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Natürlich schön - Bio-Kosmetik

Erdöl, hormonell wirksame Substanzen, allergieauslösende Duftstoffe - viele täglich zur Anwendung kommenden Körperpflegeprodukte enthalten Stoffe, die niemand von uns gerne an seine Haut lässt.

Bio-Beauty hat daher seit Jahren einen regelrechten Lauf: zertifizierte Naturkosmetik ohne Parabene, Silikone, PEG-Derivate oder Aluminium kommt bei den Verbrauchern an, Absatz und Marktanteile steigen. Können trotzdem die hohen Standards an Fairtrade, nachhaltige Produktion und natürlich Rohstoffe auch zukünftig gehalten werden? Das und noch viel mehr diskutierte auf Einladung von VISIONEN eine hochkarätige Expertenrunde bei unserem Naturkosmetik-Gipfelgespräch im Schwarzwald.

Die Bio-Beauty-Profis Daniela Lindner, Mitglied der Geschäftsleitung bei BÖRLIND, Heinz-Jürgen Weiland, Vorstand der LOGOCOS AG, Andrea Meyer,  Marketingleiterin Arzneimittel + Naturkosmetik der WELEDA AG und Ute Leube, Gründerin und Beirätin der PRIMAVERA-LIFE GmbH diskutierten nicht nur kompetent und engagiert mit VISIONEN-Wellness-Autorin Ana Friedrich und Redaktionsleiter Uli Weissbrod, sondern hatten auch eine  Menge Spaß.

Wie tief steckt denn der anthroposophische Grundgedanke in der Firmen-Philosphie der Naturkosmetik-Hersteller? Ich nehme das ja hauptsächlich bei Weleda und Primavera an.
Ute Leube: Primavera kommt gar nicht aus der Anthroposophie. Wir finden sie natürlich toll und haben auch Demeter-Qualität, aber es ist nicht unsere Grundphilosophie. Ich weiß, dass z.B. Hauschka und Weleda sehr viel Aufwand betreiben, den der Verbraucher gar nicht kennt. Aber in der Form, mit Verschüttelungen und so, arbeiten wir nicht. Demeter-Qualität hat jedoch auch bei uns große Priorität.

Besinnen Sie sich bezüglich des Produkt-Portfolios eher auf altbewährte Heilpflanzen, wie Birke, Ringelblume, Brennnessel, Sanddorn oder ist der Drang  größer, „exotischere“ Inhaltsstoffe zu entdecken? In den existierenden Pflegeprodukten ist doch bereits alles drin, was die Haut braucht. Besser geht ja beinahe nicht.

Andrea Meyer: Für uns ist es 100% wichtig, dass wir diese traditionelle Spur weiter verfolgen, die alten Pflanzen in unserem Sortiment zu behalten, aber auch neue Pflanzen eruieren, die von ihrem Wesen her zu unserer Denkweise passen. Ein Leitgedanke von Weleda ist, dass wir nicht einfach sagen, dass bestimmte Pflanzen heute keinen großen Wert mehr haben, sondern dass unsere Pflanzen nicht nur ein Teil von uns sind, sondern 100% Weleda.

Heinz-Jürgen Weiland: Ich glaube die anthroposophische Herangehensweise an die Naturkosmetik ist eine. Es gibt aber auch eine andere, die schon vor mehr als 80 Jahren entstanden ist,  oder wenn man noch weiter zurück schaut, zu Hildegard von Bingen. Dort kommt die Philosophie her, die Hans Hansel (Heilpraktiker und Begründer von Logocos Naturkosmetik) dazu brachte, heimische Kräuter auf ihre pflegenden Wirkungen hin zu beleuchten. Heute drängt die ganze Welt nach Pflanzen und  Kräutern aus der ganzen Welt. Und die schaut man sich natürlich auch an. Ich komme von der wissenschaftlichen Seite und bin natürlich auch immer daran  interessiert, neue Sachen zu finden. Und es gelingt auch, Neues in Altem zu finden. Wenn Sie überlegen, dass der diesjährige Medizin-Nobelpreis zu 50% an die chinesische Pharmakologin Youyou Tu geht, die an Pflanzen aus der alten chinesischen Medizin forschte und so entdeckte, dass ein Extrakt aus dem einjährigen Beifuß das Wachstum der Plasmoiden hemmt, die Malaria auslösen.

