Magazin Visionen - Einfach. Besser. Leben.

Visionen

joomla header 10 17
Spirituelle Heimat

Als menschliche Seelen sind wir Bürger zweier Welten: Tagsüber wirken wir in dem physischen Körper in der materiellen Welt, und nachts lassen wir unseren Körper ruhen und bewegen uns entweder im Traum auf den feinstofflich- mentalen Ebenen unserer Existenz oder wir steigen höher hinauf in die rein geistigen Ebenen.

Die Seele hat ein natürliches Verlangen danach, in ihre geistige Heimat zurückzukehren. Denn Gott ist ihre Quelle, und zu Gott will sie wieder zurück. Die Reise der Seele zurück in ihre Heimat ist das zentrale Thema aller heiligen Schriften. In der Bibel wird sie symbolhaft beschrieben als der Auszug aus „Ägypten“, dem Land der Bedrängnis, und der Einzug in das „Gelobte Land“.

Das Gelobte Land ist auf keiner Landkarte dieser Welt zu finden, denn es ist kein geografischer Ort, sondern ein Zustand spiritueller Freiheit, All- Bewusstheit und Glückseligkeit. Als der Sikh-Guru Nanak seine Schüler aufforderte, morgens um vier ein Bad im heiligen Nektarsee „Amritsar“ zu nehmen, meinte er, sie sollten in der Morgen-Meditation in diesen Bewusstseinszustand der Glückseligkeit eintauchen. Damals gab es noch keinen geografischen Ort dieses Namens; die Stadt Amritsar mit dem Goldenen Tempel und dem künstlichen See wurde erst später gebaut.

Die spirituellen Meister haben schon immer ihre Schüler dazu angehalten, das Gelobte oder Heilige Land zu erobern, und haben sie dabei angeleitet und begleitet. Aber das Heilige Land, das sie meinten, liegt in der geistigen Welt, und nicht in der physisch-materiellen Welt. So sagte auch Jesus Christus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ (Johannes 18,36). Die Reise der Seele zurück zu Gott geschieht in der Meditation und ist nicht frei von Störungen und Schwierigkeiten. Diese sind die eigentlichen „Feinde“ der Seele, von denen in den heiligen Schriften die Rede ist. Mit den folgenden Tipps ist man gut dafür gerüstet und die spirituelle Reise wird leichter.

Beginne den Tag mit Gott!

Widme die ersten fünf Minuten des Tages deinem Selbst! Setze dich im Bett auf, schließe die Augen und richte deine gesamte Aufmerksamkeit auf Gott. Wiederhole fünf Minuten lang mit der ganzen Kraft deines Denkens und deines Herzens die Wörter, die dein spiritueller Lehrer dir zur Erinnerung an Gott gegeben hat – seien es besonders geladene Worte, ein Mantra oder eine Gebetsformel. Denke an nichts anderes. Lege die ganze Freude deines Herzens in diese Hinwendung zu Gott. Diese kleine Übung ist noch keine Meditation (die bekanntlich über das Denken hinausgeht), und sie ist auch kein Ersatz für die Meditationspraxis, die weiterhin als regulärer Punkt auf der Tagesordnung steht.

Aber mit dieser Übung in den ersten Minuten nach dem Aufwachen stellen wir die Weichen für den vor uns liegenden Tag. Wir stimmen unser Denken und Fühlen schon zu Tagesbeginn auf die Verbundenheit mit unserer Göttlichen Quelle ein, und diese grundlegende Gestimmtheit trägt uns im geschäftigen Treiben des Alltags.

Was haben wir davon, fünf Minuten unserer Zeit und Aufmerksamkeit in die Erinnerung an Gott zu investieren? Es ist eine Investition, die nachhaltig großen Gewinn für unseren spirituellen Fortschritt bringt. Kabir, der große Dichter der mystischen Gottesliebe, hat den Wert dieser Art von „Geschäftemachen“ in einem Gedicht sehr schön formuliert:

Manche treiben Handel mit Kupfer und
Messing, manche mit Nelken und Betel.
Die Gottliebenden handeln mit dem
Göttlichen WORT.
Ein Juwel ohne Preis ist mir
zugekommen:
Von früh bis spät mehrt es meinen
Wohlstand,
Tag und Nacht bringt es mir Gewinn.
Ja, Händler des Göttlichen sind wir.

