Was ist Mystik?

Was ist Mystik?

Viele aufmerksame Zeitgenossen interessieren sich heute vermehrt für Mystik. Denn sie erwarten sich von ihr eine Vertiefung ihres Lebens. Was ist Mystik? Das griechische Wort myein meint, dass wir etwas Geheimnisvolles erleben, das wir schwer ausdrücken können. Alle Mystiker erleben ein Gefühl der Sehnsucht und der Hingabe, sie sehen sich in einem Liebesverhältnis zur Gottheit.

Philosophie und Mystik
Liegt mystische Erfahrung dem philosophischen Denken nicht zugrunde? Laut Nietzsche hat die Philosophie ihren „“Ursprung” in einer mystischen Intuition“.

Aber auch in der Geschichte der Philosophie können wir zahlreiche Spuren der Mystik entdecken. Wo lässt sich in der Geschichte der Philosophie dieser mystische Grundzug auffinden? Oder liegt mystische Erfahrung dem philosophischen Denken nicht sogar konstitutiv zugrunde?

Platon wie Hegel sprechen von der „höchsten Erkenntnis“. Kant gerät an eine unüberwindliche „Grenze“ des menschlichen Verstandes, über die hinaus aber die Vernunft nach einem in der Welt der Erscheinungen nicht aufweisbaren absoluten Urgrund der Welt suchen muss. Für Karl Jaspers weist das „Innewerden“ und „Hellwerden“ in der Erfahrung des Einen im „hohen Augenblick“ darauf hin, dass die Vernunft unablässig auf das Eine bezogen und damit unauflöslich mit der die Vernunft transzendierenden mystischen Dimension verbunden ist. In dieser Hinsicht bilden für ihn alle Weisen des alles umgreifenden Absoluten und alle Gestalten der Philosophia perennis weltweit über die Zeiten hinweg eine „Gemeinschaft der Vernüftigen“. Friedrich Nietzsche stellte schon früh in seinem Vorlesungstext „Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen“ fest, dass die Philosophie ihren „Ursprung in einer mystischen Intuition“ habe.
WOLFGANG ESSER

Mystik als Geheimnis
Auch Dichter und Wissenschaftler leben oft eine mystische Einstellung zum Dasein. Das griechische Wort “ myein“ meint, dass wir etwas Geheimnisvolles erleben, das wir schwer ausdrücken können.

Viele aufmerksame Zeitgenossen interessieren sich heute vermehrt für Mystik im engen und weiten Sinn. Denn sie erwarten sich von ihr eine Vertiefung ihres Lebens. Auch Dichter und Wissenschaftler leben oft eine mystische Einstellung zum Dasein. So hatte Robert Musil zu Beginn des 20. Jahrhunderts formuliert, unsere zukünftige Lebenswelt werde aus „Mystik und Mathematik bestehen“. Und Ludwig Wittgenstein hatte gemeint, das Leben der Zukunft sei nur mit „Mathematik und Mystik“ zu bewältigen.“ Was ist Mystik? Wie ist sie entstanden, wie lebt sie unter uns? Was hat sie uns heute zu sagen? Das griechische Wort „myein“ meint, dass wir etwas Geheimnisvolles erleben, das wir schwer ausdrücken können. In der Mystik drücken wir also unser tiefes Erleben der Seele mit unterschiedlichen Bildern aus. Nun beziehen mystische Menschen ihr Erleben oft auf einen göttlichen „Urgrund“. Sie sprechen von einer kosmischen „Urkraft“ der Schöpfung und erleben diese mit menschenähnlichen Zügen; sie sprechen ihr männliche und weibliche Eigenschaften zu.- Alle Mystiker erleben ein Gefühl der Sehnsucht und der Hingabe, sie sehen sich in einem Liebesverhältnis zur Gottheit.
INGRID LIENHARD

Unvermittelte Erkenntnis
Mystik ist allen Religionen gemeinsam. Sie bezeichnet das Bestreben, durch Abkehr von der sinnlich wahrnehmbaren Welt und meditative Praktiken das Göttliche zu erfassen.

Mystik ist ein vielschichtiges, schwer fixierbares Phänomen, das in unterschiedlicher kultureller Ausprägung allen Religionen gemeinsam ist. Mystik bezeichnet eine das alltägliche Bewusstsein und die verstandesmäßige Erkenntnis übersteigende unmittelbare Erfahrung einer göttlichen Realität. In ihren Erscheinungsformen ist Mystik soziokulturell wie geschichtlich eingebunden in religiöse Traditionen, Glaubensformen und Gemeinschaften. Als Definition des Phänomens hat sich seit Thomas von Aquino die Umschreibung „erfahrungsmäßige Gotteserkenntnis“ (lateinisch „cognitio Die experimentalis“ durchgesetzt).

Demzufolge bezeichnet Mystik das Bestreben, durch Abkehr von der sinnlich wahrnehmbaren Welt und meditative Praktiken das Transzendente, Göttliche zu erfassen. ... In der mystischen Erfahrung der Einheit („unio mystica“) wird die Kluft zwischen Mensch und Gottheit überbrückt, der Eingeweihte (Myste) schaut unvermittelt die Gottheit und gelangt zu Einsichten in das Wesen der transzendenten Wirklichkeit. ... Aufgrund des persönlichen Erfahrungscharakters und der Sprachlosigkeit angesichts des Göttlichen ist Mystik in höchstem Maße individuell und nur schwer zu vermitteln. ... Einheitliche Einteilungen des Phänomens Mystik haben sich bisher nicht durchsetzen können...
DER BROCKHAUS „RELIGIONEN“

Jenseits des Ich
Mystik ist nichts anderes als die Realisation der Wirklichkeit – eine unser Ich transzendierende Wirklichkeit.