UL: Es steckt natürlich Faszination im Entdecken. Obwohl es wenig richtig neue Wirkstoffe gibt. Zum Beispiel das tolle Omega3-Öl Sachainchi aus der  üdamerikanischen Inka-Nuss. Leinsamen-Öl hat fast  denselben Omega3-Reichtum und damit könnten wir ja eigentlich glücklich sein. Aber es ist doch auch schön, wenn zwei, drei zusätzliche Rohstoffe aus einem neuen Projekt kommen und so garantieren, dass es weiterleben kann.

Das heißt also, neue Produkte werden auch ins Sortiment genommen, weil damit landwirtschaftliche Kooperativen gegründet oder gehalten werden?

UL / HJW: Ja, wir unterstützen die Produzenten z.B. durch langfristige Abnahmeverträge.

Daniela Lindner: Börlind hat gerade ein neues Frauen-Projekt in Nepal initiiert. Ich war mit einer Ethnobotanikerin in Nepal und wir haben tatsächlich einen  neuen Rohstoff entdeckt, der dort in den alten Klosterbüchern beschrieben wurde. Er soll sehr gut für die Haut sein, Wunden heilen. Den Rohstoff gab es aber so  nicht mehr. Wir haben dann bei Bauern im ganzen Land nach diesem Öl, einem wilden Kirschrosenöl aus dem Himalaya, gesucht und haben es tatsächlich  gefunden. Das war schon hochspannend. Jetzt haben wir eine Öl-Presse nach Nepal geschickt und bekommen so von dort dieses wunderbare Öl. Auf der anderen  Seite unterstützen wir aber auch die Frauen vor Ort, die die kleinen Beerchen der wildwachsenden Pflanzen ernten und aus den Kernen das goldfarbene Öl mahlen. In Mali forsten wir zum Beispiel in Projekten Karité-Bäume (Sheanuss-Baum) auf, um deren Bestand zu sichern. Und fördern auch hier die Frauen, mittlerweile sind über 400 Frauen in diese Projekte involviert.

Der beträchtliche Aufwand in Entdeckung, Entwicklung und vor allem Förderung ist  den Benutzern der Naturkosmetik aber nicht wirklich bewusst.

AM: Ja, das ist ein guter Punkt. Wir betreiben sogar den für Arzneimittel üblichen Aufwand, um Naturkosmetik herzustellen, was nicht zwingend notwendig ist,  was wir uns zwar auf die Fahne geschrieben, aber bislang nicht kommuniziert haben. Wir wollen dazu künftig mehr emotionale Geschichten erzählen. Auch,  welchen Aufwand wir betreiben.

Interessanterweise findet man Weleda trotz der anthroposophischen Wurzeln im Großmarkt, im Supermarkt, in der Drogerie oder Parfümerie. Ist das kein Widerspruch?

AM: Eine Marke die aus der Anthroposophie kommt muss nicht unbedingt warten, dass der Konsument sie findet und nur diese ganz enge Zielgruppe bedienen.  Es gibt viele Menschen, die affin sind für Naturprodukte. Und die möchten wir auch gerne bedienen. Das ist ja auch ein anthroposophischer Grundgedanke – eine erreichbare Marke. Und darum sollen unsere Produkte im Handel auch einfach gefunden werden.

Gibt es denn z.B. für Börlind Vertriebskanäle, die nicht in Frage kommen?

