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Visionen

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Weg der Bewusstwerdung

Dem Ganzen fehlt etwas, wenn du deinen Weg der Bewusstwerdung in deiner ganz speziellen Art nicht gehst. Sylvester Walch erklärt, warum.

Wer kennt das nicht in Gruppen: Jemand spricht von seinem Leid, und jemand anders hört zu und sagt dann: „Wie bei mir, ich kenne das auch.“ Wir wissen, geteiltes Leid ist halbes Leid. Fachlich ausgedrückt spricht Irvin D. Yalom im Handbuch „Gruppenpsychotherapie“ davon, dass die Universalität des Leidens einen wichtigen Heilfaktor darstellt, d. h. dass wir uns identifizieren, innerlich auseinandersetzen und wahrnehmen können: So, wie es dem anderen geht, geht es auch mir. Manchmal ist es sogar so: Wenn ich das Gefühl habe, dem anderen geht es noch ein bisschen schlechter als mir, fühle ich mich gleich ein Stück besser. Das gehört auch dazu.

Der Vergleich mit anderen

Wir vergleichen viel, versuchen immer zu schauen: Wie ist mein Leben und wie ist das der anderen? Das ist bis zu einem bestimmten Grad sinnvoll, weil wir dadurch auch kreativ werden, uns selbst entwickeln können.

Ab einem bestimmten Ausmaß ist es aber destruktiv, wenn ich vergleiche und bei mir selbst immer nur das Defizit wahrnehme. Wenn ich ständig sage: Den anderen geht es immer besser, und ich bin nur mit den schwierigen Gaben des Lebens gesegnet, habe mich da und dort viel mehr abzumühen als der andere. Wenn wir in eine solche Fixierung hineinkommen, macht uns das schon innerlich fertig, und das kann auch zu sekundären Krankheitserscheinungen führen.

Deine Unverwechselbarkeit sehen

Deshalb raten spirituelle Lehrer, neben dem Teilen von Leid mit anderen, unser persönliches Leben als unverwechselbar und einzigartig zu sehen. Das ist nicht im überheblichen Sinn gemeint. Du musst dir die ganze Bandbreite vorstellen, womit du genetisch ausgestattet bist: deine Eltern, deine Großeltern, die bestimmte Lebensstile gelebt und auch für ihre Nachfahren innerlich bereitgehalten haben… Wenn du dir diese Komposition an Eigenschaften, an genetischen und sozialen Einflüssen vorstellst, die du in deinem Leben verkörperst oder darstellst, wird es vermutlich diese Art oder diese Mischung kein zweites Mal geben. Und das muss dir klar werden: Deine Einzigartigkeit, deine Unverwechselbarkeit ist auch etwas Besonderes im Sinne der inneren Entwicklung.

Deshalb versuche auch immer, deinen Entwicklungsweg, deine Art der Bewusstwerdung zu finden. Du kannst dich von anderen anregen lassen, aber gehe immer davon aus, dass du einzigartig bist; dass es dein eigener ganz spezieller Weg ist, den du zu gehen hast.

Darum sagen wir oft in den Atemsitzungen: Es ist vollkommen egal, ob jemand ein Einheitserlebnis hat, von tiefer Liebe erfüllt ist oder ob jemand eine innere Szene von einer Auseinandersetzung mit seinem Arbeitgeber erlebt. Beides ist aus dem gleichen Stoff, aber es begegnet dir im Augenblick auf eine unverwechselbare Art und Weise.

Dir selbst näher kommen

Deshalb ist es ganz wichtig zu wissen: Ob du gerade in einer Krise bist oder gerade etwas Spezielles vorhast, sieh es immer auch als Geschenk, deiner unverwechselbaren Wesensnatur näherzukommen.

Dir selbst näher zukommen, dich besser spüren zu können. Erlaube dir, alles, was geschieht, alles, was dir begegnet, als für deinen speziellen Weg sinnvoll zu erachten. Auch wenn es so in dieser Form anderen vielleicht nicht begegnet oder andere es so nicht zu verarbeiten haben.

