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Visionen

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Kraftquelle Gebet

Beten hilft – wenn auch nicht immer so, wie man es sich wünscht. Die Hinwendung zu Gott und die stille Zwiesprache mit ihm, ist aber immer eine Quelle von Inspiration und Kraft.

Das Beten ist ein zentraler Bestandteil nahezu aller Religionen; in manchen Religionen nimmt das Gebet mehr Raum ein als in anderen. Dabei haben die Gläubigen verschiedene Motive, sich betend an Gott zu wenden. Eher selten richten die Menschen ein aufrichtiges Dankgebet oder ein Gebet tief empfundener Lobpreisung an Gott. Viel öfter ist es ein Bittgebet: ein Bitten um Wunscherfüllung oder ein Flehen in der Not, Gott möge sich erbarmen und Gnade walten lassen. An solche Bittgebete ist immer die Hoffnung geknüpft, dass Gott das Gebet erhört und sofort darauf reagiert und das Unglück beendet. Manche Leute versprechen Gott sogar eine Geldspende oder ein Tieropfer, um ihn dazu zu bringen, ihrem Anliegen zu entsprechen. Ob das funktioniert? Nein, überhaupt nicht!

Warum beten?

Da dem Gebet so große Bedeutung beigemessen wird, lohnt es sich, nachzuhaken und zu fragen: Wozu ist das Beten gut? Warum soll der Mensch überhaupt beten – und wie? Kennt Gott etwa nicht unsere Bedürfnisse und die Wünsche, die wir im Herzen hegen? Über Rabia von Basra, eine islamische Heilige (718– 801 n. Chr.) ist eine Geschichte überliefert, die eine vielschichtige Antwort auf diese Fragen gibt: Die hochbetagte Rabia war einmal schwer krank, weshalb ihre Nachbarn sich große Sorgen machten. Eines Tages fragte ein Nachbar, der mit etwas Essen und Medizin vorbeigekommen war, die Heilige: „Verehrte Rabia, du bist Gott doch so nahe. Warum bittest du ihn nicht, er möge in seiner Güte und Barmherzigkeit diese schlimme Krankheit von dir nehmen? Er wird dir deine Bitte sicherlich nicht abschlagen.“ Und Rabia antwortete: „Warum sollte ich deswegen zu Gott beten? Weiß Gott denn nicht, dass ich krank bin? Ist diese Krankheit mir etwa nicht von Gott geschickt worden? Wenn Gott mir die Krankheit geschickt hat, weil sie nach seinem Ratschluss für mich gut und richtig ist, warum sollte ich ihn bitten, sie wieder zurückzunehmen?“ Rabia stellt die Entscheidung Gottes nicht in Frage. Sie vertraut auf seine Weisheit. Und nichts ist ihr ferner, als Gott den eigenen Willen aufzudrängen.– Über die Art, wie eifrige Beter Gott geradezu bedrängen und ihm lautstark den eigenen Willen nahelegen, hat sich so mancher gewundert oder spöttische Witze gerissen. Der Mystiker Kabir schreibt beispielsweise in einem Gedicht: „O Mullah, warum stehst du auf der Mauer und schreist so laut? Ist Gott taub geworden?“

Überflüssige Erklärungen

Im Gebet schüttet man gewöhnlich Gott sein Herz aus; man erzählt ihm lang und breit, welchen Kummer man mit welcher Person und Sache hat, so als wüsste Gott nicht darüber Bescheid. Aber welchen Sinn sollte es haben, zu einem Gott um Hilfe zu beten, der noch nicht Bescheid weiß? Was könnte ein solcher Gott ausrichten? Die Antwort der Rabia macht klar: Es ist völlig überflüssig, Gott ausführlich darüber zu informieren, was nach eigener Einschätzung schief läuft oder nicht in Ordnung ist. Er weiß es schon. Und zwar besser als wir. Wenn es ums Beten geht, sind zwei Dinge zu bedenken: Erstens, Gott ist allgegenwärtig und allwissend, er muss nicht erst informiert werden. Zweitens, Gott hält sich ausnahmslos an das Gesetz des gerechten Ausgleichs – nach dem Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Wenn wir einmal in Schwierigkeiten sind, so ist dies nur der gerechte Ausgleich für unsere eigenen früheren Handlungen (Karma). Was wäre das für ein Gott, der sich durch unser Bitten und Betteln von seiner Gerechtigkeit abbringen ließe!

