Buchtipps

Rabindranath Tagore
Gesammelte Werke. Lyrik, Prosa, Dramen.
- Mehr zum Buch

Magisches Indien

Magisches Indien

Gastland der Frankfurter Buchmesse 2006

Christian Salvesen stellt die Geschichte einer außergewöhnlichen Kultur vor

Indien ist für jede Art von Überraschung gut. Nichts scheint in diesem großen Land mit über einer Milliarde Einwohnern zu funktionieren. Jedenfalls nicht so, wie es der Europäer erwartet. An den völlig überlasteten Bundesstraßen liegen rechts und links Fahrzeuge, manche verrottet, andere brennen noch, womöglich mit Leichen daneben, der Taxifahrer fährt unbeirrt weiter. Man bestellt einen Tee im Cafe, es kommt lange Zeit nichts, dann vielleicht etwas ganz Anderes, und allmählich beschleicht den Touristen der Verdacht: Das ist Absicht! Die wollen mich fertig machen!

Es sind aber vor allem die Widersprüche, die einen Westler fertig machen können. Sie könnten kaum stärker sein. Armut, Krüppel, Bettler, gemächlich trottende Kühe im Straßenverkehr der Großstadt, dann zugleich Glitter und Glamour der Filmindustrie von „Bollywood“, die rasant aufsteigende Computerindustrie, ein Wirtschaftsboom ohnegleichen. Gestylte Jungmanager schreiten, vertieft in Business über Mobiltelefon, vorbei an halbnackten Bettelmönchen.

Gegensätze – und seien sie auch noch so extrem – zuzulassen und auszuleben – das ist in Indien geradezu spirituelles Programm, seit Jahrtausenden. Als Gastland auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse wird Indien mit seinen berühmten Klassikern und vielen hochkarätigen, ebenfalls weltweit gelesenen Gegenwartsautoren die Gegensätze aufzeigen, anprangern, kreativ auswerten und zu vereinen suchen.

In seiner geistigen Kreativität steht Indien wenigstens gleichberechtigt neben Europa und dem gesamten Abendland. Hier entstand schon früh eine hohe Kultur mit großartiger Dichtung, Musik, Tanz, Kunst, Architektur und vor allem: mit einer tiefgründigen Philosophie und Spiritualität, die heute Menschen weltweit in ihrer Lebensführung beeinflusst. Da seien nur als Stichworte Buddhismus, Yoga und Ayurveda genannt. Vergegenwärtigen wir uns zunächst einmal die Kultur- bzw. Religionsgeschichte Indiens in einem Überblick.

„Satyameva sayate – allein die Wahrheit siegt!“ (Ashoka, Leitspruch der Indischen Regierung)

Geschichte und Religion, Kultur und Politik

Die Veden

Die früheste bekannte Hochkultur Indiens erblühte etwa 2800-1700 v. Chr. im Industal (heute Pakistan), mit großen, geplanten Städten, Kanalisation, Bädern und Tempelanlagen. Die Schrift dieser so genannten Induskultur ist bis heute nicht entziffert. Als die Arier aus dem Norden um etwa 2000. v. Chr. in Nordindien eindrangen, übernahmen sie zum Teil die bereits untergehende Induskultur, zum Beispiel den Shivakult. Die Arier etablierten in der vedischen Phase (1500-500 v. Chr.) all die Werte, auf die sich im heutigen Indien die Hindus, über 80% der Bevölkerung, berufen und aus denen sie zum großen Teil ihr Weltbild ableiten.

Die ersten Überlieferungen, die Veden, sind in Sanskrit verfasst, der Mutter aller indogermanischen Sprachen. (Ved = lateinisch: vid(ere)/sehen, englisch: wit/bezeugen, deutsch: wissen). Sie wurden zunächst über 1000 Jahre nur mündlich vermittelt und dabei stet angereichert: Ausführliche Anleitungen zu Opferritualen und Hymnen, Götter- und Heldensagen, philosophisch abstrakte Betrachtungen und medizinische Ratschläge – das alles mischte sich zunehmend ineinander.

Als philosophischer Höhepunkt und Abschluss der Veden gelten die „Upanishaden“. In ihnen steckt der Keim für Buddhismus und Yoga. Sie wurden in Deutschland zum Beispiel über die Philosophie von Arthur Schopenhauer im 19. Jahrhundert bekannt, ab 1900 gab es in Deutschland erste spirituelle Zirkel oder Vereine, die von indischen Mönchen betreut wurden.

