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Visionen

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Frieden durch Verbundenheit

Ihrem spirituellen Ursprung nach gehören alle Menschen wie eine große Familie zusammen. Im täglichen Leben kommt dies aber kaum zum Ausdruck. Was können wir selbst dazu beitragen, um diese grundlegende Einheit wieder herzustellen?

Seit Menschengedenken überziehen Streit und Kampf die Erde, und ebenso lange wünschen sich die Menschen nichts sehnlicher, als in einer Atmosphäre der Nähe und des Vertrauens miteinander zu leben, in Liebe, Harmonie und Frieden. Von ihrem Ursprung her bilden alle Menschen eine Einheit, denn wir sind all als gottebenbildliche Seelen aus dem einen göttlichen Schöpfer hervorgangen und sind allein schon deshalb Brüder und Schwestern, miteinander verbunden in der Vaterschaft Gottes. Zudem sehen wir uns alle ähnlich, haben ähnliche Lebensziele und reagieren auf ähnliche Weise und ein und denselben anlass. Bei Verletzungen spüren alle Menschen schmerzen, und wenn uns etwas Schönes begegnet, freuen wir uns alle auf ähnliche art. Diese Einheit ist also von Anfang an der menschlichen Natur mitgegeben, sie liegt dem Leben und den Beziehungen aller Mensche zugrunde.

Die tägliche Realität

In unserem Verhalten kommt diese Einheit allerdings nicht zum Ausdruck. Stattdessen herrschen Hass und Gewalt, Misstrauen und Täuschung. Ständig werden irgenwelche Kriege angezettelt und bedrohen unseren Frieden und unsere Existenz. Wir fahren fort, Dinge zu horten, während andere Menschen Hungers sterben. Unsere Hunde, Katzen und sonstigen Haustiere haben das schönste Leben, während Menschen in unserer nächsten Umgebung großen Mangel leiden und ums Überleben kämpfen müssen. Unter diesen schrecklichen Umständen scheint es weder Liebe noch Verständnis und erst recht keine Einheit zu geben. Dennoch beschwören wir weiter die grundlegende Verbundenheit aller Menschen untereinander, ohne dass sich dies in irgendeiner Weise auf unser Verhalten auswirken würde. Wie können wir zu dieser Einheit zurückfinden? Manchmal denken wir, dassdieführenden Persönlichkeiten der einzelnen Religionsgemeinschaften dabei doch eine zentraleRolle spielen könnten. Aber wenn wir genau hinschauen und sehen, wie viel Blutvergießen, Krieg, Hass und Gewalt es im Namender Religion gibt, könnenwirihnen nicht vertrauen. Auch diePolitiker versagen regelmäßigdabei, für Frieden und Einheitzwischen den Völkern zusorgen. Aus diesem Grunde hatte mein Meister Sant Kirpal Singh die Idee, sie gleichsam von der Wurzel her wiederaufzubauen, und rief 1974dasProjekt Unity of Man („Einheit der Menschen“) ins Leben. Aber was können wirpersönlich tun, um dieser Einheit in unserem eigenen Verhaltenwieder Ausdruckzu verleihen?

1. Meditieren und erkennen

Zwar wissenwir theoretisch, dass wir alle Geschwister sindunddass Gott nicht nur unser gemeinsamerSchöpfer, sondern auchunsergemeinsames Ziel ist.Aber uns dies jeden Tagvorzubeten reicht nicht aus. Solange wir von unseren Leidenschaften und Unarten beherrscht werden, verdrängen wir dieses Wissenimmerwieder und verhalten unsgenau entgegengesetzt. Ohne direkte Erfahrung in der spirituellenBegegnungmitGott können wir nichtwirklich wissen, dass wir einTeil Gottes sind – wie könnenwir dann davon überzeugt sein? Nur wenn wir es selbst sehen, werden wir es glauben. DieEinheit der Menschen beginnt ganz unten,bei der einzelnen Person. Erst wennjeder selber diese innere Erfahrung macht, ist er davon überzeugt. Darumbildet dieMeditation den ersten, grundlegenden Schritt zur Einheit der Menschheit.

