WER ODER WAS IST GOTT?
ALL-EINHEIT
Ich erlebte so etwas wie die Unendlichkeit. Für mich ist die Natur, das All, das Ganze, der Kosmos die Dimension, die andere als Gott bezeichnen.
Ich war fünf, mein älterer Bruder knapp sieben Jahre alt, als wir auf eine Hochalm in zweitausend Meter Meereshöhe hinaufstiegen. Als ich nun nach mühevollem Aufstieg durch den Hochwald – über ein kleines Steiglein hinter den Eltern herstapfend – aus dem Zirbenschatten hinauskam auf diese offene Hochfläche, standen die Geißler-Spitzen gerade im abendlichen Licht, und sie waren so groß und gewaltig, wie ich mir das nie hätte vorstellen können. Da waren Dimensionen zu verarbeiten, die über mein Vorstellungsvermögen gingen, die jenseits meines Sinnenvermögens lagen. Ich erlebte so etwas wie die Unendlichkeit.
Für mich ist die Natur, das All, das Ganze, der Kosmos – das kann bis in die letzten Sphären der Sterne reichen – die Dimension, die andere als Gott bezeichnen. Aber da ist keine Vorstellung von Gott. Dennoch ist das Göttliche immer und überall. Ich postuliere Gott nicht. Jeder Mensch, jede Pflanze und jeder Stein ist Gott. Oder wenigstens Teil davon. Aber wenn ich Teil von Gott bin, bin ich auch Gott. Bin ich aber selbstvergessen unterwegs, also eingebettet in mein Tun, erreiche ich diesen „Flow“. Dann bin ich leicht, frei, lebensfroh – gottgleich. Nein, nicht wie der liebe Gott, Alles und Nichts.
REINHOLD MESSNER
LIEBE
Gott ist Liebe. Nur die Liebe vermag unser Leben ganz werden zu lassen.
Ich glaube, dass es keine Empfindung gibt, keine Erfahrung gibt, die den Menschen tiefer betrifft, als die Liebe. Darum stimme ich dem ersten Johannesbrief zu, wenn er sagt: Gott ist Liebe. Nur die Liebe vermag unser Leben ganz werden zu lassen. Immer wenn ein Mensch einen anderen trifft und in der Liebe eine Gemeinschaft mit ihm bildet, die beiden erlaubt, zu sich selber zu reifen, öffnet sich in den sonst sehr dicken, lichtundurchlässigen Gefängnismauern dieser Welt ein Fenster ins Unendliche. In der Liebe versprechen wir einander ständig eine Art von Begleitung, Beistand und Zuversicht, die wir als irdische Wesen niemals einhalten können. Und so sagen wir liebend einander Worte, die eigentlich nur in Gottes Mund wirklich sind. Die Liebe ist eine Sehnsucht ins Unendliche, die nur dort ihre Erfüllung findet.
EUGEN DREWERMANN
DER GROSSE SINNSTIFTENDE PLAN
Gott ist für mich das Weltprinzip, das alles bedingt und sinnstiftend ist für sämtliche Zusammenhänge.
Sich auf dem Weg zu befinden. Zu akzeptieren, dass die rein materielle Existenz nicht die einzige ist, und dass ich mich als ein Teil des Weltenganges begreifen kann. Dass intellektuelle Erkenntnis untrennbar verbunden ist mit Wahrnehmung der anderen Dimensionen. Dass ich einer großen Weltordnung angehöre und mit allem verbunden bin, was auf dieser Welt existiert. Mit dem Guten wie mit dem Bösen. Dass ich auch Teil dessen bin, was außerhalb unserer Welt ist. Und dass ich dieses Bewusstsein in meinem Alltag, in jeder einzelnen Handlung nicht verliere.
Gott ist für mich das Weltprinzip, das alles bedingt und sinnstiftend ist für sämtliche Zusammenhänge. Gott ist der große Plan, den ich nicht kenne und der wirkt. In diesem Zusammenhang finde ich es hoch interessant, dass viele Wissenschaftler, die an die letzten Grenzen der Erkenntnis vorstoßen, an einem Punkt ankommen, an dem sie sagen: Da ist Gott, da ist die Weltseele. Einstein hat das zum Beispiel so formuliert.
