kann. Zum Segeln gehört Wind, zum Singen eine Stimme. Wenig braucht es, ein Kind zu beglücken, und seine kindliche Beschaffenheit gehört dazu. Der Erwachsene hat dieses Glück vergessen, er empfindet es nicht mehr.
FRIEDRICH GEORG JÜNGER
Frei vom Denken
Indem der Mensch über sein Glück nachdenkt, ist er schon nicht mehr glücklich. Sind die „wahren“ Formen des Glücks wie Ekstase, Rausch, Meditation eben darum solche, die das Denken an das Glück an sich ausschließen?
Die größten Spaßverderber des Glücks weisen darauf hin, dass man es im strengen Sinne überhaupt nicht erleben könne. Denn im Augenblick des Glücklichseins, der subjektiven Erfahrung von Lustempfindung, des Erfülltseins von Freude in einer gehobenen Stimmung – gesetzt den Fall: dies allein wäre Glück – sind wir, streng genommen, eben nicht glücklich, denn wir wissen nicht um unser Glück, wir können es nicht erleben. Wir sind blind für unser Glück, indem wir glücklich sind.
Nicht selten findet man daher in der Literatur die Umkehrschlüsse: glücklich sein kann nur der, der nichts von seinem Glücke weiß. Indem der Mensch über sein Glück nachdenkt, ist er schon nicht mehr das, was er eigentlich sein will, nämlich glücklich; in der Reflexion über das Glück verflüchtigt sich das Gesuchte. Oder lässt sich behaupten, dass das Glück mehr ist als nur Lustempfindung und dass gerade in seiner Reflexivität sein eigentliches Merkmal liegt? Oder sind die „wahren“ Formen des Glücks, wie Ekstase, Rausch, Meditation, Spiel und Sport, eben solche, die das Denken an das und das Wissen vom Glück an sich ausschließen? Sind Glückserfahrungen nicht auch solche, die Wirklichkeit erschließen, statt sie auszublenden?
ANDREAS BRENNER
Empfindliches Glücksniveau
Materielle Güter und imponierende Leistungen haben überraschenderweise kaum die Kraft, unser Glücksniveau mehr als nur vorübergehend anzuheben.
Eine weitere Barriere, die dem Anheben des persönlichen Glücksniveaus im Wege steht, ist die „hedonistische Tretmühle“, die dafür sorgt, dass Sie sich rasch und unvermeidlich an die guten Dinge im Leben gewöhnen. Sie halten das Gute für selbstverständlich. Während Sie immer mehr leisten und immer mehr materiellen Besitz anhäufen, steigen auch Ihre Ansprüche. All die Leistungen und Güter, die Sie sich hart erarbeitet haben, machen Sie nicht mehr glücklich. Die Folge ist: Sie brauchen noch mehr, um Ihr Glücksempfinden auf die Sonnenseite Ihres vorgegebenen Glücksspektrums zu versetzen. Sie machen eine neue Anschaffung, erbringen eine neue Leistung, und schon gewöhnen Sie sich daran... und so weiter.
Gäbe es diese Tretmühle nicht, müssten Menschen, die mehr von den guten Dingen im Leben bekommen, allgemein glücklicher sein als die, die schlechter abschneiden. Aber die weniger Begünstigten sind – im Großen und Ganzen – fast genauso glücklich wie die, die besser abschneiden. Materielle Güter und imponierende Leistungen haben überraschenderweise kaum die Kraft, unser Glücksniveau mehr als nur vorübergehend anzuheben.
MARTIN E.P. SELIGMAN
Arbeit am Glück
Um glücklich zu werden, müssen wir imstande sein, uns zu ändern. Nur wenn wir an unserem persönlichen Bewusstsein arbeiten und lernen, uns selbst und die anderen besser zu verstehen, dürfen wir hoffen, auf Dauer glücklich zu sein.
Es liegt an uns selbst, glücklich zu werden. Glücklich wird man nicht über Nacht, sondern nur durch tägliche, geduldige Arbeit. Glück muss aufgebaut werden, und das erfordert Zeit und Mühe. Um glücklich zu werden, müssen wir imstande sein, uns zu ändern. Diese Lehre können wir aus dem Werk der großen Philosophen ziehen.
Wie gesagt, ist unserer Meinung nach nicht einzusehen, warum Glück für alle ein und dasselbe sein sollte. Da Glücklichsein immer als ein wertvolles persönliches Gut beschrieben wird, könnte man sich auch vorstellen, dass es für jeden etwas anderes, Besonderes und Einzigartiges bedeutet. Es ist bekannt, dass Glück ansteckend sein kann – man fühlt sich wohl in Gegenwart eines glücklichen Menschen –, aber es ist auch bekannt, dass dieser sein Glück nicht auf andere übertragen kann. Jeder muss sein ganz persönliches Glück selbst entdecken.
Glück entspricht offensichtlich nicht den Mechanismen des Denkens. Denn sonst wäre die zweitausendsechshundertjährige Geschichte der Philosophie die Geschichte glücklicher Denker. Ob Glücklichsein ein Seelenzustand oder eine Tätigkeit oder was auch immer ist, eins steht fest: dass es nur in dem, was in uns vorgeht, und in unserem Verhalten zum Ausdruck kommen kann. Nur wenn wir an unserem persönlichen Bewusstsein arbeiten und lernen, uns selbst und die anderen besser zu verstehen, dürfen wir hoffen, auf Dauer glücklich zu sein oder uns wenigstens für das begeistern zu können, was uns das Leben bietet.
FRANCESCO UND LUCA CAVALLI-SFORZA