Es gibt ja viele Themen, die uns begegnen. Damit ist man in jeder psychotherapeutischen Praxis konfrontiert: Um neun Uhr beklagt sich jemand über Kinderlosigkeit, um zehn Uhr ein anderer über den Stress mit den Kindern, um elf Uhr spricht jemand über seine Einsamkeit und um zwölf Uhr über seine Trennung usw. Es ist manchmal gar nicht so einfach zu verstehen, wie wir gestrickt sind; es ist eine spezielle Note, ein spezieller Geschmack.

Nimm diesen Geschmack als Geschenk an. Nimm deinen Stempel, so wie du bist oder wie du ins Leben gestellt wurdest, als einzigartige Möglichkeit an, genau so Bewusstwerdung zu erlangen, deinen Weg gehen zu können.

Dein ganz spezieller Beitrag

Stell dir in einer Vision vor: Die ganze Erde liegt vor dir und Milliarden von Menschen, jeder in seiner unverwechselbaren Prägung, in seiner unverwechselbaren Natur. Und jeder beginnt an den Punkten zu arbeiten, die gerade für ihn und sein Schicksal von Bedeutung sind. Und für jedes Thema, das erlöst wird in dieser ganz speziellen menschlichen Ausprägung, wird ein kleines Licht aufleuchten.

Du wirst plötzlich merken, wie alle die unterschiedlichen Lichter am Ende zusammenkommen, vielleicht zu einem großen Ganzen. Und dafür bist auch du mit deinem ganz speziellen Weg erforderlich. Dem Ganzen fehlt etwas, wenn du deinen Weg der Bewusstheit in deiner ganz speziellen Situation nicht gehst.

Wenn du versuchst, jemand anderes zu sein, jemand anderen darzustellen, dann fehlt an dieser Stelle dein ganz spezieller Beitrag zu dem Ganzen. Auch deine Art des Lebens, wie es für das Ganze erforderlich ist, würde dann hier ein Vakuum hinterlassen. Und deshalb versuche, dein Leben, spirituell gesehen, als etwas zu schätzen, das in seiner Einzigartigkeit, in seiner Ausprägung, in seiner Richtung, in seiner Art und Weise, wie du es verkörperst, wirklich speziell ist und seine eigene Gnade besitzt. Dann wirst du nicht mehr vergleichen, du wirst andere als Anregung nehmen können; du wirst sie sehen können als Menschen, die etwas Ähnliches erleben. Aber versuche nicht mehr, sie zu kopieren.

So wird jeder spirituelle Weg seine eigenen Nuancen haben. Wie du meditierst, welche Erfahrungen du in der Meditation oder in der Atemsitzung machst, wird einzigartig sein.

Auch ein gemeinsamer

Weg Am Ende können wir spüren: Es gehört all das zusammen, und es ist ein gemeinsamer Weg, obwohl es sehr unterschiedliche Wege sind, die jeder von uns geht. Und wenn du dir das bewusst machst, dann wirst du auch nicht mehr daran zweifeln, dass es Sinn hat, dass du auf der Welt bist. Manche kommen mit der Idee in Gruppen: „Es ist überflüssig, dass es mich gibt“ oder „Ich störe ja nur auf der Welt“. Das sind Konzepte, die durch verschiedene schwierige Bedingungen so entstanden sind. Aber wenn wir lernen, unser eigenes Leben in dieser wunderbaren einzigartigen Weise auch anzuerkennen, dann werden wir nicht mehr nach dem Sinn des Lebens fragen, dann wird er von sich aus in uns spürbar werden, ohne dass wir viel darüber reflektieren müssen.

Unsere Arbeit am Schatten soll uns dabei helfen, einerseits diese Einzigartigkeit unseres Lebens bewusst zu machen, und andererseits gemeinsam hier einen Bogen zu schaffen für einen Weg, der uns so zusammenführt, dass wir merken, dass jeder in seinem Umfeld, in der Gemeinde, jeder auf der Welt auch dazu gehört und wir als Gesamtes uns wieder im All-Einen oder dem großen Ganzen wiederfinden können.

Dr. Sylvester Walch

FOTO: Thinkstock

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