Wenn wir uns also angewöhnen, morgens als allererstes fünf Minuten lang an der Himmelstür zu klopfen, werden wir zum einen an unser Selbst erinnert und zum anderen können wir, wenn Probleme zu meistern sind, umso leichter Verbindung mit Gott aufnehmen und Hilfe bei ihm holen. Fünf Minuten – das ist machbar und vergleichsweise wenig, wenn man im Gegenzug dafür 24 Stunden lang glücklich und geborgen leben kann.

Lebe einfach!

Je beschäftigter wir sind, desto leichter verlieren wir unser spirituelles Ziel aus den Augen und vergessen, worin der Sinn des Lebens als Menschen besteht. Das Leben in der heutigen Welt ist derart aufwändig, temporeich und übervoll mit Aktivitäten, dass wir darüber die Rückverbindung mit der spirituellen Heimat unserer Seele vernachlässigen. Deshalb sind Herunterschalten („Downshifting“) und eine Vereinfachung des Lebensstils für den spirituell strebenden Menschen besonders hilfreich.

Aber was heißt es, ein einfaches Leben zu führen? Ein einfaches Leben sieht für jeden anders aus, aber generell lautet die Devise: „Zurück zur Natur!“ Egal um welchen Lebensbereich es sich handelt, ob Essen, Bekleidung, Wohnen oder Sonstiges: Orientiere dich an der Natur! Ein Elefant kauft sein Essen nicht im Bioladen ein, der Tiger isst keine Fertiggerichte aus der Tiefkühltheke. Die Tiere essen nur das, was die Natur ihnen für ihre Bedürfnisse bietet – ohne aufwändige Zubereitung und nur so viel, wie sie brauchen. Und damit sind sie zufrieden und gesund. Wir Menschen hingegen haben uns so weit von der Natur entfremdet und unser Leben so kompliziert gemacht, dass wir uns ständig darüber Gedanken machen, was wir essen und anziehen und sonst noch tun sollen. Dabei bringt die Natur in jeder Region genau diejenigen Pflanzen und Heilkräuter hervor, die Mensch und Tier für ein gesundes Leben dort benötigen. In Südindien, wo es tropisch heiß sein kann, wächst zum Beispiel ein Strauch, dessen Beeren einen vor Sonnenstich und Hitzschlag schützen, wenn man sie isst.

Die Vereinfachung des Lebensstils bringt an sich schon eine enorme Entlastung mit sich. Dennoch können wir uns auch in weniger Aktivitäten und Interessen verlieren, wenn wir uns ihnen zu intensiv widmen. Darum: Hänge dein Herz nicht zu sehr an deine Ziele in dieser Welt! Vergiss nicht, in deinen spirituellen Wohlstand zu investieren!

Mach mal Pause!

Von Zeit zu Zeit kommt man bei der täglichen Arbeit an sein Limit: Man ist so müde, dass man auch beim besten Willen nicht weiter arbeiten kann oder keine Lust zu arbeiten hat, der innere Antrieb fehlt. Oder wir können uns nicht auf die vor uns liegende Arbeit konzentrieren und verlieren die Motivation. Manchmal sind wir nicht in der Lage, klare Entscheidungen zu treffen, weil uns der Kopf brummt. Was kann man in solchen Tiefpunkt-Situationen machen?

Ziehe dich zurück – gehe in den Ruheraum oder Toilettenraum. Denn während der Arbeit wird man keinen besseren Ort finden, um für vier, fünf Minuten abzuschalten und sich an Gott zu wenden. Setz dich nach Möglichkeit hin, wo keiner dich sieht. Lass alle Gedanken los, kehre sie beiseite, und wende dich nach innen, indem du deine Aufmerksamkeit auf die Stirn richtest und deine Gebetsformel im Geist mehrfach wiederholst.

