TANTRAUND KUNDALINIYOGA

TANTRAUND KUNDALINIYOGA

Der Kosmos entsteht nach tantrischer Auffassung aus der Trennung weiblicher und männlicher Energien, die sich zuvor in einem Zustand der Vereinigung befanden. Der reinste Pfad des Tantra hat nichts mit irgendeiner Form von Anbetung der Sexualität zu tun. Meditation ist der Schlüssel. Das Ziel der geistigen Suche ist die stufenweise Wiedergewinnung der inneren Ganzheit.

Der Mensch als Mikrokosmos
Der Kosmos entsteht nach tantrischer Auffassung aus der Trennung weiblicher und männlicher Energien. Im menschlichen Körper besteht eine Wiederholung dieser kosmischen Vorgänge im Kleinen.

Die esoterische Lehre von tantrischen Texten geht von bestimmten kosmischen Abläufen aus, die sich im menschlichen Körper erneut analog vollziehen, so dass Kosmos und Körper in dieser Hinsicht eine Einheit bilden. Der Kosmos entsteht nach tantrischer Auffassung aus der Trennung zweier Stränge, weiblich und männlich, die sich zuvor in einem Zustand der Vereinigung befanden. Schritt für Schritt geht diese Trennung und damit die Schöpfung vonstatten, wobei die ursprüngliche Einheit zunehmend einer immer deutlicheren Unterscheidung und Gegensätzlichkeit Platz macht. Das Prinzip eines weiblichen und männlichen Aspekts ein und derselben Wirklichkeit ist im Tantrismus grundlegend. Im menschlichen Körper besteht eine Entsprechung zu dieser stufenweisen Trennung. Die entscheidende tantrische Vorstellung dabei ist die von Energien. Das ist die Wiederholung der kosmischen Vorgänge im Kleinen. Dabei wirkt der Energiefluss nicht nur auf geistige, sondern auch auf körperliche Vorgänge, die so erst ihre Funktionsfähigkeit erhalten.

HUBERT PFAU

Zum Mittelpunkt des Seins
So wie sich die anfängliche kosmische Einheit in zwei Hälften unterteilt, so spaltet sich auch unser Bewusstsein: in das Ich und das wahre Selbst. Das Ziel der geistigen Suche im Tantra ist die stufenweise Realisation der inneren Ganzheit.

Die Sicht des Menschen, der man in den Tantras begegnet, entspricht der tantrischen Schau des Kosmos. So wie sich die anfängliche kosmische Einheit in zwei Hälften unterteilt, so spaltet sich auch unser Bewusstsein, wenn es sich von dem der Schöpfung vorausgehenden zum nachgeburtlichen Zustand entwickelt, in zwei Teile: Der eine beobachtet als schweigender Zuschauer, ohne verhaftet zu sein, während sich der andere, als Ich der Erscheinungswelt, dem schöpferischen Spiel der Welt überlässt. Diese beiden grundlegenden Bewusstseinsebenen sind völlig verschieden, jedoch von gleicher Ausdehnung. Das Erscheinungs-Ich zerstört die Wahrnehmung unserer inneren Ganzheit und lässt uns das Leben als eine Anhäufung zusammenhangloser Bilder sehen.

Das Ziel der geistigen Suche im Tantra und der Zweck von Ritual und Meditation ist die stufenweise Realisation des wahren Selbst, so dass das Spiel des phänomenalen Ichs der inneren Ganzheit des Atman („reines, wahres Selbst“) weichen wird, wenn der Sadhaka (Schüler) den Weg von der nach außen gerichteten Welt der Vielfalt zum inneren Mittelpunkt der Einheit zurückverfolgen wird.

MADHU KHANNA

Schlummernde Energien
Ein wichtiger Beitrag des Tantra zur Bewusstseinserweiterung ist der Kundalini- Yoga. Sein Ziel ist die Erweckung der kosmischen weiblichen Energie und ihre Einswerdung mit dem das ganze Universum durchdringenden Reinen Bewusstsein.

Ein wichtiger Beitrag des Tantra zur Erfahrung der Bewusstseinserweiterung ist der Kundalini-Yoga. Das Sanskrit-Wort kundalini bedeutet „zusammengerollt“. Die zusammengerollte Kundalini ist die weibliche Energie, die in latenter Form nicht nur in jedem Menschen, sondern auch in jedem Atom des Universums existiert.
Es kommt häufig vor, dass die Kundalini-Energie eines Individuums während seines ganzen Lebens schlummert und der Betreffende sich ihrer Existenz nie bewusst wird. Das Ziel der tantrischen Praxis des Kundalini-Yoga ist die Erweckung dieser kosmischen Energie und ihre Einswerdung mit Shiva, dem das ganze Universum durchdringenden Reinen Bewusstsein. Die Kundalini-Shakti oder „zusammengerollte weibliche Energie“ ist das ungeheure Potential der psychischen Energie, die mächtigste Wärmeströmung des Körpers. Die Erweckung der Kundalini zeichnet nicht nur die tantrische Praxis aus, sondern sie ist auch die Grundlage aller Yoga-Disziplinen. Zur Erweckung der Kundalini bedarf es langwieriger Schulung und vorbereitender Disziplinen, die sich in der Praxis erheblich voneinander unterscheiden.

