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Eine Mahlzeit für die Verstorbenen

Buchtipps

Hanns W. Maull, Ivo M. Maull
Im Brennpunkt: Korea. Geschichte - Politik - Wirtschaft - Kultur.
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SÜDKOREA

SÜDKOREA

ZWISCHEN KAPITALISMUS UND SCHAMANISMUS

Das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse ist in Deutschland kaum bekannt. Visionen gibt einen Einblick in die Geschichte und Kultur des Landes.

Südkorea auf der Buchmesse

1988 fand die Olympiade in Südkoreas Hauptstadt Seoul statt, 2002 richtete Südkorea zusammen mit Japan die Fußball-WM aus. Die Medien vermittelten weltweit neben den sportlichen Ereignissen auch etwas von Land und Leuten. Dennoch: Die Wenigsten wissen hierzulande, wie die Menschen in Süd-Korea leben, woran sie glauben, wie sie empfinden oder was sie so verdienen. Im Herbst 2005 steht Süd-Korea wieder weltweit im Mittelpunkt der Medien, diesmal als Gastland der Frankfurter Buchmesse. Das Land ist der drittgrößte asiatische Handelspartner Deutschlands und kauft nach China die meisten deutschen Buchlizenzen im asiatischen Raum. Die Menschen dort kennen Goethe und Grass, Mozart und Stockhausen, Wenders und Derrick. Doch wer in Deutschland kennt schon koreanische Romane oder Filme? Kulturelle Einbahnstraße?

Bei der Pisa-Studie, der globalen Analyse der besten Bildung, wurde Südkorea Vizeweltmeister. Und auch im Engagement für die Präsentation seiner Kultur bei der Buchmesse ist das Land bisher vorbildlich. Über zehn Millionen Euro investiert es für Veranstaltungen, die sich das ganze Jahr über ganz Deutschland erstrecken – und für einen koreanischen Garten im Frankfurter Grüneburgpark: 4800 Quadratmeter zur Rekreation und Meditation. 30 koreanische Autoren erscheinen auf der Messe, darunter auch Ko Un und Yi Munyol, die seit Jahren zu den Anwärtern auf den Literatur- Nobelpreis gehören. 60 Autoren sind bereits seit Monaten auf der LiteraTour unterwegs. Musik, Film, Theater, Musicals, Comics, made in Süd-Korea…all das kann man in Frankfurt und anderswo in Deutschland erleben.

„Korea will aus dem Schatten von China und Japan treten“, sagt der Sprecher der Frankfurter Buchmesse, Holger Ehling. Das Gastland will weg von seinem angestaubten Image als „Land der Morgenstille“ und präsentiert sich technisch fortschrittlich. Motto: „Enter Korea“ - mit dem Zeichen für „Enter“, das auf jeder Computertastatur zu finden ist. Es steht für Neustart, Einklinken, Zäsur. Das älteste, mit versetzbaren Metall-Lettern gedruckte Buch entstand in Korea, 1377, 200 Jahre vor Gutenberg. Das wird natürlich auf der Buchmesse ausführlich dokumentiert.

Das geteilte Land

Korea ist ein geteiltes Land, wie Deutschland bis zur Wende 1989. Nordkorea war ebenso zur Buchmesse eingeladen wie Südkorea, sagte aber, zur großen Enttäuschung gerade vieler südkoreanischer Autoren, im Juni 2005 „ohne inhaltliche Begründung“ (laut Messeleitung) ab.

Kurz zur Geschichte der Spaltung des Landes: Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 endete auch Japans 35-jährige Herrschaft über Korea. Das Land spaltete sich am 38. Breitengrad in das kommunistische Nord-korea und das mit den USA verbündete, kapitalistisch orientierte Südkorea. Der Versuch Nordkoreas, Südkorea zu übernehmen, wurde von den USA mit dem Koreakrieg (1950- 1953) gestoppt. Seitdem gibt es zwischen den beiden Teilen nur einen Waffenstillstand, nicht einmal ein offizielles Ende des Krieges.

Dabei ist die traditionelle kulturelle Verbindung in Korea besonders stark. Sprache und Kultur sind über 1000 Jahre ohne innere Spaltungen gewachsen. Das Volk stammt aus Zentralasien, seine Sprache gehört (wie die türkische) zur Familie der Altai. Die ursprüngliche Religion ist schamanisch. Auch heute noch ist der Glaube an Geister und Dämonen in Korea lebendig. Durch die Chinesen verbreiteten sich in Korea ab dem 4. Jahrhundert die Lehren des Konfuzius, des Taoismus und des Buddhismus. Die Koreaner sind sehr gläubig, traditions- und familienbewusst. Sie lieben Rituale, Musik und Tänze. In Nordkorea wird diese Neigung gezielt und massiv – etwa durch Massenaufmärsche - auf die politische Führerfigur und die kommunistische Ideologie umgemünzt. In Südkorea ist ein differenzierteres gesellschaftliches Profil entstanden.