2. Sein Schicksal akzeptieren

Der zweite Schritt besteht darin,dass wirdasGesetz des Karmas anerkennenund unserLebenso akzeptieren, wie es uns geschickt wird. Neid und negative Gefühle anderen gegenüber kommen meistens deshalb auf, weil wir meinen, dass es ihnen besser geht als uns. Das geht sogar so weit, dass wir zu glauben beginnen, Gott sei grausamund ungerecht. Wir machen es uns und unseren Mitmenschen leichter, wenn wir unser Schicksal akzeptierenund begreifen, dassalles, was uns widerfährt,unsereigenes Karma istund nichts mit anderen zu tun hat. Jedes uns zustoßende Leid oder Unglück hat seinen Ursprung in unseremeigenen Handeln (Karma) und geht nicht auf das Konto einer anderenPerson.

3. Keine Vergeltung üben

Derdritte Schritt zur Einheit der Menschen besteht darin, dass wir „uns dem Übel nichtwidersetzen“. Wenn jemand uns weh tutoder sich unsgegenüber schlecht benimmt, sollten wir es ihm nicht mit gleicher Münzeheimzahlen. Denn der Grund fürsein Verhalten liegt ja womöglich in unserem eigenen Karma – dann ist es aber nicht seinFehler, sonderngeradezu seine Pflicht, so zu handeln. Sein „schlechtes“ Verhalten wäre in demSinne „gut“, dasser damit auch sein eigenes früheres Karma ausgleicht. Wenn wir nun versuchen, uns an ihm zu rächen, könnten wir über das karmisch notwendige Maß hinausgehen und uns damit neues Karmaschaffen.

Wir können ohnehin nicht beurteilen, ob das Handeln einer anderen Person richtig oder falsch ist. Wenn wir dennoch über andere Menschen richten, werden wir selbst gerichtet. Es kann ja sein, dass wir uns irrten, und für diesen Fehler werden wir irgendwann büßen. Wenn wir aber davon absehen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, vermeiden wir nicht nur, über andere zu urteilen, sondern auch das Risiko, neues Karma auf uns zu laden.

4. Anderen uneigennützig helfen

Es ist eine Pflicht der Mitmenschlichkeit, anderen zu helfen. Und zwar ohne eigennützige Hintergedanken und ohne irgendetwas dafür zu erwarten. Wenn wir für unsere guten Taten irgendeinen Lohn erhoffen und dieser ausbleibt, sind wir enttäuscht und fühlen uns nicht mehr in Liebe mit anderen verbunden. Menschen in Not zu helfen, lässt in uns Liebe zu unseren Mitmenschen und zu Gott entstehen Die spirituellen Meister sind uns ein leuchtendes Vorbild für selbstloses Helfen. Mein Meister Sant Kirpal Singh sagte nicht nur: „Nutzt jede Gelegenheit, um anderen selbstlos zu dienen.“ Er nahm es selbst damit sehr genau und legte von seinen Einkünften zuerst den zehnten Teil als Spende beiseite, um dann mit dem Rest seine eigenen Bedürfnisse zu bestreiten. Wir sollten es uns zur Gewohnheit machen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit anderen selbstlos zu helfen, weil jeder Schritt in diese Richtung ein Baustein für die Einheit der Menschheit ist.

5. Eigene Charaktermängel beheben

Der fünfte Schritt besteht in der Transformation unserer eigenen Schwächen und Fehler. Statt über andere Leute herzuziehen, ist es zielführender, an uns selbst zu arbeiten und unsere eigenen Charaktermängel zu beheben. Destruktive Haltungen, wie z. B. Eifersucht, Geiz oder Hass, entstehen aus den fünf Geistesgiften Anhaftung, Sinneslust, Zorn, Gier und Ichsucht. Diese gilt es anzugehen und durch das jeweilige Gegenteil zu neutralisieren, denn jedes einzelne davon zerstört die Verbundenheit unter den Menschen.

