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Spirituelle Früchte

Harmonie und Frieden, Gelassenheit und Freude: Die Früchte der Spiritualität sind zwar nicht die Hauptsache, aber eine sehr angenehme Nebenwirkung der spirituellen Praxis.

Die Seele hat ihren Ursprung in Gott, Gott hat sie aus sich selbst hervorgebracht, und deshalb dürfen wir annehmen, dass die Seele ihrem Wesen nach genauso vollkommen und rein ist wie Gott. Weil die Seele zur Zeit ihrer Erschaffung als Teil Gottes genauso rein und lauter war wie ihr Schöpfer, lebte sie zu Anfang in vollkommener Harmonie mit Gott. Aber im Laufe der Zeit, als die Seele in verschiedenen Körpern inkarnierte und in der materiellen Welt lebte und wirkte, nahm sie Eindrücke von der materiellen Welt in sich auf, die ihren ursprünglichen Zustand veränderten.

Das Dilemma der Seele

Diese Eindrücke rühren von unserem Erleben und Handeln in der Welt her und zerstören die ursprüngliche Reinheit unserer Seele. Wenn wir etwas unternehmen, empfinden wir entweder Freude daran oder wir sind nicht zufrieden, und aufgrund dieser Empfindungen bleiben Eindrücke von den Dingen dieser Welt in unserer Seele zurück. Die Eindrücke, die sich aus unseren Empfindungen ergeben, kann man in fünf Kategorien einteilen: Anhaftung, Lust oder Vergnügen, Ärger, Gier und Ego bzw. Stolz. Wegen dieser Eindrücke verliert die Seele nicht nur ihre ursprüngliche Reinheit und Lauterkeit, sie verliert damit auch ihre harmonische Übereinstimmung mit Gott. Im Buch Genesis in der Bibel steht geschrieben, dass der erste Mensch, als er vom „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ aß und mit unterscheidendem Erkenntnisvermögen über seine Handlungen nachzudenken begann, die Stimme Gottes nicht mehr hörte. In dem Maße, wie die Seele aufgrund der Eindrücke der materiellen Welt anhing und ihr verhaftet war, ging ihre Verbindung mit Gott verloren. Und unter der Trennung von Gott begann sie zu leiden.

Da sich die Seele des Menschen nicht mehr an der Harmonie und Verbindung mit Gott erfreuen konnte, begann sie, ihr Vergnügen bei den Dingen dieser Welt zu suchen. Statt der Harmonie mit Gott fand der Mensch nun Harmonie mit den weltlichen Dingen und empfand dabei ein gewisses Glück. Aber dann, als er den Dingen dieser Welt bereits verhaftet war, musste er feststellen, dass diese dem Wandel durch Werden und Vergehen unterworfen sind und nicht festgehalten werden können. Damit war nicht nur seine Harmonie mit den Dingen der Welt dahin, sondern auch seine Freude an ihnen.

Nun versuchte der Mensch, wieder in harmonischen Einklang mit Gott zu kommen, aber vergebens, denn durch die Eindrücke von den weltlichen Dingen, die sich in seiner Seele angesammelt hatten, hatte sich ihr ursprünglich göttlich-lauterer Zustand verändert. Die Folge ist eine Zerrissenheit der Seele: Einerseits versucht sie zeitweise Harmonie und Frieden bei den weltlichen Dingen zu finden, indem sie dem denkenden Gemüt nachgeht; andererseits versucht sie, da sie bei den Dingen dieser Welt keinen Frieden finden kann, sich von der Sinneswelt zurückzuziehen und sich Gott zuzuwenden, was aber wegen der sich ständig aufdrängenden weltlichen Eindrücke nicht gelingt. Diese Zerrissenheit verschärfte sich zunehmend: Wollte der Mensch die Dinge dieser Welt genießen, kamen ihm Gott und spirituelle Dinge in den Sinn; wollte er aber seiner Sehnsucht nach Spirituellem folgen, zogen die weltlichen Eindrücke seine Aufmerksamkeit auf sich und hielten sie in der Sinneswelt fest. Und so blieb er hin- und hergerissen.

