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Buddha - Spiritueller Fortschritt

Der alltägliche Umgang mit anderen bietet viele Gelegenheiten,  die eigene spirituelle Entwicklung selbst zu sabotieren.

Die spirituelle Entwicklung wird vom Anhaften an die Dinge und Vorgänge in dieser Welt behindert. Das denkende Gemüt strebt aufgrund dieses Anhaftens ständig zu den Dingen in die Welt hinaus, was die Annäherung der Seele an Gott aufhält. In der Meditation hingegen wird das denkende Gemüt beruhigt und zum Stillstand gebracht, so dass die in sich gesammelte Seele den Kontakt mit Gott in seinen manifesten Formen finden kann. In diesem Zustand nimmt die Seele keine weiteren bindenden Eindrücke aus unserem Denken oder Handeln auf, und die Eindrücke, die wir bereits aus bisherigen Handlungen aufgenommen haben, werden nach und nach durch die Verbindung mit Gott in der Meditation gelöscht. Die Meditationspraxis hilft uns also auf zweierlei Art und Weise, auf unserer spirituellen Reise zu Gott vorwärtszukommen.

Aber wer von uns kann schon 24 Stunden am Tag in Meditation verharren? Nehmen wir an, wir sitzen eine Stunde lang zur Meditation, dann wird unser Gemüt für diese eine Stunde inaktiv sein. Und was geschieht in den übrigen 23 Stunden? Wenn während dieser Zeit unser Gemüt sich aufgrund unserer Bindung bei den Dingen in der Welt aufhält und so ständig neue Eindrücke aufnimmt, werden wir auf dem spirituellen Pfad nicht vorankommen. Wie können wir also für den Rest des Tages vorgehen, damit unser Gemüt uns beim Handeln nicht in neue Bindungen verwickelt?

Das Gemüt leiten

Lord Buddha hat seinen Schülern einige goldene Regeln mitgegeben, die helfen, die Aktivität des Gemüts im Alltag auf heilsame Art und Weise zu regulieren. Es handelt sich um eine Art ethische Regeln, die unser Gemüt unter Kontrolle halten. Ethische Regeln helfen und leiten unser Gemüt, aber sie sind nicht Bestandteil der Meditation.

Im Dhammapada, Vers 50 hat Lord Buddha vier dieser ethischen Regeln dargelegt. Zunächst sagt er: „Achte nicht auf das verkehrte Handeln anderer.“ Der Aspirant auf dem spirituellen Pfad sollte sich also nicht um die Verfehlungen anderer kümmern. Denn wenn wir über Fehler anderer Personen nachdenken, hinterlässt dies karmisch bindende Eindrücke in unserer Seele.

Vom Denken zum Reden ist es nur ein kleiner Schritt. Rasch denken wir nicht nur über die Fehler der anderen nach, sondern reden auch darüber. Das hinterlässt weitere karmisch bindende Eindrücke in unserem Bewusstsein und wirkt sich früher oder später negativ auf uns selbst aus.

Nicht über andere urteilen

Weiter sagt Buddha: „Achte nicht auf das, was andere getan oder nicht getan haben.“ Grundsätzlich sollten wir nicht über andere urteilen. Und zwar nicht nur weil wir dabei unsere Aufmerksamkeit auf sie und ihr Handeln konzentrieren und damit uns neues Karma anlegen, sondern weil wir dabei außer Acht lassen, dass alle Menschen von ihrem vergangenen Karma gesteuert werden. Was der eine getan hat, ist allein sein Karma. Und wenn er etwas nicht getan hat, dann weil es aufgrund seines vergangenen Karmas nicht oder noch nicht vorgesehen ist. Daran können wir nichts ändern.

Aus demselben Grund ist es nicht unsere Aufgabe, jemanden zu irgendeiner Religion zu bekehren oder von der Spiritualität zu überzeugen. Das ist einzig und allein seine Sache.

Die eigenen Fehler sehen

Wenn wir über die Handlungen eines bestimmten Menschen nachdenken, bildet sich unweigerlich eine schlechte Meinung über ihn. Wenn wir ihn dann kritisieren, wird er sich schlecht fühlen. Und obwohl es niemandem nützt, fahren wir aus Gewohnheit fort, andere zu kritisieren. Deshalb die Empfehlung: Wenn ihr unbedingt kritisieren wollt, dann kritisiert euch selber. Es ist schon merkwürdig, dass wir andere für geringfügige Fehler tadeln, dabei aber unsere eigenen Fehler übersehen. Dazu gibt es eine Geschichte:

Eines Tages suchte ein Mann einen spirituellen Meister auf und bat darum, als Schüler angenommen zu werden. Der Meister sagte zu ihm: „Du solltest weder stehlen noch lügen. Bevor du von mir die Initiation erhältst, solltest du das nachprüfen.“ Der Mann antwortete: „Schon seit langem beachte ich diese Punkte; weder lüge ich noch mache ich andere solche Fehler.“ Darauf sagte der Meister, er solle nach Hause zurückkehren und in einem Monat wiederkommen, dann werde er als Schüler angenommen. Doch trug ihm der Meister noch etwas auf: „Für jeden Fehler, den du in diesem Monat begehst, sollst du einen Kieselstein in die Ecke deines Zimmers legen, so dass du klar erkennst, ob und wie viele Fehler du gemacht hast.“ Da erwiderte der Mann: „Ich mache keine Fehler, aber da du es von mir verlangst, will ich gehen und nach einem Monat wiederkommen. Aber du wirst sehen, dass ich keine Steine mitbringen werde, weil ich keine Fehler gemacht haben werde.“ Und er kehrte freudig nach Hause zurück.