6. Nicht schlecht über andere denken

Der sechste Schritt zur Einheit der Menschen besteht darin, dass wir aufhören, schlecht über andere zu denken. Auch wenn wir unsere Gedanken für uns behalten können, spiegeln sie sich doch in unseren Handlungen wider. Zudem lösen sie auch unausgesprochen bei den Betroffenen die entsprechenden Gegenreaktionen aus, fallen also auf uns selbst zurück.

7. Ehrlich sein Geld verdienen

Der siebte Baustein für die Einheit der Menschen liegt darin, dass wir nicht auf Kosten anderer leben, sondern unseren Lebensunterhalt ehrlich mit der eigenen Hände Arbeit verdienen und nichts begehren, was uns nicht gehört. Natürlich sind wir alle nur Menschen, und es kann trotzdem sein, dass wir im Herzen gewisse Begehrlichkeiten hegen. Wenn solche Gedanken in uns aufkommen, sollten wir sie Gott zu Füßen legen und nicht auf die Mitmenschen projizieren.

8. Sich vor dem Ego hüten

Mit dem achten Schritt sollten wir uns vor unserem Ego in Acht nehmen. Egoismus macht alle guten Gedankenregungen in uns zunichte und bringt uns und anderen nichts als Unglück.

9. Gott in allen Menschen sehen

Als neunter Punkt sollten wir in allen Menschen Gott sehen. Wenn wir erst einmal erkennen, dass Gott in jedem Menschen wohnt, sind wir nicht mehr imstande, irgendjemanden schlecht zu behandeln.

Einmal hielt sich Baba Sawan Singh, der Meister meines Meisters, in den Bergen auf, um sich dort in Ruhe zu erholen. Eines Abends ging er für einen Spaziergang aus dem Haus. Unterdessen kam ein alter, an Tuberkulose erkrankter Mann und fragte den Mitarbeiter von Sawan Singh, ob er nicht für einige Tage im Haus unterkommen könne. Als der Assistent hörte, dass der Mann an Tuberkulose litt, schickte er ihn mit den Worten weg, es gebe hier keinen Platz für ihn. Gerade als der kranke Mann das Haus wieder verließ, kehrte Baba Sawan Singh von seinem Spaziergang zurück und fragte ihn: „Was ist los mit dir? Warum so niedergeschlagen?“ Da erzählte ihm der Mann: „Ich leide an Tuberkulose und der Arzt riet mir zu einem Aufenthalt in den Bergen, aber überall, wo ich um Quartier bitte, werde ich abgewiesen.“ Als Baba Sawan Singh seinen Mitarbeiter fragte: „Stimmt es, dass du diesem Mann deine Hilfe verweigert hast?“, rechtfertigte sich dieser: „Aber der Mann leidet an Tuberkulose! Da wäre es doch nicht gut, ihn hier bei uns aufzunehmen.“ Da fragte ihn der Meister: „Weißt du denn nicht, dass Gott auch in ihm wohnt?“ Der Mitarbeiter räumte ein: „Doch, natürlich.“ „Und warum“, fuhr der Meister fort, „hast du dann diese Gelegenheit, Gott zu dienen, nicht genutzt?“

Diese Erkenntnis, dass Gott in allen Menschen wohnt, wird auch unser eigenes Verhalten verändern.

10. Gott respektieren

Als zehnter Punkt gilt es, Gott und seinen Willen in unserem Denken, Sprechen und Handeln zu respektieren. Als Gründer der Menschheitsfamilie sieht er für uns vor, dass wir in Frieden und Harmonie zusammenleben. Deshalb ist es notwendig, dass wir zunächst einmal meditieren, um die wesensmäßige Einheit der Menschen selbst in uns zu erfahren, und dann die übrigen Punkte befolgen, die hier erörtert worden sind. Alles andere ist leeres Gerede und trägt keine Frucht.

Soami Divyanand

Soami Divyanand (1932 – 2014), Meister des Surat-Shabd-Yoga, lehrte mehr als 35 Jahre lang den spirituellen Pfad des inneren Lichtes und Klangs. Veden-Übersetzer und Autor zahlreicher Bücher.

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