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Kairos Kongress, Heiligenfeld

Kairos-Kongress der Akademie Heiligenfeld

Während wir in der chronologischen Zeit wie gefangen wirken und uns den Mächten und Kräften und all den Entwicklungen ausgeliefert fühlen, wird immer wieder „Kairos“ spürbar. „Kairos“ ist eine besondere Zeitqualität voller Möglichkeiten, die uns die Gelegenheit bietet, das Leben zu gestalten. Kairos ereignet sich in unserem persönlichen Leben, aber auch in unseren Beziehungen und in unserem gesellschaftlichen Leben.

Vom 7. bis 10. Juni 2018 widmet die Akademie Heiligenfeld ihren Jahreskongress dem Thema Kairos. Was es mit dem Begriff auf sich hat und welche besondere Qualität in Kairos steckt, erklärt hier Dr. Joachim Galuska, Gründer der Heiligenfeld Kliniken und Leiter des Kongresses der Akademie Heiligenfeld.

Herr Galuska, was ist Kairos genau?

Kairos ist im Grunde immer. Denn das Jetzt ist etwas, was immer ist. Dies bedeutet, dass man sich das Jetzt immer vergegenwärtigen kann. Erkennt man den gegenwärtigen Moment, erfasst und spürt man ihn ganz, dann spürt man die besondere Zeitqualität, die jeder Moment in sich trägt. Wir stellen uns in einem KairosMoment die Frage: „Was ist in diesem Moment möglich?“ Realisieren wir das Potenzial des gegenwärtigen Augenblicks, dann erleben wir einen Kairos-Moment, in dem möglicher Wandel sichtbar wird.

Wie schaffen wir es in unserem Alltag, Kairos zu vergegenwärtigen?

Es ist eine Frage des Bewusstseins: zuerst ein Innehalten und ein Realisieren, wo ich gerade bin und was gerade hier los ist. Für gewöhnlich gehen wir mit unserem Filter an die Beurteilung der aktuellen Situation heran. Wenn man hingegen offen in diese Situation gehen würde, dann wäre es genauso, wie wenn man von einem anderen Planeten kommt und erst einmal schaut, was hier los ist: Wer ist hier? Was machen die Leute? Was geschieht hier eigentlich? Wo bin ich? Was ist das Potenzial dieser Situation? Gibt es eine Freiheit in dieser Situation oder ist das eine festgelegte Tagesordnung, die wir durchziehen? Diese Fragen können dazu führen, dass man diesen Moment vergegenwärtigt und plötzlich eine Art Bewusstsein für das bekommt, was gerade geschieht.

Was mache ich, wenn ich die Fragen beantwortet habe?

Dann kann ich den jetzigen Augenblick in einem größeren Zusammenhang betrachten und die Fragen auf die Zeit beziehen, in der ich lebe – also auf den Zeitraum. Und dann kann ich mich fragen, ob diese Zeit ein Potenzial in sich trägt und, wenn ja, ob ich auf diesen Moment gestaltend einwirken will. Das hat zu dem Untertitel unseres Kongresses geführt: "Den Wandel gestalten". Wir leben in einer Zeit, die aufgeladen ist durch Spannungen, Grenzen des Wachstums und Konflikte. Die ökologische Situation, die politische Situation, die wirtschaftliche Situation, die Bildungssituation, die modernen Medien: alles ist mit Spannungen aufgeladen und verdichtet. In solchen Zeiten gibt es immer auch ein Veränderungspotenzial. Die Frage lautet: „Wo wollen wir hin?“

Haben Sie hierfür ein Beispiel?

Die meisten Menschen haben z. B. ein Smartphone und man kann sich dem kaum entziehen; man wird unbewusst vorwärts gedrängt und denkt gar nicht darüber nach. Wir werden von großen Zeitströmungen bestimmt, in diesem Fall also vom Zeitgeist „Alle haben ein Smartphone“. Dennoch gibt es die Möglichkeit, gestaltend in diesen Veränderungsprozess einzugreifen. So könnte man etwa für sich entscheiden, das Smartphone öfter einmal auszuschalten oder bewusst nicht zu benutzen, wenn man mit Menschen direkt im Kontakt ist.

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf diese Momente aus?

Ich glaube, dass die Digitalisierung und die Medien derzeit Kairos-Momente eher verhindern als ermöglichen, weil sie uns ständig beschäftigt halten. Sie treiben uns und müllen uns mit Informationen zu. Sie lassen uns nicht in Ruhe und dadurch halten sie unser Denken gefangen. Vielleicht sollten die Medien mehr Fragen stellen, als permanent manipulative Berichterstattung zu machen. Da die Information so gestaltet sein muss, dass der Empfänger dran bleibt, nicht umschaltet oder wegschaut, muss sie polarisierend, erschreckend usw. aufbereitet sein.