Wenn du zu Hause bist, lege dich hin und entspanne dich völlig. Im Hatha-Yoga nennt man diese völlige Entspannung in Rückenlage „Shavasana“ oder „Toter-Mann-Stellung“. Atme ruhig, und dann beachte den Atem nicht mehr – Tote atmen nicht. So wie ein Toter völlig frei von Anspannung ist, sei auch du völlig frei von aller Anspannung. Und so wie ein Toter nicht denkt, schalte auch du deine Gedanken wie oben beschrieben für fünf Minuten ab. So kommt zur körperlichen Entspannung die geistige hinzu. Nach dieser kurzen Pause in der geistigen Welt kehrst du erfrischt und gestärkt an deinen Arbeitsplatz zurück.

Vertraue auf Gott!

Das Ziel des spirituellen Weges ist die Vereinigung mit Gott. Gott ist deshalb die allererste Instanz, an die man sich wenden sollte, wenn man in Schwierigkeiten ist und Hilfe braucht. Gott ist unser allerbester Verbündeter und hilft immer, sofern man sich vertrauensvoll nach innen an ihn wendet und ihn bittet. Manchmal gibt er einem die Lösung direkt in der Meditation per Inspiration ein, und manchmal schickt er seine Hilfe in unvermuteter Form: Mal kommt eine Person auf uns zu, mal fällt der entscheidende Hinweis unverhofft in einem Gespräch, mal ändern sich die Umstände quasi über Nacht zu unseren Gunsten, mal fällt einem etwas buchstäblich in die Hände. Wenn man ein paar Mal erlebt hat, auf welch wunderbare und wirksame Weise Gott hilft, sollte man nie an seine Zuverlässigkeit zweifeln.

Die Menschen mögen dich enttäuschen und im Stich lassen. Wenn du von Tür zu Tür gehst und Leute um Hilfe bittest, wirst du oft genug abgewiesen. Das ist bitter. Aber wenn du dich vor allem anderen auf Gott verlässt und dich zuallererst in deiner Seele an ihn wendest, wird er immer dafür sorgen, dass dir geholfen wird!

Schlafe in den Bergen!

Tagsüber ruft die Pflicht, da tanzen wir nach der Pfeife der Welt. Aber es genügt, wenn wir uns tagsüber Gedanken wegen unserer Aufgaben in der Welt machen. Das müssen wir nachts nicht fortsetzen. Die Nacht gehört dir, deinem Selbst! Nimm das Tagesgeschehen nicht mit, wenn du dich schlafen legst. Geh ins Bett und lass die Arbeit auf sich beruhen, denn darüber zu grübeln wird nichts daran ändern. Schalte völlig ab, indem du deine Aufmerksamkeit nach innen hinter die Stirn zurückziehst und in Gedanken deine Gebetsformel oder dein Mantra wiederholst. So sorgst du dafür, dass keine „Fremden“ sich in der Nacht in deinem Gemüt einnisten und dich in Träumen beschäftigen können. Und du bist bereit zum Aufstieg in höhere Bewusstseinsebenen – in die „Berge“ oder „höheren Regionen“, wie sie in der Bibel heißen. Dann wirst du tief und fest schlafen in der Gegenwart deines Göttlichen Bündnispartners. Du und er, ganz allein. Nach diesem Schlaf wirst du völlig regeneriert aufwachen, um Danke zu sagen und erneut in den Tag zu starten.

Soami Divyanand

FOTO: Thinkstock

Wir hoffen, Sie finden diese Vorschau auf den Artikel aus dem Magazin VISIONEN interessant! Es würde uns sehr freuen, Sie als neuen Abonnenten des Magazins begrüßen zu dürfen.

Heft bestellen

nach oben