Wahrheit und Lüge

Wahrheit und Lüge

In unserer Zivilisation wird es immer schwieriger, über irgend etwas Gewissheit zu haben. Die Hypothese, dass Unaufrichtigkeit das Schmiermittel ist, das die Gesellschaft am Laufen hält, hat zu einer nahezu einmaligen Akzeptanz der Lüge beigetragen. Auch zur Aufrechterhaltung der eigenen Identität gilt ein gewisses Maß an Selbsttäuschung als unerlässlich. Selbsttäuschung aber verdirbt die Seele. Dennoch handeln, denken und sprechen wir, als wüssten wir, wer wir sind. Das ist der Ursprung des Lügens. Andererseits verdirbt auch die Wahrheit den, der sie zu besitzen meint. Sie muss immer neu gefunden werden und nützt nur, wenn sie weise gebraucht wird.

Ungewissheit statt Wahrheit
Wir leben heute in einer Zivilisation, in der alte Sicherheiten ins Wanken geraten sind und in der es immer schwieriger wird, über irgend etwas Gewissheit zu haben.

In der westlichen Welt des 20. Jahrhunderts hat man die Wahrheit auf dem „Friedhof der Gewissheiten“ zu Grabe getragen. Wir leben heute in einer Zivilisation, in der alte Sicherheiten ins Wanken geraten sind und in der es immer schwieriger wird, über irgend etwas Gewissheit zu haben. Ungewissheit war Teil einer großen wissenschaftlichen Gegenrevolution, die das aus der Vergangenheit überlieferte geordnete Bild des Universums durcheinanderbrachte und ein Bild an seine Stelle setzte, mit dem wir heute leben: das Bild einer chaotischen, widersprüchlichen Welt, voller Ereignisse, die man nicht beobachten kann, voller Teilchen, deren Bewegungen man nicht nachvollziehen kann, voller unerforschbarer Gründe und unvorhersehbarer Folgen. Wer die großen Werke des 20. Jahrhunderts liest, hat den Eindruck, als besuche er Grabstätten auf einem Friedhof. Man kann die Folgen dieser Verunsicherung auch an den Revolutionen ablesen, die sich in der westlichen Kunst ereignet haben. Die Abfolge der sich wandelnden Wahrnehmung in der Malerei entspricht der Erschütterung und dem Schock, die durch die Wissenschaft und Philosophie verursacht wurden. Der Zweifel bahnte sich seinen Weg mit ungedämmter Kraft...

FELIPE FERNÁNDEZ-ARMESTO

Lebensnotwendige Lüge
Wahrheit wäre zu einfach und zu nackt für die verschachtelte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Dass Lügen eine Lebensnotwendigkeit ist, gehört zu den problematischen Aspekten des Daseins.

Die Hypothese, dass Unaufrichtigkeit „auf der Seite des Lebens“ steht, dass sie das Schmiermittel ist, das die Gesellschaft am Laufen hält, wohingegen die Wahrheit zu hart, gefährlich und vernichtend sein kann, ist verführerisch. Die Wahrheit wäre demnach zu einfach und zu nackt für die verschachtelte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, Erbin eines der brutalsten Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte. Um in einer solchen Gesellschaft zu überleben, haben sich die menschlichen Individuen – um es mit Nicholas Humphrey zu sagen – zu „geborenen Psychologen“ entwickelt, zu natürlichen Gedankenlesern, deren Fähigkeit zur Einfühlung in die Gedankenwelt des Gegenüber es ihnen leicht macht, den Argwohn ihrer Mitmenschen zu überwinden und sie ganz unmerklich zu manipulieren. Der Aufstieg der evolutionären Psychologie, der Glaube an die heilende Kraft der Fiktion, das Bedürfnis, das, was wahr sein sollte, als wahr zu akzeptieren: All das hat zu einer nahezu einmaligen Akzeptanz der Lüge beigetragen. Dass Lügen eine Lebensnotwendigkeit ist, gehört zu den Furcht einflößenden und problematischen Aspekten des Daseins.

JEREMY CAMPELL

Logik der Notlüge
Es ist eine Tatsache, dass ein gewisses Maß an Selbsttäuschung zur Aufrechterhaltung der eigenen Identität unerlässlich ist.

Dennoch gestehen die modernen Verteidiger der Lüge im Allgemeinen zu, dass es für das menschliche Zusammenleben vorteilhaft ist, wenn die Menschen dazu neigen, zumindest so lange die Wahrheit zu sagen, als ihnen die Unwahrheit keinen erkennbaren Vorteil verschafft.- Die Tatsache, dass ein gewisses Maß an Selbsttäuschung zur Aufrechterhaltung der eigenen Identität unerlässlich ist, die wirksamen Strategien, durch die wir Zweifel an unseren lieb gewonnenen Überzeugungen von uns fern halten, das Lügengewebe der Intrigen am Arbeitsplatz, die Notwendigkeit gesellschaftlicher Höflichkeitsregeln, durch die wir einen Schutzraum der Intimität voneinander wahren, der Hinweis auf die legitimen Distanzbedürfnisse unter Freunden, die vielfältigen Täuschungsmanöver in sportlichen Wettkämpfen, die Geschicklichkeit von Anwälten, die ihre Überredungskunst mehr zum Schutz ihrer Mandanten als zur juristischen Wahrheitsfindung einsetzen, die kaufstimulierende Scheinwelt der Werbesprache und suggestive Verführung der Wahlkampfrhetorik – diese Mischung aus teils scharfsinnigen, teils geradezu trivialen Beobachtungen wird zur moralischen Aufwertung der Lüge aufgeboten.