Hinduismus ist ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert, passt also nicht so recht zur Beschreibung der alten vedischen Kultur. Die wird von Experten eher als „Brahmanismus“ beschrieben. Denn die Priester, die Brahmanen, standen und stehen bis heute (in der Wertetradition) an der Spitze der Gesellschaft. Im Kastensystem, das die Veden als gottgegeben zementieren, haben die verschiedenen Klassen (1. Brahmanen, 2. Krieger, 3. Händler, 4. Handwerker/Bauern und – ganz unten bzw. außerhalb: Unberührbare) ihren unverrückbaren Platz in der „kosmischen Ordnung“. Im heutigen demokratischen Indien ist das Kastensystem offiziell abgeschafft, doch die meisten Hindus orientieren sich weiter an den alten Vorstellungen, was immer wieder zu erheblichen sozialen Spannungen führt und ein echtes innenpolitisches Problem ist.

Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg... (Mahatma Gandhi)

Buddhismus

Buddha war wohl der erste indische Heilige, der alle Menschen unabhängig von dem Kastendenken in seine Gemeinschaft (sangha) einlud. Es könnte sein, dass darin auch der große Erfolg des Buddhismus in Indien bis ins 9. Jahrhundert n. Chr. zumindest mitbegründet ist. In jedem Fall war es ein buddhistisch gesinnter König, der Indien erstmals einte. Ashoka (Regierungszeit 268-234 v. Chr.) herrschte nahezu über das ganze Gebiet des heutigen Indiens, richtete für alle Kasten zugängliche Schulen und Hospitäler ein und ließ den Buddhismus (samt Ayurveda) bis nach Sri Lanka, Myanmar und Thailand verbreiten. Seit 1948, als Indien seine Unabhängigkeit vom britischen Empire erreichte, ist ein Text von Ashoka das Amtssiegel bzw. der Wahlspruch der indischen Regierung: „satyameva sayate – allein die Wahrheit siegt!“

Die spirituellen Traditionen Indiens sind zwar vielfältig, doch in all ihren verschiedenen Ausrichtungen – Buddhismus, Jainismus, Advaita Vedanta, Shamkhya, Yoga (Patanjali) und in den großen Epen (Mahabharata) – lässt sich eine Gemeinsamkeit entdecken: Die Grundfrage lautet: Wie kann der Mensch sein Leiden beenden? Ja, waren denn die Menschen damals dermaßen bedrückt? Nein, sicher nicht stärker als heute. Vielleicht hatten sie eine stärkere geistige Antenne zu dem, was Buddha „Nirwana“ nannte. Es ist gleichsam die Gegenwelt oder Nicht-Welt, das Reich der weiten, inneren Stille und des Nichts, das jeder in tiefer Meditation in sich wieder-entdecken kann. Darin verschwindet der Mensch mit seiner Eigenwilligkeit in einem unbeschreiblichen Frieden, in den Upanishaden auch Sat-Chit-Ananda (Sein-Wissen-Seligkeit) genannt. Im Vergleich dazu ist jeder Moment in der Schwere des Körpers und der Gedanken eine Qual. Meditation und Versenkung, Gebet und Hingabe werden deshalb in Indien seit Jahrtausenden als Weg zur Befreiung (vom Leid bzw. vom Ego) kultiviert. Und dieser Gedanke ist ja mittlerweile auch auf „den Westen“ übergesprungen.

Islam

Nun brach aber seit dem 8. Jahrhundert über Indien – gewaltsam von außen – eine ganz andere Art von Religion herein: der Islam. Buddhismus, Jainismus und Vedanta/Shamkya galten den neuen Eroberern als „gottlos“, denn, wie auch später christliche Missionare feststellen mussten, in der indischen Spiritualität gibt es nicht den Einen, liebenden Schöpfer-Gott, sondern entweder ein abstraktes Absolutes (brahman, nirwana) oder eine Vielzahl von Göttern, die verschiedene Aspekte des Ganzen repräsentieren. Der Islam bestimmte die Kultur Nordindiens bis ins 17. Jahrhundert. Das brachte zunächst eine Zerstörung zahlreicher alter Kunstwerke und Schriften mit sich, später jedoch, vor allem in der Zeit der Moghulen, durchaus eine kulturelle Blüte. Als Beispiel sei nur das berühmte Taj Mahal genannt, das der moslemische Herrscher Akbar seiner früh verstorbenen Frau als Grabmal erbauen ließ. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kluft zwischen Moslems und Hindus durch all die Jahrhunderte weiter bestand und sich nach dem Ende der britischen Herrschaft als offene Feindschaft in erbitterten Kämpfen entlud.

