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Wahre Liebe

Um zu verstehen, was wahre Liebe ist, und um andere Menschen wahrhaftig lieben zu können, müssen wir Gott kennen, und das können wir nur durch eine enge persönliche Beziehung zu ihm.

Bei vielen Menschen, die bereits seit geraumer Zeit auf dem spirituellen Pfad unterwegs sind, mag sich eine gewisse Routine oder Ermüdung einstellen. Da sitzt man wie gewohnt regelmäßig zur Meditation und setzt auch viele andere Empfehlungen für das spirituelle Leben um: Man engagiert sich karitativ für Mitmenschen, liest Bücher über Spiritualität und Meditation, beteiligt sich vielleicht am rituellen Angebot der verschiedenen Traditionen, geht etwa auf Pilgerreise. Aber bei alledem ist man nicht wirklich zufrieden. Man spürt, dass der spirituelle Prozess stagniert, dass erhoffte Fortschritte ausbleiben. Zweifel kommen auf, ob man je ans hohe Ziel gelangen wird. In dieser frustrierten Verfassung fällt es schwer, klar zu erkennen, ob man auf dem richtigen Weg ist.

Sind Sie so oder ähnlich betroffen, gibt es eine sehr einfache Lösung, um sicher und zügig zum spirituellen Ziel voranzukommen: „Gott ist Liebe“, heißt es mehrfach in der Bibel, und wir können „Gott in der Liebe und im Geist näherkommen“. Gott ist die Liebe per se. Und indem wir Liebe leben, zieht es uns immer näher zu unserem Ziel in Gott. Diese Liebe sollte jedoch nicht oberflächlich sein, sollte nicht allein auf der materiellen, physisch- sinnlichen Ebene des Lebens stattfinden, sondern sollte geistiger Art sein, sollte in der Seele stattfinden und von dort aus unser Leben in der Welt bestimmen. Liebe ist der eigentliche Weg zur vollkommenen Verwirklichung und Einheit mit Gott.

Viele Facetten der Liebe

Jeder einzelne Mensch kennt verschiedene Arten und Dimensionen der Liebe. Ist irgendeine davon „richtiger“ und aussichtsreicher als andere? Die erste Art, die einem in den Sinn kommt, ist die Mutterliebe. Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind gilt als eine besonders reine und selbstlose Art der Liebe. Dann gibt es die Liebe unter Geschwistern. Eine dritte Art ist die Liebe von Freunden füreinander. Darüber hinaus gibt es Arten von Liebe, die nicht Menschen, sondern Dingen gelten: allem voran dem Geld und dem Eigentum. Dann ist man anderen Dingen besonders zugetan, z.B. der Natur oder Tieren. Manche Menschen lieben subtilere Dinge, wie Musik oder den Erwerb von Wissen, und verlieren sich darin. Aber die Liebe zu Gott, unserem spirituellen Ziel, ist von einer ganz anderen, einer ganz besonderen Art.

Die großen Mystiker und Gottliebenden haben Gott und den Gottmenschen mit verschiedenen Begriffen angesprochen: Du mein Vater, du meine Mutter, du mein Bruder, mein Freund, meine Weisheit, mein Teuerstes, mein Alles, du mein Herr. Wenn wir Gott oder den Gottmenschen lieben, spielen alle diese Facetten und Dimensionen der Liebe mit. Zwar sprach der Gottmensch Jesus von Gott vor allem als „Vater“ und der heilige Ramana Maharshi sprach von der göttlichen „Mutter“, aber wir können die Liebe zu Gott oder dem Gottmenschen nicht auf nur eine spezifische Art festlegen. Wir können keine Regel aufstellen, dass man ihn wie eine Mutter oder wie einen Freund zu lieben hat. Unsere Liebe zu Gott oder dem Gottmenschen schließt vielmehr sämtliche Arten der Liebe ein.

