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Karma

Der Gedanke an Karma und karmischen Ausgleich mag bei dem einen oder anderen Unbehagen auslösen, dabei ist Karma mit Sicherheit auch eine gute Sache. Denn ohne Karma hätten wir keine Gelegenheit, die Freuden dieser Welt zu erleben.

Was hat Religion eigentlich mit unserem Alltagsleben zu tun? Schon der Begriff „Religion“ (re-ligio) lässt erkennen, worum es eigentlich geht bzw. gehen sollte: um die Wiederverbindung mit unserem Ursprung, Gott. Unsere Seele ist ursprünglich aus Gott hervorgegangen, hat sich aber von ihm getrennt und sich im Zuge ihrer Existenz in dieser irdischen Welt immer weiter von ihm entfernt. Infolge dieser Trennung ist das Leben in dieser Welt für sie mit Unglück und Leiden verbunden, und um dieses Leiden zu beenden, muss sie sich wieder mit Gott vereinen. Die eigentliche Aufgabe von Religion ist es, uns wieder glücklich zu machen, indem sie uns den Weg aufzeigt, wie wir Gott begegnen und uns mit ihm verbinden können. Manche Menschen glauben, der Sinn von Religion bestünde darin, Gott Freude zu machen. Sie behaupten, dass wir sein Wohlgefallen erlangen, wenn wir dem Weg folgen, den die Religion uns weist, und dass wir uns andererseits seinen Zorn zuziehen, wenn wir davon abweichen. Dabei ist Gott mit Sicherheit weder erfreut, wenn wir irgendeine Art von Religion praktizieren, noch ärgerlich, wenn wir es bleiben lassen. Vielmehr ist es der Sinn und Zweck von Religion, uns glücklich zu machen, nicht Gott. Es geht nicht darum, Gott etwas Gutes zu tun, sondern uns selbst. Wenn wir den Weg zurück zu Gott gehen, dann tun wir dies nur um unseretwillen und zu unserem eigenen Wohl, und nicht für irgendjemand anderen. Forderungen wie die, dass wir Gott glücklich machen müssten, werden von solchen religiösen Gemeinschaften und Organisationen erhoben, die uns nichts geben können, um unser Glück zu mehren, weil sie gar nicht wissen, was Religion bedeutet. Darum tun sie so, als ginge es nur darum, Gott zufrieden zu stellen.

Karma verstehen

Halten wir also als ersten Grundsatz fest: Religion ist dazu da, um uns glücklich zu machen. Und der zweite, nicht weniger wichtige Grundsatz lautet: Religion dient dazu, unser Karma zu tilgen und loszuwerden. Der Begriff „Karma“ bedeutet nichts anderes als „Handlung“. Jede Handlung, ob in Gedanken, Worten oder Taten, hinterlässt ihre Spur in der Seele, ähnlich einem Abdruck. Und aufgrund dieses Abdrucks kehrt die Handlung früher oder später in gleicher Art und Intensität zu ihrem Urheber zurück, der sie nun in seinem eigenen Sein erleben muss, und dadurch wird der karmische Abdruck aufgelöst. „Was du säest, wirst du ernten.“ Dies ist ein universell und zeitlos gültiges Prinzip, das in allen religiös-spirituellen Traditionen der Welt bekannt ist, in der Bibel ebenso wie im Buddhismus oder Islam. Manche Menschen lehnen das gesetzmäßige Prinzip von Karma und karmischem Ausgleich kategorisch ab. Aber auch diejenigen, die den Gedanken akzeptieren, dass unser Erdenleben den Zweck hat, die karmischen Eindrücke aus früheren Inkarnationen auszugleichen, verbinden damit nur ein Dasein voller Leid und verstehen nicht, wie sie dadurch Gott näherkommen sollen. Wenn wir Karma aber als eine schwere Last begreifen, die wir in unserer Seele mit uns herumschleppen, dann müsste die allmähliche Verringerung dieser Last doch bewirken, dass wir uns immer leichter und freier fühlen. Dabei stellt sich allerdings ein Problem: Wenn wir das Karma-Prinzip nicht genau verstehen, kann es sein, dass wir zwar auf der einen Seite Karmas loswerden, uns aber auf der anderen Seite durch unser tägliches Handeln neue aufbürden. Und damit nimmt die drückende Last natürlich nicht ab, sondern immer weiter zu, so dass wir aus dem Leiden nicht herauskommen. Der spirituelle Weg zu Gott gibt uns aber die Möglichkeit, alte Karmas abzubauen und gleichzeitig neue Karmas zu verhindern.

