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Visionen

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Macht der Liebe

In der Spiritualität dreht sich alles um die Liebe:  zu den Menschen, den Mitgeschöpfen und vor allem zu Gott. Soami Divyanand erklärt ihre unglaubliche formende Kraft.

Denkt an Gott, dann könnte ihr lieben
Die Liebe besitzt unermessliche Macht. Die Liebe vermag ein brutales Biest in ein liebevolles Wesen zu verwandeln. Wenn Jäger in den tropischen Ländern Asiens wilde Elefanten, die bekanntlich brutale Tiere sind, fangen wollen, heben sie zunächst eine tiefe Grube aus und decken sie mit leicht zerbrechlichem Materi-al zu. Dann treiben die Jäger den wilden Elefanten in Rich-tung dieser Grube, und er fällt hinein. Dann lassen sie ihn mehrere Tage darin ohne Futter liegen – was den Elefanten natürlich noch wilder macht. Schließlich wird ein trainierter Elefant zu dem Tier herunter gelassen, und dieses geschulte Tier zügelt durch seine liebevolle Art die Brutalität des frisch gefangenen wilden Elefanten.
Ähnlich verhält es sich mit uns Menschen: Wir hegen oft in unserem Herzen heftige bis aggressive Gedanken und Gefühle gegen unsere Mitmenschen, manchmal sogar gegen uns selbst. Die Ursachen für solche Heftigkeit, die zu gewaltsamem Verhalten führen kann, liegen in unseren Schattentendenzen: in der Gier, der Wut oder im Anhaften. Durch die Kraft der Liebe können wir jedoch all diese gemeinen Gedanken aus unserem Leben verbannen.

Vom Urteilen ablassen
Wenn wir Liebe und Achtsamkeit für alle Lebewesen und alles was ist hätten, würden wir eine Atmosphäre schaffen, die unserer spirituellen Entfaltung zugutekäme. Aber das in unserem Lebensstil enthaltene negative Denken hindert uns daran, Liebe für die gesamte Schöpfung zu entwickeln.

Zunächst einmal halten wir es für unmöglich, Menschen, die uns nicht wohlgesonnen sind, zu lieben. Wir denken, unser Gegenüber sei schlecht; wie können wir ihn also lieben? Davor warnte Jesus: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet (Matth. 7, 1). Andere Menschen zu beurteilen ist Sache Gottes. Wir wissen ja nicht, wieso der andere sich uns gegenüber schlecht benimmt. Alles, was wir in diesem Leben erleben, hat seinen Grund, oft einen weit zurückliegenden Grund (was uns die Erklärung erschwert). Vielleicht ist das üble Verhalten uns gegenüber ja einem bestimmten Karma geschuldet, und dann ist es letztlich gut für uns, wenn dieses Karma durch die aktuelle unangenehme Erfahrung ausgeglichen wird.

Wenn wir darauf bestehen, andere beurteilen und kritisieren zu wollen, können wir niemanden auf dieser Welt lieben. Das Beste ist, dem anderen zu vergeben und die Angelegenheit zu vergessen, sonst graben sich die schlechten Eindrücke von dieser Person nur noch tiefer in unser Bewusstsein.

 Nicht schlecht über andere denken
Als zweites sollten wir nicht schlecht über andere denken. Angenommen, wir hegen negative Gedanken über eine Person, dann übertragen sich diese negativen Impulse auf sie, was in ihrem Herzen negative Eindrücke erzeugt. Manchmal plagen uns Ängste und Sorgen wegen anderer Menschen. Wir befürchten, dass jemand uns etwas Übles antun könnte. Aber diese Ängste würden sich auflösen, wenn wir uns auf Gott einstimmen und alles Ihm überlassen würden.

Genau genommen kommen all diese negativen Gedanken und Befürchtungen und vermeintlichen Feinde daher, dass wir uns nicht wirklich Gott anvertrauen wollen und nicht bereit sind, unsere selbstsüchtigen Motive abzustreifen. Jedes Mal, wenn wir einen eigenen Wunsch zu erfüllen versuchen und es uns nicht gelingt, denken wir negativ über andere. So machen wir unsere Mitmenschen zu Gegnern und Feinden und vergiften die Atmosphäre mit Gedanken von Angst und Hass.

Tatsächlich kann die Liebe in unserem Leben unvorstellbare Veränderungen auslösen. Wo Liebe herrscht und gelebt wird, macht sie uns angstfrei. Wenn wir also das Prinzip der Liebe akzeptieren und Gott die Regie in unserem Leben führen lassen, kennen wir keine Furcht mehr.

 Das Prinzip der Ausstrahlung
Die Liebe bezwingt mit ihrer Ausstrahlung die Neigung zur Gewalt. Es gibt zahlreiche Geschichten von Menschen, die ohne Probleme mit wilden Tieren lebten, weil sie ihnen gegenüber weder schlechte Gedanken noch Gefühle hegten.