In der Tat ist das Bild der Mystik im Westen stark verzeichnet worden. Dem Wort haftet ein Beigeschmack von Bigotterie und Exotik an, von Geheimnis und elitärer Heiligkeit. Genau das aber ist Mystik nicht. Und deshalb ist es zunächst einmal wichtig, deutlich zu machen, was Mystik tatsächlich ist, nämlich nichts anderes als die Realisation der Wirklichkeit.

So befremdlich das scheint – genau so ist es. Die Wirklichkeit, die wir für wirklich halten, ist nicht die wirkliche Wirklichkeit. Die wirkliche Wirklichkeit erschließt sich uns erst dann, wenn wir unser all-tägliches Ichbewusstsein verlassen und in eine höhere Bewusstseinssphäre eintreten. Diese Bewusstseinssphäre kann man – im Unterschied zum personalen Bewusstsein der Ich-Sphäre – als transpersonales Bewusstsein bezeichnen. Auf der transpersonalen Bewusstseinsebene übersteigt der Mensch sein Ich-Bewusstsein. Er taucht ein in eine unser Ich transzendierende Wirklichkeit.
WILLIGIS JÄGER

Weg der Verwandlung
Fast alle Mystiker berichten über eine schrittweise erfolgende Änderung ihres Bewusstseins oder ihrer seelischen Struktur.

Es gibt verschiedene Definitionen des Begriffes „Mystik“, und es gibt sogar die Ansicht, dass eine allgemein gültige Definition dieses Begriffes überhaupt nicht möglich wäre, da seine Ausformung in jeder Religion und jedem Kulturkreis einmalig sei. Andererseits wird die Meinung vertreten, dass alle mystischen Erlebnisse im Grunde einander gleichen würden und dass die Mystik die über allen Religionen stehende, gemeinsame Wurzel des Religiösen sei.

Fast alle Mystiker, die sich über ihre Erlebnisse geäußert haben, berichten über eine schrittweise erfolgende Änderung ihres Bewusstseins oder ihrer seelischen Struktur. Das Ergebnis ist eine Umwandlung ihres Wesens, das aus dem Alltagsleben heraus zu einer anderen, als höher empfundenen Ebene geführt wird. Fast immer wird aber auch betont, das nur wenige diesen „mystischen Weg“ bis zu den letzten Stufen zurücklegen können. Die große Mehrheit der Menschen ist zu mystischen Erfahrungen nicht befähigt oder ist nicht gewillt, die Beschwernisse dieses Weges auf sich zu nehmen.-

Immer hat es auch falsche Mystiker gegeben. Man kann sie an ihrem Bestreben nach Ansehen, Macht oder materiellen Gütern erkennen. Teils sind es Betrüger und Scharlatane, teils auch Neurotiker, die sich ihrer Krankheit nicht bewusst sind.

Verwirrender Mystik-Markt
Es gibt verhältnismäßig wenige seriöse Firmen auf dem Mystik- Markt. Wie sollen die Anfänger unter dem großen Angebot eine Auswahl treffen?

Der Mystik-Markt ist voll von Angeboten, und der geschäftliche Niedergang der alt-renommierten Gnadenfirmen hat eine Menge unseriöser Unternehmungen begünstigt, die handeln mit Yoghurt und Yoga, vermitteln Flüge zu den Wunderdoktoren auf den Philippinen, versprechen transzendentale Erkenntnisse um 150 Dollar, mischen östliche und westliche Geheimlehren zum garantiert wirksamen Seelen-Tee, organisieren Zirkel zum Zweck der Kontaktaufnahme mit den Verstorbenen, verschreiben wirksame Fastenkuren, feiern schwarze Messen, veranstalten Meditationskurse, präsentieren Sensitive, fotografieren die Aura der Fingerspitzen, dokumentieren fliegende Untertassen, experimentieren mit dem Od und der Schlangenkraft, bauen Karma ab und Ashrams auf, stellen Horoskope, veranstalten Symposien über C.G. Jung und Georg Gurdjieff, kommentieren das tibetanische Totenbuch und die Kabbala, werben für Heilkräuter.

Es gibt auch seriöse Firmen auf dem Mystik-Markt, aber in verhältnismäßig geringer Zahl. Wie sollen die Anfänger unter dem großen Angebot eine Auswahl treffen? Wie den Humbug von der angemessenen Information unterscheiden? Die erste Regel gestattet den Anfängern, aus dem Mystikangebot all das auszusondern, was unter dem Anspruch des Nie-Dagewesenen, absolut Wahren, Einmaligen usw. auftritt. Die Anfänger dürfen sicher sein, dass es sich bei Anpreisungen dieser Art um Humbug handelt.
ADOLF HOLL

AGBCopyright & DatenschutzImpressumKleinanzeige aufgeben