Modernes Zeit-Erleben: Zwischen Müssen und Sein

Modernes Zeit-Erleben: Zwischen Müssen und Sein

Das moderne Zeiterleben bewegt sich zwischen Mangel und Überfluss. Offenbar fällt es uns schwer, die richtige Balance zwischen Müssen und Muße zu finden. Dabei kann uns gerade das Bewusstsein, dass die Zeit begrenzt ist, helfen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Dann erkennen wir auch im schnellsten Wandel das Bleibende und können uns gelassen daran orientieren.

ZEITDRUCK und Oberflächlchlichkeit
Was passiert mit jemandem, der immer leistungsfähig, erreichbar und auf dem Laufenden sein soll? Die Persönlichkeit wird flach. Die Außenwelt dringt in die Innenwelt ein. Was von innen kommt, erhält selten eine Chance.

Die Wirklichkeit überfällt uns: Informationen, nach denen man nicht gefragt hat. Entscheidungen, vor denen man nicht weglaufen kann. Auf dem Nachttisch stapeln sich ungelesene Zeitungen, Werbebroschüren und Bücher. Aber was passiert mit jemandem, von dem erwartet wird, dass er immer leistungsfähig, erreichbar und gesellschaftlich auf dem Laufenden ist, die neuesten Romane gelesen hat, seinen Körper in Form hält und mit den Kindern Schularbeiten macht? Immer öfter wird er an die Grenzen seiner Persönlichkeit gebracht. Für nichts ist wirklich Zeit. Meinungen werden nicht durchdacht, die Persönlichkeit wird flach, der Blick verweilt selten länger auf etwas oder jemandem. Die Außenwelt dringt in die Innenwelt ein. Was von innen kommt, erhält selten eine Chance. Stille wird zu etwas Exotischem.

OWE WIKSTRÖM

Rüstungswettlauf um die Zeit
Unser Geschwindigkeitskult droht zum Rüstungswettlauf um die Zeit zu werden. Damit wird jeder, der uns daran hindert, zu bekommen, was wir wollen, zum Feind.

Die Kinder leiden vermutlich am meisten unter dem herrschenden Beschleunigungswahn. Sie werden schneller erwachsen als je zuvor – mit der Folge, dass viele Kinder heute schon genauso beschäftigt sind wie ihre Eltern. Kinderpsychologen, die auf die Behandlung von Angstzuständen spezialisiert sind, haben volle Wartezimmer. Kinder im Alter von fünf Jahren klagen über Magenprobleme, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Depression und Essstörungen. In vielen Industrieländern steigt die Selbstmordrate Jugendlicher deutlich an. Wenn wir nicht bald auf die Bremse treten, wird unser Geschwindigkeitskult für noch größere Verwüstungen sorgen. Wenn wir alles im Höchsttempo erledigen, schmilzt der Wettbewerbsvorteil, den uns Schnelligkeit einbringt, immer mehr dahin. Das aber bedeutet, dass wir auch noch das letzte Quäntchen Geschwindigkeit aus uns herauspressen müssen. Was letztlich dabei herauskommt, ist ein Rüstungswettlauf um die Zeit. Und wir wissen alle, wo Rüstungswettläufe schließlich enden: in einem eisigen Patt waffenstarrender Bedrohung. Jeder, der uns im Weg steht, und alles, was uns langsamer macht, was uns daran hindert, genau das zu bekommen, was wir wollen, und zwar genau dann, wenn wir es wollen, wird zum Feind.

JEAN-CARL HONORÉ

Teufelsplage Zeitmangel
Die Eile war früher dem Teufel vorbehalten, ein Attribut des Bösen schlechthin. Heute ist sie zum Normalfall geworden.

„Der Teufel weiß, dass er (nur noch) kurze Zeit hat“, heißt es lapidar in der Apokalypse. Jahrhundert- und Jahrtausendwenden, egal ob sie nun apokalyptisch als Endzeit oder aber als Anbruch der neuen Zweit gedeutet werden, bringen es mit sich, dass sie uns an die Begrenztheit der Lebenszeit erinnern... Was bei Johannes noch als Attribut des schlechthin Bösen erscheint, ist in der Gegenwart zum Normalfall geworden. Denn die Eile, die zu früheren Zeiten dem Teufel vorbehalten war, hat sich heute so sehr unter den Mitgliedern unserer „hurried leisure culture“ verbreitet, dass selbst Kinder schon von der Teufelsplage mangelnder Zeit betroffen sind. Bei genauerem Hinsehen erfüllt aber gerade die moderne Knappheit der Zeit zunächst mit einiger Verwunderung, vor allem dann, wenn wir das gegenwärtige Kontingent an freier Zeit mit demjenigen anderer Epochen vergleichen. Der Blick auf andere Zeiten zeigt nämlich, dass kaum jemals in der Geschichte Menschen so souverän über ihre eigene Zeit verfügen konnten wie in der Gegenwart.