Zuhause angekommen, fragte ihn seine Frau, wo er denn gewesen sei. Da überlegte er, dass seine Frau ihn ausschimpfen würde, wenn er ihr sagte, er sei beim Meister gewesen, statt seiner Tagesarbeit nachzugehen, und deshalb sagte er, er habe etwas ganz Dringendes erledigt. Da fragte seine Frau nach: „Jemand hat mir aber gesagt, dass du den Meister aufgesucht hast.“ Da er Angst hatte, die Wahrheit zu sagen, stritt er dies ab: „Nein, nein, ich bin nicht zum Meister gegangen.“ Da erkannte der Mann, dass er gelogen hatte, und er legte einen Kieselstein in die Ecke seines Zimmers. Und so deponierte er im Lauf des Monats für jeden begangenen Fehler ein Steinchen in seinem Zimmer.

Nach einem Monat ging er zum Meister und bat um die Initiation. Der Meister fragte ihn: „Wo sind denn die Steine, die du für jeden Fehler in deinem Zimmer sammeln solltest?“ Und der Mann antwortete: „Es ist ein so großer Haufen, den man nur mit einem Lastwagen befördern könnte, ich konnte sie unmöglich mitbringen.“ Und der Meister sagte: „Du hattest aber behauptet, dass du niemals lügen und auch sonst keine Fehler machen würdest.“ Da sagte der Mann: „Es tut mir leid! Solange ich meine Aufmerksamkeit auf die Fehler anderer richtete, merkte ich meine eigenen Fehler nicht. Erst als ich die Aufmerksamkeit auf mich selbst konzentrierte, erkannte ich, wie viele Fehler ich selber mache.“

Das Ziel nicht vergessen

Als nächstes rät Lord Buddha: „… sondern man achte nur auf das, was man selbst getan und noch nicht getan hat.“ Statt uns mit dem Handeln anderer zu beschäftigen, sollten wir das tun, was wir selbst tun müssen, und das, was wir bis jetzt noch nicht getan oder geschafft haben, sollten wir in Angriff nehmen. Damit fordert Lord Buddha uns dazu auf, unser Lebensziel stets vor Augen zu halten. Was andere tun oder nicht tun, ist für uns nicht relevant. Unsere Aufgabe ist es zu überprüfen, was wir selbst bisher getan haben und was noch fehlt.

Lord Buddha legt also besonderen Wert darauf, dass wir uns immer Rechenschaft über unsere Handlungen ablegen sollten und darüber, welche Aufgaben noch vor uns liegen. Aus diesem Grund empfehlen manche Meister die Führung eines Tagebuchs, das uns dabei helfen würde, unsere Fehler zu erkennen und unser Lebensziel nicht zu vergessen.

Wenn wir uns stets auf unser Ziel konzentrieren, können wir unsere Prioritäten richtig ordnen und so zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden. Und indem wir unser Augenmerk auf unsere eigenen Handlungen richten, entwickeln wir Selbstdisziplin und registrieren unsere eigenen Fehler.

Ohne Meditation kein Fortschritt
Lord Buddha hat in diesem Vers diese vier goldenen Regeln für den spirituellen Fortschritt aufgestellt:

Wir sollten nicht über gutes oder schlechtes Verhalten anderer nachdenken.

Wir sollten nicht darüber nachdenken, was andere getan haben und was nicht.

Wir sollten genau darauf achten, was wir selbst tun.

Wir sollten unsere Aufmerksamkeit auf unser Lebensziel gerichtet halten.

Diese ethischen Regeln sind uns auf der Anfangsstufe des spirituellen Weges eine große Hilfe. Aber wir können sie nur dann einhalten, wenn wir gleichzeitig Meditation praktizieren. Denn wenn wir ohne gleichzeitige Meditationspraxis in die äußeren Aktivitäten verwickelt sind, werden wir auf dem spirituellen Pfad doch nicht vorankommen.

Soami Divyanand (1932-2014), Meister des Surat-Shabd-Yoga, lehrte mehr als 35 Jahre lang den Pfad des inneren Lichtes und Klangs. Veden-Übersetzer und Autor zahlreicher Bücher.

BUCHTIPP
Soami Divyanand: Die Botschaft vom Schlachtfeld (Sandila)

Soami Divyanand

FOTO: Thinkstock

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