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Visionen

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Zwei spirituelle Geschichten

Der Worte werden heute so viel gewechselt wie noch nie zuvor. Doch nur Botschaften, die auf eigener Anschauung und Erkenntnis beruhen, erreichen das Herz des Empfängers. „Seht also erst und sprecht dann.“ (Sant Kirpal Singh)

DAS TELEGRAMM. Ein Mann erhielt ein Telegramm mit der Nachricht: „Vater verstorben.“ Da wurde er traurig und fing an zu weinen. „Was ist passiert?“, fragte seine Frau. „Vater ist tot“, stieß er unter Tränen hervor. Sie meinte tröstend: „Aber das ist doch kein Grund zu weinen. Schau her, er war schon alt und krank und hat jetzt nur seine leibliche Hülle abgelegt. Die Seele kann nicht sterben, sie nimmt nur einen neuen Körper an.

Das beruhigte den Mann, und er versetzte erstaunt: „Wie weise du sprichst! Woher hast du denn dieses Wissen? Du kommst doch vom Lande und hast nicht einmal eine höhere Schule besucht!“ Seine Frau erwiderte: „Während du bei der Arbeit warst, war ich beim Gottesdienst und habe mir gemerkt, was der Priester gepredigt hat.“

Ihr Mann bedankte sich und seufzte erleichtert auf: „Es tut gut, das zu hören – jetzt geht es mir schon viel besser.“ Dann schlug er sich an die Stirn und rief aus: „Ach, das habe ich ja ganz vergessen zu erwähnen: Dein Vater ist tot, nicht meiner!“

Nun brach die Frau in Weinen und Wehklagen aus. Ihr Mann meinte tröstend: „Warum weinst du denn? Die Seele lebt doch weiter und wechselt nur den Körper!“ Da fiel sie ihm erbost ins Wort: „Hör auf, mir Vorträge zu halten und spar dir deine schönen Worte!“ Ihr Mann entgegnete verständnislos: „Den gleichen Vortrag hast du mir doch eben selbst gehalten!“ – „Das weiß ich auch“, gab die Frau verärgert zu. „Doch er war nur so lange tröstlich, wie ich dachte, du seist der Hinterbliebene. Jetzt, wo ich selbst betroffen bin, nützt er mir gar nichts!“

DAS PÄCKCHEN. Ein renommierter Theologe, der als großer Schriftgelehrter bekannt war, lud einmal einen Meister zu einem seiner Vorträge ein. Zu seiner großen Freude sagte der Meister zu. Der Gelehrte war schon einmal selbst bei ihm zu Gast gewesen und hatte schon einiges von ihm gelesen, das er durchaus bedenkenswert fand. Er glaubte aber, der Meister lege die Schriften nicht richtig aus. Deshalb verfasste er einen Vortrag, in dem er seine Sichtweise explizit erläuterte und sie reichlich mit passenden Schriftenstellen untermauerte.

Zu Beginn der Veranstaltung wurde der Meister mit allen Ehren empfangen und hörte dann dem Vortrag aufmerksam zu. Als der Redner geendet hatte, fragte er den Gast gespannt: „Nun, wie fanden Sie meine Ausführungen?“ – „Sehr ausführlich, in der Tat. Doch mir ist, als hätte ich das alles schon einmal in einem Buch gelesen. Es kam mir jedenfalls höchst bekannt vor“, erwiderte der Angesprochene. Der

Gelehrte erblasste: „Das kann nicht sein. Ich habe den Vortrag eigens für diesen Anlass geschrieben! Wie heißt denn das Buch, auf das Sie sich beziehen?“ – „Ich schicke es Ihnen in Kürze zu“, versprach der Meister.

Und wirklich wurde dem Theologen wenige Tage später ein dickes Päckchen zugestellt. Neugierig riss er es auf und nahm das Werk heraus. Und als er auf die Titelseite sah, erkannte er – ein Wörterbuch...

Auswahl: Doris Radke

FOTO: Thinkstock

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