EBERHARD SCHOCKENDORF

Abgrund Selbsttäuschung
Das Phänomen der Selbsttäuschung stellt uns vor ein kaum lösbares logisches Problem: Wie ist es möglich, sich selbst von etwas zu überzeugen, von dem man zugleich weiß, dass es gelogen ist?

Von Platon bis Augustinus bis hin zu Kant ist die Selbsttäuschung, auch Selbstlüge oder innere Lüge genannt, von den Philosophen meist nur als eine Spielart der Lüge angesehen worden, die vor allem in einer Hinsicht hervorzuheben ist, nämlich als eine besonders verwerfliche Form von Lüge. Nach dieser Auffassung missbraucht die Selbsttäuschung nicht nur die Sprache, sondern verdirbt auch die Seele.- Die Selbstlüge als moralisch besonders verwerfliche Form der Lüge ist ein altes Thema in der Philosophie. Dass uns das Phänomen der Selbsttäuschung vor ein kaum lösbares logisches Problem stellt, ist dagegen erst im 20. Jahrhundert, im Zuge der Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse, zu einem viel diskutierten Thema geworden. Wie ist es möglich, sich selbst von etwas zu überzeugen, von dem man zugleich weiß, dass es gelogen ist?-

Der Preis der Selbsttäuschung ist hoch – die betreffende Person beraubt sich zumindest teilweise der Autonomie. Sie verliert in einem für sie wesentlichen Punkt den Kontakt zur Realität und damit auch die Möglichkeit, den verleugneten Sachverhalt, der für sie so unangenehm, schmerzhaft, verletzend oder beschämend ist, dass sie wünscht, er sei nicht wahr, tatsächlich zu verändern oder zumindest anders zu bewerten.

SIMONE DIETZ

Fehlende Selbsterkenntnis
Es gibt verschiedene Arten und viele sehr subtile Formen der Lüge, die in uns selbst schwer zu erkennen sind.

Die schlimmsten Lügen passieren, wenn wir ganz genau wissen, dass wir die Wahrheit über etwas weder wissen noch wissen können, und dennoch nicht entsprechend handeln. Wir denken und handeln immer so, als würden wir die Wahrheit kennen. Das ist Lügen. Wenn ich weiß, dass ich etwas nicht weiß, und gleichzeitig sage, dass ich es weiß, oder handle als wüsste ich es, so ist das Lügen. Zum Beispiel wissen wir nichts über uns selbst, und wir wissen tatsächlich, dass wir nichts wissen – dennoch erkennen wir diese Tatsache niemals an oder geben sie zu: wir gestehen sie noch nicht einmal uns selbst gegenüber ein, wir handeln, wir denken und sprechen, als wüssten wir, wer wir sind. Das ist der Ursprung, der Anfang des Lügens. Aber die Psychologie des Lügens ist weit schwieriger, als wir meinen, denn es gibt verschiedene Arten der Lüge und viele sehr subtile Formen, die in uns selbst schwer zu erkennen sind. In anderen sehen wir sie vergleichsweise leicht, aber nicht in uns selbst.-

Zu allem haben wir Meinungen, und all diese Meinungen sind Lügen, besonders über uns selbst. Wir wissen nichts über Bewusstseinszustände, die verschiedenen Funktionen, die Geschwindigkeit unserer Funktionen oder ihre gegenseitigen Beziehungen. Wir wissen nicht, wie sich die Funktionen aufteilen. Wir wissen nichts, dennoch glauben wir, uns zu kennen. Wir haben lediglich Meinungen, und sie alle sind Lügen.

P.D. OUSPENSKY

Gefährliche Wahrheit
Selbst wenn es eine objektive und ewige Wahrheit geben sollte, tappen wir immer nach ihrem Schatten. Ohne Weisheit ist Wahrheit eine wertlose und doch gefährliche Angelegenheit.

Ob jeder die Wahrheit des anderen auch für sich selbst akzeptieren will und kann, das steht wohl auf einem anderen Blatt. Solange es mit der Kommunikation nicht klappt, kann man sich Wahrheiten gegenseitig um den Kopf schlagen, und dies ist wahrlich keine Wohltat – für keinen der beiden. Und weil das so ist, bleibt die Wahrheit eine scheue, flüchtige Gestalt. Selbst wenn es eine objektive und ewige Wahrheit geben sollte, tappen wir immer nach ihrem Schatten. Die Wahrheit neckt uns damit, dass ihr Gegenteil meist nicht die Unwahrheit, sondern eine „Gegenwahrheit“ ist, ohne die weder die eine noch die andere bestehen kann. Denn Wahrheit setzt Gegenkräfte in Gang. Wer nicht mit ihnen rechnet, verliert das bewahrende Vertrauen. Die Gegenkräfte zeigen uns, dass die Wahrheit den, der sie zu besitzen meint, verdirbt. Wahrheit lässt sich nicht einfrieren, sie muss immer neu gehegt und geerntet werden. Wahrheit nützt nur, wenn von ihr ein weiser Gebrauch gemacht wird. Ohne Weisheit ist Wahrheit eine wertlose und doch gefährliche Angelegenheit.

FRIEDER LAUXMANN

AGBCopyright & DatenschutzImpressumKleinanzeige aufgeben