In Stille beten

Gott muss aufgrund seiner Wesensmerkmale in allen Dingen am Prinzip der Gerechtigkeit festhalten. Wozu soll das Beten dann gut sein? Das Bitten um Gnade und Milde wird ja doch nichts am gerechten Ausgleich ändern. Einen entscheidenden Hinweis finden wir im Psalm 5 der Bibel. In Vers 1 heißt es: „Herr, höre auf meine Worte, merke auf meine Meditation...“ (Das hebräische Wort, das mit „Meditation“ wiedergegeben ist, ist in etlichen Bibelübersetzungen irreführend mit „Seufzen, Gemurmel“ übersetzt, als handele es sich um das Seufzen eines leidenden Menschen.

Das in den Psalmen mehrmals vorkommende Wort haggig bzw. haggut bzw. higgion hat jedoch zwei Bedeutungskomponenten: erstens Meditation, und zweitens das Erklingen oder Tönen von Musik. Dieser Versspricht von der Meditation über Gottes Selbstoffenbarung in Form von lieblichen Klängen.) Der Psalmist bittet Gott also, „auf seine Meditation aufzumerken“. In der Meditation gebrauchen wir aber keine Worte, um zu Gott zu beten. In der Meditation sind wir vielmehr ganz still – still, offen und aufmerksam. Und wenn es dann in der liebenden Begegnung von Seele und Gott zu einer Kommunikation kommt, geschieht diese wortlos, zwischen dem innersten Kern der Seele und Gott, ohne Beteiligung des Denkvermögens. Wir öffnen unser Herz in der Meditation, und ohne Worte weiß Gott um alles, was wir im Herzen haben.

Die Antwort Gottes

Dass die Begegnung mit Gott keine einseitige Angelegenheit ist, zeigt Vers 4: „Herr, am Morgen hörst du meine Stimme, am Morgen wende ich mich zu dir und warte.“ In der Meditation offenbart sich Gott der Seele u. a. in verschiedenen Formen von Licht, darunter ein rosiges Licht wie die Morgenröte. Dieser Psalmvers spricht nicht von einer Tageszeit für die Meditation, sondern von der spirituellen Erfahrung dieses ganz bestimmten göttlichen Lichts. Das „Gespräch“ zwischen Seele und Gott kommt dann in Gang, wenn Gott sich in der einen oder anderen Form der still gewordenen, wartenden Seele zu erkennen gibt. Die Kommunikation läuft dann in beide Richtungen – nicht dass wir Gott in unser Herz schauen lassen, ohne eine Antwort oder Reaktion Gottes darauf zu erhalten. Vielmehr teilen wir uns Gott in seinen offenbaren Formen mit, und Gott antwortet uns mittels dieser Offenbarungsformen. So gibt er der Seele auf direktem Weg Wissen und Anweisungen ein. Wir können also nicht nach Belieben bestimmen, welche von unseren Anliegen wir vor Gott bringen wollen und welche nicht, denn unser Herz ist voller Sorgen und Wünsche und sie alle gelangen vor Gott. Außerdem haben wir keinen Einfluss darauf, welches Gebet Gott erhören wird und welches nicht – das ist Gottes Entscheidung.