 Neue Karmas verhüten Nun könnte man meinen, neue Karmas ließen sich am besten dadurch vermeiden, dass man einfach die Hände in den Schoß legt und gar nichts mehr tut. Doch das ist ein Trugschluss, da es keinen Zustand gibt, in dem wir vollkommen untätig bleiben können. Sollten wir also auf die Idee verfallen, aus dem normalen Leben auszusteigen und uns als Einsiedler in die Wildnis zurückzuziehen, wird auch das uns nicht vor neuen Karmas bewahren. Karmische Eindrücke entstehen nämlich nicht nur aus unseren Handlungen, sondern auch aus unseren Gedanken. Darum sind wir bei unserer täglichen Selbsterforschung gehalten, zu unterscheiden, ob wir in Gedanken oder in Taten gegen ein ethisches Prinzip verstoßen haben, zum Beispiel gegen das Gebot der Gewaltlosigkeit. Wenn wir die Anzahl unserer alten Karmas verringern wollen, ohne Gefahr zu laufen, uns ständig neue zuzuziehen, gibt es nur einen Weg: Wir müssen lernen, beim Handeln unser ichhaftes Gemüt beiseite zu lassen. Und dies geht, indem wir durch die kurzzeitige Rückverbindung mit Gott in unserem eigenen Innern den Verstand zur Ruhe bringen und dann aus der Verbindung mit Gott handeln. In diesem Zustand der Gottverbundenheit hinterlässt unser Handeln keine karmisch bindenden Eindrücke in unserem Bewusstsein, weil unsere Aufmerksamkeit nach innen auf Gott gerichtet ist und sich deshalb nicht mit unserem Denken, Empfinden und Wollen befassen kann. So bleiben wir von neuen karmischen Eindrücken verschont.

Karma – eine gute Sache

Der Gedanke an ihr persönliches Karma erschreckt viele Menschen so sehr, dass sie, sobald die Rede darauf kommt, zu lamentieren beginnen: „Ach, ich habe ja schon so viel schlimmes Karma durchgemacht. Ich muss Unmengen davon haben und werde wohl noch einiges zu leiden haben!“ Dabei ist Karma mit Sicherheit eine gute Sache, denn ohne Karma hätten wir keine Gelegenheit, die Freuden dieser Welt zu erleben. Angenommen, Gott säße jetzt vor Ihnen und Sie könnten einfach zu ihm hingehen und ihn bitten, Ihr Karma sofort zu beseitigen, und gesetzt den Fall, er würde das auch tun, dann würden Sie nämlich auf der Stelle tot umfallen, weil Sie in dieser Welt nicht mehr das Geringste zu tun hätten. Oder angenommen, es gäbe einen solchen Gott, der im Handumdrehen unsere Karmas vernichten würde – wer hätte dann wohl Lust, sich an ihn zu wenden, wenn er dabei gleich um sein Leben fürchten muss? Erst unser Karma macht unser Leben bunt und schön, weil es uns zum Beispiel Eltern, Geschwister, Freunde oder Partner beschert. Ohne Karma gäbe es niemanden, mit dem wir unser Leben teilen könnten. Karma hält mit seinem Wirken das gesamte Weltgetriebe in Gang. Trotzdem gibt es Menschen, die vom Karma-Prinzip lieber nichts wissen wollen. Dann müssen sie sich allerdings die Frage gefallen lassen, wie sie ohne Rückgriff auf ein karmisches Gesetz die Vielfältigkeit unter den Menschen erklären wollen, von denen jeder einzigartig ist und auf seine besondere Weise lebt und denkt. Und bei den vielen Kriegen, Katastrophen, Hungersnöten und Unglücksfällen, die immer wieder unzählige Menschen das Leben kosten, müssen sie Gott für einen Ausbund an Grausamkeit halten.