Tadele nicht den Fluß,wenn Du ins Wasser fällst...(Spruch aus Indien)

Britische Kolonialzeit

Ab 1756 verdrängten die Engländer mit ihrer East India Company zunehmend die islamische Herrschaft und auch den Einfluss von Portugal und Frankreich in einzelnen Provinzen. Sie vermittelten ihrer neuen Kolonie eine Mischung aus Protestantismus (sexueller Prüderie) und materialistischem Weltbild. Anstelle des traditionellen ganzheitlichen Ayurveda trat zum Beispiel die westliche Medizin, die im 19. Jahrhundert in ihrem rein mechanistischen Ansatz weit weniger Heilerfolge verzeichnete als der Ayurveda.

Die Kolonialherren beuteten das Land und die Bevölkerung aus und erregten auch durch ihre unerträgliche Arroganz den Hass der im Grunde stolzen Inder. Es kam immer wieder zu Aufständen (z.B. Sepoy-Aufstand 1857), die blutig niedergeschlagen wurden. Ab 1877 trugen die britischen Monarchen auch den Titel „Kaiser(in) von Indien“. 1885 wurde in Bombay die nationale Kongresspartei begründet, die mehr Rechte für die einheimische Bevölkerung forderte. Erst Mahatma Gandhis Bewegung des Gewaltlosen Widerstands führte schließlich zur Unabhängigkeit Indiens 1947. Dabei könnte Großbritannien allerdings auch erwogen haben, dass sich aus dem Land materiell nicht mehr viel herausholen ließ und nur noch kaum lösbare soziale Probleme übrigblieben.

Seit der Unabhängigkeit

Eine letzte Verfügung Großbritanniens war die Bildung zweier Staaten: die säkuläre Indische Union und die Islamische Republik Pakistan. „Die Teilung führte zur größten Vertreibungs- und Fluchtbewegung der Geschichte. Ungefähr 10 Millionen Hindus und Sikhs wurden aus Pakistan vertrieben, etwa 7 Millionen Muslime aus Indien. 750.000 bis eine Million Menschen kamen ums Leben.“ (nach Wikipedia) Seitdem gab es drei Kriege zwischen Pakistan und Indien, vor allem wegen Gebietsansprüchen in Kaschmir. Beide Staaten haben die Atombombe, daher ist der Konflikt von weltweitem Interesse. Zur Zeit scheint wieder eine friedliche Lösung in Sicht.

DU MACHTEST mich endlos — so ist dein Belieben. Dies schwache Gefäß leertest du wieder und wieder und fülltest es immer mit neuem Leben. Du trugst diese kleine Rohrflöte über die Hügel und Täler und hauchtest durch sie ewig neue Melodien. Bei dem unsterblichen Druck deiner Hände verliert mein kleines Herz seine Grenze in Freude und gebiert unaussprechliche Worte. Deine unendlichen Gaben empfange ich nur auf diesen meinen sehr kleinen Händen. Zeitalter vergehn, und immer gießest du aus, und immer ist Raum, um erfüllt zu werden.“ (Tagore, Gitanjali, Beginn)

Jahawaharlal Nehru, seit 1919 Weggefährte Gandhis und von 1947-1964 (der erste) Ministerpräsident (bzw. Premierminister) Indiens, führte die Demokratie mit einer sozialistischen Wirtschaft in Indien ein und seine Kongresspartei zur Macht. Ab 1966 führte seine Tochter Indira Ghandi sein Amt weiter. Sie regierte später, nachdem die Opposition erstarkte und die sozialen Konflikte ausuferten, mit Notstandsgesetzen (quasi diktatorisch) und wurde während des Konflikts mit den aufständischen Sikhs im Punjab (1984) von ihren Sikh-Leibwächtern ermordet.

