Herausforderung Islam – Probleme und Perspektiven

Herausforderung Islam – Probleme und Perspektiven

„Der Westen muss endlich mit der islamischen Welt prinzipiell ins Reine kommen, jedenfalls so weit das möglich ist. Dies ist um so wichtiger, als der islamische Orient der direkte Nachbar des Westens ist und bleiben wird. Wir sind sozusagen zu Beziehungen verurteilt.“

Von der Religion zur Ideologie

Der islamische Fundamentalismus kann als die Umwandlung des Islam in eine Ideologie verstanden werden. Er hat große Sprengkraft, solange er in der Opposition ist. Seine Schwäche wird erst sichtbar, wenn er die Macht erlangt hat.

Islamischer Fundamentalismus oder Islamismus kann als die Umwandlung der Religion des Islams in eine Ideologie verstanden werden. Religion betrifft in erster Linie das Verhältnis des einzelnen oder auch der Gemeinschaft zu Gott. Eine Ideologie ist ein Ideengebäude, von dem seine Propagatoren und Anhänger erwarten, dass es ihrer Gemeinschaft zum besseren und erfolgreicheren Leben auf dieser Erde verhelfe.- Die Stärken und Schwächen der islamischen Ideologie liegen auf der Hand. Der Islamismus stellt eine Ideologie von großer Sprengkraft dar, solange er sich in der Opposition befindet. Seine Schwäche wird erst sichtbar, wenn er die Macht erlangt hat. Als Oppositionslehre profitiert die islamische Ideologie von einem jeden Fehler und einer jeden Fehlentwicklung des Staates sowie von aller Unzufriedenheit der Regierten... Die Schwächen des Islamismus treten zu Tage, wenn ein islamisches Regime die Macht übernommen hat, denn dann muss es seine – als göttlich dargestellten – Versprechungen erfüllen.

ARNOLD HOTTINGER

Reizwort „Heiliger Krieg“

Der Begriff Djihad bedeutet wörtlich Anstrengung, Mühe und Einsatz. Wenn heute Muslime pauschal zu einem „heiligen Krieg“ gegen die „Ungläubigen“ aufrufen, haben sie den koranischen Kontext verlassen.

Djihad muss nicht mit der Waffe geführt werden. Der Begriff Djihad bedeutet wörtlich Anstrengung, Mühe und Einsatz und findet sich bereits in den ersten mekkanischen Offenbarungen, als das Thema Krieg für die junge muslimische Gemeinde nicht aktuell war. Wesentlich ist, dass Djihad von seiner wörtlichen Bedeutung weder „Krieg führen“ noch „töten“ beinhaltet, im Gegensatz zu dem Wort „quatala“ („Krieg führen, töten“)...

Wenn heute Muslime pauschal zu einem Djihad gegen die „Ungläubigen“ aufrufen, haben sie den koranischen Kontext verlassen und eine Neuinterpretation des Begriffs „Ungläubige“ vorgenommen. Wenn sie auch argumentieren mögen, dass für manche Muslime der „materialistische Westen“ oder die „gottlosen Amerikaner“ ähnliche Wesensmerkmale wie die mekkanischen Gegner Mohammeds aufweisen (Leugnung der Einheit Gottes, Profitgier und Bekämpfung der wahren Gläubigen), so bleibt dies eine eigenmächtig von einzelnen Menschen vorgenommene Deutung des Korans und anderer Rechtsquellen, eine Deutung, zu der sie nach islamischen Verständnis gar nicht befugt sind.

MONIKA UND UDO TWORUSCHKA

Tücken der Koran-Auslegung

Die Interpretation des Koran war nie ein unschuldiges Unterfangen. Wenn nicht klar ist, wo ihre Grenzen liegen, kann der Text gezwungen werden, jeder Ideologie nach dem Mund zu reden.

Ibn’ Arabi, ein großer andalusischer Sufi, versuchte zu zeigen, dass das gesamte Wissen seiner Zeit in die Deutung des Korans zu integrieren sei. Er wollte den Islam als Projekt mit offenem Ende verstehen, in dem sich der Islam mit dem Christentum, dem Judentum und allen anderen Religionen versöhnen und sie einschließen sollte. Der Islam sollte eine Religion alles umfassender Liebe sein. Das Projekt des Ibn’ Arabi war ein Produkt der andalusischen Gesellschaft und beruhte auf sprachlichem, kulturellem und ethnischem Pluralismus.