DL: Wir gehen sehr selektiv vor, gehen überhaupt nicht auf den Massenmarkt. Wir sind im Reformhaus groß geworden und waren dort über 50 Jahre fast  ausschließlich vertreten. Vor 10 Jahren haben wir den Schritt in die Parfümerien gewagt, da die Reformhäuser am Aussterben sind. Es war nicht einfach als  Reformhausmarke – das waren nämlich erst einmal Erbfeinde. In der Parfümerie war vor 10 Jahren das Näschen noch ganz weit oben wenn man mit  Naturkosmetik ankam. Die Verkäuferinnen haben sich eher über Paris, London und New York definiert. Wir haben aber gut Fuß gefasst, achten aber nach wie  vor darauf, auch bei Müller, in guten Kaufhäusern usw. nur in der Parfümerie und nicht in der Drogerie angeboten zu werden. Oder in das Sortiment Inhaber  geführter Parfümerien aufgenommen zu werden. Aber auch die müssen umdenken, denn Bedarf und Nachfrage nach Naturkosmetik wachsen und auch die  Parfümerie-Kundin möchte hier fachgerecht beraten werden.

In den großen Parfümerien macht die Präsentationsfläche für Biokosmetik oft schon ein Drittel des Gesamtsortiments aus. Lange Zeit wurde die Naturkosmetik pauschal als Gattungsmarke wahrgenommen. Wie schwierig ist es da, sich als eigenständige Marke zu positionieren?

HJW: Die Markenpositionierung ist heute sehr wichtig, man ist ja nicht der Verband der Biokosmetiker. Auch wenn die Zusammenarbeit in verschiedenen  Verbänden zu einem Zusammenhalt innerhalb der Biokosmetik geführt hat, da wir dort definiert haben, was wir gemeinsam unter Naturkosmetik verstehen.  Davor waren wir ständig irgendwelchen Anfeindungen von dritten ausgesetzt, die erklärten dieser oder jener Rohstoff sei doch nicht „Bio“. Erst als die erste Zertifizierung da war und bekannt wurde, ist auch die öffentliche Meinung darauf umgeschwenkt. So ist natürlich auch die Gemeinschaft der   Naturkosmetikhersteller zusammen gewachsen. Aber in den letzten 5 Jahren hat sich so viel geändert, es sind ja auch so viele Hersteller von außen hinzu  gekommen, so viele Firmen, die auch Naturkosmetik, auch zertifizierte Naturkosmetik, machen, dass man natürlich auch wieder mehr darauf schauen muss, was  machen wir eigentlich als Marke, was unterscheidet uns von den anderen.

Naturkosmetik hat seit langem zweistellige Zuwachsraten pro Jahr. Das weckt im Wettbewerb mit der konventionellen Kosmetik sicher Begehrlichkeiten. Haben  pseudogrüne“ Produkte damit zu tun?

HJW: Große konventionelle Wettbewerber haben das natürlich registriert. Obwohl das ja gar keine Bioprodukte waren, mit denen diese Firmen auf den Markt  sind. Sie haben sich ja nur so verkauft. Aber im Prinzip können wir darüber froh sein, dass sie keine wirkliche Naturkosmetik machen, und sie können und  werden auch nie wirkliche Naturkosmetik machen. Wenn ich nur daran denke, wie eng der Markt an natürlichen Rohstoffen schon jetzt ist. Wenn z.B. Beiersdorf  oder L‘Oreal mit zertifizierter Naturkosmetik nach NaTrue-Richtlinien einsteigen würden und so viele native Öle wie vorgeschrieben einsetzen würden, wäre  das gar nicht zu leisten. Die müssten sich erst einmal ihre eigenen Ressourcen schaffen.

Dann ist die Bio-Zertifizierung für die Kundenbindung sicher ein ganz wichtiges Instrument.

AM: Wenn der Kunde, der es gewöhnt ist, sich mit Naturkosmetik zu pflegen, einmal ein anderes Produkt ausprobiert, das „auch grün auf der Verpackung hat“  um dann festzustellen, dass es nicht hält, was es verspricht, kommt er wieder zurück. Oder er wechselt innerhalb der Naturkosmetik-Marken. Ich glaube der  Zertifizierungsgedanke ist ganz wegweisend für den Kunden.

UL: Das alleine ist es nicht, was wirklich zieht. Die Identifizierung mit einer Marke – da fühle ich mich zu Hause, sie vertritt meine Werte – steht an erster Stelle.  Diese Parameter sind wichtiger als die Zertifizierung.