vielen Opfern verbunden. Millionen von Menschen zogen vom Land in die Städte, vor allem in die Hauptstadt Seoul. Lebten dort vor fünfzig Jahren noch 300.000 Menschen, waren es vor dreißig Jahren rund drei Millionen. Heute sind es fast 11 Millionen. In der erweiterten Region mit den Zentren Seoul und Inchon sind es mittlerweile sogar 18 Millionen, das heißt rund 40% der koreanischen Bevölkerung. Das bedeutete eine Entwurzelung aus der alten bäuerlichen Kultur. Die Rolle der Frau änderte sich radikal, und damit auch die – meist noch von Konfuzius geprägte Vorstellung von einer intakten Familie. 40 Prozent der Frauen arbeiten heute in der Industrie, etliche auch in Managerpositionen. Der Verdienst liegt allerdings mit durchschnittlich 300,- Euro pro Monat noch weit unter westlichem Niveau.

Südkorea ist heute eine parlam entarische Demokratie nach westlichem Vorbild. Damit ist freie Meinungsäußerung und Religionsfreiheit garantiert . Erstaunlicherweise überwiegt der christliche Protestantismus mit 31 Prozent, gefolgt von Konfuzianern und Buddhisten (jeweils 22 Prozent) und schließlich Katholiken (7 Prozent). Eine gewisse Annäherung zwischen Nord- und Südkorea zeichnet sich ab, nicht zuletzt durch die kürzliche offizielle Begegnung (Juni 2005) von Autoren aus beiden Teilen des Landes.

Schamanismus: Hiah Park

Im ursprünglichen koreanischen Glauben war die wichtigste Person der Schamane, der gute Geister herbeirufen und böse Geister bannen konnte. Auch heute noch nehmen viele Koreaner an schamanischen Ritualen teil - vor den Kulissen der Wolkenkratzer. Im Westen ist vor allem eine Schamanin bekannt geworden: Hiah Park.

In den 60er Jahren führte sie bereits koreanische Tänze und Musik in den USA vor. In den 70er Jahren wurde sie – traditionsgemäß durch bestimmte Krankheiten und Visionen – zur Schamanin (mudang) initiiert. Mit ihrem spontanen, ungehemmten Tanz leitet sie bei Workshopteilnehmern eine Art Neugeburt ein. Clemens Kuby hat das in seinem bekannten Film (und Buch) „Unterwegs in die nächste Dimension“ eindrucksvoll dargestellt. Sie wird dort als letzte von etlichen Schamanen aus der ganzen Welt, geradezu als Höhepunkt vorgestellt. Die charismatische Frau tanzt ekstatisch mit einem jungen Mann, der daraufhin bewegungslos am Boden liegen bleibt. Er scheint im Koma zu liegen. Die meisten der anwesenden Schamanen zeigen sich äußerst besorgt. Ist die Koreanerin zu weit gegangen? Erst nach Stunden kommt der Mann wieder zu Bewusstsein. Er ist tatsächlich – wie er später beschreibt – zu einem neuen Menschen geworden. Er nimmt keine Drogen mehr und fühlt sich – statt depressiv – sehr wach und lebendig. Hiah Park bricht radikal mit dem normalen koreanischen Image einer zurückhaltenden, keuschen Frau. Als echte Mudang kennt sie keine Tabus, lebt an der Grenze von Leben und Tod und strahlt sehr viel Mitgefühl aus.

Buddhismus

Der Buddhismus gelangte schon recht früh (um 370 n. Chr.) von Ostchina nach Korea, das damals aus drei unabhängigen Königreichen bestand. Über viele Jahrhunderte galten Buddhastatuen und heilige Schriften als Symbol der Herrschaft und des Schutzes vor feindlichen Angriffen. Im vereinigten Königreich Sil Lah (668 - 935 n. Chr.) wurde der Buddhismus Staatsreligion. Neuen Wind brachte der Mönch Toui 815 n. Chr. mit dem unkonventionellen Zen (Chan) aus China, wo er über 30 Jahre bei berühmten Meistern lernte. Zen (koreanisch: Son) wurde in Klöstern auf den Bergen vermittelt, und so entstand in Korea der „Zen der neun Berge“. Der wiederum gelangte nach Japan, wo er eine enorme Blüte erlebte. Nach dem 2. Weltkrieg war Korea vor allem darauf bedacht, die buddhistischen Klöster und Schulen von dem Einfluss der Japaner zu „reinigen“. Zu den heute lebenden, bekannten koreanischen Zen- Meistern zählt Young San Seong Do, Abt des International Zen-Temple in Berlin.

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