Die Kette des Verlangens

Weltliche Dinge und die Bindung an sie sind niemals eine Quelle von Frieden und Harmonie. Denn hat man Gefallen und Freude an ihnen gefunden, entsteht Verlangen nach einer erneuten Erfahrung dieser Freude. So kommen immer neue Wünsche auf: Kaum ist der eine Wunsch erfüllt, schon taucht der nächste auf, und das geht endlos weiter. Der Mensch verliert sich bisweilen so sehr in seine Wünsche, dass sie sogar seine Träume beherrschen. Die Seele ist in ihrem Wesenskern Geist bzw. Bewusstsein, und sie kann keine Harmonie mit materiellen Dingen finden, weil sie ihrem Wesen fremd sind. Zwar kann unser aus Materie bestehender Körper Freude an materiellen Dingen finden, aber wenn es um die Seele geht, so kann sie mit den Dingen in dieser Welt nicht glücklich sein. Friede ergibt sich aufgrund von harmonischer Übereinstimmung, und da die Seele nicht mit den materiellen Dingen in dieser Welt harmoniert, findet sie bei ihnen auch keinen Frieden.

Was sich nicht wandelt

Wir müssen dieses Problem aber auch von der anderen Seite betrachten: Da die Seele ein Teil Gottes ist, wird sie, wenn sie sich nach innen in sich selbst zurückzieht, natürlicherweise in Gott Harmonie finden. Gott verändert sich nicht, er ist nicht dem Wandel der Zeit, dem Werden und Vergehen, unterworfen, sondern er ist für alle Zeit ein und derselbe. Deshalb kann der Zustand der Harmonie mit Gott ewig anhalten, wenn wir erst einmal den Zugang dazu gefunden haben. Wenn es in den heiligen Schriften heißt: „Gott ist Wahrheit“, so bedeutet dies, dass in Bezug auf Gott alles wahrhaft und unwandelbar ist. Seinem Wesen nach ist Gott gerecht und barmherzig, und diese Attribute – wie auch seine anderen – verändern sich nicht mit der Zeit. Deswegen wird sich auch das menschliche Wissen über Gott nicht mit der Zeit verändern. Zum Beispiel wird bezeugt, dass Gott allumfassend, allgegenwärtig, allmächtig und allbewusst ist. Diese göttlichen Attribute sind unvergänglich und unwandelbar, und zugleich hat dieses Wissen für alle Zeiten Gültigkeit. Auch das göttliche Gesetz, das die Rückkehr der Seele zu ihrem göttlichen Ursprung regelt, ist unwandelbar und für alle Zeiten gültig.

Von Bindung befreien

Wie gesagt, unsere Seelen können nur bei Gott wahre Harmonie finden, und wenn wir Frieden finden wollen, müssen wir mit Gott harmonieren. Doch diese Harmonie mit Gott wird durch unsere Bindungen und Eindrücke aus dieser Welt gestört. Wenn wir also Frieden finden wollen, müssen wir unsere Seele von all den Eindrücken, die sie durch ihr Dasein in der Welt angesammelt hat, bereinigen. Aber wie lässt sich das bewerkstelligen? Schon bei logischer Betrachtung wird man erkennen, dass es unmöglich ist, die Seele mittels eigener Verstandestätigkeit von materiellen Eindrücken und Bindungen zu reinigen, ist doch der Verstand mit seinem abwägenden Nachdenken und Urteilen selbst der größte Vermittler dieser Eindrücke und Verursacher von Anhaftung. Es bedarf der weit stärkeren Einwirkung des Göttlichen Geistes selbst, der in sich rein ist und deshalb als Einziger die ursprüngliche Reinheit der Seele wiederherstellen kann. Gott verströmt seine Kraft fortlaufend, um die Schöpfung aufrechtzuerhalten, und er gibt sich in manifester Form allen Seelen zu erkennen, die sich ihm still und empfänglich zuwenden. Göttliche Selbstoffenbarung ist der Grundstein für die Reinigung und Wiederherstellung der Seele. Allein göttliche Offenbarungen haben die Kraft, den geschäftigen Verstand in Zaum zu halten und die Seele auf höhere Bewusstseinsstufen zu erheben und bei Gott verweilen zu lassen. Sie sorgen dafür, dass sie letztlich den Zustand des harmonischen Einklangs mit Gott erreicht.