AJIT MOOKERJEE

Eine esoterische Wissenschaft

Der reinste und höchste Pfad des Tantra hat nichts mit Ritualen oder irgendeiner Form von Anbetung der Sexualität zu tun. Meditation ist der Schlüssel.
Es gibt eine Unmenge an Literatur über die Philosophie und Wissenschaft des Tantra, aber sie ist nicht leicht zu verstehen und wird oft missbraucht. Diese hoch entwickelte esoterische Wissenschaft wird von Hindus, Jainis und Buddhisten praktiziert. Die Khudabaksha-Bibliothek von Patna, die Baroda-Bibliothek und die Madras-Bibliothek sind voll mit Manuskripten zu diesem Thema, aber diese Literatur ist für Laien nicht verständlich. Auch gibt es wenige kompetente Tantra-Lehrer. Praktiziert man diesen Weg jedoch unter Anleitung eines erfahrenen Lehrers, dann ist er jedem anderen spirituellen Weg der Selbsterleuchtung ebenbürtig. Der reinste und höchste Pfad des Tantra heißt Samaya oder der rechtshändige Pfad. Er ist reines Yoga. Er hat nichts mit Ritualen oder irgendeiner Form von Anbetung der Sexualität zu tun. Meditation ist der Schlüssel, aber diese Art der Meditation ist recht ungewöhnlich. In dieser Schule wird über den tausendblättrigen Lotos meditiert, den höchsten von allen. Die Kenntnis der Chakren, der Nadis (feinstoffliche Nervenströme) und Pranas (Vitalkräfte) und eine philosophische Erkenntnis des Lebens sind Voraussetzung, um in dieser Schule als Jünger angenommen zu werden.

SWAMI RAMA

Tantrische Gefahren

Das plötzliche Erwachen der Kundalini kann bei einem Menschen, dessen Nervensystem die hohe Reife der Entwicklung noch nicht erreicht hat, einen verwirrenden Einfluss auf den Geist ausüben.
Das plötzliche Erwachen der Kundalini („latente feinstoffliche Energie“) kann bei einem Menschen, dessen Nervensystem die hohe Reife der Entwicklung als Ergebnis günstigen Erbes, rechter Lebensart und einer gesunden geistigen Betätigung noch nicht erreicht hat, einen verwirrenden Einfluss auf seinen Geist ausüben.

Der Grund hierfür ist sehr einfach, dem heutigen Intellekt aber nicht leicht zugänglich. Denn er stellt sich den menschlichen Geist als ein fertiges Ergebnis vor, das nach Meinung einiger ausschließlich von der Tätigkeit der Gehirnzellen abhängt und mit dem körperlichen Dasein steht und fällt. Ohne in eine Diskussion einzugehen über die Richtigkeit dieser Hypothesen, die das Dasein des Geistes erklären, genügt unserem Zweck die Aussage der Meister des Yoga, dass die Aktivität des Gehirns und des Nervensystems, gleichgültig ob sie von einer ewigen aus sich selbst existierenden geistigen Quelle oder von einer verkörperten Seele ausgeht, von dem im Körper vorhandenen feinstofflichen Lebenselement abhängig ist, das, als Prana bekannt, jede Zelle und Faser im Organismus durchströmt – in derselben Art wie die Elektrizität.- In den meisten Fällen führt das Erwachen (der Kundalini) zu einer größeren Unbeständigkeit in der Gefühlswelt und einer größeren Geneigtheit zu geistigen Verirrungen, die ihre Ursache vor allem in erblichen Belastungen, falscher Lebensführung oder Unmäßigkeit jeder Art haben. Bei Menschen ist der plötzliche Anprall des machtvollen Lebensstromes auf das Gehirn oft mit schweren Gefahren und seltsamen geistigen Zuständen verbunden...

GOPI KRISHNA

Vorsicht, spiritueller Schwarzmarkt!
Wenn in Indien Tantra-Kurse oder Lektionen in Kundalini Yoga angeboten werden, fließt harte Währung. Nur gehört innere Reife zu genau den Dingen, die nicht käuflich sind.

Wenn in indischen Städten wie vor allem Poona in englischer Sprache Tantra-Kurse oder Lektionen in Kundalini Yoga für 500 US Dollar angeboten werden, ist Vorsicht geboten. Solche Preise übersteigen indische Monatsgehälter. In Indien weiß man sehr wohl, das viele westliche Ausländer esoterische Bedürfnisse hegen, deren Erfüllung sie – oftmals ahnungslos und ohne jegliche Kenntnis der indischen Kultur – im Orient suchen. Geht es um Bewusstseinserweiterung, fließt harte Währung. Nur gehören innere Reife oder auch tatsächliche Einweihungen in die „Geheimnisse des Orients“ zu genau den Dingen, die nicht käuflich sind. Niemand wird mit einem 500 Dollar Kurs zum Pianisten oder Bildhauer, und so ist auch Kundalini Yoga genauso wie Zen Meditation, Ballett oder Autorennenfahren Sache jahrelanger Übung unter der Leitung eines Meisters oder Trainers. In Indien kennt man den Begriff der „spirituellen Industrie“, d. h. man ist sich dessen sehr wohl bewusst, dass eine Vielzahl von Gurus mit einer Handvoll Psycho-Tricks erfolgreich von ihrer fast ausschließlich westlichen Anhängerschaft leben. In Indien heißt es: „Jeder Schüler bekommt den Lehrer, den er verdient.“

WERNER SCHOLZ

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