HJW: Ich denke die Zertifizierung ist in erster Linie eine Hilfestellung für den Handel, dafür ist sie ja gemacht. Der Handel muss entscheiden können, was ist  reine Naturkosmetik Naturkosmetik  und was nicht. Und er setzt sich ja selbst mittlerweile seine Vorgabe „wir nehmen nur zertifizierte Naturkosmetik“. Da  muss er auch die Gewissheit haben, ob das jetzt yellow, oder green oder red ist.

Wo sind denn Marken wie z.B. Rituals, Body Shop oder Lush einzuordnen. Die argumentieren auch mit Fairtrade, lehnen Tierversuche ab, sind für Bio-Anbau….

DL: Das ist ganz klar keine Naturkosmetik.

HJW: Ja, die nehmen sich eben nur ein oder zwei Aspekte raus, die wir aber allesamt abdecken.

UL: Hier ist die Zertifizierung natürlich hilfreich.

AM: Diese Wettbewerber sensibilisieren den Kunden, der keine konventionellen Produkte mehr anwenden will und nach Alternativen sucht. Oft geht dessen  Reise dann weiter, weil er vielleicht mit der Produktqualität nicht einverstanden ist oder eben merkt, es ist doch nur Green Washing (= das Zusetzen natürlicher  Inhaltsstoffe, um dadurch das „grüne Label“ aufdrucken zu können). Der setzt sich dann mit tatsächlicher Naturkosmetik auseinander. Diesen Trend anzuschieben und uns da zu einem Teil ganz gut zu zuarbeiten, das haben die ganz gut gemacht.

UL: Die Verbraucher werden immer informierter, es Letztendlich geht es um die Authentizität einer Marke. Und die können viele Pseudo-Bio-Marken und  Produkte nicht transportieren.

DL: Man muss ja auch beachten, wie lange es dauert, ein Pflegeprodukt zu entwickeln. Unsere Entwicklerin, eine Französin, die aus der konventionellen  Kosmetik kommt, sagt, dass man zur Entwicklung eines Bioprodukts mit allen Reinheitsgeboten ein Jahr oder länger braucht. In der konventionellen Kosmetik  brauche ich für ein neues Shampoo nur Minuten. Wenn ich allerdings ein Shampoo herstelle, das alle naturkosmetischen Kriterien erfüllen soll, dann dauert es  Minimum ein Jahr. Es können einfach viele keine Naturkosmetik herstellen, weil man ein ganz feines Händchen und viele Jahre Erfahrung dafür braucht.

Ist das mit ein Grund, warum großen Konzerne ihre Finger von dem Thema lassen?

AM: Es ist zu aufwändig. Ihre Produkte werden dann zu teuer für ihre Kunden, die andere Preise gewohnt sind.

HJW: Und es geht auch um die Glaubwürdigkeit. Das nimmt man den Kosmetikriesen nicht ab. Warum sollten sie auf einmal eine echte Naturkosmetik  herstellen.

UL: Und sie machen es ja auch nicht. Es ist ja keine wahre Naturkosmetik. Sie denken, mit zwei oder drei natürlichen Rohstoffen können sie es so nennen und  dürfen es ja leider auch immer noch heutzutage, aber es ist es nicht. Und das sieht der Verbraucher heute.

 Wenn die Nachfrage weiter zunimmt, die Rohstoffe aber endlich sind, wie meistern Sie diese Herausforderung?

HJW: Es wird darauf hinauslaufen, dass wir alle eigene Projekte initiieren, um wichtige Rohstoffe zu sichern.

UL: Das ist unsere Sicherheit. Wenn wir das nicht schon seit 30 Jahren gemacht hätten, dann wären die Probleme jetzt schon riesig. Und in Zukunft werden wir das noch in viel größerem Maß machen müssen. Die Flächen sind da, das Interesse ist da, es ist aber ein ziemlich großer Aufwand. Und es braucht Jahre – bei  Aromapflanzen dauert es in der Regel drei Jahre – bis es sich lohnt diese Pflanzen zu ernten, bis die Ausbeute groß genug ist. Man muss in die Zukunft  investieren, Bio-Anbau braucht drei Jahre bis er überhaupt zertifizierbar ist. Es ist ein richtig langfristiges Unternehmen. Man kann nicht von der Stange etwas holen. Und wenn der Rohstoff aus ist, ist er aus. Dann muss man einfach bis zur nächsten Ernte warten. Es sind schon große Hindernisse, die die Naturkosmetik  hat.