Gott hilft auch ohne Gebet

Gott wartet aber nicht immer, bis wir uns mit einer expliziten Bitte an ihn wenden. Wenn es ihm gefällt, greift er auch ungebeten zu unseren Gunsten ein. Denn durch die regelmäßige Verbindung in der Meditation weiß er ohnehin, was uns aktuell beschäftigt und bedrängt. Das habe ich selbst erlebt, als ich als Ingenieur im Staatsdienst nach Hardoi versetzt werden sollte. Aus mehreren Gründen widerstrebte es mir, nach Hardoi umzuziehen. Deshalb versuchte ich alles, um die Versetzung rückgängig zu machen: Ich sprach selbst mehrmals beim zuständigen Amtsdirektor in Lucknow vor und ließ meine Beziehungen spielen, damit andere Leute ein Wort für mich einlegten – aber umsonst. Nach sechs Tagen kehrte ich unverrichteter Dinge nach Hause zurück. Als ich nachts meditierte, erschien mir mein Meister und fragte: „Du willst also nicht nach Hardoi gehen?“ Ich antwortete ihm: „Weißt du denn nicht, wie ich mich seit sechs Tagen bemühe, diese Versetzung aufheben zu lassen?“ – „Du hast mir davon nichts gesagt“, sagte mein Meister, „aber jetzt weiß ich es. Gehe und sprich nochmals mit dem Direktor, und er wird deine Versetzung aufheben.“ – „Ich habe schon alles versucht, aber der Mann beharrt darauf. Es hat doch keinen Sinn, nochmals bei ihm vorzusprechen“, meinte ich. – „Doch“, sagte mein Meister, „gehe hin! Ich werde ihm sagen, dass er deine Versetzung aufzuheben hat.“ Zu jener Zeit lebte mein Meister nicht mehr in der physischen Welt. – Am nächsten Tag fuhr ich nach Lucknow und ließ meine Karte dem Direktor bringen. Der rief aus: „Was will der Mann denn schon wieder!“, ließ mich aber ins Büro kommen. Nochmals bat ich ihn, meine Versetzung nach Hardoi rückgängig zu machen. „Seit Tagen sagen Sie mir das! Gibt es heute nichts Neues?“, fragte er. Und ich antwortete: „Bislang habe ich Sie aus eigenem Antrieb aufgesucht, aber heute bin ich hier, weil man mich schickt.“ – „Ich will nichts mehr davon hören!“, sagte der Direktor verdrossen. „Gehen Sie weg!“ – Ich verließ sein Büro, übernachtete im Hotel und saß am nächsten Morgen wieder vor seiner Tür. „Schrecklich! Sie schon wieder!“, begrüßte er mich, als er ankam und mich ins Büro mitnahm. „Tagsüber sitzen Sie vor meiner Tür und belästigen mich ständig. Und nachts bedrängt mich ein anderes bärtiges Scheusal im Traum und befiehlt mir unter Drohungen, diese Versetzung zurückzunehmen!“ Der Direktor verlor keine weitere Zeit, sondern fragte: „Wohin wollen Sie versetzt werden?“ – „Nach Saharanpur“, sagte ich. Er ließ sofort die Sekretärin kommen und den neuen Versetzungsauftrag aufsetzen, unterschrieb ihn schnell und reichte ihn mir mit den Worten: „Hier, gehen Sie jetzt! Ich will nie wieder erleben, dass der bärtige Mann mir nachts solche Angst macht!“ Ich war glücklich, dass ich nicht in Hardoi – einer verrufenen Gegend – arbeiten musste, und ging nach Hause.

Kraft durch das Beten

Ich hatte Gott mit keinem Wort darum gebeten, dass meine Versetzung aufgehoben werde. Aber Gott hat die Angelegenheit von sich aus in meinem Sinn geregelt. Er reagierte nicht nur in der Meditation auf meinen Kummer und gab mir eine Anweisung, sondern er gab auch dem Direktor im Traum eine unmissverständliche Anweisung. Später, als ich aus dem Staatsdienst ausgeschieden war, gab mir mein Meister allerdings den Auftrag, in der Gegend von Hardoi zu arbeiten. Mein Schicksalskarma war also nicht durch das Eingreifen Gottes aufgehoben, sondern lediglich aufgeschoben. Letztlich musste ich doch in Hardoi arbeiten. Durch Gebete können wir unser Schicksal nicht abwenden, können wir unser Karma nicht in Nichts auflösen. Aber durch die Hinwendung zu Gott im Gebet, vor allem in der Meditation, erhalten wir die Kraft, auch die widrigsten Umstände zu ertragen.

Soami Divyanand

Soami Divyanand (1932 – 2014), Meister des Surat-Shabd-Yoga, lehrte mehr als 35 Jahre lang den spirituellen Pfad des inneren Lichtes und Klangs. Veden-Übersetzer und Autor zahlreicher Bücher.

FOTO: THINKSTOCK

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