Mit unseren Gedanken provozieren wir andere Menschen ständig. Vom einen denken wir, er tickt nicht richtig, vom anderen meinen wir, er sei unehrlich oder grausam, und dabei übertragen wir unsere negativen Vorstellungen und Gedankenimpulse auf sie. Das fällt natürlich auf uns zurück, und dann behaupten wir, sie würden uns nicht lieben oder sogar hassen. Dabei waren wir es selbst, die die negativen und üblen Gedanken zuerst aussandten und dadurch das Verhalten unserer Mitmenschen entsprechend bestimmten.

Wenn wir jedoch unsere Gedanken in eine positive Richtung lenken, verändert dies unsere ganze Verfassung positiv und macht alles angenehmer für uns. Statt einem Mitarbeiter z. B. Unfähigkeit und Dummheit zu unterstellen, könnte man sagen: „Das ist eine anspruchsvolle Arbeit, gib also Acht, wenn du diese Aufgabe ausführst.“ Aber im ersten Impuls sagen wir: „Dafür bist du zu blöd, das schaffst du nicht.“ Diese Einstellung rührt von unserem Ego her; man hält sich selbst für den einzig Klugen oder Fähigen. Wie seltsam: wir hegen lieblose Gedanken über andere Menschen und meinen, dass sich daraus etwas Gutes ergeben könnte!

 Die Denkweise ändern
Es fragt sich also, wie wir unsere Denkweise ändern können. Alles steht und fällt mit unserem Gemüt. Weil unser Gemüt von zahllosen Eindrücken geprägt ist, verhalten wir uns auf eine bestimmte Art und Weise. Um uns von negativem Denken zu befreien, ist es notwendig, dass wir unser Gemüt unter Kontrolle bringen. Wenn wir uns bewusst machen, dass Gott allgegenwärtig ist und in jedem Lebewesen anwesend ist, werden wir niemals schlecht über andere denken können. Gott ist vollkommen – wenn sich also jemand uns gegenüber ungebührlich verhält, kann dies aus irgendeinem uns unbekannten Grund durchaus in Gottes Willen liegen. Wenn wir uns aber in Erinnerung rufen, dass Gott im Gegenüber, über den wir gerade sprechen oder denken, anwesend ist, können wir keine negativen Gedanken mehr hegen.

Die Liebe neutralisiert den Zorn. Wenn wir erst einmal begriffen haben, dass wir aufgrund unserer gemeinsamen spirituellen Herkunft bei Gott in Wahrheit Brüder und Schwestern sind, werden wir nicht wütend auf andere sein und niemanden im Zorn ungebührlich behandeln.

 Transformation durch Liebe
Gott hat grenzenlose Macht, um den Menschen in ein gottähnliches Wesen zu verwandeln. Wie soll das gehen? Das Prinzip dieser Transformation wird in allen spirituellen Richtungen vermittelt: Gott ist Liebe und Liebe ist Gott. Und der Weg zurück zu Gott liegt in der Liebe.

Indem ihr eure Aufmerksamkeit auf Gott ausgerichtet haltet, erzeugt ihr in euch Liebe. Die Liebe verlangt, dass wir bei all unserem Handeln unsere Eigeninteressen zurücknehmen. Das geht nur, indem wir unser gesamtes Sein auf den ewigen Geist Gottes ausrichten.

Liebe kennt keine Furcht. Wenn ihr jemanden liebt, könnt ihr alles für ihn opfern – ohne die geringste Furcht vor eventuellen Konsequenzen.

In diesem Zusammenhang begreifen wir, dass der karitative Dienst am Mitmenschen Gottesdienst ist. Es ist unmöglich, einem anderen wirklich ohne Eigeninteresse und Erwartungen zu helfen, wenn man es nicht als Dienst an Gott betrachtet. Ohne diese Einstellung werden wir immer darüber nachdenken, wie er wohl auf unser Engagement reagieren wird, und zumindest Dankbarkeit erwarten. Wir können uns darauf verlassen, dass wir, wenn wir für unsere Hilfe eine Gegenleistung erwarten, irgendwann die entsprechende Prämie auf der irdischen Ebene erhalten werden. Wenn wir aber nicht an Belohnung denken, wird unser Lohn himmlischer, spiritueller Natur sein – die zunehmende Reinheit und Veredelung unserer Seele.

 Liebe ist Meditation
Zu lieben ist so leicht: Denkt einfach an Gott, dann könnt ihr lieben. Sobald ihr aber Gott zwischendurch vergesst, seid ihr in Liebesangelegenheiten verloren und leidet nur noch an der Liebe. Wahre, selbstlose Liebe können wir nur entwickeln, indem wir den spirituellen Weg der Meditation gehen. Die Liebe ist an sich Meditation, weil sie unsere Aufmerksamkeit bei Gott hält.

 Soami Divyanand (1932-2014), Meister des Surat-Shabd-Yoga, lehrte mehr als 35 Jahre lang den Pfad des inneren Lichtes und Klangs. Veden-Übersetzer und Autor zahlreicher Bücher.

 

BUCHTIPP
Soami Divyanand: Spirituelle Unterweisungen (Sandila)

Soami Divyanand

FOTO: Thinkstock

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