NINA RUGE
HÖHERE HARMONIE
Ich bin Gott am nächsten, wenn ich merke, dass Dinge zusammenstimmen, wenn sich etwas wirklich zusammenfügt und zusammenklingt.
Für mich ist Gott eine Energie. Zur Erklärung: Energie ist Kraft. Eine Kraft, die durch uns Menschen und durch alle Lebewesen personifiziert wird, durch alles und jedes. Denn alles, was existiert, ist ein Ausdruck Gottes. Gott selbst ist die Kraft, die hinter allem steht, was zum Ausdruck kommen kann. Das heißt, Gott ist ansprechbar durch jeden, der mir begegnet und durch alles, was mir begegnet. Ich bin Gott am nächsten, wenn ich merke, dass Dinge zusammenstimmen, wenn sich etwas wirklich zusammenfügt und zusammenklingt. Ungeplant. Dann sieht man, wie eine höhere Kraft und ein höherer Einfluss wirken. Ein unglaubliches Erleben. Wenn man Gott nahe sein will, muss man demütig sein. Demut heißt einfach, seinen Egoismus nicht gegen einen höheren Willen mit aller Kraft durchsetzen zu wollen. Und die Belohnung dafür ist wirklich dieses Erleben des Sich-Fügens der Dinge von außen. Das heißt, wenn man sich fügt, fügt es sich.
PENNY MCLEAN
LICHT UND SCHATTEN
Gott ist alles, das Gute und das so genannte Böse. Er wirkt in den Schattenseiten des Lebens genauso wie in den Lichtseiten.
Mein Gottesbild ist ein christlich-esoterisches. Es speist sich aus den Erfahrungen der Meditation, jenen kurzen Ausblicken auf die Verbundenheit und Einheit alles Geschöpften und aller Geschöpfe. Gott ist nicht Einzelperson, sondern alles, das Gute und das so genannte Böse, das Große und das Kleine, das Lichte und der Schatten. In den Schattenseiten des Lebens, den Widrigkeiten und den Feinden wirkt er genauso wie in den Lichtseiten.
Das wohl hat Christus gemeint mit seinem Auftrag: „Liebet eure Feinde“. Wenn wir lernen, unsere Feinde zu lieben, d. h. anzunehmen und an uns heran- und zu uns hereinlassen, haben wir unseren Schatten integriert. In diesem Sinne versuche ich zu leben und Arzt zu sein, hat es der Arzt doch besonders mit den inneren Feinden des Menschen, seinen Symptomen und Problemen zu tun. Sie lieben und damit integrieren zu lernen ist christlicher und esoterischer Auftrag zugleich. Denn Gott ist in allem, und alles ist Gott oder, wie es Meister Eckhart formulierte: „Das Auge, mit dem ich Gott anschaue, ist das Auge, mit dem mich Gott anschaut.“
RÜDIGER DAHLKE
DAS RÄTSEL HINTER DER MATERIE
Es ist undenkbar, dass die Welt aus dem Nichts entstanden sei. Nachdem die Materie aber nicht seit ewig bestehen kann, muss man sich fragen, was hinter ihr steht.
Man sagt, man könne dem heutigen Menschen einen positiven Glauben nicht mehr zumuten. Dabei sind es die Atheisten, die einen echten Köhlerglauben brauchen, denn alles was uns umgibt, spricht von Gott und postuliert Seine Existenz. Man muss schon wirklich an das Absurde glauben, wenn man sich vorstellt, dass sich die Materie selbst erschaffen habe. Ein Blick in unsere Welt zeigt, dass hier eine Ordnung besteht, die unser Fassungsvermögen weit übersteigt. Es ist undenkbar, dass so etwas aus dem Nichts entstanden sei. Nachdem aber die Materie nicht seit ewig bestehen kann, weil sie zeitlich beschränkt ist, muss man sich fragen, was hinter ihr steht. Auch muss der Mensch erkennen, dass bei allen seinen großen Entdeckungen, er noch nie etwas erschaffen hat. Was wir Erfindung nennen, ist nichts anderes als die Enträtselung einiger der vielen Gegebenheiten unserer Natur. Dabei müssten wir doch ehrlicherweise feststellen, dass wir erst ganz am Anfang dieser Enträtselung sind. Wir haben kaum die Oberfläche geritzt.
OTTO VON HABSBURG