Die Bedeutung von Meditation

Harmonischen Einklang mit Gott kann die Seele nur auf dem Wege der Meditation erlangen. Mit Meditation sind aber nicht irgendwelche Vorstellungsübungen oder Reflexionen gemeint. Göttliche Offenbarungen lassen sich nicht von der menschlichen Vorstellungskraft erzeugen; sie sich nur in der Phantasie auszumalen, wird der Seele keinen Nutzen bringen. Die Seele wird erst dann Frieden finden, wenn sie dank der manifesten Einwirkung Gottes dem Einflussbereich des denkenden Verstandes enthoben wird. Denn die Gedankentätigkeit erzeugt in der Seele nur weitere Eindrücke.

Wenn wir in der Meditation Offenbarungen des göttlichen Lichtes empfangen, löschen diese sukzessive die auf unserer Seele liegenden Eindrücke. Damit wird die Bindung der Seele an die irdischen Dinge aufgelöst. So wie ein an einer Schnur befestigter Ballon nach oben entschwebt, wenn man die Schnur durchschneidet, so befreien göttliche Lichtoffenbarungen die Seele von ihren weltlichen Bindungen und machen sie rein.

Wie fühlt es sich wohl an, wenn wir von diesen Bindungen befreit sind? Man sieht die Dinge und will von ihnen Gebrauch machen, und wenn man sie erhält, freut man sich darüber; aber, wenn man sie nicht erhält und sie nicht benutzen kann, wird man keinen weiteren Gedanken daran verschwenden. Wenn wir die Meditation auf diese Weise praktizieren, wird es uns mit der Zeit immer leichter fallen, uns zu konzentrieren, sobald wir uns zur Meditation hinsetzen. Im weiteren Verlauf der Meditationspraxis werden wir göttliche Offenbarungen in Form von verschiedenen Klängen empfangen. Diese haben, vor allem wenn sie dauerhaft zu vernehmen sind, den besonderen Vorzug, dass sie die Seele im Alltag über die Sinne hinaus erweitern und emporhalten, so dass sie nicht mehr so leicht Eindrücke aus der materiellen Welt aufnimmt. So kann der Mensch in der Welt leben und wirken, ohne gleich bei jeder Handlung neue Eindrücke aufzunehmen.

Spirituelle Früchte tragen

Friede und Harmonie sind nicht das eigentliche Ziel, das wir mit dem Pfad der Meditation erreichen wollen; sie entstehen quasi nebenbei am Wegesrand als Früchte der spirituellen Praxis. In der Hauptsache geht es darum, dass unsere Seele durch die spirituelle Praxis ihren göttlich-vollkommenen Ur-Zustand wiedererlangt. Dass wir, wie Jesus sagte, „so vollkommen werden wie unser himmlischer Vater“ (Matth. 5, 48). Aber schon auf dem Weg dorthin werden wir in unserem Leben in der Welt Frieden und Harmonie finden, die weitere spirituelle Früchte hervorbringen wie Gelassenheit und Gleichmut, Zufriedenheit und Glückseligkeit. Das große Ziel aber, wie auch diese Früchte am Wegesrand, werden wir nur dann erreichen, wenn unser Verlangen nach Gott groß genug ist.

Soami Divyanand

FOTO: THINKSTOCK

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