JOCHEN MECKE

Verwirrte Zeiterfahrung
Ob gehetzt oder gelangweilt – in beiden Fällen vertreiben wir die Zeit aus unserem Leben: indem wir sie erst „sparen“ und dann mit Hilfe der Medien „tot schlagen“. Zeitmangel und Zeitüberfluss verwirren sich so zu postmoderner Zeiterfahrung.

Ganz gleich, ob in chronischer Zeitnot oder in Situationen, wo wir uns einem Überfluss an Zeit gegenüber stehen: In beiden Fällen – gehetzt wie gelangweilt – vertreiben wir die Zeit aus unserem Leben: Zum einen, indem wir sie möglichst intensiv bewirtschaften und nach dem Prinzip „Zeit ist Geld“ den Kampf gegen alles Langsame, Bedächtige, Pausierende aufnehmen. Zum anderen, indem in der so gewonnenen Freizeit mit Hilfe der Medien die Zeit „tot geschlagen“ wird. Auch wenn tagsüber durch Telefon und Fax erfolgreich Zeit „gespart“, Abläufe beschleunigt und zahlreiche Parallelhandlungen verdichtet werden, scheinen viele doch an langen Fernsehabenden oder in stundenlangen Internet-Sitzungen alle Zeit der Welt zu haben. Die Rastlosigkeit beim vermeintlichen Sparen von Zeit mündet am beruflichen Feierabend in der nicht minder großen Ratlosigkeit, sinnvoll mit ihr (und sich) umzugehen. Es fällt offenbar schwer, eine Balance zwischen dem Zeitsparen-Müssen und der Muße zu finden. Zeitmangel und Zeitüberfluss verwirren sich zu postmoderner Zeiterfahrung.

KARLHEINZ A. GEISSLER

Dringlichkeit und Zeit
Erst dadurch, dass die Zeit knapp ist, aber insbesondere dadurch, dass wir dies wissen, haben die Dinge für uns eine Bewandtnis.

Nun könnte es uns jedoch niemals auf etwas ankommen, wenn wir nicht ein Bewusstsein von der Zeit hätten. Denn die Zeit, unsere Zeit, trägt die Signatur der menschlichen Existenz überhaupt: die Endlichkeit. Diese hat hier die Form der Knappheit. Erst dadurch, dass die Zeit knapp ist, aber insbesondere dadurch, dass wir dies wissen, haben die Dinge für uns eine Bewandtnis. Wenn wir uns im Ernst vorstellten, dass jede Entscheidung revidierbar wäre und wenn keine Folge unseres Handelns endgültig wäre, dann käme es in der Tat auf nichts an. Woher sollte der Eindruck der Dringlichkeit kommen? Nicht allein wie, auch dass wir uns entscheiden, könnte für uns nicht mehr als wichtig erscheinen. Der Mensch vermöchte sich gar nicht mehr als ein handelndes Wesen verstehen, zu dem es gehört, bestimmte Folgen von anderen und auch vor der Handlung selbst auszuzeichnen. Selbst der Spaß steht doch nur angesichts seiner Vorläufigkeit unter dem Druck, ihn zu haben oder unter Umständen sich und anderen fortlaufend zu versichern, wie sehr es Spaß gemacht habe.

ROLF SCHÖNBERGER

Langsam auf der Überholspur
Je schneller das Neueste zum Alten wird, desto schneller kann Altes wieder zum Neuesten werden. So wächst gerade durch Langsamkeit die Chance, auf der Höhe der Zeit zu sein.

Im übrigen gehört zum wachsenden Veraltungstempo der modernen Welt das wachsende Tempo der Veraltung auch ihrer Veraltungen. Je schneller das Neueste zum Alten wird, desto schneller kann Altes wieder zum Neuesten werden: jeder weiß das, der nur ein wenig länger schon lebt. Darum darf man sich beim modernen Dauerlauf der Geschichte – je schneller sein Tempo wird – zugleich unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf – von hinten überrundend – wieder bei einem vorbeikommt. Immer häufiger gilt man dann bei denen, die überhaupt mit Avantgarden rechnen, vorübergehend wieder als Spitzengruppe: so wächst – aufgrund der Wandlungsbeschleunigung in beschleunigtem Maße – modern gerade durch Langsamkeit die Chance, auf der Höhe der Zeit zu sein. Die Menschen: was sie in dieser schnellen und immer schneller werdenden modernen Zeit zugleich müssen, das können sie darum auch: nämlich langsam leben.

ODO MARQUARD

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