Ihr Sohn Rajiv übernahm die Regierung bis 1989, danach kam für zwei Jahre die Opposition an die Macht. Anschließend führte wieder die Kongresspartei und leitete unter V. J. Rao bis heute anhaltendende Wirtschaftsreformen ein, die Indien für den Handel mit dem Westen öffneten. Der Konflikt zwischen Hindus und Moslem blieb derweil auch innerhalb Indiens bestehen. 1992 kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen um eine Moschee, die statt eines Hindutempels gebaut worden war. Von 1998-2004 führte die Partei des Hindu-Nationalismus, seitdem regiert wieder die Kongresspartei unter dem von Sonja Gandhi (der Witwe Rajiv Gandhis) ernannten Premierminister Manmohan Singh.

Heutige Probleme

Nach wie vor sieht sich Indien trotz des enormen wirtschaftlichen Aufschwungs der letzten Jahre mit gravierenden innenpolitischen Problemen konfrontiert.

  • Auf Grund der überwiegenden Armut – (44% der Bevölkerung hat weniger als 1 Dollar pro Tag zur Verfügung) – gilt Indien als Entwicklungsland. Unzählige arme Kleinbauern ziehen in die Slums der Großstädte. Die 17-Millionen-Metropole Bombay, heute Mumbay, hat den größten Slum der Welt
  • Frauen sind de facto trotz offizieller Gleichberechtigung stark benachteiligt. Weibliche Föten werden weit häufiger abgetrieben als männliche. Die Frau wird unter traditionell orientierten Hindus als Belastung angesehen. Die Familie muss bei der Verheiratung einer Tochter eine hohe, manchmal ruinöse Mitgift zahlen. Offiziell verboten, aber millionenfach praktiziert.
  • Das Kastensystem wirkt weiter, in den Köpfen der Menschen. Es bestimmt den Beruf und die Heirat. Die Parias (Unberührbaren) haben praktisch kaum eine Chance. Sie suchen deshalb Zuflucht in christlichen und buddhistischen Vereinigungen.
  • Weitere Probleme sind der Umweltschutz, das Gesundheitssystem (hohe AIDS-Rate!), die Integration indigener Stämme und der (moslemische) Terrorismus.
Indien zur Buchmesse

Indien hat in allen Bereichen der Kultur, in Architektur, Bildhauerei und Malerei, in Musik und Tanz, in Literatur, Schauspiel und Film, in Wissenschaft, Philosophie und Religion enorm viel zu bieten und wird dies als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse auch in Ausstellungen, Aufführungen, Konzerten usw. zeigen. 24 Amtssprachen, 120 Regionalsprachen und Dialekte, 80.000 Bucherscheinungen pro Jahr: das ist das literarische Indien von heute. Auf 4.000 Quadratmetern werden 200 Verlage und über 30 indische Autoren (wie Amitav Ghosh, Amit Chaudhuri und Atlaf Tyrewala) erwartet. Stellvertretend für die indische Literatur möchte ich hier nur kurz den modernen Klassiker vorstellen.

Rabindranath Tagore (1861-1941)

Er gilt als bedeutendster indische Dichter der Moderne, erhielt 1913 als erster Schriftsteller außerhalb des westlichen Kulturkreises den Nobelpreis für Literatur (für seinen Gedichtband Gitanjali) und ist oft mit Goethe verglichen worden. Er war Lyriker, Erzähler, Dramatiker, Maler, Musiker, Sozialreformer und politischer Aktivist, vor allem aber auch Philosoph und Mystiker. Er schrieb in Bengali, reiste mehrmals in die USA und durch Europa, besuchte auch Deutschland, wo er (1930) u.a. Albert Einstein begegnete. Etliche seiner Romane, Erzählungen und Dramen wurden verfilmt (in Indien). Er setzte sich für die Begegnung und Verschmelzung der unterschiedlichen Kulturen ein und maß vor allem dem geistigen Austausch zwischen Ost und West eine große Bedeutung zu. Zu seinen bekanntesten Werken zählen neben Gitanjali der Roman Zuhause und draußen, sowie sein erstes Drama Das Opfer. Zwei seiner Lieder sind heute die Nationalhymnen von Bangladesch und Indien.

AGBCopyright & DatenschutzImpressumKleinanzeige aufgeben