AM: Wir haben vorhin von der Flexibilität bei der Suche nach exotischen Pflanzen für neue Produkte gesprochen. Das hat auch damit zu tun. Ich kann ja meinen  Bauern, die für mich die Damaszener-Rose anbauen, nicht plötzlich sagen, ich hätte morgen lieber etwas komplett anderes.

Lange Zeit gab es in der Biokosmetik den Trend, auf einen Hauptwirkstoff im Produkt zu setzen.

DL: Also wir setzen auf Wirkstoffkomplexe und auf Rohstoffe, die sich potenzieren. Bei uns ist es wichtig, dass wir verschieden Rohstoffe haben und eben da die  beste Wirkung in der Zusammensetzung finden.

UL: Synergien ist, glaube ich, ein gutes Stichwort. Eins und Eins kann mehr als Zwei sein. Und wenn man das herausfindet, dann ist das immer wieder ein  Highlight.

DL: Ja, da unterscheiden wir uns alle ja auch von den Massenwaren-Produkten, die da nur einen Wirkstoff drin haben und auch nur 99 Cent kosten.

AM: Bei unserem Konzept ist es eher so, dass es bei jeder Serie eine Leitpflanze gibt. So sind zum Beispiel Granatapfel oder Sanddorn der Hauptdarsteller.  Natürlich gibt es dazu, sei es für die Beduftung oder als weitere pflegende Inhaltsstoffe, zusätzliche Wirkstoffe anderer Pflanzen. Der Star, also die Hauptfigur, ist  der eigentliche Begründer des gesamten Konzepts. Man sucht sich die Leitpflanze nach dem Hauttyp, nach der Lebensphase aus. Hierfür trägt sie eine tragende Rolle. Es ist aber keine explizite Entscheidung nur einen Wirkstoff in dem Produkt zu haben.

HJW: Auch die Firmen, die sich in ihrem Auftreten nur auf einen Wirkstoff, wie Traube oder Olive beschränken, tun dies ja eigentlich auch nicht. Die loben zwar  nur diese eine Pflanze aus, haben aber letztendlich viel mehr in ihren Produkten drin, was die pflegende Wirkung in ihrer Kombination hervorruft. Die eine ist  lediglich die Marketing-Pflanze, die in den Vordergrund gestellt wird.

Wieviel Hightech oder Biotechnologie darf sich Naturkosmetik denn überhaupt leisten?

DL: Wir entdecken für Börlind immer wieder neue Rohstoffe und empfinden diese zum Teil auch der Natur nach. In der Bretagne zum Beispiel gibt es einen Fluss. An seiner Meeresmündung gibt es ganz spezielle kleine Algen. Die fischen wir jetzt nicht raus, sondern empfinden sie der Natur mit Biotechnologie nach.  Das gleiche bei Rohstoffen, die geschützt werden müssen, die es in der Natur immer weniger gibt, die empfinden wir dann 1:1 nach und müssen sie so nicht der Natur entnehmen.

UL: Also da gibt es unterschiedliche Auffassungen. Die Primavera-Philosophie beinhaltet, dass man die Weisheit der Natur nicht nachmachen kann. Die Natur ist  so komplex, ein ätherisches Öl besteht aus mindestens 500 Bestandteilen und jedes 0,0% Anteilchen hat seine spezielle Bedeutung. Erst das Zusammenspiel all dieser Anteile macht die Wirkung aus.

DL: Wir gehen dabei aber wirklich 1:1 vor. Bei ätherischen Ölen gebe ich Ihnen Recht, aber wir sind ja auch auf einem ganz anderen Gebiet unterwegs. Wir  verwenden gar keine ätherischen Öle. Wir machen in dieser Richtung so wenig wie möglich, haben da immer unsere Bedenken wegen eventuellen  Empfindlichkeiten.