Worte sind noch keine Liebe

Wir müssen uns also nicht den Kopf darüber zerbrechen, welcher Art unsere Liebe zu Gott sein sollte. Aber unsere Liebe muss echt sein. Wahre Liebe ist nicht an irgendwelche Bedingungen geknüpft, sie hängt nicht von irgendwelchen Gründen ab. Wahre Liebe hat auch keine Grenzen. Wer liebt, wird nicht sagen: „Jetzt reicht’s, ich kann nicht mehr lieben.“ Auch ist die bloße Rede oder äußerliche Geste der Liebe nicht die eigentliche Liebe. Denn wir nehmen nur mit den Augen und Ohren wahr, dass jemand sagt: „Ich liebe dich“, aber wir können nicht aufgrund dieser Worte erkennen, ob die Liebe dieser Person echt ist. Manchmal spüren wir selbst eine Abneigung gegen jemanden, und um dieses negative Gefühl zu vertreiben oder zu verwandeln, sagen wir: „Ich liebe dich.“ Aber Liebe ist nicht unbedingt vorhanden, nur weil wir so etwas sagen, und bloße Worte erzeugen noch keine Liebe. Andererseits ist es auch nicht gut, wenn man seine Liebe gar nicht mit Worten zum Ausdruck bringt. Man muss jedoch die richtige Balance finden und erkennen, wann es richtig ist, über seine Liebe zu sprechen, und wann nicht.

Die Liebe nähren Es ist das ständige Denken an das Ziel, den Göttlichen Geliebten, was die Liebe mehrt. Es ist wie bei einer Mutter, die zwar nicht ständig den Namen ihres Kindes auf den Lippen führt, aber doch in allem was sie tut, ihr Kind mit bedenkt und einbezieht. Dadurch wird ihre Liebe zum Kind genährt und gestärkt. Genauso ist es auch in der Spiritualität: Die beständige Erinnerung und Ausrichtung auf Gott, ob im Herzen oder in der Seele, vertieft und festigt die Liebe und beschleunigt unsere Annäherung an Gott.

Die Liebe zu Gott und dem Gottmenschen wird auch dadurch genährt, Weisheit dass wir Dinge aufgeben, die zwischen uns und ihm stehen und unsere Beziehung zu ihm stören. Ob liebgewordene Aktivitäten, Gewohnheiten oder Beziehungen: jeder möge selbst prüfen, was ihn in seiner spirituellen Entwicklung behindert. Der größte und entscheidende Schritt besteht aber darin, den denkenden Verstand unter Kontrolle zu bringen und seine exzessive Aktivität einzudämmen. Denn der Verstand lenkt, wenn ungehindert, mit Windeseile unsere Aufmerksamkeit auf tausenderlei Dinge in dieser Welt und lässt immer weniger Platz für das Denken an Gott. Mit seinen fortlaufenden Ablenkungsmanövern ist der ungezügelte Verstand ein großer Störfaktor für unsere Liebe zu Gott, aber wenn man es schafft, ihn zu entmachten und von seinem Sockel zu stürzen, wird man mit dem nächsten Schritt den Himmel betreten.

Chancen für die Liebe erkennen

Eine weitere notwendige Zutat für die Entfaltung von Gottesliebe ist Wachsamkeit. Das bedeutet, dass wir aufmerksam und mit aktivem Verstand das Geschehen um uns herum beobachten und registrieren, wo sich eine Gelegenheit ergibt, unsere Liebe zu Gott durch Taten und Worte zu zeigen. Solche Gelegenheiten ergeben sich im Alltag immer wieder, aber wenn wir nicht wachsam sind, können wir sie nicht entdecken und lassen sie ungenutzt verstreichen.

Zu dieser Wachsamkeit haben Buddha wie auch Jesus Christus ihre Jünger wiederholt aufgefordert. Wer gut aufpasst, wird die vielen Chancen erkennen, dem göttlichen Impuls zu folgen und liebevoll zu handeln. Es ist wichtig, für den inneren Impuls, der einem für die jeweilige Situation von Gott eingegeben wird, empfänglich zu sein und ihm Folge zu leisten. So sagte Jesus: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ Diese Folgsamkeit ist nicht eine von außen erzwungene, sondern ist eine natürliche Auswirkung unserer Liebe zu Gott.