Wozu führen uns all die von Ihnen genannten Fragen?

Wenn wir erkennen, was passiert und was los ist in dieser Welt, werden die nächsten Fragen sein: „Wohin wollen wir gehen?“ oder auch „Welchen Impuls will ich dem Veränderungsprozess geben?“ Die Fragen können uns zu einer weiteren Frage führen: „Wie kann ich den Wandel, der gerade stattfindet, gestalten und mitgestalten, ohne dass ich mitgestaltet werde?“ Man wird natürlich immer mitgestaltet, aber ich kann auch gestaltend Einfluss nehmen – und dann wird die Frage sein, nach welchen Kriterien ich Einfluss nehmen will: Was leitet mich in meinem Handeln? An welcher Stelle möchte ich etwas bewegen oder inspirieren und warum?

In welchen Bereichen hat ein Privatmensch überhaupt Einfluss, um den Wandel mitzugestalten?

Als Erstes sollte man an sich selbst arbeiten und ein Bewusstsein herstellen, das in der Lage ist mitzuwirken. Dieses Bewusstsein muss sowohl frei, als auch entschlossen sein. Es muss offen sein für alles, für neue Ideen, und zugleich verantwortlich, verbunden mit all den Dingen und bereit, sich zu engagieren. Ein solches Bewusstsein muss ich erst einmal in mir herstellen, indem ich zum Beispiel achtsamer bin, indem ich innehalte und meditiere, indem ich mit Freunden rede, mir Zeit nehme, indem ich Abstand nehme, um auf die Welt zu schauen, wie sie ist. Eine Besonnenheit, die in der Lage ist, diese Kairos-Qualität und das Potenzial darin überhaupt wahrzunehmen.

Übertrage ich das auf die verschiedenen Felder meines Lebens, könnte ich mich fragen: Was bedeutet das im Umgang mit meinen Kindern, meinem Partner, meinen Freunden, meiner Verantwortung für das Dorf und die Straße und in der Gesellschaft, in der ich lebe?

Was können Unternehmer und Mitarbeiter tun, um diese Momente besser wahrzunehmen?

Es gibt zurzeit eine große Welle der „Achtsamkeit“ in Organisationen und Unternehmen. Das ist ein kleiner Anfang. So haben z. B. große Unternehmen wie Google, SAP und Bosch Programme entwickelt, mit denen sie Mitarbeiter in Achtsamkeit fortbilden. In den Heiligenfeld Kliniken wird Achtsamkeit immer wieder in Erinnerung gerufen, z. B. durch Achtsamkeitstage, stille Momente, durch Texte, durch Zimbeln usw. Wir erinnern die Mitarbeiter daran, einmal auszusteigen, innezuhalten und bewusst dafür zu werden, was sie tun. Das ist ein erster Schritt, um ein gewisses Bewusstsein zu erhalten und aufzuwachen aus dem Alltagstrott, in dem man einfach irgendwelche Dinge tut und sich ständig rechtfertigt oder – noch schlimmer – anderen die Verantwortung in die Schuhe schiebt, wenn irgendetwas nicht läuft oder wenn man es selbst bequem haben möchte.

Jeder kann etwas tun, an jeder Stelle. Sei es seinen Kollegen anzulächeln, sei es dass er freundlich ist, sei es dass er einen konstruktiven Vorschlag macht, sei es dass er ein Vorbild ist in der Art und Weise, wie er am Arbeitsplatz ist, sei es dass er seine guten Ideen einbringt, sei es dass er Verantwortung übernimmt, wenn es mal erforderlich ist und er gerade zur Stelle ist. Und das passiert ständig im Arbeitsalltag.

Kann man das auch in andere Lebensbereiche übertragen?

Ja, natürlich. Wenn man an die Bildung denkt, an die Schule und Kindergärten, da kann man sich fragen: Was können wir dafür tun, dass unsere Kinder aufwachen und aufwachsen zu mündigen, selbstverantwortlichen Menschen? Zu Menschen, die eine Wachheit besitzen und nicht einfach nur Wissen eingetrichtert bekommen (von dem sie vieles in ihrem Leben gar nicht brauchen). In vielen Fällen entwickeln sie gar keine Lebenskompetenz und können nicht auf ihre Gesundheit achten. Hierfür muss man nur mal die Zahl psychisch kranker oder übergewichtiger Kinder herannehmen. Wir sollten uns darum kümmern, dass Kinder in der Lage sind, wach und achtsam zu sein mit sich und ihrer Entwicklung.

Joachim Galuska

Weitere Info zum Kongress „Kairos – den Wandel gestalten“ unter:
www.kongress-heiligenfeld.de

FOTO: THINKSTOCK

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