UL: Das wird zwar gerne in den Medien kommuniziert, aber in der ganzen Diskussion stellt man fest, dass tatsächlich nur eine Handvoll Öle wirklich bedenklich sind, andere jedoch sehr gut für die Haut und eine sehr große Wirkkraft haben.

HJW: Die Biotechnologie ist mit Sicherheit auch für die Naturkosmetik ein ganz großer Gewinn. Es gibt sehr viele Rohstoffe, die früher nur realisierbar waren, indem der Umwelt großer Schaden zugefügt wurde, weil sie über chemische Prozesse gewonnen wurden. Die können jetzt biotechnologisch gewonnen werden, völlig rein. Logocos hat feste Regeln für den Einsatz von biotechnologischen Rohstoffen. Es ist auf jeden Fall schon auch ein großer Gewinn, dass vor allem in der  Naturkosmetik immer mehr Rohstoffe angeboten werden, die es vor 10 oder 20 Jahren überhaupt nicht gab und die auch gar nicht denkbar waren. Die letztlich  aber die Haptik und die Rezepturen der Naturkosmetik deutlich verbessert haben.

UL: Hyaluronsäure, zum Beispiel. Die wurde vor 10 Jahren noch aus Hahnenkämmen gewonnen.

HJW: Und wird jetzt biotechnologisch hergestellt.

DL: Oder unser Phytoplankton. Da haben wir genau die Wirkstoffe, die wir wollen. Dieses Plankton kann sowohl im Süßwasser, wie auch im Salzwasser  überleben und hat ganz extrem viel Power.

HJW: Das ist ja gerade der Punkt. Mikroalgen kann man ja wunderbar in diesen Konvertern züchten. Und da wachsen sie auch viel schneller und in größeren  Mengen, als wenn man sie aus dem Wasser herausholt.

Gibt es bei den Kunden Altersgruppen, die besonders Naturkosmetikaffin sind?

DL: Generell die Altersgruppe ab 30. Bereits ab 25 sind die Damen sehr darauf bedacht, regenerierende Produkte anzuwenden. Wir haben schwerpunktmäßig  Serien für die regenerationsbedürftige Haut ab 30, ab 40, ab 50…

UL: Ich finde vor allem erfreulich, dass kein Produkt nur für älteren Damen ist. Schon ganz junge Frauen beschäftigen sich mit Naturkosmetik, wollen wissen,  was sie sich auf die Haut tun. Die informieren sich, reden miteinander, machen Experimente, „drei Monate zuckerfrei leben“, „die Haare nur mit Lava-Erde  waschen“ . Das begeistert mich. Das ist der Geist, mit dem auch wir damals angefangen haben. Das kommt wieder.

AM: Ich habe über diese Frage auch lange nachgedacht.
Wir haben in jeder Altersphase Kundschaft, die sehr, sehr aufgeklärt und interessiert ist. Nicht nur die ältere Zielgruppe, die mit unserer Marke weitergewachsen ist. Es ist unglaublich, wie viele junge Frauen sich für die Naturkosmetik interessieren, wieviel sie darüber wissen.

Wenn Sie an die kommenden 3 bis 5 Jahre denken, was sind für Sie die wichtigsten Herausforderungen?

DL: Unser klares Hauptanliegen ist es, weiter nach neuen Wirkstoffen zu forschen. Die Kundin will immer wieder etwas Neues und dem möchten wir  entsprechen. Wir arbeiten zukünftig mit dem Gütesiegel „Made in Black Forest“ und setzen die Wirkstoffe als Icons auf die Verpackung, damit sofort klar wird,  welches die zwei Hauptwirkstoffe sind. Der gesamte Börlind-Auftritt wird trendiger werden, siehe „Beauty-Shots“ oder „Beauty-Pearls“.