Liebe macht weise

Wahre Liebe stirbt nicht, sie ist unvergänglich und sie nimmt nie ab. Kabir, der große Mystiker und Dichter der Gottesliebe, sagt in einem berühmten Zweizeiler: „Alle Welt studiert Bücher über Bücher, aber dadurch wurde niemand weise. Wenn du aber nur die Bedeutung des einen kleinen Zweieinhalb- Buchstaben-Wortes Liebe (prem) kennst, dann bist du weise.“ Weisheit ist ein Kennzeichen spiritueller Vervollkommnung. In seinem Vers macht Kabir klar, dass Weisheit und damit Vollkommenheit nicht vom vielen Bücherlesen kommen, sondern vielmehr eine Begleiterscheinung der Gottesliebe sind. Gottesliebe ist nicht nur der Schlüssel, sondern gewissermaßen der Turbo-Motor für die spirituelle Entfaltung und Vervollkommnung.

Lackmustest für die Liebe Aber woran ist wahre Liebe zu erkennen? Welchen Maßstab können wir anlegen, um unsere Liebe zu Gott auf ihre Echtheit zu prüfen? Viele Menschen auf dem spirituellen Pfad machen sich selbst etwas vor und merken dabei nicht, wie sie sich selbst widersprechen. Im Brustton der Überzeugung sagen sie, sie würden Gott über alles lieben, sie würden viel meditieren, die ethischen Prinzipien beachten, schlicht alles Gebotene tun. Und dann kommt ein großes Aber, gefolgt von einer langen Reihe von Klagen und Einwänden, die anscheinend gegen den spirituellen Pfad sprechen.

Deshalb ist es hilfreich, den Lackmustest zu kennen, mit dem jeder überprüfen kann, ob seine Liebe zu Gott echt ist oder halbherzig. Jesus Christus sagte: „Wer Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ (Matthäus 10,37) Das Kriterium ist eindeutig: Wenn einem irgendetwas oder irgendjemand wichtiger und wertvoller ist als Gott bzw. der Gottmensch, dessen Liebe ist mangelhaft.

Jesus zieht die Eltern-Kind-Beziehung zum Vergleich heran, weil sie als die von Natur aus stärkste und liebevollste Beziehung gilt. Er sagt hier nicht, dass man seine Eltern oder seine Kinder nicht lieben soll. Aber der spirituelle Schüler sollte nicht zulassen, dass irgendetwas oder irgendjemand zwischen ihm und Gott steht.

Mit ganzem Herzen lieben

Der einfachste und leichteste Weg zur spirituellen Vervollkommnung liegt darin, Gott mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele zu lieben. Nicht mit geteiltem Herzen. Wenn wir – wie eingangs beschrieben – mit unserem spirituellen Leben unzufrieden sind, sollten wir also nachprüfen, ob unsere Liebe zu Gott ganz und vollständig ist, ob wir mit ganzem Herzen dabei sind, oder doch mit geteiltem Herzen.

Wer sich nach spirituellem Fortschritt sehnt, muss solche vollständige Liebe in sich schaffen: in seiner Seele, in jedem Gedanken, in jeder Handlung. Und dann wird man nicht auf der faulen Haut liegen und gleichgültig durchs Leben gehen, sondern wird wachsam Ausschau halten nach Gelegenheiten, Gutes zu tun. Oft hört man die Kritik, wer sich der Spiritualität widmet, vernachlässige darüber alles andere im Leben. Aber das Gegenteil ist der Fall: Wir werden gerade dadurch inspiriert, ohne Ich-Ansprüche in dieser Welt zu handeln und anderen aus Mitgefühl zu helfen.

Soami Divyanand

FOTO: Thinkstock

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