So wurde mir bewusst, dass die Interpretation des Koran niemals ein unschuldiges Unterfangen war. Ich kam zu der Überzeugung, man müsse zunächst den Begriff des Textes selbst untersuchen. Ich wollte das Wesen des zu interpretierenden Textes bestimmen und die Regeln untersuchen, die das Studium anleiteten. Wenn nicht klar ist, bis zu welchem Punkt sich der Text zur Exegese (Auslegung; Anm.d.Red.) eignet und wo die Grenzen der Interpretation liegen, kann der Text gezwungen werden, jeder Ideologie nach dem Mund zu reden.

NASR HAMID ABU ZAYD

Die islamische Welt kennen lernen

Der Westen muss endlich seine Kenntnisse über die islamische Welt vertiefen. Oft kann man hören, es gebe nicht genug Wissen über den Islam. Das ist Unsinn. Es wird nur nicht zur Kenntnis genommen.

Der Westen muss endlich mit der islamischen Welt prinzipiell ins Reine kommen, jedenfalls so weit das möglich ist. Er muss seine Kenntnisse über sie vertiefen und seine Beziehungen zu ihr so stetig und widerspruchsfrei wie möglich gestalten. Dies ist um so wichtiger, als der islamische Orient der direkte Nachbar des Westens ist und bleiben wird. Wir sind sozusagen zu Beziehungen verurteilt.

Oft kann man hören, es gebe nicht genug Wissen über den Islam. Das ist Unsinn. Alleine in Deutschland sind seit den Pioniertagen der Islamkunde im 18. Jahrhundert ganze Bibliotheken über Kultur und Geschichte des Islams vollgeschrieben worden. Spezialisten haben sich mit allen nur denkbaren Gebieten des Islams befasst und darüber auch eindrucksvolle Werke verfasst. Der Inhalt dieser Forschungen wird von den maßgeblichen Stellen nur nicht zur Kenntnis genommen. Es wäre so, als betriebe man Wirtschaftspolitik und Welthandel, ohne die wichtigsten ökonomischen Theoretiker gelesen zu haben...

WOLFGANG GÜNTER LERCH

Einander wirklich begegnen

„Begegnungen“ zwischen islamischen und christlichen Gemeinschaften finden nur auf offizieller Ebene statt. Sie sind ein viel zu dürftiger Beitrag der Religionen zum Frieden in der Welt.

Die bloßen Bekundungen gegenseitiger restloser Toleranz zeichnen ein völlig falsches Bild der religiösen Wirklichkeit. Zudem finden diese „Begegnungen“ nur auf der Ebene einzelner, dazu fähiger Experten statt. Dem gläubigen Volk wird in manchen islamischen Gemeinschaften größte Distanz zur christlichen Umgebung empfohlen. Sie dürfen zwar Christen zum Kennenlernen des Islams in ihr islamisches Zentrum einladen. Aber der Gegenbesuch in der Kirche findet nicht statt. Kurz: Die offiziellen höflichen Begegnungen sind ein viel zu dürftiger Beitrag der Religionen zum Frieden in der Welt.

In den wirklichen Begegnungen tauschen wir nicht nur Höflichkeiten aus. Wir lernen uns im Spiegelbild kennen, das uns der andere vor die Augen hält. Wir lernen, mit unserem eigenen Schatten zu ringen.

GEORG SCHMID

Probleme gemeinsam lösen

Die Aufgaben, vor denen islamische und westliche Länder stehen, müssen gemeinsam gelöst werden; denn als Konsequenz der Globalisierung werden beide Kulturen immer stärker voneinander abhängig sein.

Bei vielen Gelegenheiten werden der Westen und die islamische Welt als ein Gegensatz dargestellt. Dabei sind die Gemeinsamkeiten der beiden großen Kulturen ebenso grundlegend wie zahlreich. Orient und Okzident bauen auf der Vorstellung von einem gemeinsamen Monotheismus und auf dem gemeinsamen Erbe der griechischen Antike auf. Über mehr als vierzehn Jahrhunderte hat es einen regen kulturellen Austausch gegeben, von dem im Deutschen Worte wie „Algebra“ und „Alkohol“, „Giro“ und „Chemie“, „Kaffee“ und „Aubergine“ zeugen. Bis zum Beginn der Neuzeit war der Orient in diesem Austausch der gebende, der überlegene Partner, dann änderte sich das Verhältnis.- Es wird die Aufgabe muslimischer Denker und westlicher Beobachter sein, für gemeinsame Lösungen der Aufgaben, vor denen die islamischen wie die westlichen Länder stehen, zu sorgen; denn es ist die Konsequenz der Globalisierung, dass die beiden Kulturen in einem immer stärkeren Maße voneinander abhängig sein werden. Zunächst ist es aber wichtig, einander kennen zu lernen und zu akzeptieren, dass auch die Position des anderen, zumindest aus seiner Sicht, nicht unvernünftig ist.

PETER HEINE

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