AM: Zuerst die Rohstoff-Thematik. Das bewegt Weleda sehr. Wir wachsen seit vielen Jahren und haben es wirklich mit knappen Ressourcen zu tun. Wir müssen  hier weiter aktiv neue Projekte ins Leben rufen, um ganz banal lieferfähig zu bleiben. Damit dieses Wachstum mit der Qualität, die wir versprechen, auch  machbar bleibt. Darüber hinaus möchten wir, auch wenn sie uns überall finden können, stark als Fachhandelsmarke wahrgenommen werden, arbeiten daran,  dass Apotheken, Reformhäuser, Fachhandel für Biokosmetik und Bioläden weiterhin Lust haben unsere Produkte zu verkaufen. Trotz „Mehrkanal-Fähigkeit“  liegt uns der Fachhandel, wo die Kundin Kosmetik erleben kann und fachgerechte Beratung bekommt, sehr am Herzen.

UL: Ich sehe auch für Primavera als große Herausforderung die Ressourcen-Sicherheit. Das wird sicher in der Zukunft ein noch viel größeres Thema. Eine große  Herausforderung ist auch der Umgang mit den Regularien, die uns nicht in Ruhe lassen, uns immer wieder neue Steine in den Weg legen. Deshalb auch die Arbeit  mit NaTrue in Brüssel. Ich sehe, dass wir eine große Zukunft haben. Das wird noch lange weiter gehen, weil das Interesse einfach da ist, bewusst  einzukaufen, sich um sich selber zu kümmern, präventiv tätig zu sein, unabhängig zu werden. Und ich glaube, dass eine große Zukunft auch in einer heilsamen Kosmetik liegt, die die Haut gesund macht, die dafür sorgt, dass eine Balance entsteht, so dass die Haut sich selber schützen kann. Es geht natürlich auch um den  schnellen Effekt. Aber das ist auch kein Widerspruch für mich, Naturkosmetik wirkt genauso effektiv wie Hightech-Kosmetik. Die Wirksamkeitsstudien zeigen  das ja. Und sie ist nachhaltig wirksam, die Haut fällt nicht zusammen, wenn man das Produkt wieder absetzt. Das wird auch die Verbraucherin merken. Selbst  die, die jetzt noch mit Begeisterung High-Tech-Kosmetik benutzt.

HJW: Ressourcen ist ganz klar auch für Logocos das Riesenthema. Und gesetzliche Regularien eben auch. Ebenso wichtig ist aber, die Wirksamkeit unserer  Naturkosmetik, die wir ja belegen können, eindeutig zu vermitteln. Wir wollen der Kundin unsere Werte klar kommunizieren, damit sie über die vielen positiven  Eigenschaften der Naturkosmetik Bescheid weiß.

UL: Wirksamkeit ist ein ganz wichtiger Stichpunkt. Wir treffen immer noch auf Kunden, die zwar sagen, dass Naturkosmetik gut fürs Gewissen ist und absolut  In, aber die nicht daran glauben, dass sie auch wirkt. Da müssen wir wohl noch ganz viel Aufklärungsarbeit leisten.

DL: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, ja. Zu vermitteln, dass Naturkosmetik wirkt.

HJW: Und dass sie natürlich auch extrem verträglich ist. Auch wenn uns die Industrie immer wieder anträgt, wieviel Unverträglichkeiten aus der Natur  kommen. Aber da würden die Kunden ja nicht so zufrieden mit den Produkten sein und ihnen so lange treu bleiben. Dem Konsumenten ist immer noch so gar  nicht bewusst, dass wir in der Herstellung genau den gleichen Gesetzgebungen unterliegen, wie die konventionelle Kosmetik. Aber darüber hinaus haben wir dann auch noch die strengen Maßgaben für die Naturkosmetik. Wir bringen also sehr viel mehr.

joomla kosmetik gruppe a9r624dDie Bio-Beauty-Profis (v.l.n.r) Daniela Lindner, Mitglied der Geschäftsleitung bei BÖRLIND, Heinz-Jürgen Weiland, Vorstand der LOGOCOS AG, Andrea Meyer, Marketingleiterin Arzneimittel + Naturkosmetik der WELEDA AG und Ute Leube, Gründerin und Beirätin der PRIMAVERA-LIFE GmbH.

 

 

 

  Ana Friedrich

Das VISIONEN Experten-Gespräch fand am 21.10.2015 im Hotel und Spa „Die Halde“ auf dem Schauinsland bei Freiburg statt. www.halde.com.

FOTO: Thinkstock

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