Schweres wird leichter

Das karmische Gesetz wirkt aber unabhängig davon, ob wir es akzeptieren oder nicht, und wenn wir es in Abrede stellen, verliert die Welt ihren Sinn. Wenn wir dagegen die Karma-Lehre akzeptieren, schöpfen wir auch in leidvollen Zeiten Trost aus dem Gedanken, dass unsere Schwierigkeiten karmischen Ursprungs sind, wir sie also selbst verursacht haben, und dass es uns, wenn wir sie hinter uns haben, umso besser gehen wird. Das hilft uns, unser Unglück oder Leiden anzunehmen und es leichter durchzustehen. Wenn wir andererseits das Karma-Gesetz negieren, trifft uns das Leid mangels Verständnis in voller Härte. Die ganze Welt wird durch das Karma-Gesetz reguliert. Wenn wir dank regelmäßiger Meditationspraxis auf dem Weg zu Gott vorankommen, lehnen wir uns immer weniger dagegen auf und söhnen uns allmählich damit aus. So wird unser Leben mit jedem Tag, den wir in dieser Welt verbringen, leichter und angenehmer. Denn die Verbindung mit Gott in der Meditation schenkt uns nicht nur Trost und Beistand in schweren Zeiten, sondern regt uns auch zu einer Lebensführung an, die mit dem Weg zu Gott in Einklang ist und uns deshalb wirklich glücklich macht. Auf diese Weise entsteht ein heilsamer Kreislauf, der uns zunehmend Entlastung bringt: Die Karma-Lehre macht uns begreiflich, warum wir uns wieder mit Gott vereinen müssen. Und wenn wir uns dann auf den inneren, spirituellen Weg begeben, der uns zu ihm zurückführt, machen wir die Erfahrung, dass wir auch in Krisenzeiten Trost erhalten und sogar Glück empfinden können, und das stärkt wiederum unsere Bereitschaft, das KarmaGesetz zu akzeptieren. Und je eher wir bereit sind, es zu erfüllen, desto unbeschwerter leben wir und desto näher kommen wir Gott.

Ein gerader Weg Der Weg, der uns wieder mit Gott vereint, ist ein direkter, gerader Weg; dies bezeugen alle heiligen Schriften. Das bedeutet, nichts und niemand kann zwischen uns und unser Ziel treten. Dies ist der dritte Grundsatz, den wir uns bewusst machen müssen. Das Ziel des menschlichen Lebens ist es, die Verbindung der Seele mit Gott wiederherzustellen. Wenn wir diesen geraden, direkten Weg zu Gott aufgenommen haben, nehmen wir regelmäßig in der Meditation Verbindung mit Gott auf, der sich unserer Seele in mehreren Formen zu erkennen gibt, und erhalten unmittelbar in unserer Seele Wissen von Gott. Wer diesen geraden Weg zu Gott nicht kennt, verliert sich leicht in äußeren Verehrungsformen, wie z. B. Ritualen und Opferhandlungen bis hin zu Glaubenskriegen, die immer wieder von bestimmten Religionsgemeinschaften angezettelt werden, weil sie keine Ahnung haben, was Religion in Wirklichkeit bedeutet. Wer Religion in ihrem ursprünglichen Sinn praktiziert, nämlich als einen inneren, spirituellen Weg, auf dem man in der Meditation in Kontakt mit Gott tritt und seine Mitteilungen bzw. Offenbarungen in sich aufnimmt, ist nicht auf äußere Verehrungsformen und die Vermittlung von Priestern und dergleichen angewiesen. Das macht sein Leben einfach, leicht und schön.

Soami Divyanand

Soami Divyanand (1932 – 2014), Meister des Surat-Shabd-Yoga, lehrte mehr als 35 Jahre lang den spirituellen Pfad des inneren Lichtes und Klangs. Veden-Übersetzer und Autor zahlreicher Bücher.

FOTO: THINKSTOCK

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